Wortlos saß ich der Frau gegenüber, die Edwards große Liebe zur Welt gebracht und großgezogen hatte. So nah wie jetzt, war ich Tanya noch nie, wenn auch nur im übertragenen Sinne. Ich erholte mich nur langsam von dem Schrecken, den ihr Name in mir ausgelöst hatte und es war irgendwie beklemmend, ihrer Mutter gegenüberzusitzen. Was dachte diese Frau über mich? Was hatte sie mir zu sagen? Edward erwähnte sie mir gegenüber nie und somit hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich zu erwarten hatte. Der Ausdruck in ihren Augen verhieß nichts Gutes und ich wäre am liebsten, wie ein Feigling davongelaufen.
„Was wollen Sie von mir?“
Ich klang mutiger, als ich mich fühlte, doch ich wollte ihr nicht das Gefühl vermitteln, dass sie irgendeine Form von Macht über mich besaß. Trotzdem schlotterten mir die Knie, auch wenn es absolut nichts gab, dessen ich mich schämen musste. Rechtfertigen brauchte ich mich nicht vor ihr, doch sie schaffte es, mit ihrer überaus eleganten Erscheinung und der autoritären Ausstrahlung, dass ich mir vorkam, wie ein kleines Schulmädchen.
„Ich wollte mir die Frau ansehen, die es geschafft hat, nach so vielen Jahren meine Tochter zu ersetzen“, antwortete sie. Ihr Ton klang unglaublich spöttisch. „Ich muss sagen, ich bin sehr überrascht. Ich dachte immer, Edward bevorzugt glamouröse Frauen und nicht das Mädchen von nebenan.“ Sie schwieg ganz kurz und lächelte lieblich, bei ihren nächsten Worten. „Aber wenn man jahrelang Kaviar genießen durfte, tut es irgendwann auch einfache Hausmannskost. Nicht wahr?“
Der Mund blieb mir offen stehen, bei dieser Frechheit. Warum nur, war sie so gemein zu mir? Ich hatte mit Tanya nichts zu schaffen, hatte sie nicht mal kennengelernt. Carmen Denali besaß nicht das Recht, über mich zu urteilen.
„Weshalb sind Sie mir gegenüber so feindselig eingestellt? Ich habe weder Ihnen, noch Ihrer Tochter, je etwas getan. Ist es ein Verbrechen, dass Edward sich neu verliebt hat und jetzt glücklich ist.“
Sie lachte höhnisch.
„Glücklich? Verliebt? In eine andere als Tanya? Machen Sie sich nicht lächerlich. Er mag sich nach etwas Festem sehnen, nachdem er jahrelang herum gehurt und so das Andenken meiner Tochter beschmutzt hat, aber wirklich geliebt hat er in seinem Leben nur eine Frau. Tanya. Sie können ihr leider nicht mal annähernd das Wasser reichen. Sehen Sie sich doch an! Ich will Sie wirklich nicht beleidigen, meine Liebe, aber Sie und meine Tochter sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Es muss sehr frustrierend für Sie sein, wenn Sie sich mit ihr vergleichen. Sie war nicht nur optisch ein Engel, sondern auch in ihrem Herzen. Da können Sie nur verlieren.“
Sie tat so, als würde sie mich ernsthaft bedauern, doch Carmen Denali konnte mich nicht täuschen. Ich hatte mir den hasserfüllten Blick nicht eingebildet, den sie mir vorhin zuwarf. Tränen der Demütigung stiegen mir in die Augen. Bestimmt empfand sie es als ungerecht, dass ich am Leben und mit Edward glücklich war, während ihre Tochter schon so früh ihr Leben lassen musste. Doch das gab ihr nicht das Recht, so mit mir zu sprechen. Es war unglaublich verletzend.
„Mrs. Denali, es tut mir leid, dass Sie Ihre Tochter verloren haben, aber ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich am Leben und glücklich bin. Edward hat viele Jahre unter Tanyas Tod gelitten. Er musste aber endlich die Vergangenheit hinter sich lassen. Nichts bringt Tanya wieder zurück, selbst wenn er bis an sein Lebensende, um sie trauern würde.“
Sie schüttelte mitleidig den Kopf.
„Es geht mir nicht darum. Wissen Sie, es ist schon richtig, dass Sie nicht unbedingt zu den Menschen gehören, denen ich alles Glück der Welt wünsche, dennoch will ich Ihnen nichts Böses. Auch ist mir durchaus bewusst, dass Tanya nichts zurückbringen kann und jeder sein Leben so gut es geht weiterführen muss. Trotzdem möchte ich Sie warnen.“
„Warnen!“, rief ich spitz, „Wovor? Ich muss Sie enttäuschen, aber ich brauche Ihre sogenannten Warnungen nicht. Mir geht es bestens und das wird sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern.“
„Sind Sie sich da so sicher? Edward war mal ein sehr charmanter Bursche. Doch Sie wissen bestimmt aus eigener Erfahrung, dass er sich in einen skrupellosen Schweinehund verwandelt hat.“ Sie seufzte tief, ihr Blick wurde versonnen. „Hach, wenn ich daran zurückdenke, wie rücksichtsvoll er einst war. Er hat meine Tochter nie bedrängt und war sogar einverstanden damit, bis zur Hochzeitsnacht zu warten, bevor sie miteinander schlafen. Er hat sie behandelt, wie das kostbarste Juwel der Welt. Wussten Sie eigentlich, dass sie so schnell wie möglich ein Baby wollten?“
„Ein Baby?“ Das Wort blieb mir fast im Hals stecken. In unserer gemeinsamen Zeit hatte er dieses Wort noch nicht mal in den Mund genommen. Auch mit Tanya war er nur kurz zusammen, doch offensichtlich hatte ihn das nicht daran gehindert Nachwuchs mit ihr zu planen. Bei mir, schien er dieses Verlangen nicht zu haben. Oder war es nur eine Lüge? Ein Blick in ihre Augen, verriet ihre Ehrlichkeit in diesem Punkt. Obwohl ich mir nicht erklären konnte, warum, war ich mir sicher, dass sie die Wahrheit sprach. Ihre melodiöse Stimme sprach ungehindert weiter.
„Tanya war ganz vernarrt in Kinder müssen Sie wissen und wünschte sich sehnsüchtig so ein kleines Bündel, das sie hegen und pflegen konnte. Edward wollte ihr aus Liebe diesen Wunsch erfüllen und freute sich schon darauf, mit ihr einen Stammhalter zu zeugen. Ein lebendiger Beweis ihrer Liebe, so hat er sich damals ausgedrückt. Ist das nicht romantisch?“
Ich musste hart schlucken.
„Ich verstehe.“
„Ohhh, jetzt habe ich Sie gekränkt, nicht wahr? Das lag nicht in meiner Absicht?“
Lügnerin. Es bereitete ihr bestimmt das höchste Vergnügen, mir diese Dinge aufs Butterbrot zu schmieren.
„Ich gebe zu, als ich hier herkam, hatte fest vor, Sie zu hassen, doch jetzt, wo ich Sie ein bisschen kennenlernen durfte, kann ich das nicht mehr.“
„Wie schön für mich“, spottete ich trocken.
Sie wirkte ein wenig nachdenklich, bevor sie weitersprach.
„ Sie müssen mir glauben, dass ich keine bösartige Person bin, auch wenn ich in den ersten Minuten diesen Eindruck bei Ihnen erweckt haben muss. Ich will Ihnen nur die Augen öffnen und Ihnen einen gutgemeinten Rat geben.“
„Und der wäre?“
Ich wollte nur noch weg von dieser Frau. Wenn ich dafür ihr Mitgefühl und ihre Weisheiten ertragen musste, so sollte es mir recht sein. Danach würde ich mich höflich verabschieden und ihr hoffentlich nicht so schnell wiederbegegnen.
„Lassen Sie sich von Edward Cullen nicht an der Nase herumführen. Er mag Sie jetzt ganz interessant und reizvoll finden, doch er wird niemals das Gleiche für Sie empfinden, wie für Tanya. Ich habe Sie beide gesehen, als Sie aus der Kirche kamen“, gab sie zu, „ Ich war ja aus verständlichen Gründen nicht eingeladen und konnte es mir doch nicht verkneifen hinzufahren. Ich muss eingestehen, dass er durchaus in Sie verliebt ist. Aber er sieht Sie nicht mit der gleichen Verehrung und Hingabe an, wie meine Tochter. Sie sind nicht die Eine für ihn. Das ziehe mir das nicht aus den Fingern, es ist einfach eine Tatsache. Edward wird Ihnen eines Tages furchtbar weh tun, wenn ihm das bewusst wird. Ich will Ihnen doch nur unnötige Schmerzen ersparen.“
„Sie lügen.“
Die Worte brachen ganz leise aus mir heraus und ich hasste den verzweifelten Unterton, der in meiner Stimme mitschwang. Sie täuschte sich. Edward liebte mich von ganzem Herzen und nur mich. Tanya war Geschichte! Er konnte diese Leidenschaft und Hingabe nicht an den Tag legen, wenn sein Herz noch an ihr hängen würde.
Denk an heute Morgen, Bella, flüsterte mir eine misstrauische kleine Stimme in meinem Kopf zu. Wie schnell hat er dich beiseitegeschoben und dich ganz lapidar zum Einkaufen geschickt? Hat er dich nicht behandelt, wie ein nutzloses Luxusweibchen? Wie lange wird es dauern, bis du ihn langweilst und er sich interessanteren Dingen zuwendet?
Panisch versuchte ich diese Gedanken aus meinem Kopf zu verdrängen. Vergeblich. Genau das wollte diese Frau erreichen. Sie säte erfolgreich Zweifel in mir, pflanzte sie tief in meinen Kopf, bis sie sich fest dort verankerten. Egal, wie sehr ich mich auch dagegen sträubte, es gelang mir nicht, mich ihr zu entziehen. Es war beinahe schon pervers, wie sehr ich jedes ihrer Worte aufsog. Meine Angst, Edward eines Tages zu verlieren, war der Katalysator, der meine Unsicherheit nährte, und diese Frau, hielt den Motor, mit ihren wohldosierten, angeblich gutgemeinten Äußerungen am Laufen.
„Auch wenn Sie mir nicht glauben, so ändert es nichts an der Situation“, fuhr sie fort, „Sie sind mit einem Mann verheiratet, der Sie nie so lieben wird, wie seine erste Verlobte. Ihnen ist doch klar, dass der Spruch - „Seine erste Liebe vergisst man nie“-, durchaus der Wahrheit entspricht? Keine Frau verdient es die zweite Wahl zu sein, auch Sie nicht, Bella. Mir scheint, Sie sind eine ganz patente und freundliche Person. Das hätte ich ehrlich gesagt, so nicht erwartet, nach Edwards billigen Bettgespielinnen der letzten Jahre. Bella, Sie haben mehr verdient, als einen Mann, der egal was er Ihnen auch vorsäuselt, nie sein Herz komplett für Sie öffnen kann. Denken Sie einfach mal in Ruhe darüber nach.“
Geschockt ließ ich ihre Worte auf mich wirken. Sie sprach meine geheimsten Befürchtungen aus. Edward hatte sie gestern Nacht ausgeräumt, doch jetzt……Nein, nein, nein! Ich durfte mich nicht von ihren fadenscheinigen Aussagen einwickeln lassen. Carmen Denali konnte nichts über Edwards jetzige Gefühle wissen und wie sie sich entwickelt hatten. Sie lebte noch immer in der Vergangenheit, während mein Mann den Schritt nach vorne getan hatte.
„Ich werde Edward nicht verlassen, das können Sie sich abschminken.“ Meine braunen Augen blickten fest in ihre blauen. „Ich habe ihn in dem Wissen geheiratet, dass er immer noch Gefühle für Tanya hat. Doch er hat mir versichert, dass er jetzt mich liebt und mit mir glücklich sein will. Ich habe keinen Grund ihm nicht zu glauben, und ich werde ganz sicher nicht Ihren Worten mehr Glauben schenken, als seinen.“
Sie lächelte dünn.
„Sie werden schon noch sehen, was Sie davon haben. Ich habe Sie gewarnt, mehr bleibt mir nicht zu sagen. Sie werden bald merken, wie Recht ich mit meinen Worten habe. Heute Morgen dachte ich noch, es würde mich befriedigen, wenn ich Ihnen Schmerz zufüge, doch jetzt tun Sie mir nur noch leid. Es wird nicht von heute auf Morgen geschehen, aber irgendwann wird er anfangen Sie mit ihr zu vergleichen. Ist Ihnen denn nicht bewusst, dass die Liebe der Beiden noch völlig unbefleckt von Streit und Alltag war und er sie daher auf einen Sockel gestellt hat? Er kennt keine schlechten Eigenschaften von Tanya. Genau das wird Ihnen zum Verhängnis werden, wenn es zwischen Ihnen beiden, zu den ersten unvermeidlichen Differenzen kommt. Meine Tochter war nicht perfekt, aber er kennt sie nicht anders. Das ist ein schweres Erbe das Sie antreten, meine Liebe und ich hoffe, Sie wissen damit umzugehen. Ich hoffe, Sie sind am Ende nicht die Leidtragende, denn ich sehe jetzt selbst, dass Sie das nicht verdient haben. Leben Sie Wohl, Bella. Ich hoffe wirklich für Sie, dass Sie einen Weg für sich finden. Doch ich befürchte, eines Tages werden Sie ihn ohne Edward gehen.“
Sie beendete ihren Monolog und erhob sich elegant. Sie verließ das Restaurant und ich sah dieser unglaublich eleganten Frau hinterher, völlig unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Alles was sie sagte, ergab Sinn und meine Angst war größer denn je.
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Nach meiner Begegnung mit Carmen Denali machte ich mich schleunigst auf den Heimweg. Die Lust einzukaufen, die vorher schon eher mäßig war, verging mir nach diesem Gespräch endgültig. Ich wollte mich nur noch verkriechen und meine Wunden lecken. Jedes Wort von ihr hatte zugeschlagen, wie eine geballte Faust und ich fühlte mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Ich hasste es, was die Angst aus mir machte und ertrug mich selbst nicht mehr.
Das Haus war leer. Niemand außer dem Personal war anwesend, da Carlisle im Golfclub unterwegs war und Esme sich mit einer Freundin traf. Ich hätte gerade jetzt so dringend jemanden zum Reden gebraucht und doch war in diesem riesigen Haus niemand, dem ich mich anvertrauen konnte. Ich verzog mich in die Bibliothek und setzte mich auf das Sofa. Die Beine angezogen, hockte ich mich an den äußersten Rand und kramte in meiner Tasche zum wiederholten Mal an diesem Tag nach meinem Handy.
Vielleicht hatte Bibi etwas Zeit für mich. Wir hatten einander noch nicht gesprochen und ich sehnte mich danach, mich in die Arme meiner mütterlichen Freundin zu flüchten. Doch sie war weder zu Hause erreichbar, noch auf dem Handy. Es war wie verhext. Keiner war da und ich fühlte mich so einsam wie damals in meinen Anfangszeiten in Seattle. Eine erste, lang zurückgedrängte Träne, tropfte auf meine Hand, eine zweite folgte und danach noch viele andere.
Das Weinen tat mir gut. Ich musste diesen enormen Druck unter dem ich stand endlich loswerden, sonst wäre ich geplatzt. Gestern war ich noch glücklich und grenzenlos verliebt. Mein Leben erstrahlte in den prächtigsten Farben. Heute war alles wieder anders. Ich war verunsichert und wusste nicht mehr, was ich denken sollte. Carmen Denali hatte ganze Arbeit geleistet.
„Mrs. Cullen, ist alles in Ordnung?“
Heftig zuckte ich zusammen und sah mit tränenüberströmtem Gesicht auf. Es war Dobson, der lautlos in den Raum getreten war und mich fassungslos anstarrte. Schniefend suchte ich nach einem Taschentuch. Es war mir peinlich beim Heulen erwischt worden zu sein und ich wollte die Spuren meiner Schwäche fortwischen.
„Hier“, hörte ich den Butler flüstern und bekam ein Taschentuch aus Stoff gereicht.
Dankbar nahm ich es und tupfte mir die Augen und das Gesicht trocken.
„Vielen Dank, Dobson, das ist sehr nett von Ihnen.“
Mit gesenktem Kopf saß ich da und versuchte mich wieder einzukriegen.
„Möchten Sie vielleicht darüber reden, Mrs. Cullen? Ich bin sehr verschwiegen, und es tut gut, seinem Herzen Luft zu machen.“
Ich schluckte meine neu aufsteigenden Tränen hinunter. Dobson war mir im Grunde völlig fremd, doch ich vertraute ihm. Er war der Inbegriff britischer Diskretion und wusste alles über diese Familie und die Dinge die hier vor sich gingen. Ich konnte mir gut denken, dass er genau im Bilde darüber war, warum ich mir hier die Augen aus dem Kopf heulte. Vielleicht konnte er mir ein paar Antworten geben.
„Dobson, kann sich Sie was fragen“, wollte ich zaghaft wissen.
„Aber selbstverständlich. Was immer Sie wollen.“
„Sie kannten doch die erste Verlobte meines Mannes. Wie war sie? Keiner will mit mir über sie sprechen und ich kriege nur merkwürdige Andeutungen von meiner Schwiegermutter. Es macht mich wahnsinnig, weil ich so gern mehr über sie erfahren möchte.“
Er schwieg.
„Verzeihen Sie mir, Dobson. Sie müssen mich für sehr dumm halten, weil ich wegen einer Toten so ein Theater mache. Vergessen Sie es einfach.“
Betreten stand ich auf und wollte den Raum verlassen, als seine Stimme erklang.
„Sie hätte ihn nicht glücklich gemacht auf Dauer, wissen Sie.“
Sofort hielt ich im Schritt inne und drehte mich zu Dobson, der mich ernst betrachtete. Ich setzte mich wieder auf das Sofa und wartete erwartungsvoll darauf, dass er fortfuhr.
„Mr. Cullen wird mich steinigen, wenn er erfährt, dass ich von ihr gesprochen habe, aber ich finde, Sie haben ein Anrecht darauf, etwas mehr über sie zu erfahren.“
„Wieso sind Sie der Meinung, Tanya hätte Edward nicht glücklich gemacht? War sie doch nicht so nett, wie sie von allen dargestellt wird.“
Er schüttelte den Kopf.
„Das ist es nicht. Miss Denali war immer außerordentlich freundlich zum Personal im Haus, aber sie hatte so eine gewisse Traurigkeit an sich, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Etwas hat sie sehr beschäftigt und sie wirkte in diesen Momenten todunglücklich, als hätte sie ein furchtbar schlechtes Gewissen.“
„Denken Sie, sie hatte etwas zu verbergen?“
Meine Neugier war größer denn je und Dobson gab ihr unfreiwillig neue Nahrung.
„Ich weiß es wirklich nicht. Es war nur der Eindruck den ich von ihr hatte. Ich bin der Meinung, man kann eine andere Person nur glücklich machen, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. Das war bei Miss Denali nicht der Fall. Ich bin ein alter Mann, Mrs. Cullen und habe schon viele Menschen in meinem Leben kennenlernen dürfen. Ich merke, wenn etwas im Busch ist. Auch Mr. Cullens Mutter hat gespürt, dass sie etwas vor ihm verbarg und war ihr gegenüber misstrauisch. Außerdem hat es ihr überhaupt nicht behagt, dass Edward sich so jung festlegen wollte. Er hat sich praktisch selber aufgegeben, weil er sie unbedingt glücklich sehen wollte und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Mrs. Cullen fand das sehr ungesund, vor allem, weil es nicht im gleichen Maße zurückkam. Doch Master Edward wollte davon nichts hören und geriet des Öfteren mit seiner Mutter darüber in Streit.“
So war das also. Aus diesem Grund war Esme ihrer damaligen Schwiegertochter in spe nicht sonderlich zugetan. Edward liebte Tanya wohl mehr, als sie ihn. Diese Information musste ich erst mal verdauen.
Mir persönlich, brachte das gar nichts. Es bestätigte Carmen Denalis Einschätzung seiner Gefühle zu ihrer Tochter. Edward hatte sie wahrhaftig über alles geliebt, wollte sogar ein Kind mit ihr. Das schmerzte mich am meisten und ich mochte gar nicht darüber nachdenken, was das für mich bedeuten musste.
Dobson war aber noch nicht fertig. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn. Er stand mit geradem Rücken und sehr würdevoll da und sprach weiter.
„Miss Denali war sehr introvertiert und hatte außer ihrem Mann keine besonderen Bekanntschaften. Der einzige enge Kontakt den sie unermüdlich pflegte, bestand zu einer alten Sandkastenfreundin. Die beiden hingen ständig zusammen, wenn diese Frau in der Stadt war. Wenn mir nur der Name einfallen würde, aber ich habe ihn mir nicht merken können. Das einzige woran ich mich erinnern kann, war, dass sie viel gelöster wirkte, wenn sie sich mit ihr getroffen hatte.“
„Vielleicht hat ihr ein Gesprächspartner gefehlt“, mutmaßte ich, „Es gibt Dinge, die man weder seinem Partner, noch der Mutter erzählen mag. Wenn Tanya Schwierigkeiten hatte Freunde zu finden, muss es eine Erleichterung für sie gewesen sein, mit jemandem zu sprechen, dem sie vertraute.“
„Diesen Eindruck bekam ich auch. Irgendwann verschwand ihre Freundin von der Bildfläche und Miss Denali war untröstlich. Mr. Cullen hat erfolgreich versucht sie zu trösten und kurz darauf wurde die Verlobung bekanntgegeben. Den Rest kennen Sie.“
Ich nickte langsam. Im Grunde hatte mir Dobson nichts Neues erzählt, außer, dass Tanya wohl nicht gerade kontaktfreudig war und nur eine Freundin hatte, der sie vertraute. Obwohl es gemein war, hätte ich mir eher gewünscht, zu hören, wie schlimm und schrecklich sie war. Ich musste mich wohl oder übel mit der Tatsache abfinden, dass sie eine nette Person war.
„Mrs . Cullen?“
Ich sah auf.
„Ja?“
„Er liebt Sie. Zweifeln Sie nicht daran, egal, wie widrig die Umstände auch erscheinen mögen. Die Liebe zu Ihnen ist anders, als die zu Miss Denali. Sie hat er auf naive, romantische und leidenschaftliche Art geliebt. Die Liebe zu Ihnen ist viel erwachsener. Sie wird beständig sein und alle Stürme des Lebens überstehen.“
„Glauben Sie, er liebt mich nicht leidenschaftlich?“
Meine Stimme klang bitter.
„Oh, ich wollte nicht, dass es so rüberkommt. Natürlich tut er das. Mrs. Cullen, er hat Sie geheiratet! Sie haben gewonnen, denn seine Liebe zu Ihnen war stärker, als die Verehrung für Miss Denali. Sie müssen sich das nur in Erinnerung rufen, wenn Sie hin und wieder Bedenken verspüren.“
Dobson war wirklich ein Goldschatz. Er hatte ja so recht. Ich war an Edwards Seite, etwas, das keine vor mir geschafft hatte.
„Sie sind ein sehr weiser Mann, Dobson. Hat man Ihnen das schon mal gesagt?“
Er hob das Kinn.
„Weisheit ist mein zweiter Vorname“, sprach er aus und zwinkerte mir dann verschwörerisch zu.
Ich lachte erleichtert. Dobson war genau der Richtige gewesen, um mich wieder aufzurichten.
„Ich danke Ihnen, Dobson. Aber dieses Gespräch bleibt unter uns“; bat ich ihn ernst.
„Selbstredend, Mrs. Cullen. Es war mir eine Ehre Ihnen zu helfen.“
Ich verließ neuen Mutes die Bibliothek und verschwand auf mein Zimmer.
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Es war jetzt schon kurz vor 23 Uhr und Edward war noch immer nicht zurück. Er hatte mich am Nachmittag noch angerufen, um meine Stimme zu hören und um mir mitzuteilen, dass er es nicht zum Abendessen schaffen würde. Es tat so gut, ihn zu sprechen, auch wenn ich enttäuscht darüber war, dass es tatsächlich sehr spät werden würde. Im Hintergrund hörte ich Bentons Stimme, der mit einem anderen Mann sprach. Es war offensichtlich, dass Edward schwer beschäftigt in seinen ersten Arbeitstag gestartet war und nun versuchte ich, so verständnisvoll wie möglich zu sein. Ich versprach ihm zu warten und er flüsterte mir zu, wie sehr er mich vermisste. Er beendete das Gespräch viel zu schnell. Beruhigter, und voller Sehnsucht nach ihm, vertrödelte ich die Zeit, bis ich Danny abholen konnte.
Mein Junge lenkte mich von meinen trüben Gedanken ab. Wir sahen uns nach dem Abendessen noch das Hawaiibuch an und staunten über die schönen Bilder von der Insel. Danach packten wir seine Tasche für den morgigen Tag und ich blieb in seinem Zimmer, bis es an der Zeit für ihn war, ins Bett zu gehen.
Wieder allein, verzog ich mich in unser Schlafzimmer und schaute mir eine ziemlich dämliche Talkshow an, die mich stellenweise sogar zum Lachen brachte. In die weichen, seidenen Kissen gekuschelt lag ich im Bett und tat alles erdenkliche, um nicht zu genau an den heutigen Tag zu denken. Ganz verdrängen konnte ich es natürlich nicht, doch ich mühte mich ab und versank nicht in depressiven Wahnvorstellungen, über Edwards unsterbliche Liebe zu Tanya Denali.
Ich kam zu der Überzeugung, dass ich lieber Dobson Glauben schenken wollte, als Carmen. Immerhin kannte Dobson Edward schon sein ganzes Leben lang und musste wissen, wie er ihn einzuschätzen hatte. Traurig fragte ich mich, warum ich es nicht schaffte, einfach auf Edwards Liebe zu mir zu vertrauen. Er gab mir bisher keinen Grund daran zu zweifeln und versuchte ehrlich, sich zu ändern, auch wenn sein Arschloch-Ego hin und wieder noch zum Vorschein kam. Doch es brauchte immer eine dritte, unbeteiligte Person, um mich wieder in die Spur zu bringen. Wie viel war eine Liebe wert, wenn sie solchen Prüfungen nicht eigenständig trotzte?
Ich versprach mir selbst, mich zu bessern und nicht mehr so schrecklich misstrauisch und zweifelnd zu sein. Ich wollte das unbedingt. Jetzt sehnte ich mich fürchterlich nach ihm und wünschte mir nichts sehnlicher, als mich in seine Arme zu kuscheln, seinen wundervollen Duft einzuatmen und seine streichelnden Hände auf meinem Körper zu fühlen.
Ich versuchte krampfhaft wachzubleiben, doch die Müdigkeit machte mir zu schaffen. Ich war nicht nur körperlich ausgelaugt, sondern auch geistig und so schaffte ich es nicht. Völlig fertig von diesem Tag, schlief ich schließlich ein.
Als ich aufwachte, war der Fernseher aus und das Licht der Nachttischlampe gelöscht. Die Uhr zeigte nach eins an und ich drehte mich freudig um, weil ich mich an Edward kuscheln wollte. Doch die Seite neben mir war leer, das Bett unberührt. Irritiert und noch schlaftrunken setzte ich mich auf und ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. Der Mond erhellte den Raum ein wenig und ich konnte seine Jacke erkennen. Sie hing über einem Sessel. Also war er war wieder da. Ich schnappte mir meinen Bademantel, den ich über dem dünnen, seidenen Nachthemd trug und tapste zur Tür. Dass er nicht im Bett lag, bereitete mir Sorgen. Wenn er nicht schlafen konnte, musste ihm einiges durch den Kopf gehen. Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass es besser war, wenn man dann nicht allein war.
Wie heute Nachmittag schlug ich den Weg zur Bibliothek ein, bis ich vor der dunklen Mahagonitür stand, die den Raum verschlossen hielt. Ein kleiner Lichtschein schimmerte aus dem Türspalt hervor und ich drückte vorsichtig die goldene Türklinke hinunter. Ich betrat den gemütlichen Raum, in dem ein Kaminfeuer brannte. Die Regale waren in die Wände eingelassen. Sie boten Raum für hunderte von Büchern. Ich konnte nur Edwards gebeugten Hinterkopf erkennen, da das Sofa Richtung Kamin ausgerichtet war.
So erblickte ich nur die Rückseite seines Kopfes und die der Couch. Seine Haltung ließ erkennen, dass er etwas betrachtete oder las. Ganz leise, um ihn nicht zu erschrecken, bewegte ich mich vorwärts, um schließlich über seine Schulter zu spähen. Was ich da sah, zerstörte mein ganzes, wieder mühsam aufgebautes Selbstbewusstsein. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als ich registrierte, was Edward da in den Händen hielt. Es war ein Foto von Tanya.
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