Inhalt:

Bella Swan ist alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Mit zwei Stellen hält sie sich grad so über Wasser. Tagsüber arbeitet sie in einem Schnellrestaurant und am Wochenende in einem angesagten Club. Dort lernt sie Edward Cullen kennen. Der ist reich, gelangweilt und eiskalt. Er macht Bella ein unverschämtes Angebot. Gegen Bezahlung soll sie seine Geliebte werden. Empört lehnt sie dies ab........ Pairing Bella/Edward

© by Vivian (Die Charaktere gehören Stephenie Meyer)

Freitag, 26. November 2010

Kapitel 11 - Verlorene Liebe

Langsam richtete ich mich wieder auf und klopfte mir den Staub vom Kleid. Ich wollte nur noch nach Hause!

Geistesgegenwärtig nahm ich vorhin auch meine Handtasche mit, die jetzt zu meinen Füßen auf dem Boden lag. Bei dem leidenschaftlichen Kuss mit Edward war sie mir einfach aus den Händen geglitten.
Edward…..

Jetzt nannte ich ihn schon in Gedanken beim Vornamen. Er ging mir immer mehr unter die Haut und mein ohnehin schon schwacher Widerstand bröckelte bedenklich. Vorhin brachte ich es nicht über mich seinen Namen auszusprechen,  die Situation war einfach viel zu intim. Es wäre eine Kapitulation gewesen und genau dies, wollte ich mit aller Macht verhindern.

Mir selbst machte ich nichts vor. Ich hatte definitiv Gefühle für diesen Mistkerl!

Es war keine Liebe, dazu verhielt er sich einfach zu unmöglich,  doch er brachte meinen Körper zum Kochen, wie noch keiner vor ihm. Wenn ich jetzt nicht aufpasste, würde ich ganz schnell in seinen Armen und seinem Bett landen, genauso wie er es mir prophezeite. Und danach Sex und Liebe zu trennen, wäre mir unmöglich. Im Grunde meines Herzens war ich eine Romantikerin  und würde den sinnlosen Versuch starten, ihn zu ändern. Doch so ein Vorhaben wäre von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Vorsichtig öffnete ich die Tür, spähte durch den schmalen Spalt und trat aufatmend hinaus, als die Luft rein war.

Ohne große Gewissensbisse ging ich Richtung Ausgang, ließ mir meine Jacke aushändigen und trat den Heimweg an. Es war natürlich extrem unhöflich ohne ein Wort zu verschwinden, doch ich hatte nicht den Nerv, Mutti und George noch einmal gegenüberzutreten.

Bibi musste sich schon eine besonders gute Erklärung einfallen lassen. Was zur Hölle veranlasste sie nur dazu, mir so einen Kerl auf das Auge zu drücken?

Draußen sah ich mich etwas unbehaglich um. Es war stockduster, selbst die Straßenlaternen verbreiteten nur ungenügendes Licht und ich bereute es jetzt, um diese Uhrzeit ganz allein hier zu stehen.
Das Restaurant war eines der Feinsten in ganz Seattle, doch es lag in keiner besonders sicheren Gegend. Der Besitzer lebte seit Jahren hier und erlangte mit den kulinarischen  Leckerbissen seiner Küche einen so guten Ruf in Seattle, dass die Leute sich sogar in diesen Teil der Stadt wagten, um hier zu essen.

Es war jedoch ratsam, sich als Frau, nicht allein hier aufzuhalten, vor allem, wenn es richtig dunkel wurde. Auf dem Weg hierher war es ja noch fast hell und dadurch ungefährlich, doch jetzt, sah die Sache anders aus.
Ich wollte kehrtmachen um zurückzugehen, immerhin war ich nicht allein auf der Welt und hatte Verantwortung für Danny. Also würde ich die Gesellschaft von Mutter und Sohn noch eine Weile ertragen, um dann später  sicher nach Hause begleitet zu werden. Mutti würde sicherlich sämtliche Verbrecher in Seattle abschrecken.

Bevor ich auch nur einen Schritt vorwärts kam, glühte in der Dunkelheit eine Zigarette auf. Jemand stand dort im Dunkeln, rauchte und beobachtete mich.

Ängstlich verschränkte ich die Arme vor der Brust, als die Gestalt in den schwachen Lichtschein trat, nur um dann halb erleichtert, halb verärgert aufzuatmen.

„Was machst du denn noch hier?“, fragte ich etwas irritiert.

Cullen lächelte sardonisch.

„Rauchen, das siehst du doch!“, antwortete er und hielt den Glimmstengel  hoch.

Es war merkwürdig ihm wieder gegenüberzustehen, nachdem wir vor nicht ganz zehn Minuten gestritten hatten. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Irgendwie schien das zu uns beiden zu gehören. Erst streiten, dann küssen, dann wieder streiten…. War jetzt nicht wieder Küssen an der Reihe?

„Warum lächelst du?“, fragte er mich.

Er war ganz ruhig, schmiss die Zigarette auf den Boden und trat sie mit dem Absatz seiner Schuhe aus.

„Eigentlich nichts Besonderes“, flüsterte ich, “ ich dachte nur daran, wie merkwürdig und unwirklich das alles erscheint. Erst George und seine Mutter, dann du…“.

Ich beendete den Satz nicht und betrachtete sein entspanntes Gesicht. Wenn er so war wie jetzt, so ruhig und ohne Arroganz, dann wirkte sein Gesicht fast unnatürlich schön, wie gemeißelt.
„Komm!“, sagte er leise, “ Ich begleite dich nach Hause. Es ist zu gefährlich für dich, hier allein durch die Straßen zu laufen. Du kommst nicht mal bis zum nächsten Block, ohne überfallen zu werden.“

Polizeisirenen im Hintergrund untermauerten seine Worte noch und ohne weiter darüber nachzudenken, was ich da tat, trippelte ich auf meinen hohen Stöckelschuhen  neben ihm her.

Immer wieder linste ich zu ihm rüber, als wir schweigend nebeneinander herliefen. Die Hände tief in seinen Hosentaschen vergraben, schlenderte er gemächlich vor sich hin, während ich Mühe bekam, mit meinen kleinen Füßen Schritt zu halten. Außerdem brachten mich die Schuhe beinahe um.

Verwundert darüber, dass er so ……nett war, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und stellte eine Frage, die mir schon seit längerem unter den Nägeln brannte.

„Warum bist du so hinter mir her?“

Er lachte ehrlich belustigt.

„Bella, wenn ich dir das wirklich erklären muss, dann hast du ein ernsthaftes Problem.“

Er blieb stehen und fasste mich an die Schultern.

„Es ist so simpel.“, flüsterte er, “ Ich will dich. Ich will dich mehr, als irgendeine Frau vor dir. Dass du dich so sträubst, macht dich nur noch attraktiver, weil mir sowas noch nie zuvor passiert ist. Normalerweise fallen mir die Frauen förmlich in die Arme und sind dann kaum noch ansprechbar.“

Wie hypnotisiert starrte ich ihn an. Eine Hand löste sich von meiner Schulter und strich mir fast schon zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Noch nie war er so sanft gewesen, so zärtlich….

Seine Ausstrahlung war unglaublich und er zog mich förmlich in seinen Bann. Zitternd hob ich meinen Blick zu ihm und betete um Kraft.
Er spürte sehr wohl meine Unsicherheit.

„Du brauchst keine Angst zu haben, kleine Isabella. Für heute lass ich dich in Ruhe.“

Er ließ von mir ab und setzte sich wieder in Bewegung. Viel zu schnell standen wir vor meinem Appartmentblock und ich fühlte mich wie ein Mädchen bei ihrem ersten Date.

Mein Herz hämmerte aufgeregt in meiner Brust, als ich mich verabschieden wollte. Die Stimmung zwischen uns war merkwürdig gelöst und das machte mir zu schaffen. Es war schon schwer genug ihm zu widerstehen, wenn er sich wie ein Ekel benahm, doch war er charmant und nett, wurde es fast unmöglich.

Aufgeregt schluckte ich den Kloß in meinem Hals runter und befeuchtete mir mit der Zunge meine trockenen Lippen. Er folgte dieser Bewegung und öffnete unwillkürlich leicht den Mund.

Gott, ich sehnte mich so danach, ihn zu küssen….

„Hier wohnst du also!“, durchbrach seine Stimme die Stille zwischen uns.

Ich nickte leicht, ohne ihm zu antworten. Meine Stimme wäre wahrscheinlich sowieso nur ein heißeres Krächzen.
Er blickte stirnrunzelnd auf das alte, schäbige Gebäude.

„Du solltest hier wegziehen, Bella. Das ist doch keine Gegend für dich.“

Seine Worte ließen mich rot sehen.

„Wo und wie ich wohne, geht dich überhaupt nichts an, Edward Cullen. Ich kann mir nun mal nichts  Besseres leisten. Es sind nicht alle mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden und ich muss für mein Geld hart arbeiten. Also hör auf, dich in meine Angelegenheiten einzumischen und schau, dass du wegkommst.“

Wütend und verletzt wollte ich mich abwenden.

Seine offensichtliche Verachtung über meine Lebensumstände,  traf mich hart. Sicher, es war nicht die feinste Gegend, aber ich hatte mir und Danny mit wenigen Mitteln ein hübsches Zuhause geschaffen, in dem man sich wohl fühlen konnte. Es war bestimmt um Klassen besser, als der sterile Luxus der Superreichen.

„Hey, jetzt sei nicht wieder eingeschnappt. Du bist wirklich die größte Kratzbürste, die ich je getroffen habe“, meinte er amüsiert.

Jetzt lachte er auch noch über mich.

„Weißt du was, Cullen! Du kannst mich mal!“, wütete ich.

Durch meine Aggression angestachelt, drehte ich mich zu schnell Richtung Haustür und verlor mein Gleichgewicht. Die zentimeterhohen Absätze ließen mich schwanken und bevor ich auf dem harten Boden aufschlug, fing er mich glücklicherweise auf.

Tief über mich gebeugt, hielt er mich in seinen Armen und machte keinerlei Anstalten loszulassen.

„Ich hab dir gerade deinen hübschen Kopf gerettet“, stellte er unnötigerweise fest, “ krieg ich jetzt eine Belohnung?“

Er sagte es neckend, ohne irgendeine Forderung in der samtenen Stimme und stürzte mich damit in heillose Verwirrung. Warum benahm er sich plötzlich so anders? Gut, er war immer noch unverschämt, aber sein Verhalten unterschied sich doch gravierend  zu den letzten Begegnungen.

Mein Gesicht musste ein einziges Fragezeichen sein, denn er fing an leise zu lachen.

„Du bist bezaubernd, wenn du so verwirrt aussiehst. Ich würde dich am liebsten mit Haut und Haaren auffressen“, raunte er mir zu und hielt mich nur noch enger.

Kochende Hitze erfasste meinen Körper und eine unbändige Sehnsucht brodelte unter meiner scheinbar kühlen Oberfläche.

Sein Lächeln wurde breiter, aber es war ein echtes Lächeln, nicht dieses Grinsen, das er immer zur Schau trug.

Genau das war es, was mich willenlos werden ließ und ich erwartete sehnsüchtig den nächsten Kuss, der nicht lange auf sich warten ließ.
Zärtlich senkten sich seine Lippen auf meine, bewegten sich weich und samten, drängten nicht, sondern gaben.

Hingerissen erwiderte ich diese Liebkosung, entzückt über die Gefühle die er in mir auslöste. Automatisch öffnete ich den Mund und schob meine Zunge zaghaft und schüchtern in seinen. Es war das erste Mal, dass ich die Initiative ergriff und da ich nicht sehr geübt in diesen Dingen war, hatte ich eine Heidenangst, mich zu blamieren.

Ich sorgte mich unnötig. Sein Aufstöhnen war Beweis genug dafür, dass ich meine Sache gut machte. Mutiger geworden, fing ich an seinen Mund zu erforschen.

Seine Hand glitt in meinen Nacken und fixierte meinen Kopf,  ließ mir kaum Bewegungsfreiheit. Die brauchte ich auch nicht. Es reichte mir völlig, dass ich ihn mit meiner Zunge zum Zittern bringen konnte. Klein und weich tanzte sie um seine herum, schmeckte sein Aroma, das nicht mal durch die Zigarette beeinträchtigt wurde.

Meine Arme schlangen sich um seinen Nacken und er hob mich leicht in die Höhe, ließ meine Beine in der Luft baumeln. Ich lief nicht Gefahr zu fallen, zu fest presste er mich an seinen schlanken, festen Körper.

Schweigend küssten wir uns. Worte hätten diesen Moment nur zerstört. Mir war klar, dass ich dies nicht überbewerten durfte. Seine Zärtlichkeit war nur eine Laune, eine Möglichkeit mir näher zu kommen.

Er würde mir nicht plötzlich seine unsterbliche Liebe erklären  und den Rest seiner Tage damit verbringen, mich glücklich zu machen. Dazu war er nicht der Typ.

Ich löste widerwillig meinen Mund von seinem und gleich darauf, fühlte ich wieder festen Boden unter mir.

„Gute Nacht!“, flüsterte ich leise und wandte mich zum gehen.

„Bella!“, rief er mir hinterher, “ Wir sehen uns noch.“

Lächelnd drehte ich mich um.

„Genau das befürchte ich auch.“ sagte ich grinsend, “ Ich sag dir was, Cullen. Das eben hat überhaupt nichts zu bedeuten. Ich werde nicht mit dir schlafen.“

„Bist du dir da wirklich so sicher?“, grinste er anzüglich.

War ja klar, dass er so dachte!

„Ich gebe zu, dass du sehr talentiert bist mit deinen Händen und Lippen. Aber ich kaufe dir deine freundliche Tour nicht ab. Du kommst mit deiner üblichen Taktik bei mir nicht weiter und da schwenkst du plötzlich auf sanften Liebhaber um. Aber da hast du dich geschnitten, Freundchen. Ich habe  dich durchschaut.“

Er grinste ertappt.

„Ich schätze, ich muss noch ein bisschen an meinen schauspielerischen Qualitäten feilen. Du hast mich ja ziemlich schnell durchschaut. Aber es hat sich trotzdem gelohnt, “ meinte er leichthin, “ denn mir ist klargeworden, dass du anfängst Gefühle für mich zu entwickeln. Das macht die Sache doch bedeutend einfacher für mich.“

Geschockt schluckte ich mein Entsetzten runter. Meine Worte waren eigentlich mehr als Provokation gedacht. Nie hätte ich vermutet, dass er tatsächlich so skrupellos war und mir Gefühle vorheuchelte, um mich ins Bett zu bekommen. Zu allem Übel, kam noch hinzu, dass er sehr wohl merkte, dass er mich keineswegs kalt ließ.

Er registrierte meine wachsende Faszination für ihn und nutzte diese Tatsache schamlos aus.

Aber war wirklich alles nur gespielt? Manchmal lag etwa in seinen Augen, was ihn nicht so kalt und berechnend wirken ließ.
Egal, es war nicht wichtig!  Ich betete zu allen Göttern, dass ich die Kraft aufbrächte, ihm dauerhaft zu widerstehen.
Irgendwann würde er die Schnauze voll haben, mir hinterherzujagen und darauf baute ich. Ein neues Opfer würde in sein Blickfeld rücken und seine Aufmerksamkeit fesseln. Eine Frau, die besser zu diesem Adonis passte und sich nicht so zierte. Jetzt mochte es noch reizvoll und interessant sein, mir nachzustellen, aber dies würde ihn irgendwann langweilen, wie alles andere in seinem Leben.

Er war rastlos und unstet, das wusste ich auch ohne ihn wirklich zu kennen. Diese Sprunghaftigkeit bedeutete meine Rettung, ich musste nur noch etwas durchhalten.

Aber solange wirst du ihn noch ein bisschen ärgern, flüsterte mir meine innere Stimme lockend zu. Wütend auf mich selbst, straffte ich die Schultern.

„Denk doch was du willst. Ich muss morgen früh raus und werde jetzt gehen. Gute Nacht!“, schnappte ich beleidigt.
Schnell verschwand ich im Haus, ohne seine Antwort abzuwarten. Drinnen zog ich die Schuhe aus und sprang leichtfüßig die Stufen hoch.
Ich hatte noch eine Rechnung mit Bibi offen. Dieses Blind Date war der größte Reinfall meines Lebens und sie war daran nicht unschuldig. Wie konnte sie mir nur so eine Flachbirne wie George auf den Hals hetzen?

Bibi saß wie die personifizierte Unschuld auf dem Sessel und strahlte mich an.

„Du bist ja schon da!“, lächelte sie, “ War es schön?“

Zähneknirschend schluckte ich eine harsche Entgegnung runter.

„Es war interessant, muss ich sagen!“

„Ja, nicht wahr. George ist doch großartig?“, meinte merkwürdig fragend.

Irgendwas war da faul! Bibi war eine patente Person und hätte normalerweise solche Waschlappen wie George zum Frühstück verspeist. Warum sie mich zu einem Date mit ihm schickte, war mir nach wie vor ein Rätsel. Ich beschloss, ihr etwas vorzumachen, um sie aus der Reserve zu locken.

„Also eigentlich, war es sogar fantastisch!“, schwärmte ich hinterhältig und Bibi verlor ihre Contenance.

„Im Ernst!?“

„Ja“, übertrieb ich maßlos, “ er ist ein Traum von einem Mann, wie du es voraussagtest. So fürsorglich und attraktiv. Ich würde ihn am liebsten vom Fleck weg heiraten. Und er hat auch gleich seine Mutti mitgebracht, kannst du dir das vorstellen? So eine nette Frau. Sie wäre die perfekte Großmutter für Danny.“

Bibi schluckte merklich und beobachtete mich vorsichtig.

„Weißt du, du warst ziemlich lange allein!“, begann sie, “ Vielleicht solltest du dich noch mit anderen Männern verabreden, ehe du dich so festlegst.“

„Ach papperlapapp! Warum noch lange suchen? Er wird mich auf Händen tragen“, log ich schamlos und amüsierte mich innerlich köstlich, über ihren entsetzten Gesichtsausdruck.

„Bella!“, schrie sie, “ Komm bitte zur Vernunft. Das ist doch nicht dein Ernst! Der Kerl ist furchtbar.“

Die Fäuste auf meine Hüften gestemmt, stand ich wie eine Rachegöttin vor ihr.

„Das kannst du laut sagen, Bibi! Wie konntest du nur? Ich dachte, du bist meine Freundin.“

Schuldbewusst sah sie mich an.

„Entschuldige bitte, ich habe wirklich Mist gebaut. Ich wollte dir mit diesem Abend nur die Augen öffnen.“

Irritiert zog ich die Augenbrauen hoch.

„In Bezug auf was?“

„Edward Cullen! Ich habe lange über ihn nachgedacht und beschlossen, dass er gar nicht so übel ist. Vielleicht nicht als dauerhafter Partner, aber es ist soviel Leben in dir, seit du ihn kennst und er tut dir auf seine Weise gut.“

Wie gut er mir tat, bewies er mir in aller Öffentlichkeit unter dem Tisch des begehrtesten Restaurants in Seattle.

„Sein Auftauchen heute Abend war doch sicher kein Zufall?“, fragte ich resignierend.

Bibis zerbrechlich wirkende Gestalt, wurde auf ihrem Platz immer kleiner und ihr schlechtes Gewissen sprang mir förmlich ins Gesicht.

„Ich hab ihm eine Nachricht in sein Büro schicken lassen. Du solltest die Möglichkeit haben zu vergleichen und da habe ich einfach den häßlichsten Kerl gefragt, den ich kannte.“

„Oh Bibi!“, rief ich jammernd, „Du hattest kein Recht sowas zu tun. Außerdem versteh ich dich nicht! Vor ein paar Tagen noch, erzählst du, wie gefährlich er ist! Dann rätst du mir, ihm aus dem Weg zu gehen und nun servierst du ihm meinen Kopf auf einem Silbertablett. Ich versteh dich einfach nicht.“

„Liebes, du wirst mir eines Tages noch dankbar sein. Natürlich muss dir mein Verhalten unlogisch erscheinen, aber glaub mir, ich will nur dein Bestes. Ich würde niemals etwas tun, das dir schaden könnte.“

Sie stand auf und setzte sich neben  mich auf das Sofa. Liebevoll nahm sie meine Hand in ihre und tätschelte sie zart.

„Mein armes Mädchen“, sagte sie mütterlich, „du bist jetzt bestimmt verwirrt und weißt nicht, was du denken sollst. Seit über fünf Jahren begleite ich dich schon auf deinem Lebensweg und du stehst mir mittlerweile so nah wie meine geliebten Kinder. Es tat mir einfach weh zu beobachten, wie du dein Leben vergeudest. Sicher, du hast Danny, aber es gibt noch so vieles mehr.“

Tränen standen Bibi in den Augen und ihr Blick schweifte in die Vergangenheit.

„ Weißt du“, fing sie mit zitternder Stimme an, „nach dem Tod meines Mannes ging es mir wie dir. Ich musste so hart kämpfen, um meinen Kindern jeden Tag etwas Essbares auf den Tisch zu bringen. Jede Minute lebte ich nur für sie und ich tat es gern. Die Arbeit war hart und ermüdend, doch ich wusste ja wofür ich mich so plagte. Dann lernte ich Thomas kennen.“

Als dieser Name über ihre Lippen kam, stahl sich ein schmerzlich, zärtliches Lächeln auf ihr Gesicht, welches gleich um Jahre jünger wirkte.

„Er war der Sohn meines Arbeitgebers in der Kartonfabrik und machte mit seinem Vater einen Rundgang, als wir uns das erste Mal begegneten. Von der ersten Sekunde an, war da etwas zwischen uns. Doch es dauerte eine Weile bis wir uns näher kamen. Sein Ruf in Bezug auf Frauen, war einfach furchtbar und ich wollte mich nicht in diese Liste einreihen. Wochenlang machte er mir den Hof und irgendwann gab ich nach. Es war eine Offenbarung, Bella!“, schwärmte sie.

Bibi drückte meine Hand und fasziniert lauschte ich der Liebesgeschichte meiner älteren Freundin.

„Ich liebte meinen Ehemann sehr und habe lange um ihn getrauert, aber Thomas berührte mich auf eine Weise, wie John es nie schaffte. Fast ein halbes Jahr waren wir heimlich ein Paar, als sein Vater mich aufsuchte. Er machte mir unmissverständlich klar, dass ich keine Zukunft an der Seite seines Sohnes haben würde. So eine darhergelaufene Witwe sei nicht die Partie, die er sich für ihn erhoffte.“

Sie stoppte kurz und rang um Fassung. Es fiel ihr sehr schwer, die nächsten Worte über die Lippen zu bringen.

„Er bot mir viel Geld an, damit ich mit meinen Kindern, die Stadt und Thomas hinter mir ließ. Natürlich lehnte ich es ab, doch mir kamen immer mehr Zweifel an unserer Beziehung. Er war reich, gutaussehend und ein angesehener Bürger. Ich dagegen, war ein Niemand, eine einfache Arbeiterin und noch dazu Mutter von zwei Kindern. Die Kluft zwischen uns wurde größer, die Streitereien immer häufiger.  Eines Tages stellte er mir ein Ultimatum. Entweder ich würde ihn heiraten oder er würde die Beziehung beenden.“

Die Erinnerungen ließen Bibi zittern und mir traten die Tränen in die Augen. Es war unerträglich für mich, zu beobachten, wie sehr sie litt.

„Ich habe seinen Antrag abgelehnt, weil ich zu viel Angst vor einer Enttäuschung hatte. Er hielt sein Wort und trennte sich von mir. Sein Vater schickte ihn für ein halbes Jahr nach Frankreich und dort lernte er seine spätere Frau kennen. Heute weiß ich, welch großen Fehler ich beging und bereue zutiefst, nicht mehr Mut gezeigt zu haben. Mach nicht die gleichen Fehler wie ich und trau dich was. Der Schmerz der Zurückweisung ist nicht so schlimm, wie die Einsamkeit. Meine große Liebe verlor ich durch eigene Schuld, doch ich werde nicht zulassen, dass dir das Gleiche widerfährt“, beteuerte sie leidenschaftlich.

„Es tut mir so furchtbar leid für dich!“

„Gräm dich nicht wegen einer alten Frau. Ich wollte nur, dass du verstehst, warum ich so handelte.“

Sie stand langsam auf und wirkte plötzlich sehr gebrechlich.

„Ich geh jetzt schlafen, mein Kind! Denk einfach über meine Worte nach.“

Sie ging zur Tür hinaus, während sie mich aufgewühlt und nachdenklich zurückließ.

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