Das Schlafzimmer war in mattes Licht getaucht. Der schwache Schein vom Bad nebenan, erhellte den Raum gerade soweit, dass ich die Konturen des Mobiliars ausmachen konnte. Das vorherrschendste war jedoch das gähnend leere Bett. Ich saß still und kerzengerade auf der Kante, die Hände ruhten neben meinen Oberschenkeln und spürten die seidenweiche Textur der Decke. Ich konnte mich einfach nicht dazu überwinden, mich hinein zu legen. Es war so leer und kalt ohne ihn. Mein ganzes Leben lang, hatte ich allein geschlafen und es machte mir nie etwas aus. Doch jetzt fühlte ich mich einsam und verloren, ohne Edward an meiner Seite. Nie hätte ich vermutet, dass man sich dermaßen schnell an jemanden gewöhnen konnte.
Bedrückt rief ich mir jede Einzelheit unseres Gespräches in Erinnerung. Seine harte Reaktion machte mich furchtbar traurig. Es war eine schmerzliche Erfahrung für mich und auch wenn ich ihn ein Stück weit verstehen konnte, so entsetzte mich seine Einstellung zu unserer Ehe. Ich war wütend gewesen, als ich ihn so anschrie, doch gleich unsere Ehe in Frage zu stellen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Offenbar teilte Edward diese Sichtweise nicht. Ich wusste, ich musste mich ändern, aber ich war weiß Gott nicht die Einzige, die das tun musste.
Er hatte wie ich mit dem Gestern zu kämpfen. Aber er tat es allein und schloss mich aus allem aus, was Tanya betraf. Er sprach nicht mit mir über sie. Keiner tat das. Wie sollte ich ein entspanntes Verhältnis zu seiner Vergangenheit bekommen, wenn ich immer das Gefühl hatte, etwas Verbotenes zu tun, wenn ich auch nur die kleinste Frage dazu stellte? Vielleicht sollte ich Bibi zu Rate ziehen. Sie würde mir sicher sagen können, was zu tun war.
Momentan hatte ich Angst genau das Falsche zu tun, wenn ich meinem Bauchgefühl folgte. Ich war durch meinen bisherigen Lebensweg, ein sehr rational denkender Mensch geworden, und wog immer das Pro und Contra ab. Doch seit ich Edward kannte, war mir diese Fähigkeit irgendwie abhanden gekommen. Ich reagierte nur noch. Das gefiel mir nicht und machte mich zu jemandem, der ich nicht sein wollte.
Durch die schnelle Hochzeit wurde ich aus meinem üblichen Lebensraum rausgerissen und damit aus dem Leben das ich kannte und trotz der Schwierigkeiten liebte. Meine Freunde, meine Arbeit und mein geregelter Tagesablauf. Alles in meinem Leben änderte sich mit einer Geschwindigkeit, dass mir beinahe schwindelig wurde. Ich hatte keine Zeit gehabt, mich langsam an mein neues Umfeld zu gewöhnen, sondern wurde da einfach hineingeworfen. Man erwartete Dinge von mir, mit denen ich mich nur schwer anfreunden konnte. Im Diner konnte ich wegen meiner neuen Stellung als Cullen-Ehefrau nicht mehr arbeiten, für Edward war ich jedoch bereit dazu. Doch ich brauchte seine Unterstützung und sein Verständnis, da ich all diese Neuerungen nur schwer verkraften konnte. Ich war auch nur ein Mensch.
Doch das Hauptproblem war ein ganz anderes. Edward und ich waren uns im Grunde fremd. Wir waren gerade erst dabei uns kennenzulernen und die wenigen persönlicheren Gespräche, die wir bis jetzt führen konnten, waren nicht ausreichend, um den Zusammenhalt zu ersetzen, der erst durch monate- oder jahrelanges Zusammensein entstehen konnte. Der Streit eben resultierte doch größtenteils aus der Tatsache heraus, dass wir nicht genügend miteinander sprachen. Ich wusste nicht, dass er ihre Bilder an Carmen geschickt hatte. Wenn ich Bescheid gewusst hätte, wäre Carmens Versuch mich zu manipulieren gandenlos gescheitert. Der Streit mit Edward hätte so nie stattgefunden. Die Schuld daran allein bei mir zu suchen, sah ich nicht ein. Edwards Anteil daran, war ebenso groß wie meiner.
Wie ein kleines Kind zog ich schniefend die Nase hoch und die Unterlippe schmollend nach vorne. Entschlossen stemmte ich mich hoch und wollte zurück in die Bibliothek. Ich musste mit Edward reden und ihm mein Herz ausschütten, ob er wollte oder nicht. So konnte ich mich vor seiner Abreise nach Vancouver nicht von ihm trennen. Er schrie mir vorhin hinterher, ich sollte nicht weglaufen, wenn es schwierig wurde und meine eigenen Ratschläge befolgen. Nun, Mr. Cullen, das Gleiche gilt für dich, dachte ich eingeschnappt.
Entschlossen stapfte ich durch die halbdunklen Gänge des Hauses. Der Bademantel wehte hinter mir her und ich riss die Tür der Bibliothek mit einem Ruck auf, nachdem ich endlich am Ziel war.
Edward war noch da. Er hielt ein Glas mit Whiskey in der Hand, stand vor dem Feuer und nippte an der goldbraunen Flüssigkeit. Er musste mein Eintreten bemerkt haben, drehte sich aber nicht mal um.
"Wolltest du nicht schlafen?", fragte er kühl.
Oh, er spielte beleidigt.
"Du wolltest, dass ich gehe. In der Zwischenzeit musst du doch wissen, dass ich meinen eigenen Kopf habe."
Er drehte sich leicht und starrte mich an. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen.
"Das kann ich nur bestätigen", gab er zu.
"Edward, ich habe dir einige Dinge zu sagen", fing ich an, bevor der Mut mich verließ.
Er wirkte nicht gerade sehr zugänglich, so wie er gerade aussah. Müde und abgespannt, die Lippen zusammengepresst, und in seinen Augen lag ein Ausdruck, den ich nicht deuten konnte. Zumindest schien er nicht mehr wütend zu sein. Meine Ansage amüsierte ihn sichtlich und er ging langsam auf mich zu. Mir wurde die Kehle eng, bei seinem Anblick. Die Krawatte war verschwunden, die oberen Hemdknöpfe geöffnet und ließen ein gutes Stück Haut frei. Die Ärmel waren hochgekrempelt und zeigten die kräftigen Unterarme. Obwohl er nicht so perfekt gekleidet war wie sonst, war es gerade dieses Legere, das seine makellose Optik noch unterstrich. Er stand jetzt ganz nah vor mir. Sein Gesicht eine undurchdringliche Maske.
"Was hast du mir denn so Wichtiges zu sagen, Liebes?", wollte er wissen.
Ich brachte etwas Abstand zwischen uns, weil ich sonst zu abgelenkt wäre. Allein sein Geruch brachte mich um den Verstand und ich war kurz davor, mich einfach in seine Arme zu werfen. Doch mit Küssen und körperlicher Nähe würden wir unsere Probleme auch nicht aus der Welt schaffen.
"Es ist wirklich wichtig", bestätigte ich ihm, jetzt weit weniger selbstbewusst. Seine Braue hob sich ein wenig, doch ich wollte mich jetzt nicht mehr beirren lassen. "Edward, es tut mir leid, dass ich vorhin so extrem reagiert habe. Aber du bist genauso schuld an dem Ganzen, wie ich."
"Bin ich das?", fragte er zurückhaltend.
"Ja, bist du. Edward ich weiß, dass du genervt bist, weil ich immer wieder von ihr anfange. Aber kannst du denn nicht verstehen, dass deine Verehrung für sie, aus der du ja nie einen Hehl gemacht hast, mich verunsichert?"
"Kannst DU nicht verstehen, dass ich nicht weiß, was ich dir über sie erzählen soll? Was bringt es dir, wenn ich dir von ihrer Schönheit vorschwärme, von ihrem liebevollen Wesen, von ihrer Intelligenz und ihrer Wärme", rief er verdrossen. "Ist es das, was du hören willst? Ich weiß nicht, was du von mir erwartest, Bella. Das tut dir doch nur weh."
Seine Antwort überraschte mich ein wenig und ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Die ganze Zeit fühlte ich mich zurückgesetzt, weil er nicht von ihr sprach. Seine Frage war aber berechtigt. Was wollte ich von ihm hören? Doch nur, dass er mich mehr liebte und verehrte als sie. DAS war das Einzige, was ich wirklich von ihm zu hören hoffte.
"Was ist los, Liebes. Hat es dir die Sprache verschlagen?"
Sei ehrlich, Bella. Sei ehrlich.
"Ich...ich...will, dass du mich mehr liebst als sie. Und ich habe Angst davor, dass du das nicht kannst und ich immer die Nummer Zwei sein werde", sagte ganz, ganz leise. Jetzt war es raus.
Stille.
Ich traute mich kaum aufzusehen, tat es dann aber doch. Edward sah mich fassungslos an.
"Das ist dein Problem?", fragte er ungläubig. "Du hast Angst, ich liebe dich nicht so sehr wie ich sie geliebt habe und deswegen das ganze Theater."
"Das ist kein Theater!", rief ich anklagend, "Nicht für mich."
Fast schon verzweifelt warf ich die Hände in die Höhe.
"Alle schwärmen mir nur vor, wie toll sie war. Wie wundervoll, einzigartig und perfekt. Jeder wundert sich darüber, dass du mich überhaupt geheiratet hast. Und weißt du was? Nicht ein einziger Mensch aus deinem Bekanntenkreis hat gesagt: Bella, es ist schön zu sehen, wie verliebt und verrückt er nach ihnen ist. Alle sind nur froh, dass du Tanya genug verdrängen konntest, um überhaupt wieder eine Beziehung zuzulassen. Ständig werde ich damit konfrontiert. Wenn du genervt bist, dann frag mal nach, wie es mir geht."
Er sah mich betroffen an.
"Edward, niemand scheint zu glauben, dass ich je an sie heranreichen werde. Weißt du wie man sich fühlt, wenn der eigene Schwiegervater einem auf der Hochzeit erzählt, wie sehr dein Zukünftiger mal in seine frühere Verlobte verliebt war? Hast du auch nur den Hauch einer Ahnung, wie es ist, wenn man von der Mutter jener Frau abgefangen wird und hören muss, dass man nie an die erste Liebe heranreichen wird?"
Edward wurde blass.
"Was hast du da eben gerade gesagt?"
"Ich wollte es dir erst gar nicht sagen, aber ich denke, es ist am besten alle Karten auf den Tisch zu legen. Carmen Denali hat mich angesprochen."
"Wann?"
Die Frage kam knapp, präzise.
"Heute", sagte ich ehrlich. Endlich hatte ich seine volle Aufmerksamkeit und erzählte ihm von meinem Gespräch. Edward schloss danach nur kopfschüttelnd die Augen.
"Diese bösartige, gemeine Hexe", flüsterte er entgeistert.
"Deswegen habe ich auch so extrem reagiert", gestand ich und wandte mich zum Gehen. "Ich wollte einfach nur, dass du das weißt, bevor du darüber nachdenkst unsere Ehe zu beenden."
"Woah, jetzt aber langsam, Bella", wehrte er ab, "Von beenden war nie die Rede."
Ich sah vorsichtig über die Schulter.
"Nicht?"
"Was denkst du denn von mir?", schnaubte er entrüstet. "Ich liebe dich und werde dich niemals gehen lassen, Liebes."
"Das klingt schön", sagte ich verzagt und sah ihn vorsichtig an.
Edward pirschte sich an mich heran. Automatisch wich ich zurück, wurde zurückgedrängt, bis ich an den Schreibtisch stieß. Er war sofort bei mir, schloss die Lücke zwischen uns, und fing mich mit seinen Armen ein. Er grinste teuflisch auf mich hinab.
"Hab ich dich!"
Ein erwartungsvoller Schauer überkam mich. Nach diesem diabolischen Grinsen hatte ich mich so gesehnt. Es gehörte allein mir, denn intuitiv wusste ich, dass er nur mich damit bedachte. Es war sein Bella-Grinsen, wie ich es heimlich getauft hatte.
"Was willst du jetzt mit mir anfangen?", brachte ich atemlos hervor.
Er neigte den Kopf und küsste mein Ohrläppchen. Sofort breitete sich eine großflächige Gänsehaut auf meinem Körper aus und ich stieß ein leises Stöhnen aus.
"Ich liebe dieses Geräusch. Ich werde sofort hart, wenn ich es höre", flüsterte er mir ins Ohr und drückte den Beweis für diese Behauptung an meinen Oberschenkel.
"Edward, wir sollten wirklich noch einiges klären", wimmerte ich. Er war gerade dabei den Bademantel von der linken Schulter zu streifen und setzte feuchte Küsse auf die Haut darunter. Das Denken fiel mir bereits schwer, die Erregung die er in mir erzeugte, setzte alles außer Kraft.
"Nicht heute Nacht, Liebling", ächzte er, "Sobald ich aus Vancouver zurück bin, reden wir richtig miteinander. Doch vorher", er klang jetzt wütend und ließ kurz von mir ab, "knöpfe ich mir Carmen vor. Sie wird noch bitter bereuen, dass sie es gewagt hat in deine Nähe zu kommen."
Kurz blieb mir die Luft weg. Edward sah aus, wie ein Mann der zu allem bereit war. Das kalte Glitzern in den grünen Augen erschreckte mich.
"Was hast du vor?", fragte ich panisch. Die ganze Erregung war wie weggeblasen.
"Keine Angst, Bella. Ich werde ihr nichts tun. Sie wird nur merken, dass man sich nicht ungestraft mit mir anlegt. Ich entziehe ihr sämtliche finanzielle Unterstützung."
"Du gibst ihr Geld?", fragte ich verblüfft. Langsam schob ich den Bademantel wieder an die ursprüngliche Position. Die Lust auf Sex war mir gerade vergangen. Was würde als nächstes kommen?
"Ja", meinte er leichthin, "Ich habe alle ihre Ausgaben bezahlt. Ich dachte, ich wäre das Tanya schuldig. Vor Tanyas Tod hat ihr Großvater einen Großteil seines Vermögens in spekulative Aktien investiert. Das ging ziemlich in die Hosen und ihr ganzes Vermögen war auf einen Schlag weg.Vorher waren sie recht wohlhabend, doch danach war nicht mehr viel übrig. Tanya wollte damals sogar die Verlobung lösen, weil sie sich nicht den Gerüchten aussetzen wollte, sie würde mich nur des Geldes wegen heiraten wollen."
"Verstehe, wie edelmütig von ihr", sagte ich trocken.
"Sei nicht so sarkastisch Bella.", schimpfte er, "Ich weiß, wie das auf dich wirken muss, doch sie hat mich geliebt."
"Ich sag ja schon nichts mehr. Erzähl weiter!"
"Jedenfalls habe ich schon vor Tanyas Tod der Familie finanzielle Unterstützung angeboten, was sie dann nach einigen Diskussionen auch annahmen. Tanyas Großvater war ein Mann von strengen Prinzipien und sehr konservativ. Er war nach dieser Pleite nie wieder derselbe und starb kurz nach Tanya. Er hat weder den Ruin noch ihren Tod jemals verkraftet. Was an sich schon sehr überraschend war."
"Warum das denn?"
"Er und Tanya kamen nie sonderlich gut aus. Sie hat sehr unter seiner Prinzipienreiterei gelitten und Carmen hatte dem nicht viel entgegenzusetzen. Auf ihre Art, waren sie beide zu schwach, um sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Er war so unausstehlich, dass selbst die besten Freunde irgendwann wegblieben."
"Aber nicht alle, nicht wahr?"
Ich wollte unbedingt wissen, was es mit dieser ominösen Freundin auf sich hatte, die Dobson erwähnt hatte.
"Das stimmt", entgegnete Edward und sah mich scharf an. "Es gab eine Freundin, mit der sie sich regelmäßig traf. Woher weißt du davon? Doch wohl nicht von Carmen. Sie konnte Irina nicht ausstehen."
"War das ihr Name? Irina."
Ich ging nicht weiter auf seine Frage ein und hoffte, er würde darüber hinwegsehen. Ich würde Dobson auf keinen Fall verpfeifen.
"Ja."
"Kanntest du sie?"
"Nicht besonders gut. Sie war eine sehr attraktive Blondine, aber zu herb für meinen Geschmack. Außerdem schien sie mich nicht zu mögen. Ich habe sie zwei mal getroffen und jedes Mal sah sie mich an, als wäre ich ihr schlimmster Feind. Vielleicht war sie scharf auf mich und hat sich darüber geärgert, dass sie keine Chance bei mir hatte. Es interessiert mich auch nicht sonderlich. Sie ist ganz plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Keiner weiß wo sie abgeblieben ist."
In mir keimte ein Verdacht, so unglaublich und unsinnig, dass es fast schon möglich war. Vielleicht war Edward wirklich Irinas Feind, aber anders als er vermutete. Konnte es sein.....? Nein, das war einfach zu weit hergeholt.
"Du wirst also aufhören ihr Geld zu geben.", stellte ich pragmatisch fest. Das musste das Aus für den ganz offensichtlich aufwendigen Lebensstil dieser Frau bedeuten. Sie trug enorm wertvollen Schmuck und sehr exklusive Kleidung, als ich mit ihr zusammentraf. Diese Attribute trafen sicherlich auch auf ihr Haus und ihren Wagen zu. Etwas anderes hätte nicht zu ihr gepasst.
"Genau, soll sie zukünftig sehen, wie sie zurecht kommt. Ich habe ihr nicht all die Jahre meine Unterstützung geschenkt, um von ihr auf so hinterhältige Art hintergangen zu werden. Mich verarscht man nicht, das wird sie noch am eigenen Leib zu spüren bekommen", äußerte er eiskalt.
Ein befriedigtes Lächeln spielte um seine Lippen. Er freute sich offensichtlich auf seine Rache. Diese Rachssüchtigkeit war ein weiterer Charakterzug an ihm, der mir fremd war. Seine Gegner zitterten sicherlich alle vor ihm. Edward konnte gnadenlos sein.
"Vielleicht solltest du mit ihr reden, bevor du so hart durchgreifst." Er sah mich ungläubig an. "Sie war bestimmt verletzt, als du die Bilder ihrer Tochter zurückgeschickt hast. Sie hat nur überreagiert", nahm ich diese Frau in Schutz.
Ich wusste, wie es war, wenn man vor dem Nichts stand und wünschte das keinem. Auch nicht Carmen Denali. Diese Frau war wie eine Treibhauspflanze. Ihr ganzes Leben lang geschützt,gehegt und gepflegt. Sie würde in der rauen Wirklichkeit gnadenlos untergehen.
"Sie hat ihre Wahl getroffen, Bella", sagte Edward unerbittlich und entfernte sich ein paar Schritte von mir. Seine Augen bohrten sich in meine. Forschend, abschätzend und ohne das geringste Mitleid für die Frau, über die wir gerade sprachen. Er bestimmte über ihr Schicksal, als wäre sie eine bedeutungslose Schachfigur. Dieser Mann war so zwiespältig. Liebevoll und leidenschaftlich auf der einen Seite und dann wieder kälter als das ewige Eis. Manchmal war er wirklich zum Fürchten. Trotzdem liebte ich ihn über alles.
Ich startete dennoch einen Versuch ihn etwas milder zu stimmen.
"Edward, bitte tu das nicht. Ich habe selbst erfahren, wie schwer das Leben ist. Nimm ihr nicht alles auf einmal. Sie ist durch den Tod ihrer Tochter schon genug gestraft."
Bittend sah ich ihn an. Er überlegte.
"Nur für dich, Bella", flüsterte er schließlich und streckte die Hand nach mir aus. Ich ergriff sie und ließ mich an seine Brust ziehen."Ich lasse sie in Ruhe, aber nur weil du mich darum gebeten hast. Niemand außer dir, ist dazu in der Lage, mich so zu
beeinflussen."
"Danke, Edward."
Erleichtert schmiegte ich mich an seine Brust. Ich war wieder da, wo ich hingehörte. Unsere Probleme waren nicht gelöst, wir hatten sie nur angerissen. Es war jetzt aber viel zu spät, um sie auszudiskutieren. Wenn er wieder aus Vancouver zurück war, würden wir alles auf den Tisch legen. Ein Stück weit hatte ich mich schon geöffnet, er hatte durchaus schon einen Einblick in meine Gefühlswelt bekommen. Doch es war nur ein Bruchteil dessen, was in den letzten Wochen in meinem Kopf vor sich ging.
"Komm Liebes, lass uns schlafen gehen."
Minuten später lagen wir in unserem Bett. Sich hineinzulegen, hatte seinen Schrecken für mich verloren. Er war ja bei mir. Seine Armen hielten mich fest, seine ruhigen Atemzüge beruhigten mich. Die Küsse, die in der Bibliothek ihren Anfang nahmen, blieben jetzt aus. Es wäre nicht passend gewesen. Weder für ihn, noch für mich. Zu viele Worte waren heute Nacht gefallen. Der Sex hätte einen schalen Beigeschmack gehabt und unsere Beziehung auf das Körperliche reduziert. Wir waren aber zu mehr imstande. So schliefen wir also Arm in Arm, versuchten uns Halt zu geben und vom anderen Kraft zu schöpfen, für die Stürme, die das Leben noch für uns bereithielt.
Edwards Abreise am nächsten Tag verlief relativ unspektakulär. Er war schon fertig, als er mich weckte und mir einen keuschen Kuss auf die Stirn drückte.
"Ich muss jetzt gehen, Bella."
Unglücklich sah ich ihn an. Ich vermisste ihn jetzt schon und die noch immer ungeklärte Lage zwischen uns, nagte an mir.
"Ich weiß", hauchte ich.
Er strich mir sanft über die Wange.
"Du bist unglaublich schön, wenn du morgens aufwachst", sagte er, während er versonnen mein Gesicht betrachtete. "Mach dir ein paar schöne Tage, bis ich wieder da bin. Wenn ich zurück bin, reden wir über alles. Es wird sich alles klären, Liebes und danach steht unserem Glück nichts mehr im Weg."
"Du hast Recht", lächelte ich hoffnungsvoll.
Langsam zog ich mich an seinen Schultern hoch und küsste ihn auf den Mund. Er nahm mich fest in die Arme, vertiefte auf seine unnachahmliche Art den unschuldigen Kuss, bis wir uns keuchend voneinander losrissen.
"Bis dann, Liebes. Ich liebe dich, vergiss das nicht."
Er stand auf und ging, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen.
Die Tage vergingen und ich versuchte meine Gedanken zu ordnen und mich auf das bevorstehende Gespräch mit Edward vorzubereiten. Dieses Mal wollte ich es richtig machen. Keine Vorwürfe, keine versteckten Andeutungen oder zurückgehaltene Befürchtungen. Er sollte alle meine Ängste zu hören bekommen, vielleicht würde er dann verstehen.
Doch nicht nur Tanyas Schatten war ein Thema, das ich ansprechen wollte. Auch meine zukünftige Lebensplanung sollte zur Sprache kommen. So wie es jetzt war, würde ich nicht glücklich werden. Ich brauchte eine Aufgabe, etwas, womit ich die langen Tage füllen konnte, wenn Danny in der Schule und Edward in der Firma war. Sich auf die faule Haut zu legen, war nicht mein Stil. Ich schäumte fast über, vor angestauter Energie. Das musste sich doch irgendwie sinnvoll nutzen lassen.
Heute am späten Abend wurde er endlich zurückerwartet und ich begab mich in das Esszimmer, wo schon Carlisle und Esme mit dem Essen auf mich warteten. Danny war gerade mit Dobson im Haus unterwegs und würde auch bald zu uns stoßen. Der Butler war für meinen Sohn ein Quell an unerschöpflichen Aktivitäten. Dannys Berufswunsch hatte sich innerhalb kürzester Zeit gewandelt und er wollte jetzt dieselbe Laufbahn einschlagen, wie der alternde Brite.
"Bella, wie schön, dass du schon da bist", begrüßte mich Esme liebevoll, als ich durch die Tür trat.
Ich erwiderte ihr herzliches Lächeln. Meine hübsche Schwiegermutter war mir mittlerweile eine genauso liebe Freundin geworden, wie meine heißgeliebte Bibi. Diese erlebte gerade mit Benton ihren zweiten Frühling und war verknallt wie ein Teenager. Ich wollte sie nicht ablenken mit meinen Problemen und hielt mich deswegen zurück. Es wurde Zeit, dass Bibi mal an sich selbst dachte und nicht ständig meine Hand hielt, weil ich mein Leben nicht in den Griff bekam.
"Was gibt es denn Feines zu Essen?", fragte ich lächelnd und setzte mich neben Carlisle.
Der grinste spitzbübisch und hob die Haube in die Höhe, die das Essen vor dem Auskühlen schützte.
"Tada", sagte er dramatisch und enthüllte mehrere Scheiben mit köstlichem Braten. Dazu gab es herzhaftes Gemüse, Kartoffeln und eine wirklich lecker duftende Soße.
"Mmmmm, das sieht aber gut aus", schwärmte ich.
Ich war jetzt tatsächlich sehr hungrig und konnte es kaum erwarten, dass Danny endlich kam und wir beginnen konnten.
"Wo bleibt denn der Junge?", wollte Esme wissen.
Auch sie stierte schon mit Tunnelblick auf die Köstlichkeiten. Ich seufzte.
"Noch mit Dobson unterwegs. Er ist der Meinung, er muss sich einen genauen Überblick über die Arbeit eines Butlers machen. Er will später nichts falsch machen, wenn er seine Stelle hier irgendwann übernimmt."
Carlsile lachte schallend und Esme hielt sich die Hand vor den Mund. Doch vergeblich. Ihr Kichern wurde immer lauter, bis sie den Kampf aufgab und sich vor Lachen den Bauch hielt.
"Oh Gott, Bella. Er ist so ein süßer Kerl. Ich hoffe aber trotzdem, dass es nur eine vorübergehende Laune ist. Danny ist ganz sicher zu Größerem bestimmt."
Stolz machte sich in mir breit. Oh ja, mein Sohn war ein cleveres Kerlchen und würde es in seinem Leben bestimmt zu etwas bringen.
Es klopfte und das Hausmädchen trat ein. Sie hielt das Telefon in ihren Händen.
"Mrs. Cullen", sprach sie Esme an."Mrs. Denali wünscht Sie dringend zu sprechen."
Esme sah sich erstaunt um und nahm das Telefon entgegen. Sie machte große Augen und zuckte nur mit den Schultern, ehe sie das Gespräch annahm.
"Carmen, wie komme ich zu der Ehre? Wir haben ja schon eine Weile nichts mehr voneinander gehört."
Sie lächelte und lauschte den Worten, die vom anderen Ende der Leitung kamen. Neugierig versuchte ich mitzuhören, aber außer aufgeregtem Geplapper konnte ich nicht verstehen. Esmes Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Sie wurde totenbleich, ihre Hand fing an zu zittern und sie schien Mühe zu haben, ihre Fassung zu wahren.
Ich machte mir große Sorgen um sie und wechselte einen Blick mit Carlisle, der mich ebenso besorgt ansah. Was war denn nur passiert?
"Danke für die Information, Carmen", sagte sie mit erstickter Stimme, "Nein, nein, ich werde Edward selbst informieren. Ja, ja das ist wundervoll, ein Wunder. Ich freue mich so sehr für dich."
Esme legte schließlich den Hörer weg und blickte auf ihre Hände. Sie sprach kein Wort und ich wurde immer unruhiger. Was war wundervoll? Was wollte sie Edward sagen?
Esme sah hoch und direkt in meine Augen. Der Ausdruck darin ließ mich beinahe aufschreien. In ihrem Blick lag nichts anderes, als grenzenloses Mitleid.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen