Inhalt:

Bella Swan ist alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Mit zwei Stellen hält sie sich grad so über Wasser. Tagsüber arbeitet sie in einem Schnellrestaurant und am Wochenende in einem angesagten Club. Dort lernt sie Edward Cullen kennen. Der ist reich, gelangweilt und eiskalt. Er macht Bella ein unverschämtes Angebot. Gegen Bezahlung soll sie seine Geliebte werden. Empört lehnt sie dies ab........ Pairing Bella/Edward

© by Vivian (Die Charaktere gehören Stephenie Meyer)

Donnerstag, 25. November 2010

Kapitel 56 - Längst vergangene Zeiten

Bellas PoV

„Mum, ich freue mich schon so sehr auf das Spiel am Samstag“, plapperte Danny vor sich hin. Ich lächelte ihm gezwungen über den Spiegel zu und war einfach nur froh, dass er nicht zu merken schien, was gerade in mir vorging. Ich brachte Danny wie gewohnt jeden Morgen zur Schule. Es war undenkbar für mich, es heute nicht zu tun, nur weil ich das Gefühl hatte, die Welt würde untergehen. Die inneren Qualen, die ich gerade ausstand und die Angst die alles überlagerte, schob ich für kurze Zeit beiseite, um meinen Kleinen nicht zu verunsichern.

Während er mir munter von seiner Vorfreude auf das Baseballspiel am Samstag berichtete, musste ich hart schlucken und mich gewaltig zusammenreißen, um nicht zu weinen. Wie sollte ich ihm erklären, dass es wahrscheinlich kein Spiel geben würde, falls Edward nicht nach Hause kam? Wie machte man einem Fünfjährigen begreiflich, das die Familie, die schon zum Greifen nah war, sich vielleicht gerade in diesen Sekunden in Luft auflöste? Wegen ihr…..

Es war auch für mich unerträglich, doch ich würde irgendwie damit fertig werden. Ich musste es. Bei Danny war ich mir nicht sicher, ob das ohne Folgen bleiben würde. Sein leiblicher Vater kümmerte sich einen Scheißdreck um ihn, seinen Großvater kannte er nicht und Edward......

Danny begann gerade ihm zu vertrauen. Eigentlich war es sogar schon so weit, dass er keinen Satz mehr begann, ohne dass es hieß - Edward hier und Edward da. Es ängstigte mich, mit welcher Geschwindigkeit er sich auf ihn einließ, wie schnell er ihn in sein Herz geschlossen hatte. Warum musste diese Frau ausgerechnet jetzt zurück kommen? Ich hätte noch Zeit gebraucht. Zeit, um Edward zu zeigen, wie glücklich er mit uns beiden werden konnte. Doch Tanyas Auftauchen nahm mir jede Chance darauf.

Ich bog in das Schulgelände ein und parkte nur wenige Meter vom Eingang entfernt. Beim Aussteigen setzte ich mein fröhlichstes Gesicht auf. Es musste wohl einer Grimasse gleichen, weil es mich solche Anstrengung kostete mein falsches Lächeln aufrecht zu erhalten.

Vor der Tür zog Danny an meiner Hand und ich sah auf ihn hinunter. Seine braunen Augen sahen mich vertrauensselig und besorgt an.

„Mummy, ist alles okay mit dir?“, wollte er wissen.
Ich biss mir fast die Zunge blutig, um mein aufsteigendes Schluchzen zu unterdrücken. Nicht hier, nicht vor ihm, dachte ich nur panisch.

„Aber natürlich“, log ich ihn an.

„Ich habe dich furchtbar lieb, Mummy!“, flüsterte er und drückte meine Hand. Ich ging auf die Knie und zog seinen kleinen Körper an mich. Die Umarmung gab mir Kraft, sie zeigte mir, wofür ich das alles auf mich nahm. Denn im Grunde genommen, wäre ich am liebsten bis ans andere Ende der Welt geflüchtet, um nicht erfahren zu müssen, dass er sich wohl für SIE entscheiden würde. Beinahe zehn Jahre Erinnerungen an sie, gegen ein paar Monate, die er mit mir verbracht hatte. Es war ein ungleicher Kampf. Ich konnte doch gar nicht gewinnen.

„Danny, ich habe dich auch furchtbar lieb“, flüsterte ich in sein lockiges Haar hinein. „Egal, was auch kommen wird, ich bin immer bei dir. Du und ich, wir gehören zusammen.“

Ich spürte seine weiche Hand an meiner Wange.

„Wie Dick und Doof?“

Ich lachte leise. Auf so einen Vergleich konnte auch nur er kommen.

„Ja, mein Schatz. Wie Dick und Doof.“

Er grinste, doch als ich ihm ein Küsschen geben wollte, verzog er sein Gesicht.

„Mum, hier kann uns doch jeder sehen“, beschwerte er sich und versuchte ein möglichst cooles Gesicht aufzusetzen.

„Ich versteh schon“, lächelte ich ein wenig belustigt. „Es ist nicht sehr cool, wenn man von seiner Mutter abgeknutscht wird. Dobson wird dich heute Nachmittag abholen. Wir sehen uns dann zu Hause.“

Er winkte mir noch zu und ging ins Gebäude. An der Tür drehte er sich noch mal um und sah viel zu prüfend zu mir rüber. Ich hatte mich wieder unter Kontrolle und hob zum Abschied die Hand in die Höhe, ehe er vollends hinter der Tür verschwand. Mental erschöpft von meinem Theater schlurfte ich zum Auto zurück.

Ich sah mich ein wenig in meiner Umgebung um, als ich endlich vor dem Wagen stand. Die Menschen waren wie immer. Sie lachten, schimpften oder starrten stur auf den Boden und vermieden so jeden Blickkontakt zu Fremden. Fast schon schlafwandlerisch stieg ich ins Auto, startete und fuhr los. Das alles waren automatische Handlungen, nichts ließ darauf schließen, dass ich an einem Wendepunkt in meinem Leben angekommen war. In wenigen Stunden würde ich wissen, ob meine Ehe gescheitert war, bevor sie richtig begonnen hatte. Der Kloß in meinem Hals wurde immer größer und ich unterdrückte ein Würgen. Was tat er in diesem Augenblick? Lag sie in seinen Armen? Schenkte er ihr gerade diese Küsse, die mich regelmäßig in eine andere Welt entführten?

Ihn heute Morgen gehen zu lassen, war wohl das Schwerste, was ich je tun musste. Ich hätte mich am liebsten an ihn geklammert und ihn angefleht bei mir zu bleiben. Natürlich war das unmöglich. Früher oder später mussten sie sich wiedersehen, es ließ sich nicht vermeiden. Edward musste sich seiner Vergangenheit stellen und sie in irgendeiner Art und Weise zum Abschluss bringen.

Ich trat auf die Bremse und schaltete einen Gang runter, als ich nach einer halben Stunde auf das Anwesen seiner Eltern fuhr. Es war jetzt später Vormittag und von Edwards Wagen war keine Spur zu sehen. Mein Herz krampfte sich qualvoll zusammen. Er war jetzt drei Stunden weg. Sicher, das Haus der Denalis war nicht um die Ecke, aber er müsste doch eigentlich schon längst wieder hier sein. Es sei denn….

Ich parkte den Wagen und stieg aus. Ein leichtes Schwindelgefühl brachte mich zum Schwanken. Seit gestern Mittag hatte ich weder etwas gegessen noch getrunken. Die Nachricht von Tanyas Rückkehr machte eine Nahrungsaufnahme gestern Abend für mich unmöglich. Allein beim Gedanken daran, stieg mir die Galle hoch. Wie sollte ich essen, wenn er vielleicht gerade jetzt ihren Körper liebkoste, sich wieder ganz auf sie einließ und mich dabei einfach vergaß?

Heute Morgen noch küsste er mich zudem so intensiv. Als wollte er mir damit beweisen, dass ihre Rückkehr nichts zu bedeuten hatte. Sein warmer Mund lag auf meinem, seine Hände hielten mich fest und er war so zärtlich. Jede Liebkosung sollte mir zeigen, wie sehr er mich liebte. Er wollte es mir auch sagen, doch ich ließ es nicht zu. Sonst wäre ich jämmerlich vor ihm zusammengebrochen. Stattdessen saugte ich alles von ihm in mich auf, versuchte mir seinen Geruch und Geschmack genau einzuprägen, für den Fall, dass ich keine Möglichkeit mehr dazu bekam. Alles roch nach Abschied, ich konnte mir nicht helfen. Ich war mir seiner überhaupt nicht sicher und hing völlig in der Luft. Meine Zukunft hing nicht von mir selbst ab. Ich konnte sie nicht beeinflussen, sondern sie war abhängig von den Entscheidungen zwei anderen Personen.

So sollte es nicht sein. Die Beziehung von zwei Menschen durfte nicht mit Angst befleckt sein. Man sollte nicht fürchten müssen, dass der Mann den man liebte, eventuell eine andere mehr wollte, und nur aus falsch verstandener Rücksichtnahme bei einem blieb. Er sollte sich nicht festlegen müssen. Edward sagte zwar, es gäbe nichts zu entscheiden, doch er machte sich etwas vor. Wenn sie erst wieder vor ihm stand, würde sich alles ändern. Er würde sie ansehen, sich wieder erinnern, sie vielleicht sogar wieder schmecken, riechen und fühlen. All die aufgestauten Gefühle, die er neun Jahre lang unterdrückt hatte, würden sich zurück an die Oberfläche kämpfen. Ihre Position in seinem Leben war klar.

Tanya war seine große Liebe gewesen, doch wo stand ich? Nun, das würde ich schon bald erfahren. Ich lachte, doch es hörte sich an, als ob man einen rostigen Nagel auf Metall fallen ließ. Hatte ich nicht genau das immer gewollt? Ständig lag ich ihm mit der Frage in den Ohren, ob er sie mehr liebte als mich und drängte auf Antwort. Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, hörte ich Großmutter Swan in Gedanken sagen, sie könnten in Erfüllung gehen. Aber nicht so....nicht auf diese Weise.

Die große Liebe blieb immer im Herzen. Es dauerte oft nur Sekunden, um einem Menschen hoffnungslos zu verfallen, aber ein ganzes Leben, um ihn wieder zu vergessen. Bibi war der lebende Beweis dafür. Noch heute sprach sie von Thomas, obwohl es schon fast vierzig Jahre her war und hegte zärtliche Gefühle für ihn. Sie hatte ihn nie vergessen und erlebte erst jetzt eine späte Liebe mit Benton. So wollte ich nicht enden. Meine größte Angst war es, allein und einsam alt werden zu müssen. Danny würde irgendwann sein eigenes Leben führen, selber heiraten und eine Familie gründen. Sie würden mich regelmäßig besuchen und jedes Mal wenn sie gingen, eine große Leere hinterlassen.

Mit steifen Schritten ging ich zur Tür und schloss auf. Meine Hände zitterten wie Espenlaub, als ich den Schlüssel in die Öffnung steckte. Mühsam drückte ich sie auf und  betrat die Eingangshalle. Ich wollte nicht, dass mich jemand in diesem Zustand sah und beeilte mich, um in das Schlafzimmer zu gelangen. Es war sicherlich nicht der beste Ort, um auf ihn zu warten, doch ich wollte keinesfalls gestört werden. Niemand sollte mitkriegen, wie viel Angst ich hatte. Dazu war ich zu stolz. Unglücklich warf ich mich auf das Bett und gestattete mir, mich endlich fallen zu lassen. Heute Morgen vor Edward und Danny war das nicht möglich. Doch jetzt war ich allein, niemand konnte mich sehen oder hören.....

Die Tränen kamen sintflutartig. Sie lauerten seit Stunden darauf, endlich losgelassen zu werden und als es endlich so weit war, flossen sie unaufhörlich. Die Bilder in meinem Kopf konnte ich nicht mehr stoppen. Er mit ihr zusammen, wie er sie hielt, sein glückliches Lächeln, weil er sie endlich wieder hatte. Ich quälte mich selbst mit diesen Vorstellungen, aber ich konnte einfach nicht damit aufhören. Mein Alptraum war traurige Realität geworden.

Eine zarte Berührung an meiner Schulter brachte mich dazu aufzublicken. War Edward wieder da? Hoffnungsvoll blickte ich hoch, nur um erneut enttäuscht zu werden. Es war nur Esme, die mich mitfühlend ansah.

“Bella, nicht weinen, meine Kleine! Es wird alles gut werden.”

Ich schniefte und wischte mir fast schon trotzig die Tränen weg.
“Das kannst du gar nicht wissen”, fuhr ich sie an.

Es tat mir sofort leid, weil sie ja gar nichts dafür konnte. Aber ich wollte nicht ständig Rücksicht nehmen. Auf mich nahm man auch keine. Keiner hatte das jemals getan.

“Er wird zu ihr zurückgehen, Esme”, sagte ich verbittert, “Er ist jetzt schon bald vier Stunden weg und noch immer nicht da. Wahrscheinlich schmieden sie schon Pläne, wie sie es mir am schonendsten beibringen können, dass ich ab jetzt überflüssig bin.”

Esme schüttelte den Kopf.

„Oh Bella, kennst du Edward so schlecht? Liebes, er ist verrückt nach dir. Er wird dich niemals aufgeben, selbst wenn hundert Tanyas auf der Matte stehen.”

„Wie kannst du sowas sagen, Esme”, rief ich verzweifelt, “Verdammt noch mal, sie ist zurück! Warum begreift den niemand außer mir, was das zu bedeuten hat? Neun Jahre lang hat er um sie getrauert und sich nach ihr verzehrt. Denkst du, er wird sie besuchen, ihr "Hallo" sagen und dann wieder zur Tagesordnung übergehen? Das ist doch gar nicht möglich. Es ist nur normal, wenn seine Liebe zu ihr genauso aufersteht, wie Tanya selbst. Vielleicht nicht heute, vielleicht auch nicht morgen, aber er wird sich ihr nicht entziehen können. Ich habe gegen so viele Erinnerungen keine Chance, Esme”, weinte ich, „Er wird mich verlassen, ganz bestimmt.”

„Oh Liebes”, hörte ich sie flüstern.

Tränenblind ließ ich es zu, dass sie mich umarmte. Ich klammerte mich an sie und wünschte mir nur noch, meine Mama würde noch leben und mir Trost spenden. Esme strich mir sanft über meine Haare und war einfach nur da. Es tat so gut, dass sich zur Abwechslung jemand um mich kümmerte und nicht automatisch davon ausging, dass die “starke” Bella, das schon überstehen würde. Meine Kräfte waren nicht unerschöpflich und langsam gingen sie selbst mir aus.

„Es....es....geht mir...n.nicht gut, Esme”, weinte ich, “Ich habe solche A..angst. Ich würde es nicht....ertragen, wenn er mich verlässt.”

“Ist ja gut, Kleines. Wein ruhig. Lass alles raus, ich bin bei dir.”

Ihre Aufforderung war alles, was ich noch brauchte. Seufzend schmiegte ich mich an die Frau, die den Mann zur Welt gebracht hatte, den ich über alles liebte. Endlich war da jemand der mich hielt, mir Mut zusprach und mich beruhigte. Sonst war ich immer diejenige die alles zusammenhielt. Doch Esme fing mich auf und behandelte mich, als wäre ich ihr Kind und nicht Edward.

Nach einiger Zeit wurden die Schluchzer weniger, die Tränen versiegten Stück für Stück und ich lag einfach nur teilnahmslos da. Sie ließ mich dennoch nicht los und so verstrichen ein paar Minuten, ehe ich mich endlich dazu aufraffen konnte, mich aufzusetzen. Etwas peinlich berührt über meine Schwäche, sah ich sie an.

“Es tut mir leid, dass ich mich so unmöglich aufführe.”

In ihren grünen Augen lag nichts außer Verständnis und Mütterlichkeit.

“Du hast jedes Recht der Welt, dich so aufzuführen. Glaube mir, ich weiß genau wie du dich fühlst. Ich habe in jungen Jahren etwas Ähnliches mitgemacht. Carlisle und ich haben nicht immer so harmonisch zusammengelebt.”

Für einen kurzen Augenblick wurde mein Kummer von Neugier abgelöst.

“Wie meinst du das? Du und Carlisle seid das glücklichste und schönste Paar, das ich jemals gesehen habe.”

Sie lächelte wehmütig.

“Das war nicht immer so, Liebes.”

Sie seufzte und setzte sich zu mir auf das Bett. Selbst im Schneidersitz wirkte sie elegant und selbstsicher. Ich beneidete sie im ihre Ausstrahlung.

“Ich glaube, es wird Zeit dir ein paar Fragen zu beantworten.” Etwas nervös strich sie sich das schulterlange, hellbraune Haar über die Schulter zurück und leckte sich die trocken gewordenen Lippen. “Du hast mich mal gefragt, warum ich nicht gut auf Tanya zu sprechen war...”sie stockte, “...bin.”

Fasziniert hörte ich zu und hielt den Atem an. Sogar meine Angst Edward zu verlieren, rückte ein klein wenig in den Hintergrund.

“Der Grund liegt nicht bei Tanya selbst. Im Grunde habe ich nichts gegen sie persönlich, auch wenn ich bis heute der Meinung bin , dass sie nicht die richtige Frau für Edward war. Doch es liegt nicht in meiner Macht, Gefühle zu beeinflussen und so habe ich es zähneknirschend akzeptiert. Das Hauptproblem war jemand ganz anderes.”

Jetzt verwirrte sie mich vollends.

“Ich verstehe nicht...”brachte ich heraus.

“Bevor ich dir das sage, musst du die Vorgeschichte kennen. Weißt du, Bella. Carlisle und ich waren nicht immer so glücklich wie jetzt.”

„Das sagtest du bereits”, warf ich ein wenig ungeduldig ein.

„Ähm, ja”, wand sie sich herum. Esme war eindeutig nervös und ihre Vergangenheit schien ihr ziemlich unangenehm zu sein. Ihr Blick verschwamm, sie tauchte ab in längst vergangene Zeiten und fing an zu erzählen. „Die Ehe zwischen mir und Carlisle war ein Arrangement unserer Familien. Sie hatte am Anfang mit allem zu tun, aber bestimmt nichts mit Liebe.”

Sie lächelte mich verlegen an.

„Der Grund dafür war eine Firmenfusion. Der Zusammenschluss machte unsere Familien zu den Mächtigsten im ganzen Bundesstaat. Es war eine Ehe, die auf Aktienpaketen, Firmenanteilen und jeder Menge Geld basierte. Ich war gerade mal achtzehn geworden und absolut naiv. Ich willigte in diese Heirat ein und glaubte meiner Mutter, dass die Liebe schon noch kommen würde.”

“Was ist dann passiert? Wie hat Carlisle reagiert?”

Esme verzog das Gesicht.

„Er war außer sich. Er war gerade mal Anfang zwanzig und wollte sein Leben genießen. Heirat und die Gründung einer Familie waren das Letzte, was er wollte.“

Meine Neugier war endgültig geweckt, auch wenn ich nicht ganz nachvollziehen konnte, was das alles mit mir und Tanya zu tun hatte.

„Die Heirat hat aber stattgefunden.“

Sie nickte.

„Ja!”, bestätigte sie, „Carlisle fügte sich damals widerwillig. Der alte Cullen drohte ihm mit Enterbung. Außerdem wollte er ihm jegliche finanzielle Unterstützung streichen, wenn er sich weigerte dieser Ehe zuzustimmen. Carlisle war nicht so dumm zu glauben, dass jemand, der so verwöhnt war wie er, es lange ohne den gewohnten Lebensstil aushalten konnte. Also fügte er sich. Wir heirateten und noch in der Hochzeitsnacht sagte er mir auf den Kopf zu, dass er sich scheiden lassen würde, sobald sich eine Möglichkeit ergab.”

Entsetzt sah ich sie an. Am liebsten wäre ich aufgestanden, zu Carlisle gelaufen, und hätte ihm jedes Haar einzeln aus dem Kopf gerupft. Wie konnte er nur? Esme kicherte über meinen empörten Gesichtsausdruck. Es gefiel ihr wohl, dass sie mich gerade für kurze Zeit aus meiner Lethargie und meinem Selbstmitleid herausholte.

„Guck nicht so sauer, Bella. Das gehört doch längst der Vergangenheit an. Carlisle hat sein unmögliches Verhalten über die Jahre hinweg, mehr als wieder gut gemacht.” Sie wurde rot wie ein junges Mädchen und ich bekam eine vage Ahnung, WIE er das wieder gutgemacht hatte. “ Aber ich schweife ab, wo war ich doch gleich....Ah ja, die Hochzeitsnacht. Er hat sie nicht bei mir verbracht, sondern ist zu seiner Geliebten gefahren. Ich blieb zurück. Zutiefst beleidigt und unglücklich, weil ich in einer Ehe gefangen war, die keine Zukunft hatte. Das glaubte ich zumindest.”

„Wie ist es weitergegangen? Das muss doch quälend für euch beide gewesen sein.”

Sie nickte.

„Das war es auch. Die nächsten drei Monate waren alles andere als angenehm. Wir gingen uns aus dem Weg und er verbrachte so viel Zeit wie möglich, getrennt von mir.

„Ich kann mir das gar nicht vorstellen, Esme. Ihr seht heute so unglaublich verliebt aus. War denn da gar nichts zwischen euch?”

Sie lachte herzhaft.

„Oh Bella, natürlich war da was. Doch am Anfang war er so unglaublich stur. Es hat ihn wütend gemacht, dass er nicht seine eigenen Entscheidungen treffen konnte. Wie der Vater, so der Sohn.”, sagte sie kopfschüttelnd.

„Du…du hast eben eine Geliebte erwähnt.“

„Ich habe befürchtet, dass du nach ihr fragen würdest“, seufzte sie, „Aber du sollst die Wahrheit erfahren.“

„Du musst mir nichts darüber erzählen“, wehrte ich erschrocken ab. Das Letzte was ich wollte, war, schlimme Erinnerungen zu wecken.

„Doch das muss ich“, erwiderte sie ernst. „Bella, die Frau mit der Carlisle damals eine Affäre hatte, war Tanyas Mutter. Das ist der wahre Grund, warum ich mit Tanya nicht einverstanden war. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Carmen ein Teil dieser Familie werden würde. Sie war ziemlich sauer, weil sie nicht Mrs. Cullen wurde“, meinte Esme abfällig, „ Pah, als ob Carlisle sie jemals geheiratet hätte“, fügte sie noch hinzu.

„Hätte er nicht?“

„Nein!“, sagte sie fest, „Sie hat ihre Gunst damals recht freizügig verschenkt und Carlisle war auch nicht der Erste. Doch sie wäre nur zu gerne Mrs. Cullen geworden. Die Zwangsheirat machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie nimmt es mir bis heute noch übel, auch wenn sie so tut, als wäre sie mit dem jungen Denali glücklich gewesen. “

Geschockt ließ ich diese Eröffnung sacken. Mit so was hätte ich im Leben nicht gerechnet. Immer mehr Geheimnisse krochen an die Oberfläche und fügten sich so langsam zu einem Bild zusammen. Wo war ich da nur reingeraten?

„Sie war sicher sehr erfreut, als ihre Tochter mit Edward zusammenkam“, meinte ich vorsichtig.

„Pah, dieses Weibsbild war mehr als nur erfreut. So wurde sie doch noch ein Mitglied der Cullen-Familie. Es war schon immer ihr größter Wunsch, ein Teil der High Society zu werden. Nach ihrer Heirat mit Lazar Denali hatte sie ihr Ziel ja erreicht, doch der Verlust des Familienvermögens hat sie wieder ins Abseits geschossen.“

„Aber sie hat doch nicht beeinflussen können, dass Edward sich in ihre Tochter verliebt.“

„Natürlich nicht“, gab Esme mir recht, „Der Zufall kam ihr da zur Hilfe. Doch im Leben passieren solche Dinge nun mal. Endlich war sie wieder da, wo sie ihrer Meinung nach hin gehörte. Selbst Tanyas Tod hat an ihrer Sonderposition nichts geändert. Alle hatten unendliches Mitleid mit ihr und Edward hat sie finanziell versorgt. Erst Edwards Heirat mit dir, hat das in Gefahr gebracht. Du warst die neue Sensation, Tanya geriet immer mehr in Vergessenheit und sie lief Gefahr, wieder da zu enden, wo sie herkam.“

Darum also ihr Wunsch mich und Edward zu trennen. Der Versuch war fehlgeschlagen, doch was sie nicht geschafft hatte, brachte gerade ihre Tochter zu Ende. Ich fragte mich nur, wie Edward es über sich gebracht hatte, seiner Mutter die Ex-Geliebte seines Vaters, als Schwiegermutter zu präsentieren.

„Edward weiß nichts davon“, sagte Esme plötzlich.

Verwirrt sah ich sie an. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich das laut ausgesprochen hatte.

„Wie war es euch möglich, das zu verheimlichen?“

Esme zuckte die Schultern.

„Das war wirklich nicht schwer. Es war ja nur eine belanglose Affäre. Diejenigen, die davon gewusst haben, schweigen. Sowas wurde zu jener Zeit äußerst diskret behandelt. Auch Carmen legte Wert darauf, es unter den Teppich zu kehren. Sie hatte sich damals den jungen Denali- Erben an Land gezogen und eine öffentlich gemachte Affäre mit einem anderen Mann, hätte ihre Heirat mit ihm gefährdet. Uns war allen daran gelegen, diese ganze Angelegenheit schnell zu vergessen.“

„Wow, du…du redest so…so kalt darüber. Tut es dir nicht weh, dass er eine andere hatte.“

Sie strich mir liebevoll über die Wange.

„Oh Bella, du musst noch so viel lernen“, flüsterte sie leise. Ihre Augen sahen mich voller Wärme und Zuneigung an. „In was für eine Welt haben wir dich da hineingezogen? Hier finden so viele Machtspielchen statt und Gefühle stehen nicht unbedingt an oberster Stelle. Die Menschen in der High Society haben andere Prioritäten wie du. Sie haben nicht deine Wärme und deine Willensstärke. Sie drehen ihr Fähnchen nach dem Wind und halten sich an diejenigen, die die Fäden in Hand halten.“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, beharrte ich. Ich wollte keine Floskeln, sondern nur eine ehrliche Antwort.

„Ja, es hat weh getan“, gab sie zu. Sie senkte den Kopf. „Aber anders, als du vielleicht denkst. Mein Stolz war verletzt und ich war sauer, weil er sie anscheinend attraktiver fand als mich. Im Gegensatz zu ihm, war ich durchaus von ihm angezogen. Doch die ganze Situation war dermaßen unangenehm, dass wir uns ständig gestritten haben, anstatt miteinander zu reden.“


“Das war sicher nicht leicht für euch alle”, meinte ich mitfühlend. „Was hat den Wendepunkt gebracht. Edward ist neunundzwanzig. Lange könnt ihr euch nicht voneinander ferngehalten haben.“

Esme grinste.

“Das stimmt. Jedes Mal wenn wir uns getroffen haben, lag eine solche Spannung in der Luft, dass ich fast am Platzen war. Es fing langsam an, aber dann.... Gott, ich begehrte ihn. Jede Sekunde, jede Minute und jeden Tag mehr. Dass er sich scheinbar weiterhin mit ihr traf, machte mich wütend und ich schwor mir, ihn ihr nicht kampflos zu überlassen. Ich ahnte zu dem Zeitpunkt nicht, dass er schon längst Schluss gemacht hatte. So skrupellos mich weiterhin zu betrügen, war er dann doch nicht.”

“Hast du ihn verführt?”, grinste ich leicht.

„Das war gar nicht notwendig. Etwa vier Monate nach unserer Heirat hatten wir den wohl heftigsten Streit unserer gesamten Ehe. Und glaub mir Bella, das waren nicht wenige. Den sturen Kopf hat Edward definitiv von seinem Vater.”

„Die schlechten Eigenschaften erben sie immer von ihren Vätern”, meinte ich leichthin und dachte dabei grimmig an Jake.

„Das ist wohl wahr!”, grummelte sie und versank wieder in Erinnerungen. Ihre Augen verklärten sich, als sie in längst vergangene Zeiten eintauchte. „Carlisle hat mich einfach geküsst”, flüsterte sie errötend, “um mir den Mund zu stopfen”, fügte sie noch errötend hinzu.

„Hä?!”

Sie kicherte wie ein junges Mädchen.

„Ich war ihm wohl zu vorlaut”, erklärte sie grinsend. Sie machte eine kurze Pause und fuhr dann verträumt fort. „Dieser Kuss hat alles verändert. Wir konnten einfach nicht mehr die Finger voneinander lassen und er hat mir gestanden, dass er sich ziemlich schnell von Carmen getrennt hatte.”

„Wow, das....das ist doch toll. Trotzdem bin ich der Meinung, dass Edward das wissen sollte.“

„Bella, in unseren Kreisen wird über solche Dinge nicht gesprochen. Es wird einfach totgeschwiegen. Edward wusste bisher nichts davon und ich will, dass das auch so bleibt”, schloss sie hart.

Die Erinnerungen trieben ihr ein Stirnrunzeln ins Gesicht und sie presste die blassen Lippen zusammen.

„Du willst es ihm also weiterhin verschweigen?“, fragte ich ungläubig. Sicher, es war eine Sache zwischen Carmen und Edwards Eltern. Doch die Tatsache, dass Carmen durchaus Interesse daran hatte, dass die Beziehung zwischen ihrer Tochter und Edward wieder aufflammte, warf ein ganz neues Licht auf bestimmte Dinge.

Sie wollte gerade zur Antwort ansetzen, als Edwards Stimme uns zusammenfahren ließ.

„Was will man mir verschweigen?”

Pure Erleichterung fuhr durch mich hindurch. Die schwere Last meiner Ängste schwand wie durch Zauberhand und machte einer glückseligen Leichtigkeit Platz. Er war hier. Bei mir, und nicht bei Tanya.

„Edward...”, hauchte ich leise.

Sein Lächeln erschütterte mich. Es lag so viel Liebe und Zärtlichkeit darin. Seine schimmernden Augen wanderten sanft über meine Gesichtszüge und er trat vollends in unser Schlafzimmer.

„Mum, würdest du uns bitte allein lassen”, bat er Esme, die sich hastig erhob. Sie wirkte wie erlöst, weil er nicht weiter auf das  “Geheimnis” einging.

„Natürlich lasse ich euch allein. Ich sorge dafür, dass ihr nicht gestört werdet.”

Sie verließ uns eilig, doch wir hatten sowieso nur noch Augen füreinander. Ein zögerliches Lächeln erschien auf meinen Lippen und er musterte mich eingehend. Meine verheulten Augen konnten ihm genauso wenig entgehen, wie die Erleichterung, die sich sicher auf meinen Gesichtszügen widerspiegelte. Edward breitete die Arme aus.

„Komm her, Liebes“, wisperte er.

Schritt für Schritt kam ich ihm entgegen und schmiegte mich dann endlich aufatmend in seine warmen, schützenden Arme. Egal, was er mir gleich erzählen würde, ich war einfach nur glücklich, ihn wieder ganz nah bei mir zu haben.

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