Edwards PoV
Wutentbrannt fuhr ich durch Seattle und versuchte wieder runterzukommen. Was ein wundervoller Abend in trauter Zweisamkeit werden sollte, entpuppte sich als Desaster. Niemals hätte ich mit so einer Reaktion von Bella gerechnet! Okay, ich hätte mir denken können, dass sie über die Art und Weise, wie ich das geregelt hatte, nicht sonderlich begeistert wäre, aber im Endeffekt kam es doch auf das Ergebnis an. Danny gehörte endgültig ihr! Wen zur Hölle scherte es, wie es dazu kam? Keiner würde ihr den Jungen wieder wegnehmen können, denn mit der Unterschrift auf der Verzichtserklärung hatte sich Jacob Black selbst ins Aus katapultiert. „Scheiße!“, rief ich aus und schlug immer wieder mit voller Wucht auf mein Lenkrad ein, bis der Wagen beinahe auf die falsche Spur wechselte. „Scheiße, scheiße, scheiße!“ Sie hatte mich doch tatsächlich mit diesem Hundesohn auf eine Stufe gestellt! Ich war wahrhaftig kein Engel und es gab einiges in meinem Leben, worauf ich wirklich nicht stolz war, aber niemals hätte ich mein eigenes Kind verkauft.
Mein Anwalt, der die ganze Sache während meiner Abwesenheit in die Hand nahm und Black samt Anwältin kontaktierte, erzählte mir, dass der Dreckskerl beinahe anfing zu sabbern, als er von der Höhe der Summe hörte die ich ihm bot. Er zögerte nicht mal eine Minute und setzte, wohl trotz der Bedenken seiner Anwältin, die Unterschrift auf das Dokument. Selbst diese hartgesottene Frau war entsetzt darüber, wie schnell er sein eigenes Kind verkaufte. Black gehörte zum größten Abschaum auf Erden und verdiente so einen tollen Jungen wie Daniel gar nicht. Ich verspürte daher nicht das geringste schlechte Gewissen wegen meiner Aktion. Auf das Rechtssystem zu vertrauen war mir zu unsicher, da man nie in den Kopf eines Richters schauen konnte. Lieber nahm ich die Dinge selbst in die Hand, um zu verhindern, dass ihr Sohn auch nur in seine Nähe kam.
Die Tankanzeige meines Wagens zeigte mir das nahende Ende meines Benzinvorrats an und ich bog in die nächste Tankstelle ab. Ich füllte den Tank bis zum Ansatz und beschloss mir eine Packung Zigaretten zu kaufen, sowie ein Feuerzeug. Jetzt war sowieso alles egal. Ich musste ja kein Vorbild mehr sein. Ein merkwürdiges Ziehen im Magen und das Gefühl etwas unglaublich wichtiges verloren zu haben, machte sich in mir breit. Ich zahlte mit meiner Kreditkarte und ignorierte dabei geflissentlich die eindeutigen Annäherungsversuche der mäßig hübschen Kassiererin. Sie war viel zu billig und aufdringlich und besaß nicht mal annähernd Bellas Klasse. Wieder draußen an der bitterkalten, aber frischen Luft, beschloss ich ein paar Schritte zu gehen. Ich riss die Packung mit den Zigaretten auf und zündete mir eine an, inhalierte tief den Rauch und versuchte meine Verzweiflung über den Ausgang des Abends zu unterdrücken.
Langsam setzte mein Verstand wieder ein! Ich dachte an Bellas ungläubigen Gesichtsausdruck, als ich alles hinschmiss. Verdammt! Warum musste ich nur so verflucht jähzornig sein?Ich vermisste Bella jetzt schon, dabei war mein völlig übertriebener Ausraster noch gar nicht solange her. Wie sollte ich ein Leben ohne sie nur ertragen? Die hellen Neonlichter an der Tankstelle blinkten, ein eisiger Wind pfiff mir um die Ohren und ich trat näher an den Schutz des Gemäuers und lehnte mich an eine Wand.
„Hey!“, hörte ich eine männliche, raue Stimme rufen, „Hast du mir ne Kippe?"
Ich drehte den Kopf und sah nur drei Meter von mir entfernt einen Obdachlosen, der es sich an der Steinmauer gemütlich gemacht hatte. Er saß auf dem Boden, den Rücken angelehnt und sein einziger Schutz vor dem frostigen Boden, war eine Lage Kartons, die er sich unter den Allerwertesten geschoben hatte. Auf dem Kopf trug er eine hässliche, braune Mütze die vor Dreck nur so starrte, ein khakibrauner Anorak hüllte seinen Oberkörper ein und ein farblich völlig unpassender neongelber Schal war um seinen Hals geschlungen. Das unrasierte, stoppelbärtige Gesicht war zu einem fetten Grinsen verzogen und ließ dabei eine Reihe von Zähnen vermissen. Der Kerl tat mir leid und ich warf ihm die ganze Schachtel samt Feuerzeug zu.
„Hier, schenk ich dir!“
Er grinste noch breiter und imitierte im Sitzen eine Verbeugung. „Danke schön, Meister. Ist ein feiner Zug von dir.“
Er zündete sich einen der Glimmstengel an und nahm einen genüsslichen Zug.
„Ahhh!“, rief er aus. „Es geht doch nichts über eine gute Zigarette und ein bisschen nette Gesellschaft.“ Er blickte mich prüfend an, seine Augen von einem klaren Grau wirkten wach und intelligent und hatten wohl schon einiges gesehen. Ich hatte das Gefühl, als würde er mir tief in meine Seele blicken. Unangenehm berührt wandte ich den Blick ab und starrte hoch in den Himmel. „Ärger mit einem Mädchen?“, fragte er neugierig.
Mein Kopf senkte sich wieder zu ihm hinab und ich grinste kläglich. „Sieht man das so deutlich?“
Der Obdachlose lachte. „Wenn so reiche Schnösel wie du an einer ollen Tankstelle Zigaretten rauchen und sehnsüchtig in den Himmel glotzen, dann steckt immer eine Frau dahinter. Ist sie hübsch?“
Bellas zartes Gesicht erschien vor meinem inneren Auge und ich musste unwillkürlich lächeln.
„Sehr!“, antwortete ich ihm und er nickte nur.
„Das dachte ich mir schon. Typen wie du, kriegen immer die besten Mädchen. Ihr wisst sie nur nicht immer zu schätzen.“
Erstaunt sah ich an. „Wie meinst du das?“
„Hey, ich will dir nicht zu nahe treten, aber ich schätze, ihr habt euch ziemlich gezofft. Sonst würdest du nicht hier stehen, dich mit einem Alki unterhalten der kein Dach überm Kopf hat und dir deine Zigaretten abknöpfen lassen. Wenn du reden willst, ich kann gut zuhören. Kotz dich ruhig aus, vielleicht geht es dir dann besser, Junge.“
Es war merkwürdig! Aus einem mir unbekannten Grund, hatte ich Vertrauen zu diesem Kerl. Es war egal, dass er aus einer anderen Welt stammte und die meisten meiner Bekannten wohl nur verächtliche Blicke für ihn übrig gehabt hätten. Er war einfach nur ein Mensch, der mir zufällig über den Weg lief. Jemand der es Wert war beachtet zu werden. „Rutsch mal rüber, Kumpel!“ Ich setzte mich neben ihn auf den Kartonboden. „Wo soll ich anfangen?“
„Am besten ganz am Anfang, ne!“
So fing ich an zu erzählen, begann bei unserer ersten Begegnung im Club und erzählte ihm auch das katastrophale Ende, das keine zwei Stunden her war. Geknickt ließ ich den Kopf hängen, nachdem ich endete. Wenn man es mit einigem Abstand betrachtete, hatte ich eindeutig überreagiert. Bellas schreckgeweitete Augen peinigten mich in meiner Erinnerung und ich schalt mich einen Esel.
„Du bist ein Esel! Weißt du das?“, versetzte mein Zuhörer prompt. „Da hast du eine supertolle Braut und dann baust du so einen Scheiß. Ist doch klar, dass sie ausflippt. Versetz dich doch mal in ihre Lage. Mann, wenn Dummheit schreien könnte, dann bräuchte ich jetzt Ohrstöpsel.“
Verdutzt erwiderte ich seinen Blick. Er hatte recht! Ich hatte genau wie Bella total überreagiert, aber wir waren nun beide heißblütig, richtige Hitzköpfe. Da fiel schon mal das eine oder andere Wort, das man hinterher bereute, doch während andere ihre Probleme lösten, lief ich vor ihnen davon. Ich legte den Kopf auf die Knie. „Oh Mann, ich hab es ganz schön vermasselt. Oder?“
Mein neuer Kumpel schnaubte nur unwillig. „Das kannst du aber laut sagen. Setz dich ins Auto und bring das in Ordnung. Das arme Ding heult sich wahrscheinlich gerade die Augen aus dem Kopf. Redet endlich miteinander! Es schadet nicht, sich ein wenig kennenzulernen. Ihr scheint beide nicht viel über den anderen zu wissen.“
„Da könntest du recht haben. Eigentlich weiß ich gar nichts über ihr Leben vor unserem Kennenlernen.“ Ich stand umständlich auf und klopfte mir den Schmutz von Hose und Mantel. Nach kurzem Zögern zog ich meine Visitenkarte hervor und drückte sie ihm in die Hand. „Hier, ruf an, wenn du Hilfe brauchst. Was zu essen, ein Dach überm Kopf oder einen Job.“
Erstaunt nahm er sie in die heftig zitternden Hände. „Danke, weißt du, ich war mal Gärtner. Bevor ich durch den Alk alles verloren habe, hatte ich eine kleine Gärtnerei und habe es geliebt. Hab alles verloren, durch die verdammte Sauferei.“
Ich lächelte. „Meine Eltern haben ein großes Anwesen und ständigen Bedarf an gutem Personal. Wenn du die Finger vom Alkohol lässt, dann kann ich dich dort unterbringen.“
„Wow, das…das wäre toll. Ein Segen. Ich habe es satt, dieses elende Leben auf der Straße. Ich werde mein Bestes geben, das schwöre ich dir.“
„Ruf einfach an! Danke fürs Zuhören und für die Ratschläge.“
Er winkte nur ab. „Ach was, ich hab dich nur auf die richtige Spur gebracht. Jetzt schnapp dir dein Mädchen. Sie wartet bestimmt auf dich.“
Grinsend lief ich zum Wagen und fuhr zurück zu Bella.
Ich drehte die Heizung im Wagen voll auf und trat das Gaspedal durch. Hoffentlich war es nicht zu spät! Diesmal baute ich wirklich Mist mit meinem Alleingang und ich hätte sie unbedingt vorher einweihen müssen. Vielleicht wäre sie dann gar nicht so abgeneigt gewesen? Bella wollte nicht übergangen, sondern miteinbezogen werden. An ihrer Stelle wäre ich auch sauer geworden, durchfuhr es mich siedend heiß. Endlich parkte ich vor ihrem Wohnblock und stieg eilig aus, stürmte ins Gebäude auf die Treppe zu und nahm immer drei Stufen auf einmal. Keuchend stand ich vor ihrer verschlossenen Türe und horchte. Nichts war zu hören. Ob sie schon schlief? War sie überhaupt noch zu Hause oder eventuell sofort zu Rose und Alice geflüchtet, um sich auszuheulen? Energisch betätigte ich den Klingelknopf und wartete.
Leise Geräusche im Wohnungsinneren ließen mich erleichtert aufseufzen. Sie war also noch da. Nervös fuhr ich mir durchs Haar. Würde sie mir überhaupt zuhören, oder mich gleich rauswerfen? Die Tür öffnete sich vorsichtig und ich erblickte eine völlig aufgelöste Bella. Tiefe Reue über meine übereilte Reaktion überkam mich und ich zog scharf die Luft in meine Lungen. Ihre Augen waren rotgerändert und geschwollen, als hätte sie die letzten zwei Stunden nur mit Weinen verbracht. Auf den Wangen waren getrocknete, salzige Tränenspuren zu sehen und ihre Haut war fleckig. Trotzdem blieb sie für mich die schönste Frau die ich kannte. „Bella“, flüsterte ich leise.
Wir blickten einander in die Augen und es war auch absolut unwichtig, wer den ersten Schritt tat. Nach nur wenigen Momenten lagen wir uns in den Armen und ich inhalierte tief ihren schon so vertrauten Duft. Gott, es tat so unendlich gut, sie halten zu dürfen. Fest zog ich sie an meinen Körper und ein Schluchzen brach aus ihr heraus. Zärtlich streichelte ich ihren Rücken, versuchte sie mit meinen Berührungen und Worten zu beschwichtigen.
„ Bitte verzeih mir, Liebes! Ich wollte nicht so gemein werden und noch viel weniger wollte ich das zwischen uns beenden. Dafür brauche ich dich schon viel zu sehr“, gestand ich. Sofort fingen die Tränen heftiger an zu fließen, sie klammerte sich an mir fest und stammelte unverständliche Worte. Ich schob sie in die Wohnung, hob sie auf meine Arme und trug sie wie ein kleines Kind ins Wohnzimmer, wo ich mich mit ihr auf dem Schoss, in die weichen Polster eines Sessels setzte. Ihr Gesicht lag an meinem Hals und ich spürte die warmen Tränen, die dort versickerten. Langsam wurde mir warm in meinem Mantel , doch ich schaffte es irgendwie mich aus ihm zu schälen, ohne sie loszulassen.
Ihre Hände umfingen mein Gesicht, strichen über die leichten Stoppeln. „Es tut mir leid, Edward! Ich wollte dich wirklich nicht mit Jake vergleichen, ihr habt rein gar nichts gemeinsam. Es war auch nicht so gemeint, als ich dir unterstellt habe, du wolltest mich kaufen. Wenn ich meine Worte irgendwie rückgängig machen könnte, dann würde ich es tun!“, weinte sie.
„Psst… nicht mehr weinen. Es ist ja gut. Ich bin dir nicht mehr böse. Bella, ich habe mich verhalten wie ein unreifer Trottel. Anstatt mich unserem Problem zu stellen, habe ich einfach alles hingeschmissen und bin geflüchtet.“ I
hre großen, braunen Augen sahen mich hoffnungsvoll an und ich konnte nichts anders, ich musste sie einfach küssen. Sanft presste ich den Mund auf ihre warmen, feuchten Lippen und sie schlang ohne Umschweife ihre schlanken Arme um meinen Hals. Zärtlich liebkosten wir uns mit den Zungenspitzen, verspielt umkreisten sie sich, ohne Hast und ohne Leidenschaft. Es war ein süßer Kuss, fast schon unschuldig.
„Edward“, unterbrach sie unseren Kuss, „Wir müssen reden und diese Sache klären. Das ist mir sehr wichtig.“
Seufzend lehnte ich mich zurück. Ein klärendes Gespräch war wirklich nötig. Wir konnten keine funktionierende Beziehung führen, wenn diese Sache zwischen uns stand. „Okay, du zuerst!“, sagte ich großzügig.
Sie zog eine kleine Grimasse, wurde aber sofort wieder ernst. „Du hättest nicht hinter meinem Rücken mit Jake verhandeln dürfen, Edward. Danny ist mein Sohn und alles was ihn betrifft, geht mich etwas an. Wenn du also zukünftig irgendwelche Pläne in Bezug auf ihn hast, wäre ich dir wirklich dankbar, wenn du mich mit einbeziehen würdest. Es hat mich wirklich sehr getroffen, dass du sowas eingefädelt hast, ohne mich darüber zu informieren. Auch wenn du es nur gut gemeint hast, so darfst du diese Sache nicht über meinen Kopf hinweg entscheiden. Wie würdest du dich an meiner Stelle fühlen? “
Beschämt wurde mir bewusst, was ich da eigentlich getan hatte. „Es tut mir leid. Ich bin es nun mal gewohnt die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und musste bisher niemandem Rechenschaft über mein Verhalten geben. Ich schwöre dir, keine Alleingänge mehr. Ich wollte dir einfach eine Freude machen. Nie hätte ich gedacht, dass du es als Bestechung auffassen würdest. Das ist mir gar nicht in den Sinn gekommen. Ich habe dabei wirklich nur an dich und Danny gedacht."
„Das ist schön!“, wisperte sie zart, „Ich muss mich auch bei dir entschuldigen. Manchmal kann ich eine ganz schöne Zicke sein. Ich war nur so überrumpelt und habe sofort um mich geschlagen, weil es mir so schwer fällt Vertrauen zu fassen. Du weißt, wie ich zum Thema Geld stehe. Dass du es benutzt hast, um diese Sache aus der Welt zu schaffen, habe ich sofort als Vertrauensbruch gewertet. Dass du mir einfach nur eine Freude machen wolltest und dabei nicht daran gedacht hast, wie ich mich dabei fühle, habe ich in dem Moment gar nicht gesehen. Da bin ich eben ausgeflippt. Das tut mir ehrlich leid.“
Grinsend strich ich ihr über die Wange. „Wenn ich geahnt hätte, wie laut du schreien kannst, dann hätte ich mir die Sache zweimal überlegt. Mir klingeln jetzt noch die Ohren. Wirst du in unserer Ehe, deine Meinung auch so lautstark vertreten?“
Sie errötete und sah mich unsicher an. „Willst du mich denn noch heiraten?“, wollte sie wissen. Vorsichtig richtete ich mich auf und umfasste ihr Gesicht.
„Niemand wird mich davon abhalten können, dich zu meiner Frau zu machen, Isabella Swan. Hörst du! Niemand! Nicht mal ich selbst. Glaub mir, ich weiß selbst nicht, was mich geritten hat, dass ich so ausgerastet bin. Es ist eben nicht einfach mit mir. Du musst Geduld haben und dir ein dickes Fell zulegen, aber gib uns nicht auf. Ich habe lange mit mir gerungen, bis ich den Mut hatte, mich wieder auf jemanden einzulassen und bin noch sehr ungeübt in diesem Beziehungskram.“
Ein glühender Kuss war ihre Antwort. „Wir müssen eben beide lernen erst zu denken und dann zu sprechen“, lachte sie ein wenig verlegen. Ich stimmte in das Lachen mit ein und strich ihr dabei zärtlich das Haar aus dem Gesicht.
„Was hältst du davon, wenn wir ins Bett gehen und du erzählst mir ein bisschen aus deinem Leben. Ich weiß so wenig über dich“, schlug ich vor.
„Da gibt es nicht viel interessantes, “ war ihre Antwort, „aber ich stimme dir trotzdem zu. Wir sollten uns wirklich besser kennenlernen.“
Hand in Hand gingen wir ins Schlafzimmer und standen unschlüssig voreinander. Das war unsere Premiere. Noch nie verbrachten wir eine ganze Nacht zusammen und ich war beinahe aufgeregt.
„Möchtest du vielleicht vorher duschen?“, fragte sie fürsorglich, „Du siehst irgendwie abgekämpft und auch hungrig aus. Ich kann uns in der Zwischenzeit etwas beim Chinesen um die Ecke besorgen.“
„Das wäre toll!“, antwortete ich ruhig. Sie führte mich in ihr kleines, aber recht hübsches Bad und ließ mich dann allein. Neugierig sah ich mich um. Es war weiß gefliest und mit aquamarinblauen Mosaikteilen durchbrochen. Am kleinen Fenster stand eine Grünpflanze und auf dem Boden lag ein kuscheliger Läufer, ebenfalls aquamarinblau. Auf einem kleinen Schränkchen neben der Duschkabine waren weiche, flauschige Handtücher aufgestapelt und ich nahm eines in die Hand, vergrub meine Nase darin.
„Hm!“ Sie rochen fantastisch. Frisch gewaschen und gebügelt verströmten sie einen Duft, der mich an meine Kindheit erinnerte. Es klopfte leise an die Tür und nach einem auffordernden „Herein“ von mir, betrat sie den Raum. In der Hand hielt sie ein Fläschchen.
„Hier, das habe ich mal in einer Drogerie bekommen. Es ist ein Muster für ein Herrenduschgel. Ich schätze, du magst den Duft lieber, als meine Erdbeernote.“
Sie legte das Fläschchen in meine nach oben ausgestreckte Handfläche fallen, lächelte und zog sich zurück. Ich bedauerte ein wenig allein duschen zu müssen, doch es war nicht der richtige Zeitpunkt für sexuelle Experimente. Jetzt war ich mir noch sicherer als zuvor, mit dem ersten Mal bis zur Hochzeit zu warten. Ich wollte ihr damit meinen Respekt zeigen. Ihr beweisen, dass es mir bei der Heirat nicht allein um ihren Körper ging, sondern um sie selbst. Die Zeit bis zur Trauung wollte ich nutzen, um sie besser kennenzulernen. Der Typ an der Tankstelle hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, als er sagte, wir müssten mehr reden. Wie sonst sollte ich rausfinden, was Bella wollte, was in ihr vorging und so Fehler im Umgang mit ihr vermeiden.
Ich schlüpfte aus meinen Sachen und wärmte meine ausgekühlten Muskeln unter dem heißen Wasserstrahl. Die Haut wurde schon ganz rot, so heiß stellte ich die Temperatur ein. Doch nachdem das stechende Gefühl nachließ, genoss ich das sanfte Klopfen des Wasserstahls auf meinem Körper. Nur Bellas Hände fühlten sich besser an. Nach ein paar Minuten stieg ich aus der Dusche, nahm eines der Handtücher vom Stapel und rubbelte meinen Körper und das Haar trocken. Ich zog nur meine Boxer und das Shirt an, das ich unter dem Hemd getragen hatte und ging in Bellas Schlafzimmer zurück. Sie war noch nicht da, also legte ich mich auf ihr Bett, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und wartete. Es dauerte nicht lange, bis sie wiederkam.
Die Haustüre fiel ins Schloss und ich hörte ein Klappern aus der Küche, bis sie schließlich mit einem vollbeladenen Tablett ins Zimmer trat. Darauf stapelten sich die Kartons mit dem chinesischen Essen und der typische Duft dieser Speisen schlug mir entgegen. Mein Magen meldetet sich lautstark und ich musste lachen.
„Was ist denn so lustig?“, wollte sie wissen und stellte es auf dem Bett ab. Sie trug jetzt einen bequemen Jogginganzug, den sie wohl vor Verlassen der Wohnung anzog und wirkte sehr entspannt.
„Mein Magen hat sich eben nur zu Wort gemeldet. Das Essen kommt keinen Moment zu früh“, grinste ich und klopfte mir auf den flachen Bauch.
„Dann hau rein!“, forderte sie mich auf und reichte mir die Stäbchen. Wir aßen direkt aus der Verpackung und es war merkwürdig. Noch nie saß ich mit einer Frau im Bett, um Nahrung zu mir zu nehmen oder um mich zu unterhalten. Ich bevorzugte normalerweise andere Aktivitäten. Mit Bella hatte ich wirklich eine Premiere nach der anderen und ein hässlicher Gedanke schlich sich in meinen Kopf. Du hast sowas noch nicht mal mit Tanya gemacht, wisperte eine innere Stimme, außer küssen und träumen ist nicht viel mit euch geschehen, ihr habt eure Beziehung nie wirklich entwickeln können.
Ich schob diese Gedanken weit von mir. Ich wollte keine negativen Gefühle in Bezug auf die Beziehung mit Tanya aufkommen lassen. Doch in letzter Zeit, kamen mir immer häufiger Zweifel, ob alles so reibungslos mit Tanya verlaufen wäre, wäre sie am Leben geblieben. Meine Familie hatte mir oft gesagt, ich hätte sie aufgrund ihres frühen Todes auf ein Podest gestellt und ihre Fehler, die sie zweifellos auch hatte, komplett verdrängt. Ich machte sie zur Heiligen und gab so keiner anderen Frau eine Chance. Bis jetzt!
„Erzähl mir wie es dazu kam, dass du allein bist. Warum ist Jake abgehauen“, fragte ich Bella.
Sie seufzte. „Weil er ein egoistisches Schwein ist. Ich war noch keine Achtzehn als wir zusammenkamen und unsere Beziehung war geheim. Wobei das Wort Beziehung maßlos übertrieben ist. Er hat mich angerufen, wenn er es nötig hatte und mich ansonsten ignoriert. Aber ich war jung und dumm. Ich erkannte viel zu spät, auf wen ich mich da eingelassen hatte. Als er von der Schwangerschaft erfuhr, war er völlig außer sich und befahl mir das Kind loszuwerden. Doch ich dachte gar nicht daran! Ich ging zu meinem Dad, nachdem Jake spurlos verschwand und beichtete ihm alles.“ Sie ließ den Kopf hängen und sah plötzlich entsetzlich traurig aus. „Dad hat erst gar nichts gesagt, nur zugehört“, fuhr sie mit brüchiger Stimme fort, „Er ist dann aufgestanden und gegangen ohne mich anzusehen, er ließ mich daheim sitzen und im Ungewissen, was er darüber dachte. Am nächsten Tag kam er zu mir ins Zimmer und schmiss mir ein Anmeldeformular für eine Klinik in den Schoss. Er meinte, die würden dort Abtreibungen vornehmen, ohne dass ich danach Gefahr lief unfruchtbar zu werden. Ich sollte meine Sachen packen, er würde mich dorthin fahren.“
Ich sah Bella an, wie schwer es ihr fiel darüber zu reden. Den Tränen nahe, kämpfte sie um Fassung. Unglaubliche Wut auf Jake und noch mehr auf ihren Vater machte sich in mir breit. Wie konnten sie sie nur dermaßen im Stich lassen. Ich räumte das Tablett zur Seite, da keiner von uns mehr essen wollte und zog sie in meine Arme. „Erzähl weiter!“, bat ich sie.
„Da ist nicht mehr viel zu erzählen. Ich weigerte mich das Kind abzutreiben und er wurde wütend. Er meinte, ich solle mir nicht meine ganze Zukunft mit Blacks Bastard verbauen. Ich sei noch viel zu jung, um ein Kind zu kriegen. Dad stellte mir ein Ultimatum. Entweder ich wurde das Kind los oder ich müsste meine Sachen packen und sehen, wie ich klar kam. Von ihm hätte ich keine Hilfe zu erwarten. Ich wollte mich nicht erpressen lassen, nahm das Geld, das meine Mum mir hinterlassen hatte und ging allein nach Seattle. Hier traf ich Bibi und der Rest ist Geschichte.“
Erschüttert starrte ich Bella an. Gerade knapp achtzehn, schwanger in einer fremden Stadt und vollkommen auf sich allein gestellt. Mir wurde bewusst, wie leicht ich es im Vergleich zu ihr hatte und unglaublicher Stolz auf Bella erfüllte mich. Obwohl die Lage aussichtslos schien, gab sie nicht auf, kämpfte um ihr Baby und zog es praktisch alleine groß. Dass diese unglaubliche Frau mich haben wollte, erschien mir plötzlich irrsinnig. Ich verdiente sie kein bisschen, doch ich würde sie nicht im Stich lassen, wie diese feigen Hunde. Nie wieder würde sie von einem Mann zur Seite geschoben werden, dafür würde ich sorgen. Ich verspürte das Bedürfnis sie zu trösten, sie zu halten und sie zu beschützen. Sowas war mir seit Tanya nicht mehr passiert.
Bella erlaubte mir sie zu umarmen und sie schloss die Augen, während ihre Wange an meiner Brust ruhte. Es vergingen mehrere Minuten in denen ich sie einfach nur festhielt , als ich meinerseits ansetzen wollte, um ihr von Tanya zu erzählen. Es wurde Zeit mich ihr zu öffnen und ihr von damals zu erzählen, wäre ein erster großer Schritt. Ich wollte mich nicht mit Kleinigkeiten aufhalten, wie mit meiner Lieblingsfarbe oder meinem Lieblingsessen. Meine Vergangenheit stand wie eine meterhohe Felswand zwischen uns und ich musste sie aus dem Weg räumen. Doch gerade als ich den Mund öffnete, merkte ich an ihrem ruhigen, gleichmäßigen Atem, dass Bella eingenickt war. Lächelnd ließ ich mich in die weichen Kissen sinken, zog die Decke über uns und wachte über ihren Schlaf.
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