Inhalt:

Bella Swan ist alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Mit zwei Stellen hält sie sich grad so über Wasser. Tagsüber arbeitet sie in einem Schnellrestaurant und am Wochenende in einem angesagten Club. Dort lernt sie Edward Cullen kennen. Der ist reich, gelangweilt und eiskalt. Er macht Bella ein unverschämtes Angebot. Gegen Bezahlung soll sie seine Geliebte werden. Empört lehnt sie dies ab........ Pairing Bella/Edward

© by Vivian (Die Charaktere gehören Stephenie Meyer)

Donnerstag, 25. November 2010

Kapitel 55 - Tanya

Edwards PoV
Angst. Ich spürte nackte Angst, als ich meinen Wagen vor dem Haus der Denalis stoppte. Seit einer halben Stunde saß ich jetzt im Auto und rührte mich nicht vom Fleck. Die Straße war absolut ruhig, kaum ein Auto fuhr vorbei, während ich mit mir kämpfte. Meine frühere Kaltschnäuzigkeit war wie weggefegt und ich fühlte mich wie der größte Feigling auf Erden. Reglos beobachtete ich, wie ein Windstoß ein dreckiges Blatt Papier auf die Windschutzscheibe des Autos beförderte. Es segelte durch die Luft, kreiste und blieb schließlich am Fenster kleben. Meine Hände zitterten vor Aufregung, ich konnte sie kaum ruhig halten. Es kostete mich alle meine Überwindung sie nicht um das Steuer zu krampfen, den Zündschlüssel umzudrehen und zu flüchten.

Ich wollte das alles nicht. Mein Leben mit Bella hatte gerade erst begonnen, wir waren glücklich und sogar unsere Meinungsverschiedenheiten und Streitereien konnten dies nicht ändern. Wir hätten es in den Griff bekommen. Irgendwie. Jetzt fühlte ich mich total durch die Mangel gedreht, weil ich vor lauter Gefühlswirrwarr kein Auge zugemacht hatte. Die Nachricht von Tanyas Rückkehr schlug ein wie eine Bombe. In meinem Kopf spielten sich die verschiedensten Szenarien ab, die nur vorstellbar waren. Meine süße Bella, weinend, weil ich mich wieder Hals über Kopf in Tanya verliebte. Oder Tanya, tief enttäuscht, weil sie einfach zu spät gekommen war und mein Herz jetzt einer anderen gehörte.

Ich warf mich im Autositz nach hinten, mein Kopf knallte schmerzhaft gegen die Kopfstütze. Mein Puls raste, weil ich es kaum ertrug hier zu sitzen, während Bella zu Hause wartete und darauf gefasst war, alles zu verlieren. Sie hatte in ihrem Leben schon so viel Enttäuschungen hinnehmen müssen, ich wollte ihr nicht noch eine weitere bereiten. Und doch war ich hier und stand kurz davor der Frau gegenüberzutreten, die mein Leben so viele Jahre lang bestimmt und beeinflusst hatte. Erst nachdem Bella friedlich in meinen Armen schlief, gestattete ich mir an Tanya zu denken. Es kam mir falsch vor, es zu tun, während Bella mir noch vertrauensvoll in die Augen sah. Doch als sie einschlief, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich freute mich, sehr sogar. Das änderte nichts an meiner Liebe zu meiner Frau, aber lieber Gott. Tanya lebte.

Was das für meine Ehe bedeuten würde, konnte ich jetzt nicht absehen. War es möglich zwei Frauen gleichzeitig zu lieben? Ich hatte Angst, dass es genauso enden würde. Das war nicht genug. Weder für Tanya, noch für Bella. Seufzend rieb ich mir den Nasenrücken. Am liebsten hätte ich mich in zwei Hälften geschnitten, um beiden Frauen gerecht zu werden. Tanyas Rückkehr hatte mich in eine unmögliche Situation manövriert. Ich wollte keiner der beiden Frauen weh tun, doch eine würde auf der Strecke bleiben. Immer vorausgesetzt, dass Tanya überhaupt noch sowas wie Liebe für mich empfand. Es war viel Zeit vergangen, wir waren beide erwachsen geworden und hatten uns weiterentwickelt. Möglicherweise machte ich mir umsonst verrückt und alles würde sich finden.


Meine Gedanken wanderten zu Bella. Sie war sehr ruhig gewesen heute morgen. Sie wartete auf mich, als ich mich duschte und danach anzog. Sehr still und in sich gekehrt saß sie da, ihre Augen verständnisvoll und doch so traurig, dass ich mir vorkam wie ein Monster. Ich versuchte ihr zu sagen, wie sehr ich sie liebte, doch sie schüttelte nur den Kopf.

“Nicht!”, war ihre einzige Reaktion darauf, “Du kannst es mir sagen, wenn du wieder da bist. Aber nicht jetzt.”

Ihre Stimme klang erstickt, sie gab sich unglaubliche Mühe nicht zu weinen. Unser Abschiedskuss war intensiv und sie klammerte sich dabei an mich, als wäre es das letzte Mal, dass ich sie küsste. Die Angst in ihren Augen brachte mich fast um. Ich versuchte, ihr wenigstens mit meiner Umarmung zu vermitteln, was ich für sie empfand. Ich konnte ihren Kummer fast schon körperlich spüren und trotzdem ließ sie mich ziehen. Sie war so unglaublich stark, doch wie viel konnte sie noch ertragen? Am liebsten hätte ich alles hingeschmissen, Bella und Danny geschnappt, um vor dem Kommenden, in den entgegengesetzten Teil der Welt, zu flüchten. Es war aber unmöglich. Ich musste mich meiner Vergangenheit stellen.

Meine Augen sahen hoch, hefteten sich an das Fenster von Tanyas früherem Zimmer. Eine leichte Bewegung hinter den Vorhängen, erregte meine Aufmerksamkeit. War das Tanya? Es war unverkennbar eine Frau die durch die Vorhänge lugte und ich glaubte einen Streifen rotblonden Haares zu erkennen. Sie war es. Sie war es tatsächlich. Plötzlich hielt mich nichts mehr im Wagen. Alles in mir schrie danach, sie zu sehen. Ich wollte mich nur davon überzeugen, dass es ihr tatsächlich gut ging, dass sie gesund und am Leben war. Wenn ich dieses Treffen überstand, würde ich zu Bella zurückgehen und sie für all den Kummer entschädigen, den ich ihr bereitet hatte. Das war ich dieser wundervollen Frau einfach schuldig.

Entschlossen stieg ich aus und ging auf das Haus zu. Die Luft war kalt, mein Atem wurde in kleinen Wölkchen sichtbar, während ich im Laufen meine Umgebung scannte. Es war nicht viel los, so früh am Morgen. Das würde bald ein Ende finden, wenn Tanyas wundersames Auftauchen bekannt wurde. Die Presseleute würden sich wie die Geier auf die Geschichte stürzen und das Haus belagern. Ich konnte mir die reißerische Berichterstattung schon lebhaft ausmalen und betete, dass sie wenigstens Bella da raus halten würden. Gerade die unseriösen Boulevardblätter würden Ratzfatz eine Dreiecksgeschichte daraus machen und Bella mit quälenden Fragen bombardieren. Sie war nicht erfahren genug, um damit fertigzuwerden. Die Vorstellung, dass sie die nächste Zeit tagtäglich dem Blitzlichtgewitter der örtlichen Paparazzi ausgesetzt war, machte mich rasend. Unwillkürlich beschleunigte ich meine Schritte. Ich wollte das endlich hinter mich bringen.

Jetzt befand ich mich direkt vor der Haustüre. Ein paar Atemzüge lang zögerte ich noch und klingelte dann. Meine Hände waren schweißnass vor Aufregung. Nur noch ein paar Minuten und ich würde sie wiedersehen. Etwas merkwürdiges passierte mit mir, während ich darauf wartete, dass mir jemand öffnete. Je näher der Moment rückte, umso weiter entfernte ich mich von dem Leben, das ich jetzt führte. Ich war wieder neunzehn, aufgeregt und voller Vorfreude die Frau zu sehen, die ich so sehr liebte.....geliebt hatte.

Carmen selbst öffnete die Türe. Ich hatte sie schon eine Weile weder gesehen, noch gesprochen. Nachdem Bella mir von Carmens Überfall erzählte, nahm ich mir vor, ein paar ernste Worte mit meiner ehemaligen Fast-Schwiegermutter zu wechseln. Doch Vancouver kam mir zuvor. Ich würde es nicht unerwähnt lassen, aber jetzt war weiß Gott nicht der richtige Zeitpunkt dafür.

“Edward!”, sagte sie jubelnd, “Wie wundervoll, du bist hier. Tanya wartet schon auf dich.”

Sie sah strahlend zu mir auf und wirkte um Jahre verjüngt. Die Rückkehr ihrer Tochter wirkte sich positiv auf ihre Gesichtszüge aus. Die Verbitterung darüber, die eigene Tochter überlebt zu haben, war absoluter Freude gewichen.

“Carmen”, antwortete ich kühl.

Sie sah mich etwas erstaunt an, unsicher. Das hielt jedoch nur kurz an. Sie war wohl zu glücklich, um sich weitere Gedanken zu machen.

“Komm, sie hat dich schon vom Fenster aus gesehen und wartet in ihrem Schlafzimmer auf dich”, zwitscherte sie fröhlich, dann zwinkerte sie mir zu. “Ich werde euch nicht stören. Ihr habt ja neun Jahre nachzuholen.”

Ungläubig sah ich sie an. Worauf wollte sie hinaus? Dachte sie wirklich, ich würde mit Tanya gleich ins nächste Bett fallen? Hielt sie meine Ehe für einen Spaß, den ich mir erlaubte, bis ich mich wieder meiner “wahren” Liebe zuwendete? Sie musste wirklich wahnsinnig sein.

“Ich will nur sehen, dass es ihr gut geht, Carmen”, sagte ich eisig. “Ich bin verheiratet, schon vergessen?”

Sie sah mich an. Prüfend, manipulativ.

“Eine Ehe kann heutzutage schnell enden, Edward”, säuselte sie leise.

Mich fröstelte es, als ich den Ausdruck in ihren Augen sah. Für sie schien es bereits beschlossene Sache, dass Tanya und ich wieder ein Paar werden würden.

“Ich werde mit dir nicht über meine Frau diskutieren, Carmen. Du brauchst mich nicht weiter zu begleiten. Ich kenne den Weg.”

Carmens Anwesenheit war mir unangenehm und ich beeilte mich von ihr fortzukommen. Ihre Kälte und ihr Wunsch nach absoluter Perfektion in allen Dingen, einschließlich ihrer Tochter, war mir schon immer extrem unsympathisch. Sie hatte Tanya von Kindesbeinen an darauf gedrillt, den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen. Wie ein General wachte sie über alle Dinge, die ihre Tochter betrafen. Sie liebte ihre Tanya, sehr sogar, aber es war eine ungesunde Liebe und bestand zum größten Teil aus selbstsüchtigen Motiven. Sie wollte durch Tanya ihre gesellschaftliche Stellung festigen und war stolz auf die Schönheit ihrer Tochter und nicht auf ihr liebenswertes Wesen. Sie benutzte sie, um ihre eigenen Träume zu verwirklichen. Ein Umstand der mir immer bewusst, aber ziemlich scheißegal war. Ich wollte Tanya damals um jeden Preis, und nahm so auch ihre kontrollsüchtige Mutter in Kauf.

Die Treppen die in den oberen Stock führten, schienen gar nicht weniger zu werden. Doch irgendwann stand ich endlich vor ihrer Tür. Meine Hand ballte sich zur Faust, ich hob sie halb in die Höhe und ließ sie doch wieder sinken. Ich war so kurz davor........und doch...

Die Türe schwang nach innen auf. Ich konnte es nicht sehen, da ich die Augen geschlossen hatte, aber ich spürte den Luftzug, der wie ein Hauch meine Wange streifte. Aber noch öffnete ich meine Augen nicht und kostete das Gefühl der Erwartung aus, das sich in mir aufbaute. Ich konzentrierte mich, hörte außer meinem, noch die leisen Atemzüge einer zweiten Person. Endlich machte ich meine Augen auf und da war sie. Leibhaftig, wunderschön und lebendig. Tanya.

Meine Kehle war wie zugeschnürt. Sie war es tatsächlich, ein Irrtum war ausgeschlossen. Das Blut rauschte in meinen Ohren und ich stand kurz vor einem Kollaps. Oh Scheiße......Tanya.....oh Gott.

“Hallo, Edward.”

Ihre Stimme....sie klang wie damals. So lieblich und hell. Ich schluckte hart und ging ein paar Schritte auf sie zu. Langsam, vorsichtig. Ich hatte Angst sie würde sich in Luft auflösen, wenn ich mich zu hastig bewegte. Sie fing an zu lächeln, es wurde breiter und strahlender, je näher ich auf sie zukam. Dann stand ich direkt vor ihr und sie war zum Greifen nah. Staunend blickte ich auf sie hinunter. Tanya war nicht klein, aber meine Körpergröße ließ selbst eine Frau wie sie zierlich erscheinen. Nicht so zart und winzig, wie meine Bella, aber dennoch weckte sie Beschützerinstinkte.

Sie sah aus wie vor neun Jahren, vielleicht war sie sogar noch schöner. Die Jahre hatten sie reifen lassen und ihr eine unterschwellige Sinnlichkeit geschenkt, die ihr als junges Mädchen gefehlt hatte. Die rotblonden Haare lagen auf ihren Schultern auf, die blauen Augen strahlten mich an und die helle Haut war noch immer makellos. Müsste sie nicht irgendwelche Verletzungen vom Absturz davongetragen haben? Sowas konnte man doch nicht ohne dauerhafte Blessuren überleben.

Sie hob sachte die Hand, ein wenig ängstlich, weil sie wohl eine Zurückweisung fürchtete, und legte sie an meine Wange. Ich zuckte leicht zusammen und genoss kurz die Berührung. Es ist nichts dabei, redete ich mir ein, weil ich sofort Bellas Gesicht vor Augen hatte. Ich legte trotzdem meine Hand über ihre und schob sie vorsichtig weg. Tanyas Lächeln verblasste.

“Es tut mir leid”, hauchte sie, “ich wollte nicht aufdringlich sein.”

Ich schüttelte verwirrt den Kopf.

“Nein, nein, das ist es nicht...”, stotterte ich, “es ist....ich...oh Gott.”

Ich ließ alle Vorsicht fahren und riss sie in meine Arme. Sie schmiegte sich an mich und ich ließ mich für einen Moment fallen, war wieder neunzehn und frisch verliebt.

“Tanya...Tanya...Tanya”, flüsterte ich bewegt und presste die Frau, die mir so fremd geworden war, dicht an meinen Körper. “Du lebst....du bist tatsächlich wieder da.”

Sie schmiegte sich fest an mich, umhüllte mich mit dem intensiven Veilchenduft, der sie schon damals immer umgab. Es war wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Mein schlechtes Gewissen, dass ich eine andere Frau, als Bella , im Arm hielt, drängte ich weg und lebte nur für den Moment.

“Edward, du erdrückst mich”, lachte sie leise.

Ich ließ sie los, als hätte ich mich verbrannt. Was tat ich hier überhaupt? Verdammt, ich musste mich zusammenreißen.

“Entschuldige bitte”, bat ich sie atemlos, “Ich bin einfach nur überwältigt, weil du tatsächlich vor mir stehst.” Ich schüttelte den Kopf und lachte leise. “Ich kann es immer noch nicht glauben.”

Tanya legte den Kopf schräg und lächelte charmant. Sie wirkte viel selbstbewusster als früher.

“Glaub es ruhig”, neckte sie mich und brachte mich dadurch zum Lächeln. Fasziniert beobachtete ich, wie sie elegant ein paar Schritte zurückging und einen Meter entfernt vor mir zum Stehen kam. Sie war ernst geworden.

“Setz dich doch, Edward!”, forderte sie mich auf und deutete auf den Sessel der neben dem Bett stand.

Irgendwas in ihrer Stimme brachte mich dazu, ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Die Stimmung war umgeschlagen. Es wurde Zeit für ein paar Antworten. Ich setzte mich und musterte sie prüfend. Sie wirkte nervös. Das hielt mich aber nicht davon ab, ihr die Fragen zu stellen, die mich am meisten interessierten, die mir unter den Nägeln brannten, seit ich von ihrer Rückkehr erfahren hatte.

“Wie konntest du den Absturz überleben? Wo warst du nur all die Jahre?”, wollte ich wissen.

Ich konnte es kaum erwarten, die Antworten zu hören. Sie setzte sich auf das Bett und knetete ihre Finger. Das hatte sie früher immer getan, wenn ihr etwas unangenehm war. Warum nur, bekam ich immer mehr das Gefühl, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war? Tanya wirkte auf einmal, wie das personifizierte schlechte Gewissen. Betreten wartete ich auf ihre Antwort und war mir nicht sicher, ob ich sie überhaupt noch hören wollte.

“Edward, versprich mir, dass du mich nicht hassen wirst, egal, was ich dir jetzt gleich sagen muss!”, beschwor sie mich.

In ihren Augen lag tiefe Reue und eine unendliche Traurigkeit. Warum sagte sie sowas? Warum sah sie mich so an?

“Du hast mir noch nicht geantwortet. Wie konntest du diesen Absturz überleben?”

Scheiße, war das meine Stimme? Sie zitterte und klang belegt. Sie schloss gepeinigt die Augen.

“Ich war nie in dem Flugzeug.”

Ihre Worte kamen furchtbar leise, sie waren kaum zu hören und doch war mir, als hätte sie sie heraus geschrien. Das konnte nicht sein. Ich musste mich verhört haben.

“Was hast du gesagt?”

Sie atmete schwer aus.

“Ich war nie in dem Flugzeug, ich bin wieder raus, nachdem ich sicher war, dass du weg bist. Die Maschine ist ohne mich an Bord gestartet.”

Die Bedeutung dessen, was sie mir eben gestanden hatte, überfuhr mich förmlich. Wenn sie nicht in der Maschine war, dann hatte sie bewusst zugelassen, dass alle sie für tot hielten. Sie hatte meinen Schmerz, den ihrer Mutter und den ihres Großvaters in Kauf genommen, um....ja, um was zu tun?

Ich fing an zu lachen. Ein bitteres, böses und anklagendes Lachen.

“Nicht in der Maschine?”, fuhr ich sie wild an, “Nicht in der Maschine?! Sag mir Tanya, wenn du nicht mit dem verfluchten Ding abgestürzt bist, wo warst du dann all die Jahre.”

Den letzten Satz, schrie ich so laut, dass sie vor Angst heftig zusammenzuckte. Noch immer versuchte ich zu erfassen, was das zu bedeuten hatte.

“Na los, gib mir gefälligst eine Antwort!”, brüllte ich. All die zärtlichen Gedanken und Gefühle, die vorhin bei ihrem Anblick hochgestiegen waren, verrauchten schlagartig. Zurück blieb nur maßlose Enttäuschung.

“Bitte Edward....ich....lass es mich erklären. Bitte! Hör mir einfach nur zu. Wenn du danach nie wieder was mit mir zu tun haben willst, dann werde ich das akzeptieren. Aber gib mir wenigstens die Chance, dir begreiflich zu machen, warum ich euch alle im Glauben gelassen habe, ich wäre tot.”

Sie hatte es bewusst getan. Ihre Bestätigung war wie eine Ohrfeige.

“Ich höre.” Meine Stimme zitterte wie ein Stimmgabel. Mir war speiübel.

Sie befeuchtete sich nervös die Lippen. Ungerührt folgte ich dieser Bewegung, doch es löste nicht den gewohnten Schauer der Erregung in mir aus. Ich fühlte mich wie betäubt.

“Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.”

Sie schien mehr zu sich selbst zu sprechen, als zu mir. Mitleidlos beobachtete ich ihren Kampf. Gelogen, sie hatte gelogen. All die Jahre.....meine Trauer um sie.....umsonst.

“Es ist mir egal, wo du anfängst.”, sagte ich frostig, “Hauptsache, du lügst mich nicht weiter an. Hast du mich eigentlich jemals geliebt? Wie konntest du mich nur all die Jahre so im Ungewissen lassen. Die Nachricht von deinem Tod....ich wäre damals am liebsten selbst gestorben.”

Mein Stimme brach.

Aus Tanyas Augen lösten sich lautlose Tränen.

“Wenn du nur wüsstest, wie leid mir das alles tut. Ich habe dich geliebt, Edward, aber..... aber das mit uns, wäre niemals gut gegangen. Ich war nicht frei genug, um dich so lieben zu können, wie du es verdient hättest.”

Mir drehte sich der Magen um, die Säure stieg mir hoch und ich musste beinahe würgen.

“Hör endlich auf, hier solchen Mist zu erzählen und sag mir endlich, was Sache ist. Fuck, Tanya! Ich habe neun beschissene Jahre lang, um dich getrauert. Nach der Nachricht vom Flugzeugabsturz bin ich fast durchgedreht, und du erzählst mir hier einfach, du wärst nie im Flieger gewesen. Ich will Antworten und zwar sofort. Wieso warst du neun Jahre verschollen und vor allem warum?”

Ich brüllte so laut, man musste es im ganzen Haus hören.

“Weil ich jemand anderen mehr geliebt habe!”, schrie sie zurück. Ihr Gesicht war vor Aufregung gerötet, hässliche, rote Flecken bildeten sich darauf und sie weinte jetzt heftig. Ihr ganzer Körper zitterte vor Anstrengung, weil sie mir die Wahrheit ins Gesicht schrie. Sie liebte mich nicht...nicht damals....nicht heute...

Es tat weh. Mehr als ich mir hätte vorstellen können. Neun Jahre lang war ich der Meinung gewesen, die Liebe zwischen mir und Tanya wäre etwas Besonderes, fast schon etwas Heiliges gewesen. Jetzt wurde mir klar, dass sie wohl nur ein Produkt meiner Fantasie war.

“ Ich verstehe.”, sagte ich tonlos und wollte aufstehen.

Sie sprang vom Bett auf und drückte mich in den Sessel zurück.

“Nein, nicht weggehen.”, bat sie heiser.

“Was soll das?”, erwiderte ich unwirsch. Ich musste hier raus, sie nahm mir die Luft zum Atmen.

“Bitte, du musst mich anhören. Ich will es dir wenigstens erklären.”, bat sie beschwörend.

Müde lehnte ich mich zurück. Sollte sie doch reden, es änderte sowieso nichts mehr.

“Sprich dich ruhig aus.”

Ich bemühte mich ruhig zu bleiben, doch in meinem Kopf herrschte absolutes Chaos. Oh Tanya, warum.....?

“Wer war er?”

Sie hatte jemand anderen geliebt. So sehr, dass sie neun Jahre lang von der Bildfläche verschwand und ihren Tod vortäuschte. Ich hatte das Recht zu erfahren, wer mein damaliger Rivale war.

“Es war kein Er.”

Ich glaubte, mich verhört zu haben.

“Bitte?!”

Sie schluckte hart und wich meinem Blick aus.

“Es war kein Er”, wiederholte sie gezwungen, “Die Person die ich geliebt habe, war eine Frau.”

Ich war so überrascht, dass mir der Mund offen stehen blieb. Tanya und eine.....Frau!

“Verstehst du jetzt?”, bat sie mich verzweifelt, “Ich konnte das niemandem verraten. Es hätte Mutter und Großvater vor Enttäuschung umgebracht, ganz abgesehen davon, dass ein Outing nicht nur mich, sondern auch sie gesellschaftlich zerstört hätte. Die High Society in Seattle war damals nicht tolerant genug, um das zu akzeptieren. Sie sind es bis heute nicht. Ich konnte doch den Namen Denali, nicht mit einer lesbischen Beziehung in Verbindung bringen. Das war unmöglich.”

Voller Verachtung sah ich sie an.

“Was soll das heißen, es war unmöglich. Das ist doch kein Grund alle glauben zu lassen, du wärst tot.” Ich packte sie an den Oberarmen und schüttelte sie durch wie eine Puppe. “Verdammt, ist dir eigentlich klar, dass wir deinetwegen alle durch die Hölle gegangen sind? Wie konntest du nur, Tanya. Zum Teufel mit dir!”

Mein Griff um sie wurde fester und sie weinte jämmerlich. Betrogen, sie hatte mich betrogen. Unfähig meinen Schmerz darüber zu überspielen, packte ich sie nur noch fester. Ich wollte ihr weh tun.

“Es...tut mir leid. So unendlich leid”, schluchzte sie. “Wenn ich es rückgängig machen könnte, dann würde ich es tun. Aber...aber ich kann die Zeit nicht zurückdrehen.”

“Da hast du verdammt noch mal Recht. Das kannst du nicht.”

Vor Wut sah ich Sternchen. In mir wuchs der primitive Wunsch, ihr für all diese Lügen ins Gesicht zu schlagen. Dieser Wunsch wurde so stark, dass ich vor mir selbst Angst bekam. Ich gab mir Mühe an meine süße Bella zu denken, versuchte durch das Heraufbeschwören ihres hübschen Gesichtes, meine überreizten Nerven zu beruhigen. Es funktionierte. Ich ließ Tanya langsam los und sie setzte sich auf den Boden. Ich starrte auf ihren Kopf hinunter, als ich über ihr aufragte und beobachtete ihren zuckenden Körper. Ihr Weinkrampf wollte nicht enden, ob vor Angst, weil ich so brutal war, oder weil sie einfach ein schlechtes Gewissen hatte.

Automatisch zog ich ein Taschentuch heraus und ließ es vor ihre Füße fallen. Sie sah erstaunt auf. Die verheulten Augen wurden von verschmierter Wimperntusche umrahmt und das Blau ihrer Augen leuchtete fast schon unnatürlich heraus.

“Hör auf zu flennen und erzähl mir den Rest, Tanya”, forderte ich hart.

Sie nahm das Taschentuch, putzte sich geräuschvoll die Nase und straffte ihren Körper. Ich hielt ihr die Hand hin, um ihr aufzuhelfen und sie ließ sich widerstandslos von mir hochziehen. Als sie stand, ließ ich sie sofort los. Ich wollte sie nicht länger als unbedingt notwendig berühren. Tanya merkte das sehr wohl und lächelte bitter.

“Ich will, dass du mir jetzt die ganze Wahrheit erzählst, Tanya. Alles, hörst du und nicht die geschönte Version. Wenn du lügst, finde ich es raus und dann Gnade dir Gott”, drohte ich.

Sie nickte unglücklich.

“Keine Angst, keine Lügen mehr, Edward”, erwiderte sie leise.

Plötzlich sah sie unendlich müde aus. Sie drehte mir den Rücken zu. Offenbar konnte sie mir nicht mal in die Augen sehen.

“Du kennst sie”, begann sie leise, “Die Frau die ich geliebt habe, war Irina.”

Ich stieß den Atem, den ich unbewusst angehalten hatte, aus. Irina! Natürlich. Wie konnte ich nur so dumm sein, und nicht sehen, dass die Beiden mehr verband, als nur Freundschaft? Die hasserfüllten Blicke die mir ihre Freundin immer zuwarf, die fast zärtliche Art wie sie Tanya anfasste und betrachtete. Ich war so blind gewesen. Ein blinder, dummer und verliebter Trottel.

“Um es dir wirklich erklären zu können, muss ich weiter ausholen, Edward. Damit du verstehst, wie ich so handeln konnte.” Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter, ehe sie sich wieder Richtung Fenster zuwendete. Ich heftete meinen Blick auf ihren schmalen Rücken und wartete, bis sie endlich wieder weitersprach.

“Du kanntest meinen Großvater und du kennst auch meine Mutter”, fing sie an, “Mein ganzes Leben lang, habe ich mich bemüht ihren Erwartungen gerecht zu werden. Die Beste in der Schule, das Aussehen immer perfekt und wie aus dem Ei gepellt. Ich musste schon als fünfjährige eine Dame sein und kein Kind. Spielen, lautes Lachen, sich schmutzig machen und kuscheln, all diese Dinge die für meine Freundinnen normal waren, wurden mir vorenthalten.”

Sie drehte sich jetzt um und lächelte wehmütig.

“Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich Großvater mal gedankenlos Opa nannte. Ich bekam dafür eine Woche Hausarrest. Er empfand diese liebevoll gemeinte Aussage als Respektlosigkeit. Mutter stand mir nicht bei, sie schimpfte nur mit mir und bläute mir ein, dass ich mich gefälligst am Riemen zu reißen hatte.”

Sie hielt kurz inne und schluckte ihre erneut aufsteigenden Tränen hinunter.

“Wusstest du, dass ich als Kind dazu neigte etwas pummelig zu sein?”

Wortlos schüttelte ich den Kopf.

“Meine erste Diät wurde mir verpasst, als ich gerade mal zehn Jahre alt war. Mutter setzte mir wochenlang nur Gemüse und Salat vor. Heimlich besorgte ich mir Süßigkeiten, doch ich flog auf. Sie haben mich nicht geschlagen, Edward, aber ihre Blicke und ihre Worte, Edward...” Sie sah mich kurz an und erschauerte bei der Erinnerung daran. “Worte haben so viel mehr Macht, als Schläge. Sie nannten mich eine Enttäuschung auf der ganzen Linie. Mutter weinte, weil ich so ungehorsam war und ihr das Leben so schwer machte. Das werde ich nie vergessen, Edward, nicht solange ich lebe.”

“Das war sicher schrecklich für dich”, antwortete ich vorsichtig. Sie nickte.

“Ja, das war es.” Plötzlich ging ein Strahlen über ihr Gesicht. “Kurz danach kam Irina in unsere Klasse. Ihre Eltern waren Diplomaten und sie kamen von Kiew in die amerikanische Botschaft in Seattle. Von diesem Tag an, veränderte sich mein ganzes Leben. Ich hatte endlich jemanden, der sich um mich kümmerte. Sie ließ mich weinen, wenn ich traurig war und nahm mich in den Arm. Sie besorgte mir was Süßes, wenn ich Gelüste hatte und sie verlangte nie eine Gegenleistung. Irina war meine Sonne, als mein Leben so dunkel und düster war.”

“Was geschah dann?”

Gegen meinen Willen war ich fasziniert von diese Geschichte. Ich wusste ja, dass Carmen Denali keine sonderlich liebevolle Mutter gewesen war. Aber dass sie sich gar so übel verhalten hatte, hörte ich zum ersten Mal. In meine Wut mischte sich langsam Mitleid, für das einsame kleine Mädchen, das sie einst gewesen war. Fast schon war ich froh darüber, dass sie Irina gehabt hatte. Unwillig schüttelte ich den Kopf. Wie krank war ich eigentlich?

“Als ich sechzehn wurde, veränderte sich alles. Ich wurde richtig hübsch, die Jungs rissen sich um mich und auch meine Mutter wurde zugänglicher.” Tanya grinste spöttisch. “Sie rechnete sich wohl höhere Chancen aus, dass ich einen reichen Freund finde, wenn sie mich ausgehen ließ.” Eine kurze Pause und sie sprach weiter. “Jedenfalls benahm sich Irina immer merkwürdiger, sie zog sich von mir zurück, sagte Verabredungen ab. Ich war am Boden zerstört und konnte mir einfach nicht vorstellen, was ich so furchtbares verbrochen hatte, dass sie plötzlich so kühl zu mir war. Ich besuchte sie zu Hause, wir waren allein und ich flehte sie förmlich an, mir zu sagen, warum sie mich nicht mehr gern hatte.”

“Was geschah dann?”

Wie gebannt lauschte ich Tanyas Reise in die Vergangenheit. Es war alles so unwirklich.

“Sie hat mich nur angesehen. Diesen Blick werde ich niemals vergessen. Nach einer halben Ewigkeit hat sie mich einfach geküsst und ich habe mich nicht gewehrt. Es war mein erster Kuss und es fühlte sich einfach richtig an. Danach war nichts mehr wie vorher. Ich liebte Irina schon vorher, doch dann wollte ich sie auch......körperlich.” Tanya stockte kurz, es war ihr peinlich darüber zu sprechen. “ Ich hatte keine Ahnung, dass ein Mensch nur mit einer Berührung, solche Dinge in mir auslösen kann.”

Beschämt sah ich auf meine Füße. Verdammt, ich wollte das nicht hören. Ich dachte immer, dass sie bei mir....

“Mit unserer Liebe kamen auch die Probleme. Wir konnten uns unmöglich outen. Das war einfach undenkbar. Irina hätte den Schritt sogar gewagt, aber ich hatte zu viel Angst. Der Druck meines Großvaters eine gute Partie zu machen, wurde immer größer. Mutter sprach auch ständig davon, dass ich mich endlich an einen jungen Mann binden sollte.”

“Da kam James wohl ins Spiel?”, erriet ich sehr treffend.

“Ja, es war leicht. James war ein echter Gentleman und verlangte nichts von mir. Ich konnte mich mit Irina treffen und es fiel keinem auf. Es war perfekt, bis zu dem Tag, an dem ich dir begegnete.”

Aufmerksam studierte ich ihr schönes Gesicht, suchte darin nach Unaufrichtigkeit und Lügen. Doch ich sah nichts als Trauer.

“Ich habe mich in dich verliebt, in der Sekunde als unsere Blicke sich trafen, Edward.” Sie schloss die Augen und sah aus, als würde sie die Szene im Geiste noch mal erleben. “Es war wie eine Naturgewalt, ich konnte mich nicht dagegen wehren”, flüsterte Tanya wie benommen.

“Wie kannst du sagen, dass du in mich verliebt warst”, wisperte ich schmerzerfüllt. Musste sie denn jetzt auch noch lügen?

“Weil es die Wahrheit ist. Die Beziehung mit Irina konnte ich nicht ausleben. Die Angst vor meiner Familie war zu groß, sie saß schon viel zu tief in meinem Kopf, um sie ausschalten zu können. Es war mir nicht möglich. Heute weiß ich, dass ich falsch gehandelt habe, aber mein Gott, ich war damals fast noch ein Kind. So naiv und so zerrissen. Ich habe euch beide geliebt und wollte mich für keinen entscheiden müssen.”

Das konnte ich allerdings sehr gut nachvollziehen. Langsam wich meine Wut und machte so etwas ähnlichem wie beginnendem Verständnis Platz. Mir war es doch genauso gegangen. Nur, dass ich an der Treue zu einer vermeintlich Toten festhielt, ehe ich mich Bella öffnen konnte.

“Du hast mich aber nicht genug geliebt, um bei mir zu bleiben. Statt dessen hast du mir das Herz aus dem Leib gerissen. Hast du eine Ahnung, was die Nachricht deines Todes bei mir ausgelöst hat? Ich habe dich so sehr geliebt....so sehr.”

Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Mein Magen verknotete sich immer mehr. Ihr Betrug, auch wenn er aus Angst und Verzweiflung geschah, tat so weh. Fast noch mehr, als ihr Tod.

“Ich habe es versucht, Edward. Ich habe wirklich vorgehabt mich von Irina zu lösen, um endlich nicht mehr diese Schuld zu spüren. Glaubst du, es hat mir Spaß gemacht, dich so zu hintergehen? Ich habe mich dafür gehasst, dass ich so schwach war. Dass du mich unbedingt nach China zu meinem Vater schicken wolltest, kam wie ein Geschenk des Himmels. Ich beschloss statt dessen mit Irina nach Mexico zu reisen. Es war mein Abschiedsgeschenk an sie, bevor ich mich von ihr trennen wollte. Zwei Wochen nur mit ihr allein. Ich wollte endlich ein normales Leben ohne Angst führen, ohne schlechtes Gewissen und ohne Reue. Wir waren schon außer Landes, als wir von dem Absturz hörten.”

“Warum dann das alles, wenn du mit mir zusammen sein wolltest?”

Ich verstand das alles nicht. Sie erzählte mir, dass sie sich für mich entschieden hatte, handelte aber anders.

“Ich habe einfach die Gefühle für sie unterschätzt. Ich war ihr hörig. Mir wurde schnell klar, dass es wohl kein Abschied für immer sein würde, wenn ich mich von ihr trennte. Dafür verband uns einfach zu viel. Nicht nur Leidenschaft und Liebe, sondern auch meine Dankbarkeit für ihre Unterstützung. Sowas bindet einen stark an einen Menschen. Also habe ich dich gehen lassen.”

Ich schüttelte den Kopf und kniff dabei die Augen zusammen.

“Mich gehen lassen? Bist du verrückt?”

Sie kam auf mich zugestürzt und nahm meine Hände.

“Verstehst du denn nicht? Ich hätte dich betrogen, immer und immer wieder. Ich wäre dir nicht treu geblieben, hörst du! Sowas hattest du einfach nicht verdient. Es hätte mich fertiggemacht, dich ständig belügen zu müssen, aber ich konnte einfach nicht ohne sie leben. Ich hätte es getan, Edward. “, sagte sie hart, “ Jeden Tag hätte ich dir ins Gesicht gelogen, nur um mich dann in ihre Arme fallen zu lassen. Das durfte ich nicht geschehen lassen. Ich dachte ein harter Schnitt, wäre das Beste für dich. Mein Tod sollte dir die Gelegenheit geben, dich irgendwann neu zu verlieben, ohne ständig einen Betrug im Hinterkopf zu haben. Du hättest sonst ewig keine andere mehr an dich herangelassen.”

Ungläubig starrte ich auf unsere miteinander verbundenen Hände. In mir tobten die Gedanken wild durcheinander. Ihr Opfer war umsonst gewesen und sie hatte das genaue Gegenteil erreicht. Mir wurde schwindelig von den ganzen Informationen. Ich....Tanya....zusammen.....ihr Tod....meine Trauer....Irina....ich stellte sie mir zusammen vor...ihre ineinander verschlungenen Körper.

“Lass meine Hände los.”, befahl ich leise.

Ich konnte ihre Berührung kaum ertragen. Sie ließ sofort los. Bedauern huschte über ihr Gesicht.

“Es tut mir so schrecklich leid, Edward. Aber der Absturz war meine Chance auf ein neues Leben. Ich wusste, du würdest nach meinem Tod, meine Familie unterstützen, für Mutter und Großvater wäre gesorgt gewesen.”

Ich verzog meinen Mund.

“Was hat dich so sicher gemacht?”

“Du selbst. Als du nach Großvaters Pleite einfach für seine Schulden gebürgt hast, war mir klar, dass du ihnen auch nach meinem Tod helfen würdest. Nenn es weibliche Intuition. Außerdem habe ich ja Recht behalten.”

“Stimmt, ich war so dämlich und habe deine Mutter all die Jahre finanziert, weil ich dachte, ich bin dir das schuldig.”

“Alle Probleme lösten sich durch meinen Tod in Luft auf, zumindest glaubte ich das damals. Du warst erst zwanzig, Edward. Ich war sicher, dass du mich bald vergessen würdest. Und als ich die Berichte in der Klatschpresse über dich las, da...naja, ich war fast schon verletzt, wie schnell es passierte.”

“Ich habe mich mit diesen Frauen nur betäubt. Ich habe neun Jahre lang um dich getrauert”, sagte ich ihr auf den Kopf zu, “Neun Jahre, Tanya und du warst die ganze Zeit putzmunter.”

“Es tut mir leid.”, sagte sie kläglich.

“Hör auf....hör einfach auf. Ich will das nicht hören. Ich will nichts mehr davon wissen.”

“Aber...aber ich habe dir noch nicht alles erzählt.”

“Das ist mir egal. Ich kann das jetzt nicht mehr ertragen. Ich muss hier raus.”

“Edward...bitte. Ich habe dir noch so viel zu sagen, du weißt doch noch nicht alles. Ich....”

Mein Hand legte sich auf ihren Mund, verschloss ihre Lippen.

“Nicht heute, okay?”, bat ich sie zitternd, “ Ich muss erst wieder zu mir kommen. Den Rest kannst du mir ein anderes Mal erzählen, aber jetzt muss ich zurück zu meiner Frau.”

Tanya lächelte leicht.

“Mum, hat mir erzählt, dass sie ihr aufgelauert hat. Sie war ziemlich beeindruckt von deiner Bella.”

Mir wurde wieder leichter zumute, wenn ich an sie dachte. Ich konnte beinahe wieder lächeln.

“Sie ist auch eine ziemlich beeindruckende Person.”

“Du liebst sie?”

Sie klang nicht im geringsten eifersüchtig oder verletzt. Für sie war es wohl ein Zustand den sie akzeptierte.

“Sehr.”

Sie nickte ein bisschen wehmütig.

“Sie hat echtes Glück, weißt du. Ich wünschte mir manchmal, ich hätte meines besser zu schätzen gewusst.”

“Wir können die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Es ist zu viel passiert, zu viele Lügen und zu viele Geheimnisse, können auch die größte Liebe kaputtmachen.”

Ich beugte mich zu ihr hinunter und küsste sie auf die Stirn. Natürlich war ich immer noch böse auf sie, aber ich konnte sie trotzdem nicht hassen. Es war merkwürdig. Ich fühlte mich irgendwie leichter, fast schon befreit. Tanya hatte etwas furchtbares getan, doch für sie war es wohl die einzige Lösung. Wirklich verzeihen, konnte ich ihr nicht, aber ich empfand noch zu viel für sie, um sie zu verdammen.

“Wir hätten glücklich werden können, Tanya. Ich hätte dir die Welt zu Füßen gelegt.”

“Ich weiß”, sagte sie erstickt, “Gerade deswegen, musste ich gehen.”

Ohne nachzudenken presste ich meinen Mund auf ihren. Es war der Abschiedskuss, den ich ihr nie geben konnte. Sie hielt ganz still in meinen Armen, ich hörte ihr leises Seufzen und verlor mich kurz in dem vertrauten Gefühl, ehe ich mich löste.

“Ich rufe dich an, sobald ich soweit bin, um den Rest zu hören.”

“Okay. Ich...wir müssen auch eine Presseerklärung rausgeben. Sie werden dich und deine Frau sicher jagen, wie wilde Tiere.” Sie schüttelte sich angeekelt. “Wie ich diese Aasgeier hasse.”

Ich lächelte.

“Geht mir genauso.”

Stilles Verständnis lag in dem Blick, den wir tauschten, so vertraut. Doch dann ging ein Ruck durch meinen Körper. Ich musste das hier beenden, bevor ich etwas wirklich Dummes tat. Bella wartete auf mich. Plötzlich konnte ich es kaum erwarten sie wiederzusehen.

“Wir sehen uns”, sagte ich zum Abschied und ging zur Tür. Bevor ich sie jedoch öffnete, stellte ich ihr noch eine Frage.

“Warst du wenigstens glücklich?”

Ihre Antwort kam nicht schnell, sie dachte kurz nach, ehe sie etwas sagte.

“Manchmal war ich glücklich, ja.”

Ohne sie noch mal anzusehen, ging ich hinaus. Das Einzige was mich aufrecht hielt, war mein Wunsch, so schnell wie möglich zu Bella zu gehen, damit sie mein kaputtes Herz wieder zusammenflickte.

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