Inhalt:

Bella Swan ist alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Mit zwei Stellen hält sie sich grad so über Wasser. Tagsüber arbeitet sie in einem Schnellrestaurant und am Wochenende in einem angesagten Club. Dort lernt sie Edward Cullen kennen. Der ist reich, gelangweilt und eiskalt. Er macht Bella ein unverschämtes Angebot. Gegen Bezahlung soll sie seine Geliebte werden. Empört lehnt sie dies ab........ Pairing Bella/Edward

© by Vivian (Die Charaktere gehören Stephenie Meyer)

Donnerstag, 25. November 2010

Kapitel 62 - Die Predigt

Bellas PoV

Neun Tage. Solange war es nun schon her, dass Edward mir sein Versprechen gegeben hatte, Tanya nicht mehr wiederzusehen. Neun Tage, die geprägt waren von vorsichtiger Annäherung und einem brüchigen Frieden zwischen uns beiden. Die Vertrautheit, die während unserer Flitterwochen geherrscht hatte, wollte sich einfach nicht mehr einstellen. Zu viel war geschehen  und wir gingen miteinander um, als bestünden wir aus zerbrechlichem Porzellan. Etwas zwischen Edward und mir hatte sich unwiderruflich verändert. Ich liebte ihn nach wie vor, merkte aber, dass ich doch nachtragender war, als ich geglaubt hatte. Zwar versuchte ich es mir nicht anmerken zu lassen, doch Edward war nicht blöd. Er spürte genau, dass ich anfing einiges in meinem Leben in Frage zu stellen. Sogar ihn. Die ersten Tage nach dem Fiasko mit der Presse waren furchtbar. Auch wenn wir uns oberflächlich gesehen versöhnt hatten, fühlte ich mich unwohl in seiner Gegenwart. Die Ereignisse mit Tanya hatten sich quälend in mein Gedächtnis gebrannt und wenn ich ihm in die Augen sah, dann sah ich sie. So sehr ich auch versuchte das zu ändern, es gelang mir nicht, obwohl ich es mir nach unserer Aussprache ganz fest vorgenommen hatte. Die Atmosphäre im Haus war angespannt und ich war froh, wenn ich es verlassen konnte. So wie heute. Mein Wagen brummte gleichmäßig und leise Musik erklang aus dem Radio. Bruce Springsteens „This hard land“ tönte mir entgegen. Ich fuhr total auf ihn ab, obwohl ich seine Musik erst seit einigen Jahren zu schätzen wusste. Leise sang ich mit und bekam mit jeder Silbe bessere Laune. Endlich frei.

Vor wenigen Minuten hatte ich Danny in seiner neuen Spielgruppe abgegeben. Dort verbrachte er seine Nachmittage in der Gesellschaft anderer Kinder, bis geklärt war, ob und wann er die Vorschule in der Stadt wieder besuchen würde. Zuerst hatte ich ihn Zuhause lassen wollen, ich war ja jetzt da und hatte genügend Zeit mich um ihn zu kümmern. Aber er langweilte sich schnell ohne die Gesellschaft von Kindern  und so hatte ich mich dazu bereit erklärt, ihn in eine Nachmittagsspielgruppe mit Gleichaltrigen zu geben. Danny war ein sehr unkomplizierter Charakter und fand schnell Anschluss. Wenigstens dieses Problem war fürs erste aus der Welt und ich nutzte den heutigen freien Nachmittag um mich mit den Mädels im Diner zu treffen. Ich freute mich wahnsinnig darauf, weil es wie eine Rückkehr in alte Zeiten war. Alice, Rose, Bibi und ich natürlich.

Ich lenkte den Wagen in eine der wenigen Parklücken der Innenstadt und schickte ein stummes Dankeschön Richtung Himmel. Parkplätze waren wie in jeder Großstadt eine Seltenheit und ich konnte froh sein, in der Nähe des Restaurants einen gefunden zu haben. Ich stellte den Motor ab und lief die paar Meter zu Lou`s Diner. Je näher ich meinem ehemaligen Arbeitsplatz kam, umso leichter und freier fühlte ich mich. Dieser Ort hier, die Straßen und die Menschen waren mir immer noch so vertraut. Am Vormittag hatte ich noch kurz mit Rose telefoniert und schnell gemerkt, dass auch sie Sehnsucht nach unserem alten Leben hatte, wenn auch nicht so schlimm, wie es bei mir der Fall war. In ihrer Beziehung mit Emmett gab es keine ehemalige Verlobte, die ihnen das Leben schwermachte,  sondern es war einfach die Umgewöhnungsphase in einen komplett neuen Lebensstil.

Der Verkehr war um diese Uhrzeit mörderisch und ich musste warten, ehe ich die Straße überqueren konnte. Ein Auto nach dem anderen fuhr an mir vorbei, während ich darauf wartete, dass sich eine kleine Lücke für mich auftat. Der Schriftzug vom Diner prangte auf der anderen Straßenseite in glühendem Rot über dem Eingang des Restaurants und versetze mich zurück in die Vergangenheit. Ich dachte mit einem wehmütigen Lächeln an meinen ersten Arbeitstag zurück. Ich war nervös gewesen und hatte gebetet, dass sich dieser Job nicht als erneute Pleite erweisen würde. So viele schöne Erinnerungen verbanden mich mit diesem Restaurant. Hier war ich immer glücklich gewesen, fühlte mich verstanden und akzeptiert, so wie ich war. Nie wieder würde ich zusammen mit Rose den Laden schließen. Sie hatte immer die Jukebox angeschmissen und wir hatten tanzend die Tische abwischt und lautstark die Lieder mitgesungen. Diese Dinge fehlten mir einfach.  Natürlich war nicht alles schön gewesen, aber mein Leben hatte  trotz all der Schwierigkeiten eine gewisse Kontinuität besessen, die jetzt abhanden gekommen war. Seufzend hörte ich auf in der Vergangenheit zu schwelgen und achtete wieder  auf den Straßenverkehr. Rasch drehte ich den Kopf von links nach rechts und rannte über die Straße, als sich die endlose Kolonne an Fahrzeugen endlich abschwächte.  Mein Pferdeschwanz wippte hin und her  und die Kappe rutschte mir in die Augen.

Das war meine „Ausgehuniform“ wie Esme es lächelnd bezeichnet hatte. Seit die Paparazzi wie die Schmeißfliegen an mir klebten, hatte ich mir angewöhnt mein Gesicht zu verdecken und trug Hüte, Sonnenbrillen und was sonst noch greifbar war. Doch das Interesse ließ gottlob nach. Irgendein neuer Skandal in der High Society beherrschte die städtischen Medien und sie ließen mich weitestgehend in Ruhe. Im Laufschritt ging ich auf die Eingangstür zu und öffnete sie. Das vertraute Bimmeln ließ mich lächeln und ich konnte schon meine Freundinnen sehen, die es sich in einem der Ecktische bequem gemacht hatten. Freudestrahlend lief ich auf sie zu und ließ mich auf die rote, gepolsterte Rückbank plumpsen. Es war ruhig und nur zwei verliebte Teenager saßen an einem Fensterplatz und ein älterer Herr saß am Tresen und schlürfte einen Kaffee. Ansonsten war es leer, wie meistens um diese Uhrzeit.

„Hallo zusammen!“, rief ich fröhlich in die Runde. Mann, es tat so gut sie alle auf einmal zu sehen. Ich liebte jede dieser Frauen, die mir mit ihrer Freundschaft und ihrem Beistand so manche Träne getrocknet hatten. Ziemlich erstaunt wurde ich von allen gemustert, doch es war Bibi, die wie immer kein Blatt vor den Mund nahm.

„Hast du heute Morgen eine Packung Glückskekse gefuttert, oder woher kommt die plötzliche gute Laune“, wollte sie leicht amüsiert wissen. Sie klang erleichtert. Immerhin hatte ich gestern am Telefon noch mit den Tränen gekämpft. Mich jetzt so fröhlich zu erleben, machte sie sichtlich froh. Aber das war momentan Standard bei mir. In der einen Sekunde war ich fröhlich und zuversichtlich und in der nächsten hätte ich mich am liebsten verkrochen und geheult. Beängstigender Weise  war ich dabei mich zu einem richtigen Jammerlappen zu entwickeln. Meine Stimmungen schwankten dermaßen, dass ich Mühe hatte einen einigermaßen stabilen Eindruck zu vermitteln. Dabei war ich alles andere als das.

„Ach Bibi, gestern war ich einfach nicht gut drauf“, schwächte ich meine depressive Stimmung vom Vortag ab. „Der Regen den ganzen Tag über, Edward musste länger arbeiten und Danny war auch nicht da. Irgendwie ist mir das aufs Gemüt geschlagen“, gab ich dann doch zu. Vor den Mädels konnte ich sowieso nichts verheimlichen, also war ich lieber ehrlich. Wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Bibi runzelte die Stirn, weil sie mich viel zu gut kannte. Es war nur die halbe Wahrheit die ich preisgab und sie wusste das. Bibi machte sich Sorgen um mich und hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil sie in den letzten Wochen so wenig Zeit für mich gehabt hatte. Ihre zarte Romanze mit Benton wurde immer inniger und Rose hörte schon die Hochzeitsglocken läuten. Allerdings war ich ihr in keinster Weise böse. Sie hatte ein Recht auf ihr eigenes Leben und hatte sich lange genug um mich gekümmert.

„Bella, sei mir nicht böse“, meinte sie vorsichtig, „ aber du brauchst dringend eine sinnvolle Aufgabe. Dieses süße Nichtstun bekommt dir nicht und du denkst zu viel nach. Haben die denn in dieser riesigen Firma keinen Job, den sie dir zuschanzen können? Ich kenne dich doch, du wirst vor Langeweile sterben, wenn du nicht arbeitest.“

Verlegen biss ich mir auf die Lippen und suchte nach einer passenden Antwort. Sie hatte natürlich Recht. Das Problem hatte ich ja selber schon erkannt, doch die Lösung dafür war noch nicht in greifbare Nähe gerückt. Im Diner konnte ich nicht mehr arbeiten, das hatte ich ja schon selber eingesehen. Eine Cullen, die ein Schnellrestaurant managte war nicht tragbar. In Edwards Unternehmen zu arbeiten war mir ebenfalls kurz in den Sinn gekommen. Doch als was?  Leider besaß ich nicht die entsprechende Ausbildung, um dort eine Aufgabe übernehmen zu können. So fiel diese Möglichkeit aus. Die nächste Alternative wäre eines dieser Wohltätigkeitskomitees, die ein allseits beliebter Treff für die mondänen Ladys in Seattle waren. Allein bei der Vorstellung mich mit irgendwelchen alten Fregatten auseinandersetzen zu müssen, die es schick fanden ein paar Dollar für hungernde oder benachteiligte Kinder zu spenden, wurde mir ganz anders. Ich zog es dennoch in Betracht, weil momentan alles besser war, als zuhause zu sitzen. Aber ich wartete nach wie vor ab, ob sich nicht noch eine andere Alternative für mich auftat. Ich kam mir ziemlich undankbar und wählerisch vor, doch das war ich nicht. Eigentlich gab es durchaus einen Job, den ich sofort wieder angenommen hätte. Verrückterweise sehnte ich mich danach wieder als Kellnerin zu arbeiten. Genau das wurde mir aber verwehrt. Ein nicht ganz unbeträchtlicher Teil von mir verabscheute diese Welt, in der ich gelandet war immer mehr,  weil diese ehrliche Arbeit scheinbar nicht gut genug war.

„Okay, was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Nachmittag? Hat jemand einen vernünftigen Vorschlag“, warf Alice in die Runde. Meine Konzentration war wieder voll da. Froh darüber, dass durch Alice Frage das Thema meiner beruflichen Ambitionen erst mal auf Eis gelegt war, lehnte ich mich entspannt zurück und wartete ab. Rose seufzte indessen genüsslich und rieb sich über den absolut flachen Bauch.

„Ich würde vorschlagen, wir essen uns einmal durch die Karte“, meinte sie mit sehnsüchtigem Blick auf einen Burger, der gerade auf einem Teller drapiert auf dem Nebentisch abgestellt wurde. Die Bedienung, die das absolut ungesunde und traumhafte leckere Essen servierte, war Cynthia. Die hatte uns im Vorbeilaufen ein freudestrahlendes Lächeln zugeworfen und freute sich sichtlich uns zu sehen. Alice kicherte über Rosalies Vorschlag und deren gierigen Tunnelblick auf ein läppisches Stück Fleisch.

„Füttert Emmett dich nicht ordentlich?“

Rose schnaubte.

„Er ist so ein Gesundheitsapostel. Nicht mal in die Nähe von einem Cheeseburger lässt er mich und setzt mir jeden Tag dieses Hasenfutter vor die Nase. Er meint, dass Fastfood meine Arterien verstopfen  und meinen Cholesterinwert gnadenlos in die Höhe schrauben würde. Pah, ich weiß nicht mal wie man das schreibt.“

Ich musste lachen, so frustriert klang sie über ihre neuesten Essgewohnheiten. Rose war ein absoluter Fast-Food Junkie und hatte sich quasi von Fritten und Burgern ernährt. Der einzige Salat den sie zu sich genommen hatte, lag zwischen Burgerbrötchen und dem gegrillten Rindfleisch. Kichernd verfolgte ich ihre sehnsüchtigen Augen, die über die Karte glitten. Das Diner war ihr persönliches kulinarisches Paradies und sie hier zu beobachten, war ein bisschen wie früher. Mein Bauch quoll gerade über vor lauter Emotionen und ich sah meine Freundinnen glücklich  der Reihe nach an. Wann hatte ich mich das letzte Mal so frei und unbeschwert gefühlt? Es musste ewig her sein. Es war in den letzten Monaten kaum vorstellbar für mich gewesen, ohne Edward Freude zu empfinden, aber es war möglich. Das war das eigentlich Unglaubliche!

Cynthia hatte am Nebentisch fertig bedient und bewegte sich auf uns zu. Anerkennend bemerkte ich, wie großartig sie aussah. Zwar war sie immer noch keine Schönheit, aber ihre warme und glückliche Ausstrahlung ließ sie nach außen hin strahlen, wie es kein Covermodel schaffte. George war wirklich ein glücklicher Mann! Hoffentlich wusste er sein Glück auch zu schätzen.

„Hey Cyn!“, sagte ich lächelnd. „Alles klar? Wie geht es George und…“, ich machte eine verschwörerische Pause, „Mutti?“

Sie grinste breit, ihre Mundwinkel berührten schon fast ihre Ohrläppchen dabei.

„Sie hat, gemäß Muttis Worten, einen reifen distinguierten Herren kennengelernt. und zieht mit ihm in ein betreutes Wohnheim, um ihren dritten Frühling zu genießen. Das alte Mädchen hat es faustdick hinter den Ohren.“

Bibi, die ja auch recht nahe an Muttis Altersgruppe war, schnaubte entrüstet.

„Hey, was heißt hier dritter Frühling! Denkt ihr, in unserem Alter hat man keinen Sex mehr? Da täuscht ihr euch aber gewaltig.“

„Ach ja?“, kam es von Alice, die es jetzt ganz genau wissen wollte. „Wie viel Sex hat man denn in DEINEM Alter? Erzähl mal!“

Jetzt wurde sie doch rot. Offenbar hatte Benton einige verborgene Talente, die sie uns bislang verschwiegen hatte. Ich freute mich wirklich für sie, denn niemand verdiente es mehr glücklich zu sein als sie. Nachdenklich betrachtete ich ihr Gesicht. Sie hatte sich die Haare geschnitten und wirkte auch sonst verjüngt. Die Romanze mit Benton tat ihr sichtlich gut. Melancholie ergriff mich, als ich an ihre tragische Liebesgeschichte denken musste. Ob sie mit ihrem Thomas glücklich geworden wäre, wenn sie damals nicht die Flucht ergriffen hätte? Vielleicht. Aber möglicherweise war der Weg, den sie damals eingeschlagen hatte, der Richtige gewesen. Sie war nicht unglücklich gewesen in ihrem Leben und hatte trotz ihres Verzichts ein erfülltes Leben gehabt. Das entsprach einfach den Tatsachen. Bibi Vogelman hatte keinen Mann gebraucht, um ihr Leben zu meistern und dabei eine gewisse Zufriedenheit zu erlangen.

Davon war ich zutiefst überzeugt, denn wie eine verbitterte, alte Frau hatte sie nie auf mich gewirkt. Für einen kurzen Moment ließ ich den Gedanken zu, wie es wäre, mein eigenes Leben ohne Edward zu verbringen. Es dauerte nur Sekunden und ich zuckte innerlich zusammen. Beinahe erwartete ich, dass der Blitz neben mir einschlagen würde, weil ich es wagte auch nur daran zu denken. Doch nichts dergleichen geschah. Die Musik dudelte leise im Hintergrund, Alice scherzte gerade mit Cyn, Rosalie betrachtete ihre Fingernägel, nur Bibi sah mich direkt an. Wir tauschten einen vertrauten Blick und ich lächelte. Bibi deutete mit dem Kopf Richtung Damentoilette und ich nickte leicht.

„Ich muss mal für kleine Mädchen“, entschuldigte ich mich und erhob mich. Bibi tat es mir gleich.

„Ich komme auch mit. Meine Nase könnte ein bisschen Puder vertragen.“

„Dass Frauen auch nie allein auf Toilette gehen können.“, schüttelte Rose den Kopf und verdrehte die Augen. Alice kicherte leise und verkniff sich jeden Kommentar. Im Grunde wussten sie alle, dass wir ein paar Minuten für uns brauchten, um zu reden. „Macht nicht so lange, wir haben nur ein paar Stunden“, rief sie uns noch hinterher.

„Ja,ja“, war mein einziger Kommentar und Bibi hakte sich bei mir ein. Wir verschwanden um die Ecke und betraten den Waschraum. Er war wie vermutet leer und ich lehnte mich an eines der zwei Waschbecken.

„Okay, Bella“, sagte Bibi ernst. „Jetzt will ich die ganze Wahrheit und nicht die geschönte, offizielle Version. Was ist los mit dir und Edward? Er ist doch der Grund für deine komischen Stimmungen.“

Die richtigen Worte zu finden war schwer. An manchen Tagen hielt ich mich für verrückt, weil ich so sehr an Edwards Liebe zweifelte. Dann wiederum konnte ich nur noch daran denken, wie ich ihn mit ihr in seinem Büro erwischt hatte. Seine Liebeserklärung und sein Versprechen den Kontakt zu ihr abzubrechen, war sein Versuch sich mein Vertrauen wieder zu erarbeiten. Doch eine leise Stimme in mir machte mir Vorwürfe und wurde täglich lauter, eindringlicher. Ich hatte Edward so jede Chance genommen die Sache richtig abzuschließen. Wir hatten das Problem nicht gelöst, sondern nur weggeschoben. Es stimmte, er hatte einen Fehler gemacht, aber unsere Schwierigkeiten würden sich nicht in Luft auflösen, wenn er sie nicht mehr wiedersah. Außerdem würden sich zufällige Begegnungen auf dem gesellschaftlichen Parkett nicht vermeiden lassen. In meinem Egoismus brachte ich ihn in eine unmögliche und kaum lösbare Situation. Jedes Mal, wenn sie zufällig  auf derselben Party anzutreffen war, würde er sich beobachtet und kontrolliert fühlen. Das war auf Dauer grausam und für jemanden wie Edward, sicher kaum zu ertragen. Ich konnte mich immer weniger leiden und fühlte mich ihm gegenüber schuldig.  Weil ich ihm nicht vertraute, weil ich ihm gar nicht mehr die Chance dazu gab mir seine Ehrlichkeit zu beweisen, weil ich seine Gegenwart und seine Berührungen  einfach nicht mehr genießen konnte.

Edward und ich schliefen nicht mehr miteinander. Seine Enttäuschung und Frustration darüber verstärkten mein schlechtes Gewissen noch viel mehr und ich hatte angefangen ihm aus dem Weg zu gehen. Abends verabschiedete ich mich schon recht früh von den anderen und tat so, als wenn ich schlafen würde, wenn zu mir ins Bett schlüpfte. Seit neuestem schlief ich seitlich am Bettrand und drehte ihm so den Rücken zu. Die ersten Nächte hatte er sich noch an mich gekuschelt und mich umarmt. Ich lag aber so stocksteif in seinen Armen, dass er es irgendwann aufgab und sich wegdrehte. Seitdem kam er so spät ins Bett, dass ich tatsächlich schon schlief, wenn er sich zu mir legte. Morgens stand er vor mir auf und wir sahen uns auf die Art nur noch selten. Zu meiner Schande musste ich gestehen, dass ich auch mein Möglichstes dafür tat, damit das auch so blieb. Ein verkrampftes Lachen blieb mir im Hals stecken. Kämpfen wollte ich, hatte ich gesagt. Das was ich da aber veranstaltete, ähnelte eher einem langsamen Abtöten unserer Liebe. Hilflos stand ich daneben, hatte es selbst in der Hand und konnte trotzdem nichts dagegen tun. Ich war wie gelähmt.
„Oh Bibi…“, flüsterte ich leise. „Was soll ich nur tun?“
Sie kam auf mich zu, nahm mich einfach in die Arme und wiegte mich hin und her.
„Kleines, du wirst eine Lösung finden. Du liebst ihn und er dich. Sie überwindet einfach alles.“
Gleich darauf löste ich mich aus ihrer Umarmung und sah sie an.
„Ach ja, und was war bei dir und Thomas. Ihr habt euch auch geliebt! Was hat die Liebe euch gebracht?“
Der Schmerz in Bibis Augen brachte mich zur Besinnung. Was war ich nur für ein Monster geworden. Ich verletzte die Menschen, die ich liebte.
„Bitte verzeih mir, das hätte ich nicht sagen dürfen!“, flüsterte ich beschämt. Ich hielt den Kopf gesenkt und traute mich nicht mehr in die Augen meiner alten Freundin zu schauen. Erst das sanfte Streicheln auf dem Scheitel meiner Haare, gab mir den Mut sie wieder anzusehen.
„Kleines, es ist schon in Ordnung. Du hast ja recht“, beruhigte sie mich, „Aber du darfst deine Situation nicht mit der meiner vergleichen. Das war eine andere Welt, andere Zeiten. Wir haben uns geliebt, aber es hat nicht sollen sein.“
Nachdenklich legte ich den Kopf schräg.
„Vielleicht ist es bei Edward und mir genauso“, sinnierte ich, „und wir sind einfach nicht füreinander bestimmt. Ich liebe ihn, aber vielleicht reicht meine Liebe einfach nicht aus für ein ganzes Leben. Bibi, ich habe jetzt schon keine Kraft mehr. Wie soll ich meine Ehe retten, wenn ich gar nicht daran glaube, dass es gutgehen wird. Es ist nicht nur Tanya, es…es…es ist einfach alles drumherum.“
Langsam kam in Bibi die Erkenntnis wovon ich sprach.
„Du kommst mit ihrem Lebensstil nicht zurecht. Nicht wahr?“
Ich nickte kläglich.
„Ja….ich….sie sind alle so anders, als wir, Bibi“, brachte ich heraus. „Versteh mich nicht falsch, sie sind alle sehr nett zu mir. Esme, Carlsile und sogar Edwards Freunde, aber ich habe nicht das Gefühl dazuzugehören. Sie wurden da hineingeboren und ich fühle mich wie ein Eindringling oder wie ein Gast“, gestand ich ihr. „Was du vorhin gesagt hast über eine Aufgabe, war nur ein Punkt, der mich belastet. Ich langweile mich tatsächlich und sie schicken mich alle nur zum Einkaufen. Natürlich möchte ich wieder arbeiten, aber das was ich liebe und kenne, ist nicht gut genug für die Cullens. Was glaubst du, würde passieren, wenn ich mir einfach eine Schürze umbinden würde und auf ihren Partys Häppchen serviere? Ich wäre die größte Lachnummer in Seattle. Aber leider ist das alles was ich kann.“ Ich musste Luft holen und meine ganze Verzweiflung sprudelte aus mir heraus. „Das Ganze macht mich fertig. Und das schlimmste ist, dass ich Edward kaum noch in meiner Nähe ertragen kann, weil das alles so furchtbar ist. Er hat versprochen, sie nicht mehr wiederzusehen. Aber jedes mal wenn ich in seine Augen schaue, dann muss ich daran denken, dass sie ihm wichtiger gewesen war, als alles andere. Wir schlafen nicht mehr miteinander, Bibi. Ich schaffe es einfach nicht mehr mich fallenzulassen und gehe ihm aus dem Weg. Das Cullen-Anwesen ist wie ein Gefängnis für mich geworden. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich darauf gefreut habe, wieder hierherzukommen und euch alle zu sehen.“
Bei jedem Wort steigerte ich mich mehr in meine scheinbar ausweglose Situation hinein. Ständig lief ich dabei nervös hin und her, die Arme abwehrend verschränkt. Bibi stoppte mich.
„Bella, jetzt bleib doch mal stehen, Kleines. Du machst mich ganz nervös“, rief sie mich zur Ordnung. Mann, sie hatte es echt drauf, dass ich mich hin und wieder fühlte wie ein Schuldmädchen. Verlegen biss ich mir auf die Lippen und wartete.
„Kleines, sei mir bitte nicht böse, wenn ich dir das sagen muss, aber du machst es dir wirklich komplizierter als nötig. Du kannst Edward seinen Hintergrund und seinen Lebensstil nicht vorwerfen. Immerhin hast du das gewusst, bevor du ihn geheiratet hast und es hat niemand behauptet, dass es leicht werden würde. Du musst eben deinen Weg noch finden. Dass du dich in der gegenwärtigen Situation nicht wohlfühlst, kann ich schon verstehen, aber du darfst nicht den Fehler machen und in der Vergangenheit leben. Das Diner war einmal, deine Zukunft liegt woanders. Erinnere dich mit einem Lächeln an die Zeiten hier, aber trauere ihnen nicht hinterher. Sie sind  nicht länger ein Teil deines Lebens.“

Schluckend sah ich Bibi an. Sie war noch längst nicht fertig mit ihrer Predigt.

„Jetzt hör mir mal zu, Isabella! Du wirst dich jetzt am Riemen reißen und aufhören, deine ganze Ehe in Frage zu stellen. Edward liebt dich. Diese Tanya ist nur eine Begleiterscheinung aus der Vergangenheit. Verdammt, Kleines. Du weißt doch wie skrupellos er sein kann. Denkst du wirklich, wenn er mit ihr zusammen sein wollte, würde er sich von irgendetwas davon abhalten lassen? Er nimmt sich was er haben will und das bist verdammt noch mal- du.“
Sie bohrte mir beim letzten Wort ihren Zeigefinger in die Brust.
„Aua“, protestierte ich und rieb mir die Stelle. „Ich habe schon verstanden, was du mir sagen willst. Ich bin eine misstrauische Kuh und mache mir selber alles kaputt“, sagte ich wütend. Sogar Bibi fiel mir in den Rücken.
Bibi grinste.
„Das hast du gesagt.“
„Und was soll ich deiner Meinung nach tun?“
„Du wirst zu ihm gehen, ihn küssen bis er den Verstand verliert, und dann hörst du auf, dich aufzuführen wie ein Kleinkind. Du bist erwachsen, Bella. Also benimm dich auch so, sonst ist es eines Tages vielleicht zu spät dafür.“

Ihre Stimme war mit den letzten Silben immer leiser und wehmütiger geworden. Höchstwahrscheinlich dachte sie an sich und Thomas. Ein anderes Gespräch das wir geführt hatten, kam mir in den Sinn. Meine aggressive Stimmung verflog, sie wollte mir ja nur helfen.
„Als du gesagt hast, dass du zufrieden warst mit deinem Leben. War das die Wahrheit?“
Bibi dachte kurz nach, ehe sie antwortete.
„Zufrieden ja, aber ich war nie vollkommen glücklich. Weißt du, ich hatte ja meine Kinder, und dann dich und Danny. Als du Edward geheiratet hast, habe ich die Zeit genutzt, um über mich und mein Leben nachzudenken. Es war ein gutes Leben, Kind. Mein erster Ehemann war ein großartiger Mensch und hat mir meine Kinder geschenkt. Ich war ihm immer treu auch glücklich. Doch Thomas…“, sie schwieg einen Moment gedankenverloren. „Thomas war meine große Liebe. Wir hatten einige wundervolle Monate zusammen, aber ich war zu feige, um für uns zu kämpfen. Du solltest nicht den gleichen Fehler begehen. Spring über deinen Schatten, überwinde dich selbst“, rief sie beschwörend. „Erfülle einer alten Frau diese Bitte. Du bist für mich wie eine Tochter und ich kann nicht mit ansehen, wie du dir mit deinen Zweifeln alles zerstörst. Edward mag gerade etwas verwirrt sein, aber ich kann ihn ein wenig verstehen. Versetz dich doch mal in seine Lage. Ernsthaft, Bella, statt darauf zu pochen, dass er sie vergisst, solltest du ihm lieber einen Grund geben, nur noch an dich zu denken. Wenn du so weitermachst wie jetzt, ist es nur eine Frage der Zeit bis er bei ihr landet. Ein Mann will geliebt und begehrt werden und nicht ständig Vorwürfe hören. Du hast deine Entscheidung getroffen, indem du bei ihm geblieben bist. Wenn du nicht verzeihen kannst, dann solltest du ihn verlassen. Alles andere wäre euch beiden gegenüber unfair.“

Das waren unglaublich harte Worte, aber jedes Einzelne entsprach der Wahrheit. Mit nur wenigen Sätzen hatte sie mein Leben auf den Punkt gebracht. Wollte ich das wirklich? Ein Leben ohne Edward. Die Antwort war klar. Nein! Nein, und nochmals Nein!

„Bibi, ich muss unbedingt zu ihm. Jetzt gleich!“, brach es aus mir heraus. Plötzlich konnte ich es kaum noch erwarten, ihn in die Arme zu nehmen und zu küssen. Mein abweisendes Verhalten in den letzten Tagen hatte ihm schwer zugesetzt und ich wollte den Schmerz in seinen Augen schwinden sehen.

„Ich erkläre es den anderen. Geh ruhig!“

Ich umarmte sie nochmals fest, rannte zur Tür und in den Flur hinaus und prallte…..gegen James.

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