Zehn Stunden und fünfzehn Minuten war es jetzt her, dass Edward Cullen mir ins Gesicht sagte, dass er mich nicht liebte. Seine Antwort auf meine Frage kam schnell, ohne zögern und mit solcher Bestimmtheit, dass sie auf jeden Fall der Wahrheit entsprach. Ich lag in meinem Bett, es war mitten in der Nacht und fühlte mich so allein, wie noch nie in meinem Leben. Er war erschreckend ehrlich gewesen, enthielt mir nichts vor und brach mir damit das Herz. Doch es war gut so! Vielleicht konnte ich jetzt endlich abschließen, wirklich abschließen und diese erfolglosen Versuche vergessen machen, die ich in dieser Hinsicht bisher gestartet hatte.
Wie ich den Rest des Abends überstand, wusste ich nicht mehr. Edward blieb nur noch kurz, sprach kein Wort mehr mit mir und schnappte sich nach einem lauten, heftigen Telefonat die restlichen Akten und verschwand. Als er durch die Tür ging, fühlte es sich an, als würde ich Stück für Stück sterben. Er nahm jeden Teil von mir mit, der mich ausmachte. Meine Gefühle, meine Sehnsucht, meine Liebe und ließ eine leere Hülle zurück, die nur mein Sohn wieder mit Leben füllen konnte. Noch nie war ich so froh gewesen, ihn bei mir zu haben. Er war meine Stütze und mein Trost. Seine Anwesenheit bewahrte mich davor in Tränen auszubrechen und mich noch lächerlicher zu machen, als ich es ohnehin schon tat.
Edward war es bestimmt wahnsinnig peinlich, dass ich ihm eine Liebeserklärung machte, denn sowas stand nicht auf seinem Plan. Er hätte es begrüßt, wenn ich gesagt hätte, ich wäre verrückt nach ihm, was auch durchaus der Fall war, doch Liebe war nicht von ihm eingeplant, weder jetzt noch in Zukunft. Traurig dachte ich an diese Tanya, die ihn so stark prägte, dass keine andere eine Chance bekam. Für ihn würde sie immer ein Ideal bleiben, das von anderen Frauen niemals erreicht werden konnte. Eine junge Liebe, die so frisch erblühte wie eine Rose, um dann so grausam zu enden, war etwas Besonderes. Er würde immer die bittersüße Erinnerung an Tanya vorziehen, anstatt sich gefühlsmäßig wieder auf eine echte, lebendige Frau einzulassen. Ich wusste nicht wie lange es her war, doch es musste schon einige Zeit verstrichen sein, seit ihrem Tod. Nach all dieser Zeit, trauerte er ihr immer noch hinterher, liebte sie noch genauso leidenschaftlich wie damals. Seine Obsession für mich, war lediglich eine Laune die wieder vergehen würde, doch Tanya würde für immer einen Platz in seinem Herzen behalten. Sie blieb in seiner Erinnerung ewig jung, frisch und unschuldig, während meine Wenigkeit und jede andere Frau altern und verwelken würde. Wie in aller Welt sollte man mit so einem Idealbild mithalten können? Es war unmöglich!
Schlaflos wälzte ich mich hin und her und böse Stimmen flüsterten mir zu, wie naiv und dumm ich war, zu glauben, er würde tatsächlich mehr als nur Leidenschaft für mich empfinden. Sex war der Grund, warum er mir so penetrant hinterher stieg. Sex war sein Antrieb. Sex war das Einzige, was er noch zu geben bereit war. Doch mir war das nicht genug. Ich wollte Liebe, er wollte meinen Körper. Ich wollte jemanden zum Anlehnen, er jemanden, den er danach wieder vergessen konnte. Ich war bereit mich ihm mit Leib und Seele zu schenken, doch er konnte damit nichts anfangen. Leise Tränen rollten über meine Wangen, sickerten in mein Kissen, da ich mein Gesicht fest hineinpresste, damit Danny mich nicht hören konnte.
Ich weinte, bis der Morgen graute und schlief schließlich erschöpft ein. Nach nur zwei Stunden, wurde dieser Schlaf vom Klingeln meines Weckers unterbrochen und ich stand wie gerädert auf, schleppte mich ins Bad und erschrak vor meinem Spiegelbild. Verquollene Augen blickten mir entgegen, aus einem totenblassen Gesicht, das wächsern und starr wie das einer Puppe wirkte. Angeekelt von meinem eigenen Anblick stieg ich unter die Dusche und ließ das heiße Wasser solange über meine Haut laufen, bis zu befürchten stand, mir würden Schwimmhäutchen zwischen den Fingern und Zehen wachsen. Doch nach ein paar Minuten gab der Boiler kein warmes Wasser mehr her, es lief eiskalt meinen Rücken hinunter und ich fror erbärmlich. Bibbernd verließ ich die Duschkabine, trocknete mich rasch ab und band mir ein Handtuch wie einen Turban um den Kopf.
Ich machte Frühstück für Danny, der noch tief und fest schlief. Heute musste ich die Spätschicht übernehmen, sodass ich noch gute vier Stunden Zeit mit meinem Sohn verbringen konnte, bevor ich mich wieder an den Ort meiner Niederlage begab. Vorsichtig weckte ich Danny auf, indem ich ihm zart ins Ohr pustete und er schlug mit der Hand nach dem vermeintlichen Störenfried. Schließlich öffnete er doch die Augen, als ihm klarwurde, dass die Neckerei nicht aufhören würde. Mit einem Schrei schlang er mir die Arme um den Hals und zog mich mit erstaunlicher Kraft zu sich aufs Bett.
„Ich will mit dir kuscheln, Mummy!“, rief er zutraulich und ich legte mich zu ihm.
Liebevoll drückte ich ihn an mich, genoss es, den kindlichen Herzschlag zu hören und strich ihm zärtlich übers Haar. Er erzählte mir noch mal in aller Ruhe von seinen Erlebnissen im Camp, was mich tatsächlich zum Lachen brachte. Nach einer halben Stunde knurrte sein Magen und auch ich verspürte erstaunlicherweise ein leichtes Hungergefühl. Danny war Balsam für meine wunde Seele und lenkte mich von meinem Kummer ab. Wenigstens hatte ich noch meinen Sohn. Seine Liebe konnte mir niemand wegnehmen und er gab sie mir uneingeschränkt. Die Zeit verging recht schnell und ich brachte ihn zu seinem Kumpel Sam, wo er den Tag verbringen würde. Bibi hatte ihren halbjährlichen Termin beim Kardiologen und demzufolge keine Zeit, doch sie würde ihn von Sams Mutter entgegennehmen, wenn die ihn zurückbrachte.
Das Diner war recht voll und ich suchte nach Rosalie, die heute Morgen schon hier war. Ich fand sie im Aufenthaltsraum, wo sie sich zu meinem Erstaunen eine Zigarette anzündete. Seit wann rauchte sie wieder? Sie war doch so stolz gewesen, dieses Laster endlich los zu sein. Nachdenklich zog sie an ihrer Kippe, inhalierte tief und stieß den Rauch mit dem nächsten Atemzug wieder aus. Ich näherte mich meiner Freundin und Kollegin. Seit dem desaströsen Abend im Club hatten wir uns nicht mehr gesprochen und sie sah genauso unglücklich aus, wie ich mich fühlte. Sie hörte mich näherkommen und drückte die Zigarette nach einem letzten Zug im Aschenbecher aus, der normalerweise nur zur Deko dastand und vorher noch nie genutzt wurde.
„Hallo Bella!“, sagte sie. Selbst ihre Stimme klang angeschlagen und längst nicht mehr so fröhlich und enthusiastisch wie sonst. Tiefe Trauer spiegelte sich auch in ihren Augen wieder und ich setzte mich zu ihr, nahm ihre Hand und ermunterte sie mit einem einzigen Blick, mir alles zu erzählen. Sie seufzte schwer und fing an zu reden.
„Du hattest recht mit deiner Vermutung, ich wäre mit Emmett verabredet gewesen. Er hat mich sehr schnell angerufen, nachdem du ihm meine Nummer gegeben hast und wir sind zusammen ausgegangen“, erzählte sie geknickt, „Bella, er lebt in einer völlig anderen Welt. Selbst die Servietten auf dem Tisch sahen teurer aus, als das Kleid, das ich trug. Du hättest mal sehen sollen, wie der Kellner mich angestarrt hat, als wäre ich eine Professionelle.“
„Das ist doch nicht der Grund, warum du so traurig bist. Oder? Du wusstest doch vorher, dass er in einem anderen Umfeld lebt, als du und ich.“
Sie lächelte kurz.
„Gewusst schon, doch es ist was anderes, wenn man es so vor Augen geführt bekommt. Bekannte von ihm kamen an den Tisch und er hat mich vorgestellt. Es war eins von diesen Yuppiepärchen. Er Anwalt, sie Ärztin . Kannst du dir vorstellen, wie peinlich es mir war, als sie mich fragten, was ich mache. Zum ersten Mal habe ich mir gewünscht, ich hätte mich in der Schule mehr angestrengt und hätte was aus meinem Leben gemacht, anstatt nur als Kellnerin durch die Weltgeschichte zu laufen.“
„Rose, das ist doch keine Schande, denk sowas nicht. Ich bin auch „nur“ eine Kellnerin.“
„Du bist mit achtzehn schwanger geworden und hattest keine Wahl. Aus dir wäre bestimmt was geworden, denn du bist schlau, hast was auf dem Kasten, während ich einfach nur blond und hübsch bin. Ich passe nicht zu so einem Mann wie Emmett. Das schlimme ist, dass er wirklich furchtbar lieb ist. Ich habe den Abend vorzeitig abgebrochen und habe ihm gesagt, wir sollten uns nicht mehr wiedersehen. Im Club hat er mich angerufen und ich wurde furchtbar wütend, als er sagte, er würde jetzt kommen und mich holen. Ich wollte in Ruhe gelassen werden, denn mit uns würde es niemals klappen, wir sind zu unterschiedlich und er verdient eine Frau, mit der er sich nicht schämen muss.“
„Edward hat erzählt, er wäre aufgetaucht!“
Wieder lächelte Rose, doch jetzt wirkte es eindeutig verklärt.
„Ja, er kam und hat mich rausgezerrt“, sagte sie versonnen, „Draußen hat er mich leidenschaftlich geküsst und gesagt, ich solle nicht so viel nachdenken. Er wäre stolz darauf, so eine schöne Frau gefunden zu haben, die so nett wäre.“
Sie hielt einen Moment inne und wurde knallrot. Rose wurde rot!! Normalerweise war sie ziemlich abgebrüht und nichts konnte sie aus der Fassung bringen. Sie musste wirklich verschossen in Emmett sein, wenn sie so reagierte.
„Er hat mich einfach überwältigt“, schwärmte sie mit jetzt geschlossenen Augen, „Er ist so stark, Bella. Seine Küsse haben mich völlig aus dem Konzept gebracht und ich bin mit ihm in seine Wohnung. Es war die schönste Nacht meines Lebens. Es war nicht nur der Sex, auch wenn der überwältigend war, sondern die Art wie er mich danach gehalten hat. Zum ersten Mal in meinem Leben, habe ich mich bei einem Mann geborgen gefühlt und beschützt. Ich bin morgens aufgestanden, um mich vor ihm fertig zu machen, denn ich wollte nicht, dass er mich sieht, wenn ich so zerzaust und übernächtigt bin. Er schlief noch fest und sah aus wie ein großer Teddybär. Im Wohnzimmer klingelte das Telefon und jemand sprach auf den Anrufbeantworter. Es war seine Mutter! Sie bat ihn, sich um eine Begleitung für den Wohltätigkeitsball im Kongresszentrum zu kümmern. Da wurde mir wieder klar, dass es nicht klappen konnte mit uns. Ich werde dort kellnern, Bella! Soll ich ihn etwa mit seiner Begleitung bedienen. Es ist alles so aussichtslos. Ich bin gegangen und habe ihm nur einen Brief hinterlassen, indem ich ihm alles erklärt habe. Seitdem habe ich nichts mehr gehört.“
Ich nahm sie in den Arm und versuchte sie zu trösten. Anscheinend hatten wir alle großes Pech in der Liebe. Wir sollten uns zusammen tun und den Club der gebrochenen Herzen gründen, dachte ich sarkastisch.
„Ich muss wieder, Bella. Die Arbeit macht sich nicht von allein“, sagte sie entschlossen, „Hör mal, wir haben noch vor eine Abschiedsparty für Lou zu schmeißen, bevor er Seattle endgültig verlässt. Wir sammeln schon und wir wollten dich bitten, dich um ein passendes Geschenk zu kümmern. Du standest ihm am nächsten und kannst bestimmt was Tolles für ihn raussuchen.“
„Ich kümmere mich darum. Er hat sich schon immer eine neue Motorradausrüstung gewünscht, weil seine alte schon so verschließen ist. Je nachdem, wie viel zusammenkommt, könnten wir ja einen Teil dazu besteuern, vielleicht in Form eines Gutscheins. Da gibt es einen Harley Shop den er immer besucht, dort werde ich mich mal umschauen.“ http://www.downtownhd.com/
Rose nickte begeistert und verließ den Aufenthaltsraum, um den anderen Bescheid zu sagen. Ich beschloss mir noch eine Tasse Kaffee zu gönnen, um endgültig einen ansprechbaren Menschen aus mir zu machen. Während ich diesen in kleinen Schlucken trank, hörte ich immer wieder dasselbe Geräusch.
Tropf…..tropf…..tropf…..tropf….
Der Wasserhahn in der winzigen Küchenzeile war entweder defekt, oder man musste wieder mal, unten die Schraube festziehen. Genervt stand ich auf und schnappte mir aus dem provisorischen Werkzeugkasten eine Zange und wanderte unter die Spüle, um die Schraube festzuziehen. Das stellte sich als gar nicht so einfach heraus, weil das störrische Ding sich nicht von der Stelle bewegte.
„Jetzt beweg dich endlich, du blödes Ding“, stöhnte ich unter allergrößter Anstrengung und hing quasi mit meinem ganzen Gewicht an der Zange, um das dämliche Teil zu bewegen.
„Denkst du, sie wird dir antworten, wenn du nur laut genug schimpfst?“, fragte eine belustigte Stimme, die mir sofort den Puls hochtrieb.
Ich zog den Kopf zu hektisch raus und stieß mir kräftig an die Schläfe.
„Verdammt!“, fluchte ich ungehalten und gleichzeitig peinlich berührt, weil mir in seiner Gegenwart ständig die Koordination fehlte. Es schien fast, als würde die Tollpatschigkeit bei ihm wieder zum Leben erwachen, nachdem ich so viele Jahre brauchte, um sie einigermaßen in den Griff zu kriegen.
„Hast du dir weh getan?“, fragte er.
Ich hielt mir den Kopf, während ich etwas belämmert vor ihm auf dem Boden saß und mich dann doch aufrappelte.
„Nein, es geht schon. Früher ist mir sowas ständig passiert. Das härtet ab“, meinte ich nur.
„Du bist ein bisschen tollpatschig, kann das sein?“, fragte er grinsend.
Ich würdigte ihn keiner Antwort, sondern räumte die Zange weg. Danach sah ich ihn vorsichtig an und spürte wieder diesen vertrauten Stich in meinem Herzen bei seinem Anblick. Er war wirklich der wunderschönste Mann, den ich jemals sah, niemand war mit ihm vergleichbar. Doch es war nicht nur seine optische Erscheinung, sondern auch diese Aura aus Kälte, Gewissenlosigkeit und Sex, die ihn so anziehend machte. Jetzt wo ich mir die Liebe zu ihm eingestand, spürte ich sie nur noch intensiver und ich war fast froh darüber, dass er mir versprach, mich in sexueller Hinsicht in Ruhe zu lassen. Ich hätte ihm wahrscheinlich nicht mehr widerstehen können, wenn er es tatsächlich noch mal darauf anlegte, mich ins Bett zu bekommen.
Groß, schlank und sexy stand er in seinem Anzug in der Tür, sein Hemd war blütenweiß, gepaart mit einer dunkelgrünen Seidenkrawatte, die die Farbe seiner Augen wiederspiegelte. Er wirkte sehr businessmäßig und ich wertete das als Zeichen dafür, dass er nicht daran dachte, den Tag im Diner zu verbringen. Warum auch? Er hatte mit Sicherheit noch wichtigere geschäftliche Angelegenheiten, die seiner Aufmerksamkeit bedurften. Der Umschwung vom dekadenten Playboy, den er im Privatleben darstellte, zum eiskalten Geschäftsmann, vollzog sich so selbstverständlich, wie der Wechsel zwischen Tag und Nacht. Mit federnden Schritten betrat er den Raum.
„Lass uns ins Büro gehen“, sagte er ohne Umschweife, „ich habe nicht viel Zeit und wir müssen noch einiges besprechen.“
Er wartete nicht auf mich, sondern machte sich gleich auf den Weg in Lou´s ehemaliges Büro. Ich folgte ihm und sah ihn dann abwartend an.
„Nachdem wir unsere persönliche Situation geklärt haben, geht es um den geschäftlichen Part“, begann er, “ Du bist erstaunlich gut informiert, über die Abläufe hier und ich habe beschlossen, dich als Geschäftsführerin einzusetzen. Ich habe weder die Zeit, noch die Lust, lange nach jemandem zu suchen, der die Führung dieses Ladens übernimmt. Du hast Köpfchen und den Respekt der Mitarbeiter, das ist schon mal das A und O. Benton, mein Assistent wird dir zur Verfügung stehen, falls du Fragen hast. Von ihm kannst du viel lernen, er hat schon meinem Vater zur Seite gestanden und dann mir. Desweiteren möchte ich, dass du die Aushilfen entlässt und dafür zwei Vollzeitkräfte einstellst. Nun, was hast du dazu zu sagen?“, schloss er unterkühlt.
Ich konnte ihn nur anstarren, ich sah wie sich seine Lippen bewegten und hörte auch das Gesagte, doch ich musste das erst verdauen. Ich sollte die Geschäftsführung übernehmen? Traute ich mir das zu? Ja! Ja, das tat ich. Es wäre eine große Chance für mich finanziell ein bisschen auf die Beine zu kommen und nicht jeden Cent umdrehen zu müssen. Auch wenn das Angebot von Edward kam und er mich mit seiner betont distanzierten Art umbringen würde, musste ich diese Chance nutzen. Ich hatte Verantwortung für ein Kind und durfte mich nicht allein von meinen verletzten Gefühlen leiten lassen.
„Wenn du denkst, dass ich dazu in der Lage bin, würde ich es gerne versuchen. Doch ist es wirklich nötig die Aushilfen zu entlassen?“, sagte ich langsam und sah ihn aus großem Augen an. Er erwiderte meinen Blick, sein Gesichtsausdruck blieb hart und mitleidlos.
„So ist es nun mal. Die einen kommen, die anderen gehen. Du musst wirtschaftlich denken. Diese Aushilfen bringen nicht viel. In anderen Bereichen mag es durchaus sinnvoll sein, mit Aushilfen zu arbeiten, da man flexibler ist bei der Planung, aber so ein Diner lebt von den Leuten, die darin arbeiten. Die Stammgäste kommen wegen den Bedienungen wieder, nicht wegen dem Essen, denn Burger kriegst du an jeder Ecke. Je mehr festes Personal du hast, umso mehr Stammkunden wirst du bekommen. Nur mit der Laufkundschaft kannst du das Diner nicht halten. Es gibt immer Leute die auf der Strecke bleiben, doch du darfst dich nicht von deinem mitfühlenden Wesen leiten lassen. Hier musst du knallharte Entscheidungen treffen.“
„Du hast wohl recht, aber einfach ist das trotzdem nicht“, sagte ich verzagt.
Sein Blick wurde etwas weicher und er fuhr sich mit der Hand durch sein Haar.
„Ich werde für einige Zeit geschäftlich verreisen, Bella. Es ist das Beste für dich, denn ich kann dir nicht garantieren, mich von dir fernzuhalten, wenn ich ständig in deiner Nähe bin. Wir brauchen Abstand und ich werde schon etwas finden, womit ich mich ablenken kann. Das solltest du auch tun“, sagte er mit belegter Stimme, „Wenn ich wieder zurück bin, dauert es nicht mehr lange, bis zur Hochzeit mit Jessica und dann bist du mich endgültig los.“
Entsetzt, verletzt und traurig sah ich ihm in die grünen Augen und fasste es nicht, was er mir gerade erzählte. Ich wusste nicht, dass die Hochzeit mit Jessica schon so kurz bevor stand und war wie versteinert. Er stand plötzlich vor mir und legte mir die Hand an die Wange, umschloss sie fest und strich mit seinem Daumen meinen Mundwinkel entlang.
„Das ist ein Abschied, Bella!“, wisperte er, „Wenn ich wiederkomme, wird alles anders sein.“
Eine Träne verfing sich in meiner Wimper, gewann den Kampf gegen das störrische Härchen und rollte langsam meine Wange runter.
„Edward….“, flüsterte ich betrübt.
Er lächelte ein bisschen wehmütig.
„Bevor ich gehe, nur noch dieses hier….“, sagte er leise.
Verständnislos sah ich zu ihm auf und sah seinen Mund auf mich zukommen. Ich schloss die Augen, erwartete sehnsüchtig seinen Kuss, der mir gleich darauf die Sinne raubte. Seine Lippen bewegten sich sinnlich, weich und heiß auf meinen, eine weitere Träne löste sich und vermischte sich mit unserem Kuss. Unsere Münder öffneten sich fast zeitgleich und die Welt blieb stehen, während wir den Geschmack des anderen ein letztes Mal kosteten, uns die Weichheit der Lippen einprägten und den Geruch des jeweils anderen inhalierten. Immer wieder drängten wir die Zunge in den Mund des anderen, nicht leidenschaftlich, sondern sanft und süß. Innerlich starb ich, weil das Ende näher rückte und ich klammerte mich fester an ihn, vergrub die Hände in seinem Haar und wünschte mir, ewig seinen Kuss spüren zu können. Schließlich löste er sich von mir, sah mir noch mal eindringlich in die Augen und strich mir die Tränen aus dem Gesicht.
„Leb wohl, Liebes!“
Er war weg, bevor ich reagieren konnte. Lange stand ich reglos an Ort und Stelle, bevor ich den Telefonhörer ergriff und eine Anzeige bei der hiesigen Zeitung schaltete, um nach Vollzeitkräften zu suchen. Er hatte seine Entscheidung getroffen und ich musste damit leben.
Es stellte sich als äußerst schwierig heraus, das passende Personal zu finden. Seit einer Woche gingen die Bewerber jetzt schon ein und aus und keiner entsprach auch nur annähernd den Anforderungen, die für so einen Beruf wichtig waren. Es schien, als hätten sich sämtliche Idioten Seattles aufgemacht, um mir den letzten Nerv zu rauben. Von Piercings, Ganzkörpertätowierungen und ungenügenden Sprachkenntnissen war alles vertreten und ich begriff langsam, dass es gar nicht so einfach war, anständiges Personal zu finden.
Es klopfte an der Tür des Büros und ich bat die Person hinein. Noch immer war es ungewohnt für mich, dass dieses Büro jetzt meines sein sollte. Lou war sehr erfreut, über meine Position, als wir uns auf seiner Abschiedsfeier unterhielten und wünschte mir alles Glück.
Alice trat zu meiner Überraschung ein. Seit sie mir die Handtasche zurückbrachte, sah ich sie nicht mehr, da ich im Club eine Pause einlegte, um mich voll und ganz meiner neuen Aufgabe zu widmen. Jasper war zwar nicht begeistert, verstand aber meine Beweggründe. Alice erreichte ich weder telefonisch noch sonst wie, nur eine kurze SMS beruhigte mich, in der sie mir schrieb, mit ihr wäre alles in Ordnung, sie brauche nur ein wenig Zeit für sich.
„Alice“, rief ich erfreut, „wie schön, dich endlich wiederzusehen.“
Sie erwiderte meine Umarmung und setzte sich.
„Entschuldige, dass ich mich solange nicht gemeldet habe, aber es war keine schöne Zeit für mich.“
„Wie ist es denn jetzt mit Jasper weitergegangen? Er hat so gar nichts rausgelassen, als ich bei ihm war und ihn um eine Pause gebeten habe“, fragte ich mitfühlend. Sie war nach Rose und mir, die Dritte im Bunde, die an Liebeskummer litt.
„Es ist furchtbar!“, antwortete sie, „Er spricht überhaupt nicht mehr mit mir und lässt mir alles über Dritte ausrichten. Es ist, als wäre ich unsichtbar und das ertrage ich nicht mehr länger. Ich werde kündigen, Bells, sobald ich was Neues habe. Ich würde ja am liebsten sofort gehen, um seine Kälte nicht länger ertragen zu müssen, aber ich muss ja Miete zahlen und auch was essen.“
In mir reifte sofort ein Entschluss.
„Du brauchst nicht mehr zu suchen. Ich brauche für das Diner eine Vollzeitkraft, genauergesagt zwei und du wärst perfekt dafür. Du bist freundlich, kompetent, erfahren im Servicebereich und du bist zuverlässig. Was Besseres könnte mir gar nicht passieren. Wenn du willst, kannst du morgen schon anfangen, du musst nur Jasper deine Kündigung vorbeibringen.“
„Wow, Bells, damit hätte ich nie gerechnet“, sagte sie begeistert und wirkte gleich viel fröhlicher, „Vielleicht schaff ich es sogar, ihn mir aus dem Kopf zu schlagen, wenn ich ihn nicht mehr sehe, bestimmt sogar.“
Ich wollte ihr diese Hoffnung nicht nehmen, ich erlag diesem Trugschluss ja selbst, doch je mehr Zeit verging, immerhin schon zwei Wochen, umso größer wurde meine Sehnsucht nach Edward. Ich konnte ihn einfach nicht aus meinem Kopf bekommen und ich hätte meine Seele verkauft, um wenigstens einmal seine Stimme zu hören. Doch er meldete sich überhaupt nicht bei mir, hatte den Kontakt völlig abgebrochen und ließ mir nur über diesen Mr. Benton oder per Mail Nachrichten zukommen. Diese waren rein geschäftlicher Natur und beinhalteten keinerlei persönliche Worte.
„Dann ist ja alles klar!“, freute ich mich, „Rose wird ausflippen, wenn sie hört, dass du hier anfängst.“
Alice grinste über das ganze Gesicht, als es wieder an der Tür klopfte und eine Frau eintrat, die vom Alter schwer zu schätzen war. Alice und mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als wir sie sahen. http://www.pravmir.com/uploads/toula_larger.jpeg
„Hallo! Mein Name ist Cynthia Simmons“, sagte sie schüchtern.
Oh Gott, sie lispelte furchtbar!
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte ich freundlich und mir schwante Böses, während Alice, vor lauter Staunen, über so ein grauenhaftes Outfit, den Mund nicht mehr zubekam.
„Ich möchte mich bei Ihnen um die freie Stelle bewerben“, sagte sie leise und traute sich kaum mich anzusehen. War ich so furchterregend? Sie tat mir leid und so bat ich sie Platz zu nehmen, um ihr wenigstens eine Chance zu geben.
Fotos von Cynthia Simmons

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