36 Tage. Solange war es jetzt her, dass Bella mich mit Danny verlassen hatte. 36 Tage voller Schmerz, Angst, Wut und schierer Verzweiflung. Bella blieb für mich einfach unauffindbar, egal, was ich auch versuchte, es gab nicht die geringste Spur von ihr. Nur einen Brief hatte sie mir hinterlassen, der mir fast das Herz aus dem Leib gerissen hatte. Bella fehlte mir unendlich und jeden Tag bröckelte die Fassade aus Gleichgültigkeit, die ich mir erneut zugelegt hatte, ein bisschen mehr. Nur abends, wenn ich allein in meiner Wohnung war, legte ich sie ab und ließ meinem Schmerz freien Lauf. Bella….
Ich öffnete die Tür zur Penthousewohnung und trat müde und lustlos ein. Früher hatte ich die Stille nach den aufregenden Aktivitäten des Tages genossen, und mir nicht vorstellen können, ständig jemanden um mich zu haben. Jetzt hatte ich beinahe körperliche Schmerzen bei dem Gedanken, dass ich für den Rest meines Lebens jeden Abend in eine leere Wohnung zurückkehren musste. Mir fehlte Bellas Lächeln, mit dem sie mich am Ende eines harten Tages begrüßt hatte, genauso wie Dannys fröhliches Geplapper. Was für mich früher schier undenkbar gewesen war, entpuppte sich als pures Glück. Jeden Abend gab es da zwei Menschen, die es nicht erwarten konnten, dass ich nach Hause kam. Kaum zu fassen, dass ich einmal nichts wichtiger fand, als meine Freiheit. Jede meiner zahlreichen Geliebten hatte ich nach dem Sex wieder in ein Taxi nach Hause gesetzt, weil ich keine von den Frauen mehr um mich haben wollte, nachdem ich bekommen hatte, was ich wollte. Immerhin hatte ich jeder von ihnen zu einem Orgasmus verholfen und damit war mein Part erfüllt. Dafür erwartete ich von ihnen, dass sie ohne Theater verschwanden, wenn der Abend gelaufen war. Dutzende von Frauen waren hier zu Gast gewesen, doch ich hatte nie den Drang gehabt, eine von ihnen über den Sex hinaus dazubehalten.
Bei Bella war das etwas völlig anderes. Schon bei unserer ersten Begegnung änderte sich alles. Meine Gefühle, meine Wünsche und meine Denkweise. Es war quälend, aber ich dachte an die Nacht zurück, als ich sie so betrunken hierher geschleppt hatte. Verdammt, war sie süß gewesen! An jenem Abend hatte ich erstmals vor mir selber zugegeben, dass es mit Bella anders war, als mit all den anderen. Diese wundervolle Frau wollte ich für immer bei mir behalten und eines war schnell klar. Für Bella würde es niemals ein Taxi nach Hause geben.
Ich wollte nicht, dass sie auch nur einen Fuß vor die Wohnungstür setzte, sondern wünschte mir insgeheim, sie für immer bei mir behalten zu können. Doch damals war ich noch zu feige gewesen, mich mit diesem Wunsch auseinanderzusetzen. Ich hätte ja schon zu dem Zeitpunkt zugeben müssen, dass ich mich unsterblich in sie verliebt hatte. Doch meine Loyalität zu Tanya, war damals noch zu stark ausgeprägt gewesen, also hatte ich geschwiegen und mich wie ein Arschloch benommen. Scheiße, es schien fast eine halbe Ewigkeit her zu sein, dabei handelte es sich nur um ein paar wenige Monate.
Ohne Elan betrat ich das Wohnzimmer und schmiss mein Jackett achtlos auf den ledernen Sessel. Wie jeden Abend, seit ich wieder hier wohnte, lenkten mich meine Schritte zur Bar. Die Whiskeykaraffe wartete schon auf mich. Wenigstens etwas, dachte ich zynisch und schenkte mir ein Glas randvoll. Ich hob es an die Lippen und atmete den scharfen, brennenden Geruch ein, ehe ich es in einem Zug hinunterkippte. Mein Gesicht verzog sich beim Geschmack, ich keuchte und ein warmes Brennen legte sich auf meine Kehle, das in einem warmen Glühen im Bauch endete. Ich schenkte nochmal großzügig nach und wanderte, mit dem Glas in der Hand, ans Fenster. Nachdenklich starrte ich in die Nacht hinaus. Es war spät und schon lange dunkel. Die Lichter von Seattle leuchteten, wohin man auch blickte, und erhellten die Stadt, als wäre es noch helllichter Tag. Der Gedanke, dass sie irgendwo da draußen war, hatte beinahe etwas Tröstliches.
„Oh Liebes“; flüsterte ich voller Sehnsucht, „wo bist du nur?“
Ich lehnte meine Stirn ans kalte Glas und dachte an Bella. Sie fehlte mir unendlich. Jede Sekunde ohne sie war öde und sinnlos. Jede einzelne davon wünschte ich mir, nicht so verflucht dämlich gewesen zu sein. Ich hatte sie verloren, weil ich Idiot mich immer noch für Tanya verantwortlich gefühlt hatte. Dabei war ich ihr nichts schuldig gewesen, weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart. Trotzdem war ich ihr zur Hilfe geeilt und hatte Bella einmal zu oft vor den Kopf gestoßen. Voller Schuldgefühle dachte ich an jenen, verhängnisvollen Morgen zurück….
Schon bevor die Tür hinter mir zugefallen war, hatte ich die leise Vorahnung, dass ich einen gewaltigen Fehler machte. Doch die Vorstellung, wie Tanya verängstigt hinter Gittern saß, setzte mir dermaßen zu, dass ich diese Vorahnung einfach ignorierte. Bella hatte mir bis dato immer verziehen, sie würde auch dieses Mal verstehen, dass ich einfach nicht anders handeln konnte. Immerhin war sie selber jemand, der anderen Menschen half, wann immer es notwendig wurde. Dass es mir zu diesem Zeitpunkt ähnlich ging, würde sie bestimmt einsehen. Doch es handelte sich dabei, um reines Wunschdenken von mir, das musste ich noch am selben Tag sehr schmerzhaft erfahren.
Unterwegs kontaktierte ich meinen Anwalt und vereinbarten telefonisch, dass wir uns vor dem Gefängnis treffen würden. Bevor die Anhörung nicht stattgefunden hatte, durfte ich nicht zu ihr, aber ich wollte mich wenigstens vor Ort nach den Möglichkeiten erkundigen, um gegebenenfalls schnell handeln zu können. Erst mal musste geklärt werden, warum sie überhaupt verhaftet worden war und wie hoch die Kaution angesetzt werden würde. Da es fast schon unumgänglich war, dass der Fall medienwirksam ausgeschlachtet werden würde, veranlassten die Richter zügig einen Termin für die Anhörung. Die Summe war nicht allzu hoch, da es sich nicht um ein Gewaltverbrechen handelte und auch keine Flucht- und Verdunklungsgefahr bestand.
Am Telefon hatte sie voller Panik gesagt, dass sie sich einen eigenen Anwalt und auch die Kaution nicht leisten konnte, so wenig wie ihre bankrotte Mutter. Man wollte ihr einen unerfahrenen Pflichtverteidiger stellen und sie hatte Angst, dass der die ganze Sache versauen würde. Aus jeder Silbe konnte ich ihre Angst heraushören, sowie die unausgesprochene Bitte, sie da rauszuholen. Für mich war es selbstverständlich ihr zu helfen, denn obwohl ich sie nicht mehr liebte, so empfand ich durchaus noch Freundschaft für sie. Tanya war kein schlechter Mensch, sondern einfach hilflos und unselbstständig. Es tat meinem männliches Ego einfach gut, dass ich sie unterstützen konnte. Tatsächlich war es so, dass sie mir das Gefühl gab, ein Held zu sein. Ich wurde endlich wieder gebraucht.
Bei Bella war das fast unmöglich, weil sie immer alles allein schaffte. Ab und an hatte ich sogar das Gefühl gehabt, überflüssig zu sein, dabei wollte ich so gern für sie da sein. Sie hatte sich über die Jahre immer allein durchgeschlagen und ihr Leben total im Griff gehabt. Zwar war sie nie reich gewesen, aber sie war nie auf niemanden angewiesen. Immer hatte sie kämpfen müssen, und selten Zeit für sich selbst. Mein Wunsch ihr das Leben so leicht wie möglich zu machen, damit sie endlich mal an sich dachte, stieß bei ihr aber auf wenig Gegenliebe. Es war enttäuschend für mich, dass sie sich langweilte. Ich hätte ihr die Welt zu Füßen gelegt, ihr alles abgenommen, was nur möglich war. Und Bella? Sie war unzufrieden und wollte wieder arbeiten.
Ich konnte das nicht verstehen. Hatte sie das nicht lange genug gemacht? Es war ein beschissenes Gefühl für mich, als ich merkte, dass sie nicht wirklich glücklich war, dass ICH allein nicht ausreichte, um sie Zufriedenheit spüren zu lassen. Bella sehnte sich immer noch nach Dingen, die durch ihren Eintritt in meine Familie nicht mehr möglich waren. Die Angst, dass sie eines Tages wieder in ihr altes Leben zurück flüchten wollte, machte mich blind für ihre Bedürfnisse. Vielleicht, weil sie nicht mit dem Lebensstil der Cullens übereinstimmten. Unfähig mich damit auseinanderzusetzen, suchte ich den einfachsten Weg. Ich schwieg - genau wie sie - in der irrationalen Hoffnung, dass sich das Problem irgendwann von selbst erledigen würde. Ich versuchte mich davon abzulenken, doch es gelang mir nur mäßig. Da kam Tanya gerade sehr gelegen.
Mehr unbewusst hatte sie meinem angeschlagenen, männlichen Ego durch ihre Hilfsbedürftigkeit geschmeichelt. Nicht, dass ich Bella so hilflos haben wollte! Ich wollte eine Ehe in Augenhöhe, aber ihre unglaubliche Selbstständigkeit verunsicherte mich, und gab mir manchmal das Gefühl, dass sie durchaus auch ohne mich leben konnte. Etwas, das ich im Gegenzug nicht konnte. Ohne Bella hatte ich kein Leben mehr. Ich vegetierte wie ein seelenloser Zombie vor mich hin, arbeitete, aß, trank und brachte die Tage irgendwie hinter mich. Seit sie und Danny weg waren, fühlte ich mich leer und taub, spürte keine Freude und keinen Sinn mehr im Leben.
Ich nahm einen weiteren Schluck Whiskey und schluckte ihn langsam hinunter. Das Brennen des Alkohols spürte ich nicht mehr und ich schloss die Augen. Sofort sah ich Bellas hübsches Gesicht vor mir und dachte an den Abend im Club zurück, als ich ihre umwerfende Kehrseite bewundert hatte. Ein Lächeln hob meine Mundwinkel ein bisschen in die Höhe. Sie war einfach unglaublich gewesen. Dieses Feuer in ihren Augen, ihre Schlagfertigkeit und ihre Sturheit waren einfach bezaubernd gewesen.
„Oh Baby….“, flüsterte ich in die stille Wohnung hinein, „komm zu mir zurück.“
Sie konnte mich nicht hören. Ich wusste das. Aber allein meine Bitte auszusprechen, linderte den Schmerz, der in mir tobte. Ich nahm noch einen kräftigen Schluck vom Whiskey und sah dann in die klare goldbraune Flüssigkeit. Vor lauter Sehnsucht war mir, als würde sich ihr Gesicht darin widerspiegeln. Seit sie weg war, sah ich überall ihre wunderschönen Gesichtszüge vor mir, bildete mir ein ums andere Mal ein, sie auf der Straße zu sehen. Auf die Art hatte ich schon mehrfach wildfremde Frauen zu Tode erschreckt, weil ich sie an den Schultern gepackt und zu mir umgedreht hatte. Jedes Mal war es enttäuschend gewesen, weil es nicht Bellas Augen gewesen waren, die mir wütend und befremdet entgegengeblickt hatten. Sie alle hatten ihr einfach nur ähnlich gesehen hatten. Auch jetzt spielte mir meine Fantasie einen Streich und ich warf in einem Anfall von Wut das Glas gegen die weiße Wohnzimmerwand.
„Verflucht noch mal!“, schrie ich verzweifelt, „Wo zum Teufel bist du?“
Schwer atmend und zitternd sah ich zu, wie sich die Wand gelblich verfärbte und der Whiskey in schmalen Linien nach unten auf den Boden floss. Überall lagen größere Scherbenstücke und Glassplitter herum. Wie mein Leben, dachte ich unglücklich. Ein Scherbenhaufen! Es waren die schlimmsten Tage meines Lebens, die ich gerade durchlebte. Tanyas angeblicher Tod war schrecklich für mich gewesen, aber er hatte auch etwas Endgültiges gehabt. Bella hingegen war noch irgendwo da draußen, und gab mir keine Chance mehr, mein Verhalten wieder gutzumachen. Sie wollte mich schlicht und ergreifend nicht mehr in ihrem Leben haben. Warum sonst hatte sie jeglichen Kontakt abgebrochen? Ihr Brief war alles, was mir noch von ihr geblieben war.
Meine Augen wanderten zum Wohnzimmertisch. Da lag er. Er war schon arg zerknittert, weil ich ihn schon so oft gelesen hatte. Meine Nase hatte ich Dutzende Male hineingedrückt, weil in dem Papier ein Hauch ihres Duftes gelegen hatte. Ich hatte diesen Geruch solange eingeatmet, bis er endgültig verschwunden war, und trauerte dabei meiner großen Liebe hinterher. Jetzt, wo ich sie verloren hatte, konnte ich es kaum noch ertragen, ihre letzten Zeilen an mich zu lesen, und doch tat ich es mir immer wieder an. Anklagend lag das Blatt Papier auf dem Tisch und schien mich förmlich auszulachen. Eine leise Stimme in meinem Kopf verhöhnte mich dabei. Komm Edward, lies es nochmal. Gesteh dir endlich ein, was für ein elender Versager du bist! Keine Frau bleibt auf Dauer bei dir, sie laufen dir alle davon.
Ich spürte, wie mir heiße Tränen in die Augen schossen. War es tatsächlich so, dass die Frauen in meinem Leben mich nicht genug lieben konnten, um bei mir zu bleiben? Bevor ich endgültig in Selbstmitleid zerfließen konnte, klingelte das Telefon. Ich ließ es klingeln, weil ich keine Lust auf die vorwurfsvollen Stimmen meiner Eltern hatte, die mir die Schuld an Bellas Verschwinden gaben. Auch dass Danny weg war, setzte ihnen ungemein zu. Sie hatten diesen liebenswerten, kleinen Kerl so liebgewonnen, dass sie jetzt beide ziemlich schlecht auf mich zu sprechen waren. Noch ein Grund mehr, warum ich wieder in das Penthouse gezogen war. Selbst meine Familie strafte mich ab und zeigte mir deutlich ihr Missfallen. Von Dobson ganz zu schweigen. Nur seine gute Erziehung hielt ihn davon ab, mir eine wegen meiner fatalen Blödheit zu verpassen, ansonsten strafte er mich mit kalter Höflichkeit. Es war ja gerechtfertigt, aber ertragen konnte ich es trotzdem nicht.
Regungslos sah ich auf den penetrant läutenden Telefonapparat. Da war jemand aber wirklich extrem hartnäckig. Langsam, vorsichtig, ging ich darauf zu, als der Anrufbeantworter ansprang.
„Mr. Cullen!“, hörte ich eine männliche Stimme und ich riss verblüfft die Augen auf. „ Gehen Sie ans Telefon, ich weiß, dass Sie zuhause sind!“
Das war der Privatdetektiv, den ich engagiert hatte, um Bella zu finden. Laurent Delacroix, ein gerissener Franco-Kanadier, der den Ruf hatte, jede Leiche im Keller zu finden. Der Kerl kostete ein Heidengeld, aber ich hätte mein komplettes Vermögen mit Freuden hergegeben, wenn ich dadurch Bella und Danny wieder zurückbekam. Was nutzte mir mein verdammter Reichtum, wenn ich ihn nicht mit meiner großen Liebe, nein, mit meiner Familie teilen konnte. Schnell langte ich nach dem Hörer und meldete mich.
„Delacroix, haben Sie irgendetwas Neues?“, fragte ich mit klopfendem Herzen. Wenn er so spät noch anrief, dann musste er doch was herausgefunden haben. Hoffnung keimte in mir auf.
„Guten Abend, leider nicht“, zerstörte er sie gleich wieder er, und ich sackte wieder in mir zusammen. „Ehrlich gesagt, rufe ich an, um den Fall wieder abzugeben.“
„Bitte?!“ Das durfte doch nicht wahr sein!
„Mr. Cullen, ich könnte noch die nächsten Monate nach Ihrer Frau suchen und würde nichts finden.“
„Fuck, reden Sie nicht so einen Bullshit!“, brüllte ich ihn an. „Sie sind doch ein gottverdammter Experte im Finden von Personen. Es muss doch irgendeine Spur von ihr geben.“ Aufgebracht durchwühlte ich meine Haare und ging im schnellen Tempo im Wohnzimmer auf und ab. „Sie können nicht einfach mit der Suche aufhören. Wenn es am Geld liegt, dann lege ich einfach noch ein paar Tausender drauf.“
Laurent Delacroix schwieg einen Moment und ich versuchte mich ein wenig zu beruhigen. Er würde nicht aufgeben, wahrscheinlich wollte er einfach nur ein höheres Honorar rausschlagen.
„Es geht nicht um das Geld, Sie waren mehr als großzügig. Aber ich kann Ihnen einfach nicht länger zur Verfügung stehen. Ich habe noch andere Klienten, die auch warten. Glauben Sie mir, wenn ich eine Chance sehen würde, sie zu finden, dann würde ich weitersuchen, aber Ihre Frau hat keinerlei Spuren hinterlassen.“
„Es muss doch irgendetwas geben!“, rief ich aus. „Eine Kreditkartenabrechnung, ein Hotel in dem sie übernachtet hat. Irgendwas, das Rückschlüsse auf ihren momentanen Aufenthaltsort gibt. Waren Sie schon in Forks bei ihrem Vater, vielleicht hat sie sich bei ihm gemeldet.“
Delacroix lachte.
„Das war meine letzte Station und es gab keinerlei Anhaltspunkte, dass sie bei ihm gewesen ist. Der Kerl ist ein Riesenarschloch und hat die ganze Zeit über seine undankbare Tochter gewettert. Glauben Sie mir, wenn ich an der Stelle Ihrer Frau wäre, dann wäre das der letzte Ort auf Erden, wohin ich flüchten würde.“
Das Wort „flüchten“ versetzte mir einen Stich. Bella war tatsächlich vor mir geflohen, weil ich sie einfach nicht glücklich machen konnte. Zu oft hatte ich sie verletzt und als selbstverständlich hingenommen. Es geschah mir nur Recht, dass ich jetzt die Rechnung dafür präsentiert bekam. Meine letzte Hoffnung war Charles Swan gewesen. Irgendwie hatte ich geglaubt, dass sie vielleicht den Versuch starten würde, sich mit ihrem Vater zu versöhnen. Doch wenn man Delacroix Glauben schenken durfte, war Swan ein verbitterter, alter Mann, der einfach nicht verzeihen konnte. Hoffentlich würde Bella niemals erfahren, wie unversöhnlich ihr Vater immer noch war. Auch wenn sie wohl innerlich mit ihm abgeschlossen hatte, hegte sie insgeheim vielleicht doch die Hoffnung, dass da noch ein kleiner Funken an Vatergefühlen für sie übriggeblieben war. Dass es nicht so war, würde sie sehr traurig machen. Charles Swan war genauso dumm, wie ich.
„Sie wollen also tatsächlich aufhören“, fragte ich tonlos. Stück für Stück verlor ich den Glauben daran, Bella eines Tages wieder in den Armen zu halten.
„Mr. Cullen, es tut mir ehrlich leid, aber Ihre Frau will einfach nicht gefunden werden.“
„Ich verstehe.“
Das war eine Lüge, ich verstand überhaupt nichts. Ohne noch etwas zu sagen, legte ich ganz langsam den Hörer auf und starrte, ohne wirklich was zu sehen, auf das Telefon. Es war vorbei. Ich merkte kaum, wie ich einen Fuß vor den anderen setzte und zum Wohnzimmertisch lief. Der Brief lag lockend und abschreckend zugleich vor mir und ich griff fahrig danach. Meine Hände hielten kaum still und das Papier raschelte knisternd, weil meine Hand so unglaublich zitterte. Obwohl es schmerzhaft war, setzte ich mich hin und las die letzte Nachricht von Bella zum wiederholten Mal. Meine Sicht verschwamm ein wenig. Die Tränen kamen einfach und ich ließ sie laufen. Oh Bella, mein Liebling…..
Liebster Edward,
wenn du diese Zeilen liest, werde ich nicht mehr bei dir sein. Es tut mir schrecklich leid, dass ich nicht den Mut habe, dir die Gründe für mein Fortgehen ins Gesicht zu sagen. Aber ich habe Angst, dass ich wieder schwach werde, wenn du vor mir stehst und damit wäre keinem von uns beiden geholfen. Du musst mir glauben, dass sich an meiner tiefen Liebe zu dir nichts geändert hat. Aber leider musste ich einsehen, dass Liebe allein in unserem Fall wohl doch nicht genug ist.
Tanyas Rückkehr war ein Schock für dich, den du bis zum heutigen Tag nicht verarbeitet hast. Ich hoffe, du findest jetzt die Gelegenheit das zu tun. Ich will dir und deinen wahren Wünschen nicht im Weg stehen und gebe dich frei, mein Liebling. Du glaubst nicht, wie schwer es mir fällt dich loszulassen, aber auf Dauer ist es besser für uns alle. Es ist offensichtlich, dass Tanya für dich immer noch an erster Stelle steht. Nach unserer wunderbaren Nacht hatte ich wieder so was wie Hoffnung, dass ich dir wichtiger bin, als sie. Doch dein überstürzter Aufbruch hat mir wieder mal vor Augen geführt, für wen dein Herz wirklich schlägt.
Hab kein schlechtes Gewissen deswegen, für seine Gefühle kann man nichts. Ich kann aber nicht zulassen, dass wir uns weiterhin belügen und so auch Danny noch tiefer enttäuschen, als es jetzt schon der Fall sein wird. Du hattest einfach nicht den Mut mir zu sagen, dass du uns wohl beide liebst. Mein Schatz, ich habe dir schon mal gesagt, du kannst uns nicht beide haben. Da du nicht in der Lage bist, eine endgültige Entscheidung zu treffen, habe ich das für dich getan, in der Hoffnung, dass du eines Tages einsiehst, dass es so besser ist.
Ich habe es einfach nicht mehr ertragen können, immer die Nummer zwei zu sein und jeden Tag aufs Neue darauf zu warten, dass du ihr wieder zur Hilfe eilst. Natürlich ist es egoistisch von mir gewesen, von dir zu verlangen, jeglichen Kontakt zu ihr abzubrechen, ohne deine Vergangenheit mit ihr zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen. Vor lauter Verzweiflung habe ich keine andere Möglichkeit gesehen, weil es sonst niemals aufgehört hätte. Leider war es zwecklos. Selbst dein Versprechen an mich, sie nicht mehr zu sehen, hat dich nicht von ihr fernhalten können.
Ich glaube dir, dass du mich liebst, aber ich bin nun mal nicht die Einzige, die ihn deinem Herzen wohnt. Doch genau das ist es, was ich mir wünsche. Ich möchte die Eine für dich sein. Doch du kannst mir diesen Wunsch nicht erfüllen, weil Tanya immer noch zu tief in dir ist. Du hast sie all die Jahre nicht vergessen können, daran hat auch deine Liebe zu mir nichts ändern können. Es war ein schmerzhafter Prozess für mich, mir das einzugestehen. Es tut weh, aber ich werde damit leben müssen. Wenigstens habe ich noch Danny. Für ihn werde ich versuchen, ein erfülltes Leben ohne dich zu führen, auch wenn mir die Vorstellung, dich nicht mehr sehen , spüren und schmecken zu können, das Herz aus dem Leib reißt.
Wenn ich dir schreibe, dass ich dir alles Glück der Welt wünsche, dann entspricht das der Wahrheit. Dein Glück ist mir wichtiger, als mein Eigenes. Hoffentlich ist Tanya dazu in der Lage, dir das Leben zu schenken, das du dir ersehnst, auch wenn das bedeutet, dass du für immer für mich verloren bist. Meine Liebe für dich wird nie erlöschen und ich werde bis an mein Lebensende voller Glück an unsere gemeinsamen Stunden zurückdenken. Es waren die schönsten in meinem Leben und du hast mir gezeigt, was Vollkommenheit bedeuten kann. Das ist ein Geschenk, das nicht viele Menschen in ihrem Leben erfahren dürfen und ich bin froh, dass ich das erleben durfte.
Such nicht nach mir, du wirst mich nicht finden. Wenn ich dazu bereit bin, werde ich einen Anwalt kontaktieren, der die Scheidung in die Wege leiten wird. Ich halte es für besser, wenn wir uns nicht mehr persönlich sehen, es wäre zu schmerzhaft für mich.
Deine Bella
Der Brief fiel mir aus den bebenden Händen und ich vergrub mein Gesicht darin. Delacroix hatte mir vorhin meine letzte Hoffnung genommen, sie zu finden, und jetzt fiel ich förmlich in mich zusammen. Mein ganzer Körper fing an zu kribbeln, mir wurde heiß und die Kehle war wie zugeschnürt. Ihren Brief nochmal zu lesen, war wirklich keine gute Idee gewesen. Ich stellte mir vor, wie sie traurig an ihrem Schreibtisch saß und ihre letzten Zeilen an mich verfasste. Das Schlimme an der Sache war, dass ich es hätte verhindern können, wenn ich nur ein bisschen aufmerksamer gewesen wäre. Bella liebte mich, ich liebte sie. Es hätte so einfach sein können, wenn ich nicht so dämlich gewesen wäre. So wie es jetzt aussah, war ihre Entscheidung endgültig, immerhin sprach sie schon von Scheidung. Es war eingetreten, was ich niemals für möglich gehalten hatte. Bella hatte mich aufgegeben, sie hatte uns aufgegeben! Ich würde sie niemals wiedersehen! Oh Gott, ein Leben ohne sie, würde ich niemals packen. Ich brauchte Bella wie die Luft zum Atmen.
Panik stieg in mir auf und schnürte mir vollends die Luft ab. Hastig stand ich auf und atmete mehrmals ein und aus, um mich ein wenig zu beruhigen. Wirr sah ich mich um, als wäre alles in dieser Wohnung mir fremd. Als wäre es gar nicht mein Zuhause. Wenn man es genau nahm, stimmte das auch. Bella war mein Zuhause. Sie war meine geistige Heimat, mein Ruhepol und meine einzige Chance auf dauerhaftes Glück. Das hatte ich verspielt, ohne es überhaupt zu merken.
Mein Blick fiel auf das Bild meiner Eltern, das auf dem Regal meines Schrankes stand. Sie lächelten strahlend auf mich hinunter und ich bekam plötzlich unglaubliche Sehnsucht nach ihnen. Ohne es verhindern zu können, torkelte ich zum Telefon und wählte die Nummer meines Elternhauses. Ich brauchte jetzt jemanden um mich, musste eine menschliche Stimme hören, sonst würde ich noch verrückt werden.
„Carlisle Cullen.“
Gott sei Dank, es war mein Dad!
„Dad…“, mehr brachte ich nicht raus, weil meine Stimme brach. Oh Bella….
„Edward? Du klingst so komisch, ist alles in Ordnung?“
Ich fing an zu lachen und konnte gar nicht mehr aufhören.
„Edward, um Gottes Willen!“, hörte ich meinen Vater schockiert ausrufen.
„Es ist vorbei, Dad“, sagte ich mit zitternder Stimme, ich hatte mich nicht mehr in der Gewalt, weil Bellas Verlust jetzt etwas Endgültiges bekam. „Sogar der Detektiv hat aufgegeben, weil es keine Spur von ihr gibt. Ich kenne Bella, sie wird nicht zurückkommen, wenn ich sie nicht hole. Aber ich weiß doch nicht wo sie ist! Wie soll ich sie denn um Verzeihung bitten, wenn sie sich vor mir versteckt.“
„Edward…..Junge. Es wird alles wieder gut“, hörte ich meinen Dad, wie aus weiter Ferne. Das Wohnzimmer verschwamm vor meinen Augen und erneut kamen Tränen. Ich heulte wie ein verdammtes Baby in den Hörer und es war mir so was von egal, dass mein Vater es hören konnte.
„Nichts wird gut“, flüsterte ich ganz leise, gebrochen, „ sie ist weg und ich habe keine Ahnung, wo ich sie suchen soll.“
„Bleib wo du bist, Edward! Ich bin so schnell wie möglich bei dir.“
Er legte auf und ich stand einfach nur da und starrte die Tischplatte vor mir an.
*~*~*
Ich stand immer noch an Ort und Stelle und bohrte meine Augen in das dunkle Holz des Tischchens, als es an meiner Tür klingelte. Wie eine Statue, hatte ich mich nicht einen Millimeter weg bewegt. Alles wirkte so unwirklich und der Alkohol, den ich getrunken hatte, machte mich weinerlich. Meine Bella sollte wieder zu mir zurückkommen, ich wünschte mir nichts mehr in meinem Leben. Und Danny….ihn vermisste ich genauso sehr. Mir war nie bewusst gewesen, wie sehr ich ihn liebgewonnen hatte, aber allein der Gedanke daran, ihn niemals aufwachsen zu sehen, trieb mir erneut die Tränen in die Augen. Mit dem Hemdsärmel wischte ich die Feuchtigkeit aus meinem Gesicht und holte schniefend Luft. Das Klingeln hatte aufgehört und wurde zu einem energischen Hämmern gegen die Eingangstür.
„Edward!“, hörte ich meinen Vater durch die geschlossene Tür brüllen. „Edward, mach sofort die Tür auf, sonst trete ich sie ein!“
Ach ja, Dad! Ihn hatte ich schon fast wieder vergessen. Ohne mich sonderlich zu beeilen, schlurfte ich zur Tür und öffnete sie. Mein Vater stand mit erhobener Faust davor, und wollte schon erneut gegen das Holz hämmern, als er mich sah.
„Um Gottes Willen, Edward!“, rief er entsetzt und ließ mit schockiertem Gesichtsausdruck den Arm sinken. „Was ist denn nur passiert.“
Ich grinste spöttisch und versuchte mich wieder in Gleichgültigkeit. Doch ich scheiterte kläglich bei dem Versuch, unbeteiligt zu wirken. Also ließ ich es bleiben. Es war mir nicht mal peinlich, dass er mich so sah. Im Grunde war es mir scheißegal, in welchem Zustand ich mich meinem Vater zeigte. Alles war scheißegal!
„Komm doch rein, Dad!“, forderte ich ihn auf und verbeugte mich übertrieben. „Nur hereinspaziert, ins traute Heim.“
Sofort wurde das Gesicht meines Vaters hart und jedes Mitleid war weg.
„Du bist betrunken“, warf er mir vor und zwängte sich an mir vorbei. Ich lächelte.
„Ich hatte ein oder zwei Drinks“, gab ich schulterzuckend zu. „Vom Suff bin ich noch weit entfernt.“
Ohne auf mich zu achten, lief mein Vater ins Wohnzimmer voraus. Kurz blieb ich im Flur stehen und schloss die Augen. Ich führte mich gerade wieder auf wie ein Verrückter, aber hatte ich nicht jedes Recht dazu, unglücklich und traurig zu sein? Als ich es nicht mehr rauszögern konnte, folgte ich ihm und sah ihn an der gleichen Stelle des Fensters stehen, an der ich vorher gewesen war. Carlisle wirkte nachdenklich. Müde und geistig erschöpft, warf ich mich auf die schwarze Ledercouch und legte den Arm über mein Gesicht.
„Der Detektiv hat vorhin den Fall abgeben“, klärte ich ihn über die derzeitige Lage auf. „Er meint, sie will einfach nicht gefunden werden und es wäre Zeitverschwendung weiter nach ihr zu suchen.“
„Ich verstehe.“
Die knappe Antwort erstaunte mich und ich zog den Arm weg, um ihn anzusehen.
„Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“
„Was willst du denn hören, mein Sohn?“, fragte er mich. „Er ist ein Profi, wenn er sie nicht findet, wird es ein anderer erst recht nicht schaffen.“
Das riss mir den Boden unter den Füßen weg.
„Du glaubst also auch nicht daran, dass ich sie jemals wiedersehen werde.“
„Das habe ich nicht gesagt:“ Dad seufzte und war mit wenigen Schritten bei mir. „Ist dir eigentlich klar, was du Bella angetan hast?“
Meine Augen wurden schmal.
„Natürlich, weiß ich das!“, sagte ich ungehalten.
„Ich glaube nicht, dass du das weißt.“
„Wie kommst du dazu, so etwas zu behaupten“, antwortete ich zornig.
„Sag mir, warum sie gegangen ist!“
Das wurde mir jetzt zu blöd und ich setze mich auf.
„Hör mal, ich wollte deinen Beistand und kein Kreuzverhör.“
„Hast du noch Kontakt mit Tanya?“
Jetzt hatte er mich.
„Nicht direkt“, wich ich ihm aus.
„Was genau bedeutet das?“
„Nachdem sie aus der U-Haft entlassen worden ist, habe ich ab und an mit Carmen telefoniert. Sie hat mich über Tanyas Zustand informiert, aber ich habe mich strikt geweigert, sie nochmal zu sehen. Ich weiß, dass Bella das verletzen würde und ich werde ihr das nicht mehr antun. Dieses Mal werde ich mein Wort halten.“
Kopfschüttelnd sah er mich an.
„Habe ich wirklich so einen Dummkopf großgezogen?“
Ungläubig sah ich zu, wie er aufstand und sich breitbeinig vor mir aufbaute. Er hob den Zeigefinger drohend in die Höhe, wie damals in meiner Kindheit.
„Edward Cullen, hast du noch immer nicht gemerkt, dass Carmen ein falsches Spiel treibt?“
„Was zum Teufel, hat Carmen mit meiner Ehe zu tun? Ich habe Tanya nicht wiedergesehen und werde es auch nicht mehr tun. Reicht das nicht? Soll ich vielleicht auflegen, wenn Carmen anruft?“
„Das wäre doch mal eine gute Idee“, sagte Dad zu meinem großen Erstaunen. Bisher war ich immer der Meinung gewesen, er würde große Stücke auf Carmen halten. Nur meine Mutter war stets sehr reserviert gewesen, wenn es um Tanyas Mutter ging. Aber sie war ja auch von Tanya nie sehr begeistert gewesen, ohne mir jemals den Grund dafür zu nennen.
„Was hast du denn plötzlich gegen Carmen. Sie ist keine Heilige und ich hatte ja selber eine Mordswut auf sie, nachdem sie Bella nach unserer Rückkehr aus Hawaii aufgelauert hatte. Aber sogar Bella hat ihr verziehen, und so sehe ich keinen Grund, sie zu ignorieren. Es ist ja nicht so, als würde ich den Kontakt zu ihr suchen. Carmen ist es, die sich hin und wieder mal meldet. Immerhin habe ich dafür gesorgt, dass ihr einziges Kind aus der Haft entlassen wird. Scheiße, Dad! Sie ist halt dankbar und meint, sie müsste mich wegen Bellas Verschwinden trösten.“
Er lachte höhnisch.
„Und dabei erzählt sie dir ganz bestimmt, wie unglaublich egoistisch Bella ist. Dass sie dich nie geliebt hat, und du was Besseres verdienst. Dabei vergisst sie, dass ihr feines Töchterchen keinen Deut besser ist.“
Verdammt, so wütend hatte ich ihn selten gesehen. Er hatte in einem Satz Carmens Verhalten beschrieben. Bisher hatte ich mir nichts dabei gedacht und Carmens Gewäsch einfach an mir abprallen lassen. Doch jetzt fragte ich mich schon, woher er sie so genau einschätzen konnte. Mein Vater sah mich gerade etwas unschlüssig an und wirkte aufgedreht. Er lief vor mir auf und ab und murmelte etwas vor sich hin. Ich glaubte ein „Esme wird mich umbringen" zu hören, ehe er abrupt stehen blieb und mich fixierte.
„Ich denke, es wird Zeit dich über Carmen und meine Vergangenheit mit ihr aufzuklären.“
Fuck, was denn für eine Vergangenheit! Wer von uns beiden, war hier betrunken?
„Willst du mich verarschen?“
Er schüttelte den Kopf und sprach einfach weiter.
„Carmen Denali war früher eine Zeitlang meine Geliebte. Sie blieb es auch, bis kurz nach der Hochzeit mit deiner Mutter.“
Das verschlug mir die Sprache. Doch nach einigen Augenblicken hatte ich mich soweit wieder in der Gewalt, dass ich wieder sprechen konnte.
„Du lügst!“, sagte ich überzeugt. Das konnte nicht wahr sein. Meine Eltern hätten mir so was nie verschwiegen. Wenn es tatsächlich wahr war….dann….
„Ich lüge nicht, Edward. Es ist eine Tatsache, dass Carmen über Monate hinweg meine Geliebte war. Deine Mutter und ich haben damals nicht aus Liebe geheiratet, musst du wissen und ich hatte schon sehr lange eine Liaison mit Tanyas Mutter. Ich war jung und Carmen war fast genauso schön, wie Tanya es heute ist. Die Ehe mit Esme war ein geschäftliches Arrangement. Es gab am Anfang keine Liebe zwischen uns und wir gingen jeder seine eigenen Wege. Damals hatte ich mir eingebildet in Carmen verliebt zu sein, und dachte nicht daran sie aufzugeben.“
„Du hast Mutter betrogen?“, hakte ich ungläubig nach. Fuck, und vor mir spielte er den Moralapostel und meine Mutter gleich mit. Dabei waren sie noch viel schlimmer als ich und hatten mich jahrelang belogen. Jeden einzelnen Tag hatten sie mir ins Gesicht geblickt und mir die Wahrheit verschwiegen. Wenn ich das alles nur gewusst hätte! Vielleicht wäre alles anders gekommen, vielleicht hätte ich genauer auf Bella geachtet, vielleicht, vielleicht, vielleicht……
„Nicht sehr lange“, wehrte er beschämt meine Frage ab. Es war ihm sichtlich peinlich, doch Mitleid empfand ich mit ihm nicht. „Ich habe mich tatsächlich sehr schnell in Esme verliebt und die Ehe mit ihr nie bereut. Carmen war natürlich sehr wütend und hat mir geschworen, dass sie eines Tages zu den Cullens gehören würde. Wir wären füreinander bestimmt…..blabla…..du kennst ja das Gewäsch von verschmähten Frauen selbst gut genug. Aber ich schweife ab“, sagte er steif. „Du kannst dir bestimmt unsere Bestürzung vorstellen, als du plötzlich mit ihrer Tochter in unserem Haus gestanden bist. Carmen hatte ihr Ziel erreicht, auch wenn es nur durch ihre Tochter war. Glaub mir, Edward. Carmen Denali wird alles Erdenkliche tun, um dich wieder an Tanya zu binden. Lass dich nicht auf ihre Spielchen ein. Bella ist die Richtige für dich und keine andere.“
Damit erzählte er mir nichts neues, aber dass sie mich so angelogen hatten, konnte ich kaum glauben.
„Wie konntet ihr mir das all die Jahre verschweigen?“, fragte ich erschüttert.
„Deine Mutter wollte die Sache einfach vergessen.“
„Wie denn? “,schrie ich ihn an. „Sie wäre um ein Haar meine Schwiegermutter geworden. Habt ihr damals ernsthaft geglaubt, dass ihr das für immer verheimlichen könnt? In was für einer Welt lebt ihr eigentlich?“
Ungläubig und schockiert sah ich den Mann an, der mich aufgezogen hatte. „Ich muss kurz allein sein“, sagte ich nur und ging ins Badezimmer. Er hielt mich nicht zurück und so saß ich kurz darauf auf einem zugeklappten Toilettendeckel und versuchte meine wirren Gedanken zu ordnen.
Sie alle hatten mir und Tanya einen wichtigen Teil ihrer Vergangenheit verschwiegen. Wir hätten es beide verdient gehabt, über die Wahrheit aufgeklärt zu werden, aber stattdessen hüllten sie sich alle in Schweigen. An meinen damaligen Gefühlen zu Tanya hätte sich wohl nichts geändert, aber ich hätte manche Dinge nicht so blauäugig betrachtet. Zum Beispiel die permanente Einmischung in Tanyas Leben, ihre Versuche ständig und überall im Mittelpunkt zu stehen. Gott, jetzt ergaben so viele Dinge einen Sinn. Tanya war ja praktisch dazu erzogen worden, die perfekte Ehefrau eines Cullen zu werden. Hatte Carmen das vielleicht schon immer im Hinterkopf gehabt und gehofft, dass ich genauso auf ihre Tochter reagieren würde, wie früher mein Vater auf sie? Es hatte funktioniert. Ich verfiel Tanya so rasch, dass ich gar nicht mehr klar denken konnte. Carmen musste innerlich gejubelt haben. Dann Tanyas angeblicher Tod, und alles war vorbei. Trotzdem hatte sie es irgendwie geschafft mir ein schlechtes Gewissen zu verpassen und klebte wie eine Zecke an mir. So blieb sie immer noch ein Teil der Cullens, auch ohne ihre Tochter.
Meine Ehe mit Bella musste Panik in ihr ausgelöst haben. Ich fing an mich von meiner Vergangenheit zu lösen, schickte ihr Tanyas verblieben Bilder zu und orientierte mich neu. Das endete in dem Versuch Bella zu verunsichern, indem sie ihr irgendwelche Halbwahrheiten ins Gesicht schleuderte. Es hatte nichts genutzt. Bella und ich hatten uns gottlob wieder versöhnt und Carmen war wieder aus dem Rennen. Dann kam es zu Tanyas Rückkehr und all ihre Hoffnungen meldeten sich auf einen Schlag erneut zurück. Sie musste nur noch Bella soweit kriegen, dass sie anfing misstrauisch zu werden. Oh Gott! Und ich hirnverbrannter Vollidiot hatte ihr auch noch voll in die Hände gespielt.Die Presseerklärung von der Tanya so überrascht worden war, genau wie wir auch…..sie diente allein dem Zweck, Tanya in meine ausgebreiteten Arme zu treiben. Das war ein hundertprozentiger Treffer, denn Carmen wusste genau, wie sie mich zu nehmen hatte. Zu guter Letzt, kam es auch noch zu der Anzeige, die Tanya ins Gefängnis gebracht hatte.
Der Grund für Tanyas Verhaftung war eine anonym verfasste Anzeige gewesen, in der sie des Versicherungsbetruges, zugunsten ihrer bankrotten Mutter beschuldigt wurde. Darin wurde behauptet, dass sie mit voller Absicht, den Glauben an ihr vermeintliches Ableben unterstützt hatte, indem sie keinerlei Versuche unternommen hatte, diesen Irrtum aufzuklären. Stattdessen hätte sie zugelassen, dass ihre Mutter die Summe aus der Police erhielt, obwohl sie ihr eigentlich nicht zustand. Das entsprach soweit durchaus den Tatsachen, doch grobe Absicht war Tanya nicht nachzuweisen. Auf Anraten meines Anwalts hatte sie jegliche Aussage verweigert und auch ihr Wissen über die Existenz einer derartigen Police abgestritten. Sie hatte damals immer wieder Unterlagen unterschrieben, ohne zu wissen, um was es sich handelte. Carmen hatte daraufhin bestätigt, dass Tanya sich um solche Dinge nicht gekümmert hatte und die Police ohne Kenntnis über deren Inhalt abgezeichnet hatte. Somit war die Staatsanwaltschaft in Zugzwang und musste Tanya erst mal eine Absicht nachweisen. Da das unmöglich war, wurde die Klage fallengelassen. Das einzige was Tanya noch blühte, war ein Verfahren wegen Vortäuschung des eigenen Todes. Ins Gefängnis würde sie deswegen wohl nicht kommen, aber es war durchaus möglich, dass sie einige Sozialstunden ableisten musste.
Konnte es sein, dass Carmen ihre eigene Tochter anonym angezeigt hatte, um mich aus der Reserve zu locken? Wenn das wirklich so war, dann war Carmen nicht nur egoistisch und herzlos, sondern auch unglaublich kaltblütig. So ein Frauengefängnis war kein sehr angenehmer Ort. Wenn sie es tatsächlich in Kauf genommen hatte, dass ihre einzige Tochter dort längere Zeit verbringen musste, dann war sie mehr als nur egoistisch. Sie war gefährlich. Das alles war eigentlich nur möglich geworden, weil ich nicht die ganze Wahrheit kannte.
Verfluchte Scheiße, meine eigenen Eltern hatten mir einen Großteil meiner Urteilskraft genommen, indem sie mir so ein wichtiges Detail verschwiegen hatten. Diese Frau hatte auch vor Bella nicht halt gemacht und sie mit unwahren Behauptungen infiltriert. Kein Wunder, dass Bella äußerst sensibel auf alles reagiert hatte, was mit Tanya zu tun hatte. Wahrscheinlich hatte sie mir nicht mal die Hälfte dessen erzählt, was Carmen ihr ins Ohr gesäuselt hatte. Und doch hatte sie zu mir gehalten, bis ich Idiot den Bogen überspannt hatte.
Ein leises Klopfen störte mich.
„Lass mich in Ruhe, Dad!“
„Edward, bitte. Ich weiß, deine Mutter und ich haben einen großen Fehler gemacht, aber du kannst dich nicht von Schuld freisprechen. Bella ist nicht weg, weil Carmen mal meine Geliebte war, sondern, weil du Tanya nicht loslassen konntest.“
Wütend stand ich auf und riss die Tür mit einem Ruck auf.
„Das weiß ich selbst!“, donnerte ich ihm entgegen. „Aber weißt du was? Ich werde diesen Fehler korrigieren und mir meine Frau und meinen Sohn zurückholen. Scheiß auf diesen unfähigen Detektiv, ich werde sie selbst suchen, und wenn es mehrere gottverdammte Jahre dauert. Und wenn es soweit ist, und sie vor mir steht, dann werde ich auf den Knien vor ihr herumrutschen, damit sie mich wieder zurücknimmt.“
Dad lächelte plötzlich.
„Das ist mein Junge“, lobte er mich und machte eine kleine Pause. „Du hast Danny als deinen Sohn bezeichnet. Das freut mich, denn deine Mom und ich haben ihn sehr ins Herz geschlossen.“
Es war mir gar nicht aufgefallen, so selbstverständlich war mir dieses Wort über die Lippen gekommen. Aber es stimmte. Danny war mein Sohn, auch wenn ich biologisch gesehen nicht mit ihm verwandt war. Meine Vatergefühle waren noch ein wenig holprig, aber sie waren da. Ich wünschte mir so sehr, der erste Mann in seinem Leben zu sein, dem er uneingeschränkt vertraute. Der Weg dahin, war bestimmt steinig und hart, weil das zarte Band, das zwischen uns entstanden war, durch unsere Trennung wieder gerissen war. Doch ich wollte diesen Weg unbedingt gehen, für Danny, für mich und natürlich auch für Bella.
„Ich fange langsam an mich wie ein Vater zu fühlen, glaube ich. Danny verdient nur das Beste im Leben und dazu gehört nun mal auch ein Dad. Ich werde versuchen, ihm der beste Vater der Welt zu sein, sollte ich nochmal die Chance dazu bekommen.“
„Das freut mich“, sagte Carlisle. In seiner Stimme schwang unüberhörbarer Stolz mit und er brachte mich damit zum Lächeln. „Edward“, fuhr er fort, „meinst du, du kannst mir und deiner Mutter verzeihen.“
Seine Frage kam zögernd, es fiel ihm sichtlich schwer sie zu stellen. Ich war immer noch sauer, aber meine Sorge und Sehnsucht nach Bella überwog. Für was anderes war in meinem Kopf gerade kein Platz.
„Ich bin wütend, aber ich liebe dich und Mutter nach wie vor“, stellte ich klar. Ich wollte ihn nicht schmoren lassen, es reichte, wenn es mir gerade so erging. „Es war nicht in Ordnung es mir zu verschweigen, doch ich habe noch viel schlimmere Fehler gemacht. Lass uns doch ein anderes Mal darüber reden! In Ruhe. Heute kann ich das nicht, ich muss überlegen, was ich als Nächstes mache, um Bella wiederzufinden.“
Carlisle sah mich merkwürdig an.
„Ich glaube, ich kann dir das ziemlich genau sagen!“, sagte mein Dad undurchsichtig und lächelte.
„Edward!“, hörte ich meinen Vater durch die geschlossene Tür brüllen. „Edward, mach sofort die Tür auf, sonst trete ich sie ein!“
Ach ja, Dad! Ihn hatte ich schon fast wieder vergessen. Ohne mich sonderlich zu beeilen, schlurfte ich zur Tür und öffnete sie. Mein Vater stand mit erhobener Faust davor, und wollte schon erneut gegen das Holz hämmern, als er mich sah.
„Um Gottes Willen, Edward!“, rief er entsetzt und ließ mit schockiertem Gesichtsausdruck den Arm sinken. „Was ist denn nur passiert.“
Ich grinste spöttisch und versuchte mich wieder in Gleichgültigkeit. Doch ich scheiterte kläglich bei dem Versuch, unbeteiligt zu wirken. Also ließ ich es bleiben. Es war mir nicht mal peinlich, dass er mich so sah. Im Grunde war es mir scheißegal, in welchem Zustand ich mich meinem Vater zeigte. Alles war scheißegal!
„Komm doch rein, Dad!“, forderte ich ihn auf und verbeugte mich übertrieben. „Nur hereinspaziert, ins traute Heim.“
Sofort wurde das Gesicht meines Vaters hart und jedes Mitleid war weg.
„Du bist betrunken“, warf er mir vor und zwängte sich an mir vorbei. Ich lächelte.
„Ich hatte ein oder zwei Drinks“, gab ich schulterzuckend zu. „Vom Suff bin ich noch weit entfernt.“
Ohne auf mich zu achten, lief mein Vater ins Wohnzimmer voraus. Kurz blieb ich im Flur stehen und schloss die Augen. Ich führte mich gerade wieder auf wie ein Verrückter, aber hatte ich nicht jedes Recht dazu, unglücklich und traurig zu sein? Als ich es nicht mehr rauszögern konnte, folgte ich ihm und sah ihn an der gleichen Stelle des Fensters stehen, an der ich vorher gewesen war. Carlisle wirkte nachdenklich. Müde und geistig erschöpft, warf ich mich auf die schwarze Ledercouch und legte den Arm über mein Gesicht.
„Der Detektiv hat vorhin den Fall abgeben“, klärte ich ihn über die derzeitige Lage auf. „Er meint, sie will einfach nicht gefunden werden und es wäre Zeitverschwendung weiter nach ihr zu suchen.“
„Ich verstehe.“
Die knappe Antwort erstaunte mich und ich zog den Arm weg, um ihn anzusehen.
„Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“
„Was willst du denn hören, mein Sohn?“, fragte er mich. „Er ist ein Profi, wenn er sie nicht findet, wird es ein anderer erst recht nicht schaffen.“
Das riss mir den Boden unter den Füßen weg.
„Du glaubst also auch nicht daran, dass ich sie jemals wiedersehen werde.“
„Das habe ich nicht gesagt:“ Dad seufzte und war mit wenigen Schritten bei mir. „Ist dir eigentlich klar, was du Bella angetan hast?“
Meine Augen wurden schmal.
„Natürlich, weiß ich das!“, sagte ich ungehalten.
„Ich glaube nicht, dass du das weißt.“
„Wie kommst du dazu, so etwas zu behaupten“, antwortete ich zornig.
„Sag mir, warum sie gegangen ist!“
Das wurde mir jetzt zu blöd und ich setze mich auf.
„Hör mal, ich wollte deinen Beistand und kein Kreuzverhör.“
„Hast du noch Kontakt mit Tanya?“
Jetzt hatte er mich.
„Nicht direkt“, wich ich ihm aus.
„Was genau bedeutet das?“
„Nachdem sie aus der U-Haft entlassen worden ist, habe ich ab und an mit Carmen telefoniert. Sie hat mich über Tanyas Zustand informiert, aber ich habe mich strikt geweigert, sie nochmal zu sehen. Ich weiß, dass Bella das verletzen würde und ich werde ihr das nicht mehr antun. Dieses Mal werde ich mein Wort halten.“
Kopfschüttelnd sah er mich an.
„Habe ich wirklich so einen Dummkopf großgezogen?“
Ungläubig sah ich zu, wie er aufstand und sich breitbeinig vor mir aufbaute. Er hob den Zeigefinger drohend in die Höhe, wie damals in meiner Kindheit.
„Edward Cullen, hast du noch immer nicht gemerkt, dass Carmen ein falsches Spiel treibt?“
„Was zum Teufel, hat Carmen mit meiner Ehe zu tun? Ich habe Tanya nicht wiedergesehen und werde es auch nicht mehr tun. Reicht das nicht? Soll ich vielleicht auflegen, wenn Carmen anruft?“
„Das wäre doch mal eine gute Idee“, sagte Dad zu meinem großen Erstaunen. Bisher war ich immer der Meinung gewesen, er würde große Stücke auf Carmen halten. Nur meine Mutter war stets sehr reserviert gewesen, wenn es um Tanyas Mutter ging. Aber sie war ja auch von Tanya nie sehr begeistert gewesen, ohne mir jemals den Grund dafür zu nennen.
„Was hast du denn plötzlich gegen Carmen. Sie ist keine Heilige und ich hatte ja selber eine Mordswut auf sie, nachdem sie Bella nach unserer Rückkehr aus Hawaii aufgelauert hatte. Aber sogar Bella hat ihr verziehen, und so sehe ich keinen Grund, sie zu ignorieren. Es ist ja nicht so, als würde ich den Kontakt zu ihr suchen. Carmen ist es, die sich hin und wieder mal meldet. Immerhin habe ich dafür gesorgt, dass ihr einziges Kind aus der Haft entlassen wird. Scheiße, Dad! Sie ist halt dankbar und meint, sie müsste mich wegen Bellas Verschwinden trösten.“
Er lachte höhnisch.
„Und dabei erzählt sie dir ganz bestimmt, wie unglaublich egoistisch Bella ist. Dass sie dich nie geliebt hat, und du was Besseres verdienst. Dabei vergisst sie, dass ihr feines Töchterchen keinen Deut besser ist.“
Verdammt, so wütend hatte ich ihn selten gesehen. Er hatte in einem Satz Carmens Verhalten beschrieben. Bisher hatte ich mir nichts dabei gedacht und Carmens Gewäsch einfach an mir abprallen lassen. Doch jetzt fragte ich mich schon, woher er sie so genau einschätzen konnte. Mein Vater sah mich gerade etwas unschlüssig an und wirkte aufgedreht. Er lief vor mir auf und ab und murmelte etwas vor sich hin. Ich glaubte ein „Esme wird mich umbringen" zu hören, ehe er abrupt stehen blieb und mich fixierte.
„Ich denke, es wird Zeit dich über Carmen und meine Vergangenheit mit ihr aufzuklären.“
Fuck, was denn für eine Vergangenheit! Wer von uns beiden, war hier betrunken?
„Willst du mich verarschen?“
Er schüttelte den Kopf und sprach einfach weiter.
„Carmen Denali war früher eine Zeitlang meine Geliebte. Sie blieb es auch, bis kurz nach der Hochzeit mit deiner Mutter.“
Das verschlug mir die Sprache. Doch nach einigen Augenblicken hatte ich mich soweit wieder in der Gewalt, dass ich wieder sprechen konnte.
„Du lügst!“, sagte ich überzeugt. Das konnte nicht wahr sein. Meine Eltern hätten mir so was nie verschwiegen. Wenn es tatsächlich wahr war….dann….
„Ich lüge nicht, Edward. Es ist eine Tatsache, dass Carmen über Monate hinweg meine Geliebte war. Deine Mutter und ich haben damals nicht aus Liebe geheiratet, musst du wissen und ich hatte schon sehr lange eine Liaison mit Tanyas Mutter. Ich war jung und Carmen war fast genauso schön, wie Tanya es heute ist. Die Ehe mit Esme war ein geschäftliches Arrangement. Es gab am Anfang keine Liebe zwischen uns und wir gingen jeder seine eigenen Wege. Damals hatte ich mir eingebildet in Carmen verliebt zu sein, und dachte nicht daran sie aufzugeben.“
„Du hast Mutter betrogen?“, hakte ich ungläubig nach. Fuck, und vor mir spielte er den Moralapostel und meine Mutter gleich mit. Dabei waren sie noch viel schlimmer als ich und hatten mich jahrelang belogen. Jeden einzelnen Tag hatten sie mir ins Gesicht geblickt und mir die Wahrheit verschwiegen. Wenn ich das alles nur gewusst hätte! Vielleicht wäre alles anders gekommen, vielleicht hätte ich genauer auf Bella geachtet, vielleicht, vielleicht, vielleicht……
„Nicht sehr lange“, wehrte er beschämt meine Frage ab. Es war ihm sichtlich peinlich, doch Mitleid empfand ich mit ihm nicht. „Ich habe mich tatsächlich sehr schnell in Esme verliebt und die Ehe mit ihr nie bereut. Carmen war natürlich sehr wütend und hat mir geschworen, dass sie eines Tages zu den Cullens gehören würde. Wir wären füreinander bestimmt…..blabla…..du kennst ja das Gewäsch von verschmähten Frauen selbst gut genug. Aber ich schweife ab“, sagte er steif. „Du kannst dir bestimmt unsere Bestürzung vorstellen, als du plötzlich mit ihrer Tochter in unserem Haus gestanden bist. Carmen hatte ihr Ziel erreicht, auch wenn es nur durch ihre Tochter war. Glaub mir, Edward. Carmen Denali wird alles Erdenkliche tun, um dich wieder an Tanya zu binden. Lass dich nicht auf ihre Spielchen ein. Bella ist die Richtige für dich und keine andere.“
Damit erzählte er mir nichts neues, aber dass sie mich so angelogen hatten, konnte ich kaum glauben.
„Wie konntet ihr mir das all die Jahre verschweigen?“, fragte ich erschüttert.
„Deine Mutter wollte die Sache einfach vergessen.“
„Wie denn? “,schrie ich ihn an. „Sie wäre um ein Haar meine Schwiegermutter geworden. Habt ihr damals ernsthaft geglaubt, dass ihr das für immer verheimlichen könnt? In was für einer Welt lebt ihr eigentlich?“
Ungläubig und schockiert sah ich den Mann an, der mich aufgezogen hatte. „Ich muss kurz allein sein“, sagte ich nur und ging ins Badezimmer. Er hielt mich nicht zurück und so saß ich kurz darauf auf einem zugeklappten Toilettendeckel und versuchte meine wirren Gedanken zu ordnen.
Sie alle hatten mir und Tanya einen wichtigen Teil ihrer Vergangenheit verschwiegen. Wir hätten es beide verdient gehabt, über die Wahrheit aufgeklärt zu werden, aber stattdessen hüllten sie sich alle in Schweigen. An meinen damaligen Gefühlen zu Tanya hätte sich wohl nichts geändert, aber ich hätte manche Dinge nicht so blauäugig betrachtet. Zum Beispiel die permanente Einmischung in Tanyas Leben, ihre Versuche ständig und überall im Mittelpunkt zu stehen. Gott, jetzt ergaben so viele Dinge einen Sinn. Tanya war ja praktisch dazu erzogen worden, die perfekte Ehefrau eines Cullen zu werden. Hatte Carmen das vielleicht schon immer im Hinterkopf gehabt und gehofft, dass ich genauso auf ihre Tochter reagieren würde, wie früher mein Vater auf sie? Es hatte funktioniert. Ich verfiel Tanya so rasch, dass ich gar nicht mehr klar denken konnte. Carmen musste innerlich gejubelt haben. Dann Tanyas angeblicher Tod, und alles war vorbei. Trotzdem hatte sie es irgendwie geschafft mir ein schlechtes Gewissen zu verpassen und klebte wie eine Zecke an mir. So blieb sie immer noch ein Teil der Cullens, auch ohne ihre Tochter.
Meine Ehe mit Bella musste Panik in ihr ausgelöst haben. Ich fing an mich von meiner Vergangenheit zu lösen, schickte ihr Tanyas verblieben Bilder zu und orientierte mich neu. Das endete in dem Versuch Bella zu verunsichern, indem sie ihr irgendwelche Halbwahrheiten ins Gesicht schleuderte. Es hatte nichts genutzt. Bella und ich hatten uns gottlob wieder versöhnt und Carmen war wieder aus dem Rennen. Dann kam es zu Tanyas Rückkehr und all ihre Hoffnungen meldeten sich auf einen Schlag erneut zurück. Sie musste nur noch Bella soweit kriegen, dass sie anfing misstrauisch zu werden. Oh Gott! Und ich hirnverbrannter Vollidiot hatte ihr auch noch voll in die Hände gespielt.Die Presseerklärung von der Tanya so überrascht worden war, genau wie wir auch…..sie diente allein dem Zweck, Tanya in meine ausgebreiteten Arme zu treiben. Das war ein hundertprozentiger Treffer, denn Carmen wusste genau, wie sie mich zu nehmen hatte. Zu guter Letzt, kam es auch noch zu der Anzeige, die Tanya ins Gefängnis gebracht hatte.
Der Grund für Tanyas Verhaftung war eine anonym verfasste Anzeige gewesen, in der sie des Versicherungsbetruges, zugunsten ihrer bankrotten Mutter beschuldigt wurde. Darin wurde behauptet, dass sie mit voller Absicht, den Glauben an ihr vermeintliches Ableben unterstützt hatte, indem sie keinerlei Versuche unternommen hatte, diesen Irrtum aufzuklären. Stattdessen hätte sie zugelassen, dass ihre Mutter die Summe aus der Police erhielt, obwohl sie ihr eigentlich nicht zustand. Das entsprach soweit durchaus den Tatsachen, doch grobe Absicht war Tanya nicht nachzuweisen. Auf Anraten meines Anwalts hatte sie jegliche Aussage verweigert und auch ihr Wissen über die Existenz einer derartigen Police abgestritten. Sie hatte damals immer wieder Unterlagen unterschrieben, ohne zu wissen, um was es sich handelte. Carmen hatte daraufhin bestätigt, dass Tanya sich um solche Dinge nicht gekümmert hatte und die Police ohne Kenntnis über deren Inhalt abgezeichnet hatte. Somit war die Staatsanwaltschaft in Zugzwang und musste Tanya erst mal eine Absicht nachweisen. Da das unmöglich war, wurde die Klage fallengelassen. Das einzige was Tanya noch blühte, war ein Verfahren wegen Vortäuschung des eigenen Todes. Ins Gefängnis würde sie deswegen wohl nicht kommen, aber es war durchaus möglich, dass sie einige Sozialstunden ableisten musste.
Konnte es sein, dass Carmen ihre eigene Tochter anonym angezeigt hatte, um mich aus der Reserve zu locken? Wenn das wirklich so war, dann war Carmen nicht nur egoistisch und herzlos, sondern auch unglaublich kaltblütig. So ein Frauengefängnis war kein sehr angenehmer Ort. Wenn sie es tatsächlich in Kauf genommen hatte, dass ihre einzige Tochter dort längere Zeit verbringen musste, dann war sie mehr als nur egoistisch. Sie war gefährlich. Das alles war eigentlich nur möglich geworden, weil ich nicht die ganze Wahrheit kannte.
Verfluchte Scheiße, meine eigenen Eltern hatten mir einen Großteil meiner Urteilskraft genommen, indem sie mir so ein wichtiges Detail verschwiegen hatten. Diese Frau hatte auch vor Bella nicht halt gemacht und sie mit unwahren Behauptungen infiltriert. Kein Wunder, dass Bella äußerst sensibel auf alles reagiert hatte, was mit Tanya zu tun hatte. Wahrscheinlich hatte sie mir nicht mal die Hälfte dessen erzählt, was Carmen ihr ins Ohr gesäuselt hatte. Und doch hatte sie zu mir gehalten, bis ich Idiot den Bogen überspannt hatte.
Ein leises Klopfen störte mich.
„Lass mich in Ruhe, Dad!“
„Edward, bitte. Ich weiß, deine Mutter und ich haben einen großen Fehler gemacht, aber du kannst dich nicht von Schuld freisprechen. Bella ist nicht weg, weil Carmen mal meine Geliebte war, sondern, weil du Tanya nicht loslassen konntest.“
Wütend stand ich auf und riss die Tür mit einem Ruck auf.
„Das weiß ich selbst!“, donnerte ich ihm entgegen. „Aber weißt du was? Ich werde diesen Fehler korrigieren und mir meine Frau und meinen Sohn zurückholen. Scheiß auf diesen unfähigen Detektiv, ich werde sie selbst suchen, und wenn es mehrere gottverdammte Jahre dauert. Und wenn es soweit ist, und sie vor mir steht, dann werde ich auf den Knien vor ihr herumrutschen, damit sie mich wieder zurücknimmt.“
Dad lächelte plötzlich.
„Das ist mein Junge“, lobte er mich und machte eine kleine Pause. „Du hast Danny als deinen Sohn bezeichnet. Das freut mich, denn deine Mom und ich haben ihn sehr ins Herz geschlossen.“
Es war mir gar nicht aufgefallen, so selbstverständlich war mir dieses Wort über die Lippen gekommen. Aber es stimmte. Danny war mein Sohn, auch wenn ich biologisch gesehen nicht mit ihm verwandt war. Meine Vatergefühle waren noch ein wenig holprig, aber sie waren da. Ich wünschte mir so sehr, der erste Mann in seinem Leben zu sein, dem er uneingeschränkt vertraute. Der Weg dahin, war bestimmt steinig und hart, weil das zarte Band, das zwischen uns entstanden war, durch unsere Trennung wieder gerissen war. Doch ich wollte diesen Weg unbedingt gehen, für Danny, für mich und natürlich auch für Bella.
„Ich fange langsam an mich wie ein Vater zu fühlen, glaube ich. Danny verdient nur das Beste im Leben und dazu gehört nun mal auch ein Dad. Ich werde versuchen, ihm der beste Vater der Welt zu sein, sollte ich nochmal die Chance dazu bekommen.“
„Das freut mich“, sagte Carlisle. In seiner Stimme schwang unüberhörbarer Stolz mit und er brachte mich damit zum Lächeln. „Edward“, fuhr er fort, „meinst du, du kannst mir und deiner Mutter verzeihen.“
Seine Frage kam zögernd, es fiel ihm sichtlich schwer sie zu stellen. Ich war immer noch sauer, aber meine Sorge und Sehnsucht nach Bella überwog. Für was anderes war in meinem Kopf gerade kein Platz.
„Ich bin wütend, aber ich liebe dich und Mutter nach wie vor“, stellte ich klar. Ich wollte ihn nicht schmoren lassen, es reichte, wenn es mir gerade so erging. „Es war nicht in Ordnung es mir zu verschweigen, doch ich habe noch viel schlimmere Fehler gemacht. Lass uns doch ein anderes Mal darüber reden! In Ruhe. Heute kann ich das nicht, ich muss überlegen, was ich als Nächstes mache, um Bella wiederzufinden.“
Carlisle sah mich merkwürdig an.
„Ich glaube, ich kann dir das ziemlich genau sagen!“, sagte mein Dad undurchsichtig und lächelte.
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