Bellas PoV
Ich hörte das Meer rauschen und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Für einige Augenblicke verschmolz ich mit den Geräuschen des Ozeans, der salzigen Luft, die sich auf meine Zunge legte, und der frischen Brise, die sich schmeichelnd durch mein offenes Haar bewegte. Der Wind trug Dannys Lachen zu mir. Fröhlich und unbeschwert, wie nur Kinder das konnten, hallte der wundervolle Klang, wie ein leises Glockenspiel über den Strand. Ich öffnete mit einem Lächeln meine Augen und suchte nach ihm. Er tobte durch den Sand und zog einen Drachen hinter sich her. Auf seinem Gesicht lag nichts als unbändige Freude und Lebenslust. Die ersten Tage hier in Manchester waren nicht einfach gewesen. Danny hatte nicht verstanden, warum wir hierher mussten und ich hatte ihm vorerst die ganze Wahrheit nicht gesagt. Er wusste, dass bei Edward und mir nicht alles in Ordnung war, er war ja nicht dumm. Aber für ihn war das nur eine Phase, die demnächst vorbeigehen würde. Er glaubte noch immer fest daran, dass wir bald wieder alle zusammen sein würden. Seine anfängliche Verwirrung hatte mich unglaublich belastet. Danny konnte einfach nicht verstehen, warum wir fortgegangen waren. Ich verstand es nur zu gut, und wünschte mich fast an seine Stelle, nur, um nicht an den Grund meines Hierseins erinnert zu werden. Ihn jetzt zu beobachten, wie er endlich wieder sorglos spielte und dabei den Drachen hoch durch die Lüfte segeln ließ, nahm mir eine Zentnerlast von der Seele.
„Mom….Mom…Mom“, schrie er völlig begeistert und starrte nach oben, wo der Drachen schwankend und flatternd hin und herflog. „Sieh nur, wie hoch er fliegt.“
„Ja, ich seh´s!“, schrie ich ihm zu und winkte. Plötzlich hielt mich nichts mehr auf dem Boden und ich erhob mich mit einer geschmeidigen Bewegung. An meinen hochgekrempelten Jeans klebten überall die Sandkörner und ich klopfte sie notdürftig ab. Meine Füße waren barfüßig, Schuhe trug ich hier selten. Wozu auch? Esmes Sommerhäuschen lag so abgelegen, dass sich nie jemand hierher verirrte und ich mochte es den Sand zwischen den Zehen zu spüren. Es gab mir wenigstens ein bisschen das Gefühl lebendig zu sein, obwohl sich mein Herz leer und tot anfühlte. Seit dem Tag, an dem ich mit meinem Jungen hier angekommen war, hatten wir nur einmal Besuch gehabt. Ich wollte nicht mehr daran zurückdenken, was Esme mir erzählt hatte, weil die Erinnerung daran mir zu weh tat. Ich stapfte entschlossen auf Danny zu. Dem war der Drachen zwischenzeitlich vor die Füße geflogen und er versuchte vergeblich die Schnur zu entwirren. Doch er war noch zu klein und seine Fingerchen zu ungeschickt, um das ohne Hilfe zu schaffen. Ich kniete mich neben ihn hin und nahm ihm sanft den Drachen ab.
„Lass mir dir helfen, ja!“, bat ich ihn ruhig und fing vorsichtig an das Knäuel zu entwirren.
Er sah mir dabei zu und schwieg. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass er mit seinen Fingern spielte und auf seiner Unterlippe herum biss. Er hatte was auf dem Herzen, und ich ahnte auch schon, was es war. Seine Fröhlichkeit war nicht permanent und nur zu oft sah ich ihn traurig dasitzen und über Dinge nachdenken, die mir verborgen blieben. Ich hasste mich dafür, dass ich Danny die Familie wieder weggenommen hatte, die er sich so gewünscht hatte. Vorsichtig legte ich meine Hand über seine.
„Liebling, was hast du auf dem Herzen? Du kannst mir alles erzählen, das weißt du doch.“
Unschlüssig guckte er zu mir hoch, und die schimmernden Tränen in seinen braunen Augen brachten mich fast um. Oh Danny, was tu ich dir nur an?
„Mommy“, flüsterte er dann ganz leise. Schon bei dem zittrigen Tonfall zog sich mein Herz zusammen und Tränen schossen mir in die Augen. „Wann gehen wir wieder zurück zu Edward? Ich vermisse ihn so.“
Oh Gott, ich doch auch, dachte ich gequält.
„Ich weiß nicht, mein Schatz. Ich vermisse ihn auch.“
„Doll?“
Ich nickte.
„Ganz doll sogar“, gab ich zu und meine Arme breiteten sich wie von alleine aus und er schmiegte sich hinein. Sein Kopf lag an meiner Brust und er weinte leise.
„Hat er uns denn nicht mehr lieb?“, nuschelte er.
Oh lieber Gott…
„Natürlich hat Edward uns noch lieb. Es hat auch nichts mit dir zu tun, mein Schatz. Ich bin schuld, dass wir gegangen sind.“
Er hob den Kopf und zog schniefend den Rotz nach oben. Nie hatte man ein Taschentuch parat, wenn man eines brauchte, dachte ich fast schon nebenbei und wischte ihm mit dem Ärmel meines Shirts die Nase sauber.
„Wieso bist du denn schuld?“, wollte er neugierig wissen. Für den Moment waren seine Tränen vergessen und kindliche Wissbegier war in den Vordergrund getreten. Gott, wie erklärte man einem Kind so eine Situation, ohne zu sehr ins Detail zu gehen oder gar zu lügen? Ich musste ihm wohl oder übel die Wahrheit sagen. Danny war klein, aber nicht dumm. Er verdiente eine ehrliche Antwort.
„Wir haben uns gestritten, wegen etwas, das schon lange vergangen ist. Edward hat dumme Dinge getan und gesagt, genau wie ich auch. Deswegen sind wir beide hier, Danny. Jetzt kann Edward über seine dummen Dinge nachdenken, und Mommy über ihre. Und wenn wir damit fertig sind, dann sehen wir weiter.“
„Wenn ihr fertig seid mit Denken, sind wir dann wieder eine Familie?“ Seine Stimme klang so hoffnungsvoll, dass sie mein Herz erneut zusammenzog. Er war noch so klein und war trotzdem schon so oft enttäuscht worden. Kein Daddy, kein Großvater, kein Edward…..
„Ich hoffe es, Danny. Aber versprechen kann ich es dir leider nicht.“
Das war nicht mal gelogen. Ob Edward und ich jemals wieder eine gemeinsame Chance bekommen würden, stand noch in den Sternen. Ihn zu verlassen, war das Schwerste gewesen, was ich je getan hatte. Edward brauchte Zeit, um sich wirklich über seine Gefühle klarzuwerden, und die hatte ich ihm gegeben. Viel Zeit. Seit fast zwei Monaten waren wir nun schon hier und lebten in den Tag hinein. Die Entscheidung hierherzukommen, hatte ich an jenem Morgen gefällt, als er zu Tanya ins Gefängnis fuhr. Es ging nicht darum, dass er ihr helfen wollte. Ich konnte das verstehen, da es sich wirklich um eine Ausnahmesituation gehandelt hatte. Was mich so erschreckt hatte, war die Selbstverständlichkeit, mit der er mich zurückgelassen hatte. Edward liebte mich, aber er nahm keine Rücksicht auf meine Gefühle. ICH war selbstverständlich für ihn. Doch genau das, wollte ich nicht sein. Edward sollte uns beide, unsere Beziehung zueinander, als das sehen, was sie war. Als etwas Besonderes, etwas, das man nur einmal im Leben fand und es wie einen kostbaren Schatz hütete. Solange er das nicht verstand und auch danach handelte, würde Tanya immer zwischen uns stehen. Nicht weil er sie liebte, sondern, weil sie ein Symbol für unsere Schwächen geworden war. Aus diesem Grund hatte ich mich dazu entschlossen fortzugehen, um gegebenenfalls mein Leben auch ohne ihn zu verbringen.
Ich war nur froh, dass Danny noch nicht wirklich schulpflichtig war, sonst wäre das erheblich schwieriger geworden. Hier malte und bastelte mit ihm und besuchte regelmäßig den Spielplatz in Southworth. Kontakte mit Erwachsenen mied ich und sorgte nur dafür, dass Danny mit anderen Kindern spielen konnte. Da Esme mich freundlicherweise mit genügend Bargeld versorgt hatte, war es mir möglich, keinerlei Spuren zu hinterlassen. Mein Handy hatte ich bei den Cullens gelassen. Hier brauchte ich keins. Ich hatte einen klaren Schnitt gewollt und jede Verbindung zur Außenwelt gekappt, es gab nur einen Festnetzanschluss, damit Esme mich erreichen konnte. Nicht mal Rose und Alice wussten, wo ich war. Ich hatte ihnen nur in einem kurzen Brief mitgeteilt, dass es mir gutging und Esme gebeten, die Zeilen zu überbringen. Sie war die Einzige, mit der ich noch Kontakt hielt. Edward sollte endlich merken, wie es war, ohne mich leben zu müssen. Das Risiko ihn endgültig zu verlieren war enorm, aber das musste ich eingehen. Er hatte mich so oft vor den Kopf gestoßen, dass es irgendwann einfach zu viel wurde. Lieber wollte ich allein bleiben, als ewig im Schatten einer anderen Frau zu leben, die nur mit den Fingern zu schnippen brauchte, damit Edward wie ein Schoßhündchen angerannt kam.
Auch wenn mein Brief endgültiger klang, als es tatsächlich der Fall war, so war ich doch fest entschlossen, ihn nur dann zurückzunehmen, wenn er mich von seiner Aufrichtigkeit überzeugen konnte. Das würde noch schwer genug werden. Ich war noch nicht bereit ihm schnell zu verzeihen. Ich hatte mich so oft bei ihm entschuldigt, so oft zurückgesteckt, dass es für ein ganzes Leben reichte. Es ging mir auch nicht darum, Schuld mit Schuld aufzuwiegen, oder wer am Ende Recht behielt, doch jetzt war es einfach an ihm, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Meine Nervosität wuchs rapide an, weil ich nicht wusste, wie all das Alles enden würde.
Im Grunde rechnete ich jeden Tag mit ihm, weil Esme mir gestanden hatte, dass Carlisle eingeknickt war und Edward meinen Aufenthaltsort verraten hatte. Das war jetzt einige Tage her und mit jedem der verging, wurde meine innere Anspannung größer, genau wie die Enttäuschung, die sich schleichend in mir ausbreitete. Dass er nicht sofort zu mir gestürmt kommen würde, hatte ich mir ja fast gedacht. Edward tat nie etwas, ohne genauestens zu planen. Doch, dass er so lange brauchte, um mich aufzusuchen, machte mir große Sorgen. Esme hatte mir erzählt, wie schlecht es Edward angeblich ging, was mir unglaublich weh getan hatte. Ich wollte nicht der Grund dafür sein. Er war sogar wieder in die Penthousewohnung gezogen, weil er es nicht mehr ertrug in unserem gemeinsamen Schlafzimmer zu übernachten. Nach ihren Erzählungen nach, war Edward nicht mehr er selber und vegetierte vor sich hin, weil er mich so vermisste. Doch obwohl er jetzt wusste, wo ich war, und auch schon einige Tage ins Land gezogen waren, machte er keine Anstalten mich aufzusuchen. Irgendwas stimmte da nicht! Mein letzter Hilfeschrei an ihn, mit dem ich unsere Beziehung zu retten versuchte, schien sich ins komplette Gegenteil umkehren, indem er einfach akzeptierte, dass ich weg war. War ich zu weit gegangen, indem ich ihn verlassen hatte?
Nein!
Es war eine notwendige Entscheidung gewesen. Wenn Edward tatsächlich so schnell aufgab, dann hatte er mich auch nicht verdient. Deswegen tat es leider nicht weniger weh, ohne ihn sein zu müssen, auch wenn ich diesen Zustand selbst und mit voller Absicht herbeigeführt hatte. Stolz war ein kalter Bettgefährte, da hatte Bibi schon recht. Doch im Moment war er alles, was ich hatte. Ich klammerte mich wie eine Ertrinkende an ihn, um nicht in einem Meer aus Angst und Traurigkeit zu ertrinken.
Sanft strich ich über Dannys Locken und murmelte dabei tröstende Worte. Er war der Leidtragende des Ganzen, aber trotzdem hatte ich gehen müssen. Was für eine Familie wären wir sonst geworden? Edward und ich hätten uns ständig neu an Tanya aufgerieben und uns dann über kurz oder lang doch getrennt. Diese Sache musste ein für alle Mal geklärt und aus der Welt geschafft werden.
„Komm, wir gehen ins Haus und machen Abendessen“, schlug ich vor, um ihn und mich selbst von den trüben Gedanken abzulenken.
Er schniefte noch mal und nickte.
„Darf ich wieder die Kartoffeln schneiden?“
Ich schmunzelte, einfach, weil er wieder lächelte. So einfach konnte Glück sein.
„Ich bestehe darauf!“, antwortete ich mit dem breitesten Grinsen, das ich aufbringen konnte.
Hand in Hand gingen wir zurück in Esmes Strandhaus. Unsere gute Laune war wieder zurückgekehrt, doch gänzlich glücklich waren wir trotzdem nicht. Ohne Edward fehlte ein ganz entscheidender Teil, der uns komplett machte.
Ich räumte das letzte Geschirr in die Spüle und ließ warmes Wasser nachlaufen. Versonnen beobachtete ich den klaren Strahl, der in das Becken floss und das gleichmäßige Geräusch beruhigte meine Nerven. Der Wecker auf dem Fensterbrett zeigte kurz nach neun an. Die Nacht war angebrochen und die letzten Sonnenstrahlen schon seit einiger Zeit verschwunden. Danny lag schon seit einer halben Stunde im Bett und schlief tief und fest. Die viele frische Luft hier, machte ihn müde und er fiel jeden Abend rasch in Tiefschlaf, der bis zum nächsten Morgen anhielt. Ich selbst würde auch nicht mehr lange aufbleiben. Das Fernsehprogramm war öde, und einen Internetanschluss hatte ich hier nicht. Da mir auch nicht nach Lesen war, wollte ich einfach früh zu Bett gehen. Ein sonderlich aufregendes Leben führte ich hier nicht gerade. Wenn Danny schlief, war es geprägt von Langeweile, und gerade abends vermisste ich Edward am meisten. Mit automatischen Bewegungen spülte ich noch die zwei Teller, die Gläser und das Besteck. Gerade als ich nach dem Küchentuch griff, hörte ich ein leises Klopfen an der Türe. Es war sehr leise und ich horchte angestrengt, ob ich mich nicht verhört hatte.
Klopf Klopf
Da war es wieder. Lauter und energischer diesmal. Ich legte den Teller vorsichtig ab, wischte mir die nassen Hände an der Jeans trocken und sah misstrauisch zur Tür. Wer konnte das um diese Uhrzeit sein? Vielleicht ist was mit Edward, flüsterte mir mein Geist gemeinerweise zu und meine Hände bebten an meinen Oberschenkeln. Sie krampften sich in den Stoff. Schritt für Schritt ging ich auf die Tür zu, bis ich direkt davor war.
„Ja?“
Ich bekam keine Antwort und wurde unsicher. Wer war das? Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich hier draußen mit Danny mutterseelenallein war. Sollte hier irgendein Verbrecher durch die Gegend streunen, würde uns niemand helfen können. Aber klopften solche Leute an Türen? In Filmen brachen sie bei Nacht und Nebel ein und meldeten sich nicht extra vorher an.
„Hallo!“, wiederholte ich und versuchte meine aufkeimende Panik zurückzudrängen. Es war bestimmt alles harmlos. Meine Fantasie ging einfach mit mir durch.
„Bella“, hörte ich eine männliche Stimme dumpf durch die hölzerne Türe.
Oh Gott! Hatte ich eben gedacht, alles wäre harmlos? Man konnte Edward mit allen möglichen Adjektiven belegen, aber sicher nicht mit diesem. Meine Hände, die ich eben noch an meiner Hose trockengewischt hatte, waren sofort wieder schweißnass. Meine Atmung ging schneller und eine unglaubliche Mischung aus purem Glück, überschäumender Freude und nackter Angst überschwemmte mich. Meine Hand zitterte, als sie nach der Türklinke griff und blieb bebend darauf liegen. Ich legte die Stirn an das Holz und atmete schwer. Er war hier. Er war tatsächlich gekommen. Oh Edward!
„Bella! Liebes, bitte mach die Tür auf!“
Seine Stimme klang fast schon demütig, so hatte ich ihn noch nie reden hören. Ich merkte, wie ich wieder schwach wurde, wie die Sehnsucht nach ihm mich packte und keinen anderen Gedanken mehr zuließ, als endlich diese verdammte Tür aufzureißen und ihn besinnungslos zu küssen. Ich zwang diesen Impuls nieder und grub meine Fingernägel in die weiche Haut meiner Handflächen. Der Schmerz brachte mich wenigstens ein bisschen zur Vernunft.
„Was willst du, Edward?“, fragte ich hart. Ich musste stark bleiben, es würde sonst alles viel zu schnell gehen. Oh Himmel, dabei wollte ich das gar nicht wirklich. Er war doch nach Danny das Liebste, was ich hatte. Meine große Liebe, mein Seelenverwandter. Ich sollte ihm nicht vorspielen müssen, dass ich ihn nicht mehr wollte, nur damit er endlich kapierte, wie zerbrechlich Glück sein konnte. Dass es nicht in unerschöpflichem Maße vorhanden war, sondern dass man damit haushalten und sorgsam umgehen musste.
„Liebes, lass mich rein. Wir müssen miteinander reden.“
„Alles was ich dir zu sagen hatte, steht in dem Brief.“
Ich schloss die Augen, nachdem diese Worte aus mir herausgeflossen waren. Was, wenn ich es übertrieb, wenn…
„Bella, ich meine es Ernst. Mach die Tür auf, oder ich breche sie verdammt noch mal auf!“, drohte er.
„Das wagst du nicht!“
Jetzt wurde ich wütend. Er war manchmal so verdammt selbstgerecht! Was fiel ihm eigentlich ein, sich hier wie ein Höhlenmensch aufzuführen? Die Tür aufbrechen! Na warte!
Ich zog die Klinke nach unten und riss sie mit einem Ruck auf. Wutschnaubend blickte ich in Edwards amüsiert blickende, grüne Augen.
„Ich wusste, auf dein Temperament ist Verlass“, grinste er frech.
Ich stieß einen wütenden Schrei aus, weil sein Plan mich zu reizen, natürlich voll aufgegangen war. Energisch wollte ich die Tür wieder zudrücken, doch sein Fuß machte mir einen Strich durch die Rechnung. Er schob ihn einfach dazwischen und stemmte sie mit seiner Schulter auf. Bevor ich auch nur einen Ton sagen konnte, stand er mitten in dem kleinen Wohnzimmer und kickte lässig mit seinem Fuß die Türe zu. Es knallte hörbar und ich zuckte sauer zusammen.
„Herrgott, Edward!“, fuhr ich ihn an. „Du wirst Danny aufwecken. Er schläft schon und sollte am Besten gar nicht mitkriegen, dass du hier bist. Warum gehst du nicht einfach wieder.“
Oh Gott, wie er vor mir stand. So dominant und selbstbewusst. Ich konnte es an seiner Körperhaltung erkennen, an seinem Gesichtsausdruck, an seiner ganzen Ausstrahlung. Edward Cullen war zurück. Soviel zum Thema Trauer. Scheiße, Edward war so weit von Trauer entfernt, wie ich davon eine echte Blondine zu sein.
Sein unverschämtes Grinsen brachte mich nur noch mehr auf, verursachte aber gleichzeitig ein unwillkommenes Prickeln auf meiner Haut. Es gehörte verboten, so unglaublich aufregend zu sein. Keiner konnte sich mit ihm messen, jeder andere Mann verblasste in seiner Gegenwart und konnte ihm nie und nimmer das Wasser reichen. Ich war verrückt nach ihm, immer noch, nein, mehr denn je….
„Danny wird sehr wohl mitbekommen, dass ich hier war, Liebes. Und weißt du wieso?“, setzte er dunkel nach und kam einen Schritt auf mich zu.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
„Du wirst es mir sicher sagen.“
Meine Stimme klang kalt, er seufzte und seine ganze Haltung änderte sich schlagartig. Der Macho verschwand und machte einem ganz normalen Mann Platz.
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„So wird das nichts“, murmelte er plötzlich und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er sagte für ein paar Augenblicke nichts und ich nutzte die Gelegenheit, ihn mir wieder richtig anzusehen. Obwohl, das war nicht unbedingt die richtige Bezeichnung dafür. Ich saugte seinen Anblick förmlich in mich auf. Zu lange hatte ich darauf verzichten müssen. Jede Linie in seinem Gesicht war mir immer noch so vertraut. Die Bartstoppeln, die seinem kantigen Gesicht diese unwiderstehlich männliche Note verliehen, diese unglaublich schönen, tiefgründigen Augen und sein fester Mund, der so verheißungsvolle Küsse auf meinem nackten Körper verteilen konnte. Doch es war ein Unterschied zu früher erkennbar. Esme hatte nicht übertrieben.
Es war ihm nicht gutgegangen, während unserer Trennungsphase. Edward sah blass aus, wirkte fast schon krank und er hatte ziemlich abgenommen. Wenn er früher einfach nur sehr schlank und sehnig gewesen war, dann wirkte er jetzt fast schon asketisch. Ich fühlte keinerlei Triumph, weil er gelitten hatte, denn ich hatte Edward niemals weh tun wollen. Alles was ich mit meiner Flucht bezwecken wollte, war, dass er in sich ging und über sein Leben nachdachte. Darüber, was ihm wirklich wichtig war. Manchmal war es eben einfach besser, das allein zu tun. Meine Anwesenheit hatte ihn vom Wesentlichen abgelenkt. Ich hoffte einfach, dass mit meinem Fortbleiben endlich der Knoten geplatzt war, der ihm die Luft zum Denken abgeschnürt hatte. So wie es aussah, hatte es funktioniert. Obwohl ich immer noch sauer war, über sein Machogehabe von vorhin, war ich begierig darauf, mir anzuhören, was das Leben ohne mich in seinem Denken bewirkt hatte.
Edward hatte aufgehört hin und her zu laufen und stand plötzlich vor mir. Er nahm meine Hände und legte sie an seine Brust. Verwirrt durch seinen plötzlichen Stimmungsumschwung und seine berauschende Nähe, sah ich zu ihm auf und ertrank in seinen grünen Iriden. Ein zartes Lächeln legte sich um seine Mundwinkel, bevor er sprach.
„Bella, hör mir nur einen Moment zu!“ Seine Stimme klang beschwörend. „Bitte, Liebling! Ich weiß, ich habe es eigentlich gar nicht verdient, aber ich möchte dich trotzdem bitten, mir diese letzte Chance zu geben und mich anzuhören. Ich schwöre dir, wenn du danach nichts mehr mit mir zu tun haben willst, dann werde ich für immer aus deinem Leben verschwinden.“
Mir stiegen die Tränen in die Augen bei seinem letzten Satz. Kurz kam mir in den Sinn, ob ich wirklich die Stärke haben würde, ihn zurückzuweisen, sollte er wieder nur die üblichen Floskeln von sich geben. Ohne Edward leben zu müssen, war unvorstellbar für mich. Meine Zukunft eventuell ohne ihn planen zu müssen, stellte mich wohl vor die größte Herausforderung meines Lebens. Ich wusste nicht, ob ich dem wirklich gewachsen war. Bebend nickte ich ihm zu, weil ich jetzt keinen Ton herausbrachte.
Er schloss kurz die Augen und atmete tief durch.
„Können wir uns vielleicht setzen?“, bat er mich.
„Sicher“, brachte ich krächzend raus und räusperte mich. Widerwillig entzog ich ihm meine Hände und ging mit kleinen Schritten auf die Couch zu. Sie bildete den Mittelpunkt des kleinen Wohnzimmers und stand direkt vor den Kamin, nur ein kleiner Holztisch aus dunklem Teakholz trennte beides voneinander. Er folgte mir und setzte sich mit etwas Abstand neben mich. Ich hatte wie jeden Abend ein Feuer entzündet, weil es nachts ziemlich abkühlte. Ich konnte Edwards Gesicht im Schein der Flammen rötlich leuchten sehen. Sein Haar wirkte dadurch noch bronzener und die Reflexe darin, gaben ihm ein unbeschreibliches Aussehen. Sein blasses Gesicht wirkte wie von einem Feuerkranz umrahmt, und die tief in den Höhlen liegenden Augen, glühten förmlich. Er sah mich nicht an, sondern starrte stur in die Flammen. Ich wartete mehr oder weniger geduldig, da ich ihm ansehen konnte, wie schwer es ihm fiel, die passenden Worte zu finden. Manchmal war es leichter sich wildfremden Menschen anzuvertrauen, als demjenigen, den man liebte.
Das Feuer knisterte und knackte und die Hitze erwärmte meinen Körper. Sie konnte aber die Kälte nicht aus meinem Herzen vertreiben. Dazu war nur Edward in der Lage, indem er mich davon überzeugte, dass wir miteinander glücklich werden würden.
„Ich habe Fehler gemacht, Bella“, fing er so unvermittelt an, dass ich zusammenzuckte. Edward hob den Kopf und sah mich sehr ernst an. „Liebes, ich weiß nicht, ob ich das alles irgendwann wieder gut machen kann. Aber ich werde alles tun, um dich vergessen zu lassen, wie dumm ich war.“
„Was du nicht sagst“. War das wirklich meine Stimme, die da sprach? Sie klang so höhnisch, so gar nicht nach mir. Aber ich war enttäuscht. Was er da von sich gab, war alles gut und schön, aber es sagte im Grunde nichts aus. Es war mir zu schwammig, zu ungenau, zu unverbindlich. Mir taten auch viele Dinge leid! Angefangen bei der fehlenden Sonnencreme, wodurch ich mir die Tage einen mörderischen Sonnenbrand geholt hatte, bis hin zu der Tatsache, dass ich in meinem Leben schon so oft die Dumme gewesen war. Edward musste schon mehr anbringen, als ein simples „Ich habe einen Fehler gemacht“, um mich vergessen zu lassen.
„Das hört sich ziemlich nichtssagend an. Nicht wahr?“, meinte er sichtlich zerknirscht
Ich nickte nur.
Edward stand auf und platzierte sich vor mir. Seine hochgewachsene Gestalt wirkte fast schon unwirklich auf mich. Ich wollte mich ebenfalls erheben, als er vor mir auf die Knie ging und nach meinen Händen fasste. Er umschloss sie fest, ehe er weitersprach.
„Bella, ich will versuchen dir begreiflich zu machen, was in den letzten Wochen in mir vorgegangen ist. Vielleicht kannst du dann ein bisschen verstehen, warum ich mich so dämlich verhalten habe.“
„Wenn du mir gleich erzählen willst, wie sehr du Tanya mal geliebt hast, und wie schwer es dir gefallen ist, sie nach ihrer Rückkehr loszulassen, dann kannst du dir das sparen, Edward“, fuhr ich ihn hitzig an. Sowas wollte ich mir nicht anhören, ich hatte es ja am eigenen Leib erfahren.
„Tanya spielt schon eine Rolle, aber das allein ist nicht der Grund, warum ich nicht gesehen habe, wie weh dir mein Verhalten getan hat.“
„Und was ist dann der Grund?“, meinte ich aufgebracht. Die lang unterdrückten Emotionen in mir kochten hoch. Plötzlich hielt ich es nicht mehr auf den Polstern aus und drückte Edward weg, um aufzustehen. Ich musste mich unbedingt bewegen….weg von ihm.
„Ich bin gespannt auf deine Erklärung, Edward“, fuhr ich sarkastisch fort und ging ein paar Schritte rückwärts, um etwas Abstand zwischen uns zu bringen. „Weißt du, ich kann mich noch genau an deine Worte nach unserer Liebesnacht erinnern. Wie du mir versichert hast, ich wäre die Einzige für dich. Wie du versprochen hast, du würdest sie nicht mehr wiedersehen….blablabla. Du erinnerst dich?“
Edward kniff die Augen zusammen.
„Natürlich erinnere ich mich und ich habe auch jedes Wort davon ernst gemeint. Du bist die Frau, die ich liebe und mit der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte. Daran wird sich auch nie etwas ändern.“
Aufsteigende Tränen trübten meine Sicht, Edward verschwamm vor meinen Augen und ich schluchzte auf. Oh verdammt….
„Warum bist du dann gegangen, Edward? Wieso hast du mich einfach stehen lassen, als wäre ich nicht wichtig?“, kam es vorwurfsvoll von mir. „Das hat so weh getan, gerade weil unsere gemeinsame Nacht so wunderschön war. Ich hatte dir jedes Wort geglaubt und dann….“, ich brach ab.
„Oh Liebes….“
Er kam auf mich zu, streckte die Hände nach mir aus und wollte mich umarmen, doch ich rückte noch ein paar Schritte nach hinten, bis ich dem Kamin zu nah kam und ich gezwungenermaßen stehenbleiben musste.
„Nicht….ich will das jetzt nicht.“
Edward atmete scharf ein. Er war enttäuscht.
„Komme ich zu spät, Bella? Ist es das, was du mir mit deinem Verhalten zeigen willst?“
Ich antwortete nicht, sondern drehte ihm den Rücken zu. Alles lief verkehrt…Ich konnte ihn atmen hören, abgehackt. Er war genauso aufgewühlt wie ich.
„Bella, weißt du eigentlich, dass ich mich manchmal ziemlich überflüssig gefühlt habe in deiner Nähe?“
Ich konnte die Verzweiflung aus seiner Stimme heraushören, die Angst, dass all sein Flehen um Vergebung umsonst sein würde. Verblüfft drehte ich mich um, weil er es wieder einmal geschafft hatte, mich zu überraschen.
„Überflüssig?“
Er nickte und fuhr sich mehrfach durch sein wirres Haar. Es lag in völliger Unordnung um seinen Kopf, als hätten die Strähnen seit Wochen keinen Kamm mehr gesehen. Mir fiel komischerweise gerade jetzt auf, dass der Zustand seiner Haare, oft sehr mit seinen Stimmungen zusammenhing. Wenn er wütend oder gekränkt war, fuhr er sich ständig hindurch und brachte es dadurch in Unordnung. Je besser seine Laune war, umso perfekter lagen sie. Wenn ich das als Gradmesser nahm, so war seine Stimmung augenblicklich auf dem Nullpunkt. Wieder strich er fahrig hindurch und sah mich an.
„Ja! Du….du bist so verflucht stark, Liebes, und hast immer alles alleine geschafft. Ich habe einfach vorausgesetzt, dass wir Tanya überstehen, ohne dass es unsere Ehe gefährdet. Es war dumm von mir, einfach anzunehmen, dass du dir meiner Liebe sicher bist. Meine Gefühle für dich sind so unglaublich stark, dass ich nicht mal auf die Idee gekommen bin, du könntest etwas anderes glauben.“ Er sah mich entschuldigend an. „ Ich bin ein Dummkopf, Liebes. Ich wollte Tanya wirklich nur helfen und bin dabei zu weit gegangen. Dass dir das so zusetzt, habe ich einfach nicht wahrhaben wollen. Also habe ich mir eingeredet, du würdest damit schon fertig werden, wie mit allem anderen auch. Da ich noch nie eine Frau getroffen habe, die ihr Leben so im Griff hat wie du. Deswegen habe ich einfach ignoriert, dass mein Egoismus dich verletzt und habe stattdessen den Helden gespielt.“
Verwirrt sah ich ihn an. ICH! Mein Leben im Griff? Davon spürte ich gar nichts. Im Gegenteil. Ich fühlte mich an manchen Tagen wie eine trunkene Schiffbrüchige, die verzweifelt versuchte, das rettende Ufer zu erreichen. Ich hatte mich eben irgendwie durchgeschlagen. Mir war ja gar nichts anderes übrig geblieben.
„Ich verstehe nicht, was du damit ausdrücken willst! Warum stört es dich so sehr, dass ich selbstständig bin? Ich musste eben immer allein zurechtkommen, daran ist doch nichts Verwerfliches.“
„ Natürlich nicht. Du kannst auch zu Recht stolz auf dich sein. Aber gerade deswegen, wollte ich so gern für dich da sein und dir die Welt zu Füßen legen.“ Edward blickte auf seine Fußspitzen und schüttelte ganz leicht seinen Kopf. „Für einen Mann ist es ganz schön beschämend, wenn die Frau, die er liebt, seine Hilfe im Grunde gar nicht braucht.“
Oh, er täuschte sich! Er täuschte sich gewaltig!
„Hast du denn immer noch nicht verstanden, dass ich dich mehr brauche, als alles andere, Edward“, fragte ich fast schon verzweifelt.
Er lächelte. Leicht, hoffnungsvoll.
„Ist das so?“
Ich wollte jetzt nicht darauf eingehen und vom eigentlichen Thema ablenken. In meinem Kopf waren so viele Fragen, die nach Antworten suchten. Edward war der Einzige, der sie mir geben konnte.
„Hat dich meine Selbständigkeit wirklich so gestört?“, fragte ich zweifelnd.
„Gestört nicht, eher verunsichert.“ Ich zog die Augenbraue fragend nach oben und er fuhr fort: „Du kommst wunderbar ohne mich zurecht, Liebes. Das hat mir Angst gemacht, weil in meinem Kopf ständig der Gedanke herumgespukt war, du könntest mich weniger brauchen, als ich dich. Aber ich war zu stolz, um das laut auszusprechen. Außerdem war es mir unbegreiflich, warum du dich so dagegen gesträubt hast, dein Leben endlich zu genießen. Du wolltest sogar wieder arbeiten! Irgendwann habe ich angefangen zu befürchten, dass dir das Leben an meiner Seite nicht das geben kann, was du verdienst. Das war verdammt deprimierend.“ Edwards Gesicht wurde traurig. „Du hast es immer so schwer gehabt, Liebes. Ich wollte das für dich beenden und dafür sorgen, dass du endlich ein sorgloses Leben führst. Stattdessen warst du unglücklich und hast dich gelangweilt. Ich habe mich wie ein Versager gefühlt, weil ich allein dir nicht genug war. Ich habe zu spät realisiert, dass du einfach eine Aufgabe brauchst, und dich nicht in diese Luxuswelt hineinzwingen lässt.“
„Also hast du deine Fürsorge an die Person weitergegeben, die sie ohne weiteres angenommen hat“, flüsterte ich mehr zu mir selbst.
Edward lachte. Es klang nicht gerade fröhlich, sondern ein wenig bitter.
„Unbewusst. Ja!“, meinte er schulterzuckend. „Tanya…sie hat mich schon immer gebraucht. Ich war es einfach gewohnt, ihr alles abzunehmen und habe dieses Verhalten auch über die Jahre nicht abgelegt. Als sie wieder aufgetaucht ist, habe ich einfach da wieder weitergemacht, wo ich aufgehört habe. Nur mit dem Unterschied, dass es nicht mehr um Liebe ging, sondern eher darum, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, weil ich glücklich war und sie nicht. Ich liebe sie schon lange nicht mehr, Bella. Du hast sie komplett aus meinem Herzen gedrängt, da war einfach kein Platz mehr für sie. Tanya zu helfen, war einfach eine alte Gewohnheit. Sie hat meine Hilfe nur zu gern angenommen und das hat mir gutgetan. Du dagegen bist völlig anders.“
„Man kann sich nicht immer auf andere verlassen“, stellte ich rigoros klar. „Dass ich dich nicht wegen jeder Kleinigkeit um Hilfe gebeten habe, bedeutet doch nicht, dass ich dich weniger brauche, als sie. Ich dachte bisher immer, dass eine Ehe eine Partnerschaft sein sollte. Es ist nicht gut, wenn einer vom anderen abhängig ist.“
Jetzt wurde sein Lächeln weicher.
„Und wenn ich dir sage, dass ich abhängig bin?“ Ich hielt den Atem an, alles in mir fing an zu kribbeln. „Ich bin es, Bella. So sehr, dass es mir fast Angst macht.“
Er kam zwei Schritte näher, vorsichtig, um mich nicht zu verschrecken.
„Ich bin süchtig nach deinem Lachen, Liebes. Noch nie hat mir etwas so sehr gefehlt, wie dieser Klang“, hauchte er mit samtener Stimme. Wieder ging er einen Schritt auf mich zu, doch ich blieb reglos stehen und rührte mich keinen Millimeter vom Fleck.
„Dann deine Wärme und deine Großzügigkeit! Du hast so viel Liebe in dir und verteilst sie, als hättest du einen unerschöpflichen Vorrat davon in dir. Hast du eine Ahnung, wie schrecklich es für mich ist, ohne das leben zu müssen.“
Ein weiterer Schritt in meine Richtung. Oh Edward…
„Deine Sturheit ist eine weitere Eigenschaft von dir, die mir über die Maßen fehlt. Ich hätte nie gedacht, dass mir dein Dickschädel mal so abgehen würde. Aber es ist so! Ich könnte schreien, wenn ich daran denke, dass du mir nie wieder eine Predigt hältst, weil ich wieder mal eine Dummheit gemacht habe.“
Ein letzter Schritt und er schloss den Abstand zwischen uns. Körperlich, wie auch geistig.
„Bella, du bist der wundervollste Mensch den ich kenne und es tut mir so unendlich leid, dass ich nicht gesehen habe, wie weh ich dir getan habe. Du bist genau richtig, so wie du bist, und ich will dich gar nicht anders haben. Von mir aus, kannst du auch wieder als Bedienung arbeiten. Hauptsache, du bist glücklich dabei. Ich gebe einen Dreck auf die Meinung der Leute, nur deine ist mir wichtig.“
Seine Stimme brach, oh Gott, in seinen Augen standen wirklich und wahrhaftig Tränen. Mir wurde die Kehle eng.
„Ich habe dich so vermisst, mein Engel“, flüsterte er erstickt. „So sehr.“
Jetzt konnte ich meine eigenen Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie flossen einfach meine Wangen hinab, lautlos, ohne die geringste Chance sie aufhalten zu können.
„Ich habe dich doch auf vermisst. Mehr als du dir jemals vorstellen kannst.“
Ein Ruck ging durch seinen Körper und er schlang besitzergreifend seine Arme um mich. Edwards Gesicht vergrub sich an meiner Schulter, er atmete abgehackt.
„Lass es mich wieder gut machen, Bella. Bitte! Es würde mich umbringen, wenn du nein sagst.“
Ich war viel zu sehr in dem Glücksgefühl gefangen, ihn endlich wieder spüren zu können, als dass ich noch hätte antworten können. Sein Duft war wieder um mich rum, hüllte mich ein und legte meinen Verstand lahm. Ich wollte auch nicht denken, nur noch fühlen….berühren…schmecken….alles nachholen, was ich in den letzten zwei Monaten versäumt hatte. Mein Gesicht war an seiner Brust vergraben und ich fühlte mich endlich wieder geborgen. Zuhause. Doch lange konnte ich dieses Glücksgefühl nicht genießen, denn seine Hände schoben mich ein Stück weit von sich fort. Prüfende grüne Augen sahen mich fragend an.
„Bella…?“
Edward wollte Klarheit darüber, ob ich ihm noch eine Chance geben würde. Ein kleiner Teufel in meinem Ohr brachte mich dazu, ihn noch ein wenig zappeln zu lassen. So einfach wollte ich es Edward dann doch nicht machen. Aber ich war bereit ihm zu verzeihen. Menschen machten Fehler, manchmal kleine, manchmal große. Doch nicht verzeihen zu können, war weit schlimmer, als so manche Dummheit. Ich hatte Edwards stumme Botschaften nicht verstanden, genauso wenig wie er meine. Vielleicht, weil wir sie nicht hören wollten. Wir würden uns beide mit unseren Schwächen auseinandersetzen müssen, zusammen daran arbeiten, bis wir einen gemeinsamen Weg fanden, sie zu überwinden. Fehlende Kommunikation, falsche verstandene Rücksichtnahme und der nicht vorhandene Glaube an die unerschütterliche Liebe des anderen, hatten uns in eine tiefe Krise gestürzt. Tanya war nie das wirkliche Problem gewesen, sondern nur der Zünder, der die Explosion auslöste. Auch ohne ihr Auftauchen wäre unsere Ehe ins Kriseln geraten, es hätte einfach nur länger gedauert. Im Grunde waren wir beide schuldig. Wenn man hier überhaupt von Schuld reden konnte, dann wog meine mindestens genauso schwer, wie seine.
„Ich muss sicher sein, dass du es ernst meinst, Edward“, sagte ich schließlich. „Meine Selbstständigkeit wird immer ein Teil von mir bleiben. Für sie habe ich lange und hart kämpfen müssen, ich werde sie nicht aufgeben, auch nicht für dich. Aber ich brauche dich deswegen nicht weniger, als es Tanya getan hat. Nur eben auf eine andere Art. Ich will keinen Babysitter, sondern eine Ehemann. Ich möchte alles mit dir teilen, Edward“, erklärte ich leidenschaftlich. „ Die guten und die schlechten Dinge. Freude, Glück, Sorgen und Ängste. Als gleichberechtigte Partner, die sich gegenseitig unterstützen. Nur dann wird es funktionieren. Sieh dir deine Eltern an. Denkst du, sie wären heute noch so glücklich, wenn dein Vater ihr jede Kleinigkeit abnehmen würde? Sicher nicht.“
Ich machte eine Pause, weil ich einfach Luft holen musste. Edward sah mich erstaunt an, ja, er wirkte richtiggehend fasziniert.
„Du bist unglaublich“, flüsterte er leise und sah mich voller Bewunderung an. „Hast du eigentlich eine Ahnung, wie stolz ich darauf bin, dein Ehemann sein zu dürfen?“
Ich hob ein bisschen unbeholfen die Schultern.
„Das muss irgendwie an mir vorbeigegangen sein.“
Er schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder. Ein beinahe schüchterner Ausdruck lag in ihnen und passte so gar nicht zu dem Bild, das er zu Beginn seines Besuchs abgegeben hatte.
„Unser Haus ist fertig“, kam es leise von ihm. Der Wechsel kam abrupt. Schluckend sah ich zu ihm und meine braunen Augen blieben gerührt an seinem verlegenen Lächeln hängen.
„Ich…ich habe die letzten Tage damit zugebracht es endlich bewohnbar zu machen und sogar Dannys Zimmer gestrichen und es fertig eingerichtet. Es wartet nur auf ihn.“
Erneut spürte ich das Brennen in meinen Augen und ein kiloschwerer Brocken lag in meiner Kehle. Gott, manchmal machte selbst Edward einfach alles richtig.
„Du…du hast gestrichen? Selber?“
Er nickte, es schien ihm fast schon peinlich zu sein. Ich konnte das nicht fassen. Die ganzen Wochen über, hatte er so gar kein Interesse an der Fertigstellung unseres zukünftigen Zuhauses gezeigt und jetzt das!
„Du hast dich ja beschwert, ich würde das nicht ernst nehmen, also habe ich die letzten Tage sinnvoll genutzt und alles fertiggestellt. Wir könnten morgen schon einziehen.“ Jetzt sah er fast schon ein wenig stolz aus. „Ich gebe zu, am Anfang war ich alles andere als begeistert über deine Wahl und ich habe es wirklich nur dir zuliebe gekauft. Das Haus war mir nicht groß und luxuriös genug, doch dann habe ich versucht, es durch deine Augen zu sehen.“ Er lächelte zärtlich. „Es ist keine Villa, keine Designerstätte und eigentlich ist es wirklich viel zu klein für unsere Zwecke.“ Wieder dieses Lächeln, sanft und liebevoll. „ Aber es ist ein Zuhause, Liebes. Unser Zuhause, wenn du es noch willst.“
Ich konnte ihn nur noch sprachlos anschauen. Noch lag das Lächeln um seinen Mund, doch meine fehlende Reaktion, löschte es langsam aus seinem Gesicht.
„Bella..?!“
Edward war verunsichert, doch ich war so überwältigt, dass ich keinen Pieps herausbrachte. Ich konnte ihn nur ergriffen anschauen. Jetzt wusste ich auch, warum er nicht gleich zu mir gekommen war. Er hatte nicht mit leeren Händen kommen wollen, und zeigte mir durch sein Engagement, seinen Willen, es diesmal besser zu machen. Das war so unglaublich süß von ihm. Wie eine Idiotin stand ich da und suchte nach Worten, doch Edward bekam das völlig in den falschen Hals.
„Ich verstehe“, sagte er schließlich mit einem gezwungenen Lächeln. „Es ist also doch zu spät, du willst nicht mehr.“ Er lachte bitter. „Entschuldige bitte, dass ich dich so spät noch gestört habe.“
Edward wandte sich zum Gehen und die Situation kam mir merkwürdig bekannt vor. Es war wie damals an unserem Hochzeitstag, als er mir seine Liebe gestanden hatte. Ein Déjà-vu der besonderen Art, der Kreis schloss sich wieder.
„Edward Cullen“, sagte ich leise, aber sehr bestimmt, „wage es nicht, auch nur einen Schritt aus dieser Tür zu machen, sonst lernst du mein Temperament erst richtig kennen!“
Er hielt sofort mitten im Schritt inne und rührte sich nicht. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, er stand ja mit dem Rücken zu mir, doch ich musste ihn nicht sehen, um sein Lächeln zu erahnen.
„Drohen Sie mir etwa, Mrs. Cullen?“, fragte er gespielt ängstlich.
„Darauf können Sie Gift nehmen, Mr. Cullen!“, neckte ich ihn und er drehte sich zu mir um.
Die pure Erleichterung war in jedem seiner Züge zu lesen. Sie schlug mir förmlich entgegen und mir wurde ganz leicht ums Herz. Die Kälte war endlich daraus verschwunden und ein warmes Glühen legte sich um meine Brust.
„Darf ich dich jetzt endlich küssen, Liebes“, fragte er demütig. Doch das freche Funkeln in seinen Augen, strafte seinen Tonfall Lügen.
Gerade als ich ihm antworten wollte, hörte ich Dannys verschlafene Stimme.
„Mom, wer redet denn mit dir?“
Er tauchte in der Tür auf. Sein Teddybär, den er mitgenommen hatte, schleifte auf dem Boden und er rieb sich müde die Augen. Danny blinzelte mehrmals und sah dann mit großen Augen zu Edward. Mit jeder Sekunde wurden sie riesiger und das glückliche Leuchten darin nahm stetig zu.
„Edwaaaard!!!!!“, brüllte er plötzlich und fing an zu rennen. So schnell ihn seine kleinen Füße trugen, rannte er auf ihn zu. Edward breitete die Arme aus und fing meinen Sohn darin auf, als der halb in ihn hineinstolperte.
Danny umarmte ihn fest mit seinen kurzen Armen und schlang die dünnen Beine um seine Taille. Was aber am Erstaunlichsten war, war Edward selbst. Er hielt meinen Sohn fest, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Sanft und beschützend schlossen sich seine Arme um Danny und er flüsterte:
„Endlich hab ich dich wieder. Du hast mir unglaublich gefehlt, Danny.“
Ich presste die Hand vor meinen Mund, weil ich sonst erneut in Tränen ausgebrochen wäre. Diesmal vor lauter Glück. Edward spielte hier nichts vor, sondern meinte es ernst. Er war nicht der Mensch, der Gefühle heuchelte, nur um sein Ziel zu erreichen. Danny war ihm ans Herz gewachsen, so deutlich wie jetzt, hatte ich das noch nie erkennen können.
„Bleibst du jetzt bei uns, Edward?“, fragte Danny aufgeregt. „Mommy hat gesagt, wenn ihr aufgehört habt zu denken, sind wir wieder eine Familie.“
Edward lächelte herzzerreißend.
„Ich bin ziemlich sicher, dass wir drei die tollste Familie werden, die du dir nur vorstellen kannst.“
Danny strahlte übers ganze Gesicht und lachte.
„Coooooool“, sagte er erfreut und grinste. Seine Zahnlücke wurde sichtbar und Edward lachte.
„Wo ist denn dein Vorderzahn ab geblieben?“
Danny sah jetzt mächtig stolz aus.
„Hab ihn mir selber gezogen“, prahlte er. „War ganz leicht! Ich habe ihn aufgehoben. Magst du ihn sehen?“
Edward verzog ein bisschen das Gesicht, schlug sich aber tapfer.
„Hmm, morgen. Okay? Du solltest jetzt wieder ins Bett gehen:“
Dannys Gesicht wurde ängstlich.
„Bist du denn noch da, wenn ich wieder aufwache?“
Edward nickte ernst.
„Danny, ich bin jetzt dein Daddy. Ich gehe nie wieder weg.“
„Mein anderer Daddy ist auch weggegangen.“
„Ich bin aber nicht wie dein anderer Daddy“, versicherte Edward ernsthaft. „Danny, ich werde immer für dich da sein, egal, was auch passiert.“
„Versprochen?“
„Versprochen!“
„Dann kannst du mich jetzt ins Bett bringen.“
Gerührt hatte ich die Szene beobachtet und überlegte kurz, ob ich die beiden begleiten sollte. Doch ich entschied mich dagegen. Dieser Moment gehörte Danny und Edward.
„Ich warte hier“, sagte ich ruhig und sah Edwards erstaunten Blick. Meine Augen schickten ihm das stumme Einverständnis und er lächelte. Edward hatte verstanden.
Es verging fast eine halbe Stunde, ehe er wieder aus Dannys Zimmer kam. Er schloss leise die Tür hinter sich und lehnte mit dem Rücken dagegen. Stumm starrten wir uns über die Entfernung hinweg in die Augen. Uns verband eine lautlose Konversation, die keine Worte benötigte. Das Glück, das ich ganz tief drin in mir verspürte, musste sich in meinen Augen widerspiegeln. Es war eine Reflektion der Gefühle, die ich in den seinen sah. Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir uns im Blick des anderen verloren. Selbst wenn wir bis in alle Ewigkeit so dagestanden wären, so hätte es mir nichts ausgemacht. Gab es etwas Schöneres, als die Liebe eines Menschen in seinen Augen erkennen zu können? Ich war wahrhaftig blind gewesen, weil ich sie nicht gesehen hatte. Meine Zweifel fielen von mir ab, wie eine lästige Hülle und ich schickte sie auf eine Reise ohne Wiederkehr. Dieses Mal war es richtig. Dieses Mal war es für immer.
Irgendwann stieß sich Edward elegant von der Tür ab und kam auf mich zu, genau in der gleichen Sekunde, in der ich mich in Bewegung setzte, um ihm entgegen zu gehen. Wir waren wie zwei Magneten, die sich unwiderstehlich voneinander angezogen fühlten. Zwei Hälften eines Ganzen, die sich bis in alle Ewigkeit zusammenschließen würden. Uns trennten nicht mal ganz zwanzig Zentimeter, als wir schließlich voreinander stehenblieben. Ein glückliches Lächeln zog meine Mundwinkel nach oben.
„Hey“, flüsterte er mir zu. Er schenkte mir sein charmantes, schiefes Grinsen und mein Herz hüpfte vor lauter Freude über diesen Anblick.
„Er schläft jetzt.“
„Das ist schön“, flüsterte ich und sah dabei die ganze Zeit auf seinen Mund. Kaum vorstellbar, wie sehr man sich danach sehnen konnte, einen Menschen zu küssen. Meine Lippen prickelten vor lauter Vorfreude, seine endlich wieder berühren zu dürfen. Das Bedürfnis ihn zu küssen, wurde so drängend, dass ich kaum noch atmen konnte. Aber wer brauchte schon Luft, wenn man Liebe haben konnte.
Edwards Augen waren ganz dunkel, während er selbst sehnsüchtig meinen Mund betrachtete. Er war ein erfahrener Liebhaber, hatte unzählige Frauen in seinem Leben geliebt und merkte genau, wann eine Frau sich leidenschaftlich nach ihm verzehrte. Doch da war eine gewisse Scheu in jedem von uns beiden, den ersten Schritt zu tun. Ich fühlte mich wie ein junges Mädchen, vor ihrem ersten Mal.
„Was machen wir jetzt?“
Mein Lächeln vertiefte sich bei seiner Frage. Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass Edward sich so völlig in meine Hände begeben würde. Meine Abwesenheit schien ihm noch ganz schön in den Knochen zu stecken, denn er machte keine Anstalten sich zu nehmen, was er wollte. Edward hatte Angst etwas falsch zu machen. Immerhin hatte ich ihm noch nicht „offiziell“ verziehen. Um es ihm leichter zu machen, nahm ich seine Hand und zog ihn ins Schlafzimmer. Er folgte mir wortlos, doch seine Hand zitterte leicht in meiner, als wir hineintraten. Es war winzig klein in dem Raum und wirklich nur zur Übernachtung gedacht. Edward wirkte in diesem Raum schon fast fehl am Platz, weil seine unglaubliche Ausstrahlung, ihn bis zum Bersten füllte.
Wir standen beide am Fuß des Bettes und sahen uns in die Augen. Das Licht war nicht an, aber von draußen fiel genug Helligkeit in den Raum, um den anderen genau erkennen zu können. In mir wurde alles ruhig und friedlich, ich hatte es nicht eilig. Edward war bei mir und wir hatten alle Zeit der Welt. Unser ganzes Leben lag noch vor uns. Ein Leben, das wir gemeinsam verbringen würden.
Edward hob die Hände und legte sie um mein Gesicht. Seine Wärme drang durch sämtliche Poren und ich schloss genießerisch dir Augen. Seufzend ergab ich mich seiner zärtlichen Berührung und ging ganz in seiner unmittelbaren Nähe auf.
„Du bedeutest mir so unendlich viel, Liebes“, flüsterte er und legte seine Stirn an meine. „Du bist mein Leben, Bella. Du und Danny, ihr habt mir gezeigt, was Liebe wirklich bedeutet. Dafür bin ich dir so unendlich dankbar.“
„Edward….ich fühle doch genauso. Es war so schrecklich für mich, dich nicht mehr um mich zu haben. Danny war auch so furchtbar traurig, er hat dich wirklich sehr lieb.“
Edward hob leicht den Kopf.
„Ich habe ihn auch lieb, Bella. Mehr als es mir bewusst war.“ Er holte tief Luft. „Da ist noch etwas, das ich auf dem Herzen habe, bevor wir….“
Er beendete den Satz nicht und ich musste grinsen. So wortkarg war er normalerweise nicht.
„Was denn?“, fragte ich zärtlich.
„Danny ist jetzt mein Sohn“, fing er an, „aber nicht vor dem Gesetz. Ich möchte alle Rechte und Pflichten für ihn übernehmen und ihn adoptieren.“
Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus und er machte mich damit nun endgültig sprachlos, fast.
„Du willst was?“, fragte ich ihn.
„Ich will Danny zu meinem Sohn machen. Ganz offiziell. Er soll die gleichen Rechte und Ansprüche haben, wie ein leibliches Kind von mir, das ich hoffentlich eines Tages mit dir haben werde.“
Ich konnte spüren, wie meine Lippen anfingen zu zittern und zu beben, wie mein ganzer Körper sich in dem Versuch anspannte, nicht wieder in Tränen auszubrechen. Voller Kraft kämpfte ich dagegen an, und verlor. Ein heftiges Schluchzen schüttelte mich und Edward sah mich entsetzt an.
„Bella….was…ich wollte doch nur….Bella?!“
Ich schüttelte den Kopf, griff nach oben zu seinem Gesicht und drückte ihn zu mir hinunter. Obwohl meine Wangen vor lauter Heulen klatschnass waren, presste ich mich an Edward und legte meine Lippen auf seine. Die Worte, die er mir zur Beruhigung sagen wollte, wurden durch meinen Kuss erstickt. Ich selbst konnte nicht reden, konnte ihm nicht mitteilen, was gerade in mir vorging, aber ich konnte es ihm zeigen!
Seine Überraschung über meinen Überfall, dauerte nur wenige Sekunden, ehe er seine Arme um mich schlang und mich eng an sich drückte. Mein Kuss, der eher einer Attacke glich, wurde von seinen sanften Lippen aufgefangen, angenommen und in etwas unglaublich Sanftes verwandelt. Liebevoll bewegten sich unsere Münder aufeinander, er schenkte mir seinen Atem und wir krochen fast in den anderen hinein. Zwischendurch lösten wir den Kontakt, berührten gegenseitig unsere Gesichter und fuhren die Linien nach. Ich lachte, als er spielerisch nach meinem Daumen schnappte, der über seine Unterlippe fuhr und er fiel ausgelassen in dieses Lachen mit ein. War das, das pure Glück? Jedenfalls konnte ich mir keine Steigerung mehr vorstellen, zumindest, bis er mich unvermittelt auf seine Arme hob und mich dann vorsichtig auf dem Bett ablegte.
„Ich will jetzt Liebe mit dir machen, Bella!“, hauchte er mir zu und küsste meinen Hals. Atemlos bog ich ihn nach hinten, und erschauerte. Liebe machen! Genau das würden wir tun, in dem völligen Bewusstsein, dass wir für den anderen genug waren und keine andere Person sich jemals zwischen uns drängen konnte. Nicht heute, nicht morgen, niemals.
„Ich bin hier, Edward“, wisperte ich ihm leise zu. „Ich gehöre nur dir.“
Langsam senkte er den Kopf und küsste mich erneut. Unsere Hände verselbstständigten sich und gingen auf eine liebevolle Erkundungstour. Ich konnte sie überall auf mir spüren und ich gab Edward jede Liebkosung zurück, die er mir schenkte. Die Erregung steigerte sich langsam, baute sich auf, bis sie schier unerträglich wurde.
„Ich habe geglaubt, ich würde dich nie wieder so spüren können“, kam es zwischen zwei Küssen von Edward. „Liebes, jag mir nie wieder solche Angst ein!“
„Ich werde nicht mehr gehen, Edward“, flüsterte ich an seinen Lippen, „Bitte, Edward. Liebe mich, ich will dich überall auf mir spüren! Ich brauche dich so sehr.“
Er lächelte, zupfte an meiner Unterlippe und zog sie sanft zwischen seine Zähne. Mit der Zunge fuhr er über die seidige Haut, dann ließ er los und tauchte mit ihr in meinen Mund, suchte nach meiner und verwob sie miteinander. Sein Geschmack war noch genauso, wie ich ihn in Erinnerung gehabt hatte. Edward schmeckte nach Mann, nach Liebe und nach Glück. Ich konnte nicht genug davon bekommen, ihn zu küssen und klammerte mich mit aller Kraft an seinen Hals. Meine Hand streichelte seinen Nacken und verhinderte so, dass er sich mir entziehen konnte. Es war eine zärtliche Fessel die ihn hielt. Und während dieser ganzen Zeit, in der wir unsere Liebe körperlich auslebten, waren unsere Lippen und Zungen miteinander verbunden. Wir küssten uns fast ohne Unterbrechung und konnten es kaum ertragen, uns voneinander zu lösen. Sei es auch nur, um kurz nach Atem zu ringen. Wir waren so hungrig, so gierig und so unendlich verliebt.
Der Moment, als er in mich eindrang, würde mir ewig im Gedächtnis bleiben. Ich prägte mir genau ein, was ich empfand, als er langsam in meinen Körper glitt. Es war etwas Besonderes, jedes Mal aufs Neue, weil man nie wissen konnte, ob es vielleicht nicht doch das letzte Mal war. Das Leben konnte einem, manchmal bittere Streiche spielen, und ich beschloss in diesen Sekunden, nie wieder etwas als selbstverständlich hinzunehmen. Ich wollte mein Glück auskosten, und das Leben und die Liebe, mit Edward bis zu meinem letzten Atemzug genießen. Jede drängende Bewegung von ihm, jedes geflüsterte, liebevolle Wort brannte sich für immer in mein Herz. Wir sahen uns dabei die ganze Zeit in die Augen und als ich endlich kam, konnte ich mich selbst in diesen grünen Tiefen erkennen. Wir waren noch lange nicht am Ziel angekommen, doch wir wussten jetzt beide, dass wir zusammen Alles waren, und ohne einander Nichts.
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