Edwards Pov
Heiligabend waren alle im Cullen- Anwesen versammelt. Meine Eltern, Emmett und Rose, Bibi und natürlich nicht zu vergessen, die jetzt wichtigsten Menschen in meinem Leben. Bella und Danny! Wir hatten beschlossen die Geschenke schon am Abend zu verteilen, da Emmett und Rose in aller Herrgottsfrühe verreisen würden. Auch Bibi würde am nächsten Morgen nicht mehr anwesend sein und so kam es zu einer verfrühten Bescherung. Ich beobachtete meine zukünftige Ehefrau. Sie war in ein leises Gespräch mit ihrer älteren Freundin vertieft und sah immer wieder lächelnd zu ihrem Sohn, der zwischen meinen Eltern saß und auf seinem Keyboard herumdrückte.
Es war Bellas Geschenk an ihn. Sie hatte es sich förmlich vom Mund abgespart, wie mir Bibi kurz anvertraute, während wir Seite an Seite zusahen, wie Daniel alle Gesichtszüge entgleisten, weil er endlich das heißersehnte Instrument in den Händen hielt. Er hüpfte vor Freude auf und ab, fiel seiner Mutter um den Hals und bedankte sich überschwänglich. Als sie mir vor dem verpacken das Keyboard zeigte, hätte ich ihr beinahe angeboten ihm ein größeres zu kaufen, doch nach reiflicher Überlegung verzichtete ich darauf. Nachdem Bibi mir vorhin mitteilte wie lange Bella brauchte, um das Geld für ihr Geschenk zusammenzubekommen, war ich heilfroh darüber. Ich wollte mir gar nicht ausmalen wie sie sich gefühlt hätte, wenn ich ihr so hart erkämpftes Geschenk niedergemacht und durch ein Neueres und Größeres hätte ersetzen wollen.
Weihnachten! Das war ein Fest dem ich bisher keine große Bedeutung zumaß. Natürlich trafen wir uns jedes Jahr, aßen und tranken zusammen, unterhielten uns und verbrachten Zeit miteinander. Doch seit Emmett und ich erwachsen waren, wurde es mehr und mehr zu einer Pflichtveranstaltung. Nur meiner Mutter zuliebe, die sehr viel Wert auf dieses Zusammensein legte, riss ich mich in den letzten Jahren von meinen üblichen Aktivitäten los, um nach Seattle zu fahren.
Emmett ging es nicht viel anders. Doch das würde sich in den nächsten Jahren wohl ändern. Grinsend betrachtete ich Rose, die begeistert Mum´s Weihnachtsbaum fotografierte. Er war aber auch wirklich prächtig anzusehen. In dem Grün befanden sich silberne, weiße und metallisch braune Kugeln, die mit Applikationen bedeckt waren. Engelshaar, in denselben Farben, war gleichmäßig zwischen den Ästen verteilt. Eine Lichterkette brachte den ganzen Baum zum Leuchten und ließ auch Danny staunend davorstehen.
Emmett´s Verlobte outete sich heute Abend als der absolute Weihnachtsfan. Das Zuhause meines Bruders würde sich wohl zukünftig jeden Dezember in einen richtigen Weihnachtsmarkt verwandeln. Er vertraute mir fast schon verzweifelt an, dass in jeder Ecke seiner Wohnung Weihnachtsdekoration verteilt war. Angefangen von Lichterketten, bis zu kleinen Weihnachtsmännern, die auf den Fensterbrettern verteilt standen. Beim Versuch diese hässlichen Dinger wegzuräumen, brach sie in Tränen aus und verursachte bei Emmett ein dermaßen schlechtes Gewissen, dass er ihr gleich noch ein paar Weihnachtsmänner mehr besorgte. Wer hätte gedacht, dass die bissige Rose so nostalgische Gefühle für diese alljährliche Veranstaltung hegte.
Ich hoffte ehrlich, dass Bella sich in dieser Hinsicht etwas zurückhielt. Plötzlich sah sie auf und in meine Richtung. Ein strahlendes Lächeln überzog ihr Gesicht, als sie mich ansah. Ich liebte Bellas Lächeln! Es ließ sie von innen heraus strahlen, war so ehrlich und herzlich, dass sich jedes Mal ein merkwürdiges Gefühl in meinem Bauch einstellte, wenn sie es mir schenkte. Seit unserem Gespräch nach der Hausbesichtigung waren einige Tage vergangen und sie schien mir mein dämliches Verhalten wegen dieser Reynolds nicht mehr nachzutragen.
Eigentlich wollte ich gar nicht mit dieser Frau flirten, vor allem nicht in Bellas Gegenwart, doch aus purer Gewohnheit und ohne böse Absicht tat ich es doch. Das unverschämte Geplapper von dieser dummen Pute, brachte mich jedoch schnell wieder auf den Boden der Tatsachen.
Erst war ich amüsiert und auch stolz, weil Bella so eifersüchtig reagierte und ging auf das Spiel von Lauren ein. Doch ich merkte schnell, dass Bella den Flirt ernstnahm und es nicht als Neckerei ihr gegenüber erkannte. Sowas würde ich ihr nie wieder antun. Leider tat ich mir schwer mein Verhalten von heute auf morgen zu ändern. Flirten war mir in den letzten Jahren in Fleisch und Blut übergegangen, es fiel mir schwer es bleiben zu lassen. Das waren harmlose, kleine Spielereien ohne Bedeutung. Jedenfalls für mich!
Bellas Ausbruch im Auto erschütterte mich. Mir war nicht klar, wie sehr sie unter meiner Unfähigkeit meine Gefühle in Worte zu packen, litt. Sie liebte mich. Ohne Zurückhaltung, ehrlich und voller Leidenschaft. Diese kleine Episode mit Lauren Reynolds verletzte sie tief und nagte an ihrem Selbstwertgefühl. Dabei hatte sie das gar nicht nötig. Für mich war sie die schönste und begehrenswerteste Frau die ich kannte. Innerlich wie äußerlich. Es gab nur eine die ihr gleichkam, doch Tanya war tot.
Tanya! Mein schlechtes Gewissen und der Glaube ich würde sie betrügen, schwand von Tag zu Tag mehr. Anfangs war es furchtbar schwierig für mich zu akzeptieren, dass ich glücklich war. Jahrelang geißelte ich mich selbst, indem ich mir jede Empfindung versagte die mit Liebe und Zuneigung zu tun hatte. Erst Bella durchbrach diese Mauer um mein Herz, heilte es und setzte es Stück für Stück wieder zusammen. Oh ja! Ich wusste genau, was ich für sie empfand.
Es war Leidenschaft, Begehren, Zärtlichkeit. Ich wollte sie glücklich sehen, ich wollte ein Lächeln auf dieses hübsche Gesicht zaubern und ihr Leben freihalten von Kummer und Sorgen. Meine Aufgabe war es, aus diesem bezaubernden Geschöpf die glücklichste Frau der Welt zu machen. Mit den Jahren und durch meine Trauer verlernte ich es zu lieben, war nicht mehr imstande dieses Gefühl zu erkennen. Doch Bella fing an sich in mein Herz zu schleichen. Liebte ich sie? Wahrscheinlich. Ich war voll mit Gefühlen für sie, ich wusste gar nicht mehr wohin damit. Seit ich sie zuließ, schienen sie täglich zu wachsen.
An Tanya dachte ich mittlerweile sehr selten. Die Gefühle für sie waren klar, sie würden sich niemals ändern. Doch ich vergrub sie in einem hinteren Teil meines Herzens. Ich konnte sie niemals vergessen, doch ich gestand mir endlich ein, dass ich nach vorne sehen musste. Mit Bella zu ihrem Grab zu gehen, bedeutete den endgültigen Abschied. Erst danach wäre ich frei genug, um meinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Sie verdiente es mehr als jede andere Frau, gesagt zu bekommen, wie wundervoll und wie einzigartig sie war. Wenn ich daran dachte, wie sehr sie durch ihren Vater und Jacob Black verletzt und zurückgestoßen wurde, packte mich die nackte Wut. Ich erschrak fast vor mir selbst, weil ich die beiden am liebsten blutig geprügelt hätte.
Bella war stark, sie musste es sein. Für ihr Kind überstand sie diese Zurückweisungen und meisterte ihr Leben ohne fremde Hilfe. Wie ängstlich und verunsichert war sie wohl damals gewesen, als sie völlig auf sich allein gestellt nach Seattle kam. Schwanger und ohne die geringste Perspektive! Fast wünschte ich mich in diese Zeit zurück. Ich würde sie in die Arme nehmen, ihr Halt geben und sie den Schmerz vergessen lassen. Natürlich war es ein utopischer Wunsch. Doch ich konnte die Zukunft bestimmen. Alles würde ich daran setzen, damit wir eine Einheit wurden. Nach Jahren des Alleinseins sehnte ich mich nach Zweisamkeit. Eine Zweisamkeit, die ich schon einmal besaß und nie richtig ausleben konnte.
Ich stand auf und ging auf Bella zu. Sie musste mein Weihnachtsgeschenk noch öffnen! Ihr Lächeln wurde breiter während ich ihr näher und näher kam und ich konnte nicht umhin, es zu erwidern. Es war so ansteckend.
„Na, Liebes“, sprach ich sie mir dunkler Stimme an, „Schon alle Geschenke ausgepackt?“
Sie grinste leicht, wohlwissend, dass meines noch ausstand.
„Hm, ich weiß nicht!“, wisperte sie, „Sag du es mir!“
Bibi grinste ebenfalls und erhob sich von der Couch.
„Ich glaube ich störe hier nur!“, sagte sie augenzwinkernd.
Wir sahen ihr stumm nach, bis ich mich schließlich neben sie setzte. Erwartungsvoll sah sie mich an.
„Liebes, du denkst doch nicht, ich hätte dein Geschenk vergessen. Oder?“
Mit gespieltem Erstaunen riss sie die schönen, dunklen Augen auf.
„Du hast ein Geschenk für mich?“, tat sie unschuldig.
Mit verwegenem Lächeln zog ich einen Umschlag aus meiner Brusttasche und reichte ihn ihr. Sie nahm ihn mit skeptischem Blick entgegen und besah sich den weißen, nicht beschrifteten Umschlag, drehte ihn zwischen ihren zarten Händen ohne ihn zu öffnen.
„Mach ihn ruhig auf“, ermunterte ich sie.
Mit leicht zitternden Fingern riss sie das Kuvert auf und zog das enthaltene Schriftstück heraus. Sie entfaltete es und fing an zu lesen. Mit Argusaugen beobachtete ich ihre Reaktion, die nicht lange auf sich warten ließ. Eine Hand legte sich über ihren Mund, während sie die Zeilen las und Tränen stiegen unaufhaltsam in ihre Augen. Bella ließ das Papier sinken und schmiss sich mir an den Hals.
„Du hast das Haus gekauft!“, schluchzte sie ergriffen an meinem Hals, „Oh Gott, Edward! Ich danke dir!“
Ich löste mich sanft aus ihrer Umklammerung und strich ihr die Tränen aus dem Gesicht.
„Ich habe mir gedacht, du kannst mit Schmuck sowieso nicht viel anfangen. Das Haus schien mir eine passende Alternative zu sein.“
Ihre Lippen bebten noch. Sie war so süß, wenn ihre Wangen sich röteten und dieser glückliche Ausdruck auf ihrem Gesicht lag. Sie hatte es immer so schwer gehabt, es wurde Zeit, dass jemand sie nach Strich und Faden verwöhnte. Ich war genau der Richtige für diesen Job!
„Edward, das ist eine unglaublich schöne Überraschung. Aber jetzt schäme ich mich fast schon für mein Geschenk!“
Betreten senkte sie den Blick und ich hob ihr Kinn an. Ich konnte nur ansatzweise erahnen, wie schwer es ihr gefallen war, ein passendes Geschenk für mich zu finden. Was schenkte man einem Mann, der schon alles besaß was man für Geld kaufen konnte? Doch Bella wäre nicht Bella gewesen, wenn sie das nicht wundervoll gelöst hätte. Mir persönlich war es egal, denn ich legte nicht viel Wert auf sowas. Meinetwegen hätte dieser ganze Weihnachtszirkus auch ohne Geschenke ablaufen können.
Sie hatte sich wirklich Gedanken gemacht und ich freute mich das erste Mal seit Jahren ehrlich über ein Geschenk. Ich erzählte ihr neulich über meine heimliche Leidenschaft für Bücher, speziell für Gedichte. Es passte nicht in das Bild, das sich die Öffentlichkeit über mich machte und so hängte ich dies nie an die große Glocke. Nur meine Familie wusste davon. Der Beau Edward Cullen las Gedichte! Die Leute wären wohl aus allen Wolken gefallen.
Bella hatte in sämtlichen Antiquariaten von Seattle gestöbert und mir eine schöne, in Leder gebundene Ausgabe von Lord Byrons Gedichten geschenkt. Ehrfürchtig strich ich mit den Fingerspitzen über das braune Leder und roch diesen besonderen Duft, der mich in eine alte Bibliothek zu versetzen schien. Es war kein Original, doch das minderte für mich keinesfalls den emotionalen Wert dieses Geschenkes.
Es sah ihr ähnlich, dass sie wieder glaubte, ihre Wahl wäre nicht gut genug. Diesen Blödsinn musste ich ihr schleunigst austreiben. Da ich immer reichlich Geld besaß, war es schwierig für mich nachzuvollziehen, wie es in ihr aussehen musste. War es denn so schrecklich einen reichen Mann zu heiraten? Sie schien echte Schwierigkeiten mit meinem Geld zu haben. Das würde sicher noch das eine oder andere Mal zu Problemen führen.
„Bella, bitte wiege mein Geschenk nicht gegen deines auf. Dein Buch ist wundervoll und ich habe mich nie mehr über etwas gefreut. Außerdem“, fuhr ich schmunzelnd fort, „kannst du sicher sein, dass ich dir nicht jedes Jahr ein Haus schenken werde.“
Wieder beruhigt lächelte sie zart und küsste mich sanft auf den Mund. Unsere Lippen verharrten kurz und bewegten sich dann weich aufeinander.
„Edward! Daaaaaaaaaaaanke!!!“, brüllte mir ein begeisterter Danny ins Ohr und wir zuckten auseinander.
Er hatte wohl mein Geschenk entdeckt und schwenkte die Baseballkarten in der Luft umher.
„Hey Sportsfreund!“, lachte ich. „Ich schätze, das heißt, die Karten sind okay?“
„Okay?“, schrie er, „Sie sind supertollklassespitzenmäßig!“
Er sagte dies ohne Luft zu holen und strahlte wie eine Hundertwattbirne. Irgendwie war es ein gutes Gefühl, dieses Kind glücklich zu machen. Ich konnte noch nicht einordnen was ich für Danny empfand. Ich mochte ihn ohne Zweifel und fand, er war ein toller Bursche. Doch von Liebe war ich noch weit entfernt. Ich hoffte, dass sich dieses Gefühl im Lauf der Jahre noch einstellen würde. Danny ging es sicher nicht anders. Er war sehr vertrauensselig mir gegenüber, genoss es wohl endlich eine männliche Bezugsperson zu haben, doch manchmal ertappte ich ihn dabei, wie er mich prüfend musterte.
Er traute mir noch nicht hundertprozentig und ich konnte es ihm auch nicht verübeln. Ich ging hier eine riesige Verantwortung ein und hatte Angst ihr nicht gewachsen zu sein. Er wurde schon von seinem leiblichen Vater einfach ignoriert, es wäre katastrophal, wenn ich einen Fehler machte. Wenn das mit Bella schiefging, wäre sie nicht die Einzige, die leiden musste.
„Edward, die Karten sind sooo cool!“, freute er sich weiter, „Wann gehen wir auf das Spiel?“
„Die Karten sind für das Spiel im Februar, nächstes Jahr. Wir sitzen ziemlich weit vorne und haben einen super Blick auf das Spielfeld.“
Er schlang die Ärmchen um meinen Hals und flüsterte ein „Danke schön“ in mein Ohr. Etwas verlegen tätschelte ich seinen Rücken und sah mich den gerührten Blicken von Bella ausgesetzt. Es war wirklich komisch, Umgang mit einem Kind zu haben, doch Danny machte es mir leicht. Trotz meiner Unerfahrenheit mit Kindern, war ich ziemlich zuversichtlich, dass wir es hinbekommen würden eine Familie zu werden.
Oh Scheiße! Eine Familie! Leichte Panik ergriff mich, als mir klar wurde, auf was ich da zusteuerte. Wollte Bella eigentlich noch Babies? So ein schreiendes, glatzköpfiges und hilfloses Wesen! Wir hatten noch nicht darüber gesprochen und ich bekam Magenkrämpfe bei diesem Thema. Windeln wechseln, Schlaflieder singen und das ganze restliche Programm, stand auf der Liste der Dinge die ich noch tun wollte, ziemlich weit hinten. Ich wusste, ich sollte dieses Thema noch ansprechen, doch ich war zu feige dazu. Irgendwie war ich mir sicher, sie würde meine Ansichten dazu nicht verstehen. Doch ich war der festen Überzeugung, dass ich erst lernen musste ein guter Vater für Danny zu sein, bevor ich mich an die Produktion von einem weiteren Cullen-Kind machte.
Bevor ich noch etwas sagen konnte, war Danny weg und sprang meiner Mutter auf den Schoss, die ihr erstes „Enkelkind“ freudig in die Armee schloss. Die zwei waren ein Herz und eine Seele. Obwohl meine Mutter wirklich eine sehr warmherzige Frau war, überraschte mich doch die Geschwindigkeit mit der sie den Kleinen in ihr Herz schloss. Bella legte ihre Hand auf meine und drückte sie leicht.
„Danke, dass du so toll mit ihm umgehst Edward!“, flüsterte sie leise. „Ich hatte ziemliche Angst, dass dich ein Kind überfordern würde, doch du machst das ziemlich gut.“
„Ich würde lügen, wenn ich keine Panik hätte, was falsch zu machen“, gab ich zu, „Du weißt, ich hatte nie mit Kindern zu tun. Was das angeht, bin ich ein echter Neuling.“
„Sei einfach ehrlich zu ihm und mach ihm nichts vor“, sagte sie eindringlich, „Er spürt instinktiv, wenn man ihm Gefühle vorheuchelt. Kinder haben dafür ausgeprägte Antennen. Es ist nicht schlimm, wenn du keine Liebe für ihn empfindest, das wäre auch zu früh. Aber wenn du ihn gern hast und ihn nicht als Last ansiehst, wird sich dieses Gefühl irgendwann von alleine einstellen. Zumindest hoffe ich das!“, fügte hastig hinzu.
„Ich verspreche dir, mein Bestes zu geben. Ich will weder dich noch Danny enttäuschen!“
Dankbar sah sie mich an. Es gab da noch etwas, was ich auf dem Herzen hatte.
„Bella, ich würde gerne morgen mit dir das Grab von Tanya besuchen. Es ist zwar der erste Weihnachtsfeiertag, doch wir können uns am Nachmittag sicherlich für zwei Stunden absetzen.“
Ihre Pupillen weiteten sich vor Überraschung.
„Ähm…ja…ja…natürlich!“, stotterte sie ein wenig überfordert. Dann fing sie sich schnell wieder. „Wenn du das morgen tun möchtest, bin ich bereit dazu.“
Wärme lag in ihrem Blick. Wenn Bella dazu bereit war, dann war ich es erst recht.
Der nächste Tag war frostig, bitterkalte Winde wehten durch die Luft und wir betraten den Friedhof auf dem sich Tanya´s letzte Ruhestätte befand. Seite an Seite liefen wir vorbei an den verschiedenen Gräbern. Viele davon waren mit Blumen geschmückt, weil die Angehörigen zu Weihnachten die Gräber besuchten und ihre Toten auch an diesem Feiertag nicht vergaßen. Bellas kleine Hand lag in meiner, doch es war eher so, dass ich mich an ihr festhielt, als umgekehrt. Gestern war ich noch so überzeugt davon, dass ich diesen endgültigen Abschied schaffen würde, doch mit jedem Schritt, der mich ihrem Grab näherbrachte wurde ich unsicherer. Ich hatte keinesfalls vor alles abzublasen. Doch was in aller Welt sollte ich tun oder sagen?
Den Weg zu ihr kannte ich fast blind, trotz der immer neu hinzugekommenen Gräber die den Friedhof immer unübersichtlicher machten, war es kein Problem für mich hinzufinden. Es dauerte nicht lange und wir standen vor dem pompösen Grabstein aus Granit, in den Tanya´s Name hineingemeißelt wurde. In geschwungenen Buchstaben waren folgende Worte auf dem dunklen Stein zu lesen.
Hier ruht unsere geliebte Tochter, Enkelin und Verlobte Tanya Denali! Der Herr hat unseren Engel viel zu früh zu sich genommen. Möge sie in Frieden ruhen!
Geb. 1980 - 2000
Ihr Bild hing über den Lettern und ich betrachtete es nachdenklich. Tanya war wirklich wunderschön gewesen. Langes rotblondes Haar floss ihr auf die Schultern, die blauen Augen funkelten spitzbübisch und ein bezauberndes Lächeln lag auf ihren vollen Lippen. Von der ersten Sekunde an hatte sie mich in ihren Bann gezogen, allein ihr Anblick erschütterte meine ganze Welt. Erinnerungen flogen wie Sternschnuppen durch mein Gedächtnis.
Ich sah sie die Treppe in James Haus hinunterschweben, ich sah ihr verträumtes Lächeln nach unserem ersten Kuss. Ich sah sie lachend vor mir davonlaufen, als ich sie durch den Park jagte. Meine Erinnerungen zeigten mir ihren Kopf auf meinem Schoss, beim anschließenden Picknick, wie sie die Lider schloss und die Sonne genoss, während ich ihr Haar streichelte. So viele gemeinsame Erlebnisse und doch waren es viel zu wenige. Wie konnte ich sie vergessen, wie sollte ich mich jemals von diesem Schmerz befreien?
„Edward?“
Bellas leises Flüstern holte mich zurück. Sie spürte meine Angst, meine Unsicherheit und trat nah an mich heran.
„Edward, du musst das nicht tun.“
Sie wirkte unendlich traurig und hoffnungslos. Es tat mir weh sie so zu sehen und zu wissen, dass ich der Auslöser dafür war. Sie sollte nicht mehr leiden! Ich musste zumindest versuchen, die Vergangenheit ruhen zu lassen.
„Doch!“, beharrte ich mit fester Stimme. „Doch, ich muss das tun. Für dich, für uns!“
Ich wandte mich wieder um, sah auf das Bildnis meiner Tanya. Mit zitternder Hand strich ich mein Haar zurück, es war mehr eine Geste um die Nervosität zu überspielen, als eine Notwendigkeit. Der Wind hier wehte so stark, dass mein Haar von ganz allein zurückgedrängt wurde. Wie sollte ich anfangen?
„Hallo Tanya!“, sagte ich und kam mir reichlich blöde dabei vor. Ich sprach sonst auch zu ihr, doch normalerweise hatte ich dabei keine Zuhörer. Es vor Bella zu tun, war mir fast schon peinlich, dennoch gab ich mir einen Ruck und fuhr fort. „Ich bin heute nicht alleine hier. Es gibt da jemanden den ich dir vorstellen möchte.“
Meine Stimme brach, der Kloß in meinem Hals war so groß, dass ich Mühe beim Sprechen hatte. Bellas Druck auf meine Hand verstärkte sich, als wolle sie mir allein durch ihre Anwesenheit Kraft verleihen. Es funktionierte.
„Du hast bestimmt gemerkt, dass ich in letzter Zeit kaum hier war. Ich habe wieder jemanden gefunden, Liebste. Ihr Name ist Bella und sie macht mich wirklich glücklich. Ich wollte sie dir heute vorstellen und mich von dir verabschieden, Liebstes. Es wird Zeit für mich loszulassen und ich weiß, du willst nur mein Bestes. Ich werde ewig dankbar dafür sein, dass ich dich kennen und lieben durfte, “ wieder stockte ich und wischte mir verstohlen ein Träne aus dem Auge, „Es tut immer noch so weh an dich zu denken, doch Bella macht es leichter für mich. Sie macht alles leichter. Du hättest sie bestimmt gemocht.“
Ich schwieg, den Blick auf meine Schuhspitzen geheftet und wartete kurz, wusste nicht mehr weiter. Doch meine Bella überraschte mich aufs Neue.
„Hallo Tanya!“, sagte sie plötzlich, „Ich bin Bella und habe Edward heute begleitet. Es ist ziemlich schwer für mich hier zu sein, aber für ihn bin ich diesen Schritt gegangen. Ich will dir nur sagen, dass ich Edward über alles liebe und ich werde versuchen ihn glücklich zu machen. Es liegt nicht in meiner Absicht, dich aus seinen Erinnerungen zu verdrängen oder einfach ein Ersatz zu sein. Man kann dich nicht ersetzen! Aber Edward hat ein neues Glück verdient und da du leider so früh von ihm gegangen bist, muss er es mit jemand anderem finden. Ich hoffe, dass du ihm dieses neue Glück gönnst, wo immer du auch bist.“
Bella hatte mit wenigen Sätzen all meine Gefühle und Sehnsüchte zum Ausdruck gebracht. Sprachlos sah ich auf diese unglaubliche Frau nieder und alles machte plötzlich Sinn. Alle Empfindungen für sie, die bisher vage in der Luft hingen und die ich nicht benennen konnte, fügten sich zu einem Ganzen zusammen. Mein Herz, das so viele Jahre ein Scherbenhaufen war, fügte sich zusammen, schlug kräftig und pulsierend, als wolle es mit jedem Pochen Bellas Namen schreien. Tanya war ein Teil von mir, aber sie war nicht mehr das Wichtigste in meinem Leben. Bella war jetzt die Frau die meine Gedanken, meinen Körper und meine Träume beherrschte.
Ich liebte sie!
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