Bellas PoV
Warum nur, war ich nicht überrascht? All seine Versprechungen, seine Liebesschwüre und seine Beteuerungen! Seine Aussage, er würde für sie längst nicht mehr das Gleiche empfinden wie früher, das waren nur leere Worte ohne Inhalt. Er war sich selbst gegenüber nicht ehrlich. Wovor hatte er Angst? Dass er mich zutiefst verletzen würde, wenn er sich ihr wieder zuwandte? Stumm betrachtete ich dieses wunderschöne Paar vor mir. Sie, in seinen Armen, schutzsuchend und verletzlich. Er, männlich und scheinbar voller Stolz der Frau helfen zu können, die ihm immer noch so viel zu bedeuten schien. Mein Mageninhalt drängte unerbittlich nach oben. Merkte er denn nicht, dass er mir auf diese Art nur noch mehr Schmerzen bereitete? Nichts war schlimmer, als ein Mann, der sich nicht entscheiden konnte. Edward stand zwischen zwei Frauen und merkte es nicht mal.
Die zwei standen immer noch in der gleichen Position und rührten sich nicht. Wie in Stein gemeißelte Statuen bewegten sie sich keinen Millimeter von der Stelle. Mit letzter Kraft rang ich meine Übelkeit nieder und versuchte krampfhaft etwas von meiner Würde zu bewahren. Ich gab meiner Stimme einen betont unterkühlten Klang, als ich sie endlich ansprach.
„Entschuldigt bitte, wenn ich eure traute Zweisamkeit so abrupt beenden muss, aber ich habe euch etwas mitzuteilen.“
Ich war stolz auf mich, weil ich diese Worte so scheinbar gelassen von mir geben konnte. Ich wollte mir auf keinen Fall die Blöße geben und ausflippen. Edward hatte bisher noch keine Anstalten gemacht sie loszulassen, so überrascht wirkte er über meine Anwesenheit in seinem Büro. Ich war ja noch nie hier gewesen und Edward musste sich hier wohl ziemlich sicher gefühlt haben. Keine unliebsame und lästige Ehefrau, die sein Treffen mit Tanya stören würde. Ein bitteres Lächeln war meine einzige Reaktion darauf, während ich das Paar vor mir ansah. Dann begannen sie wohl zu registrieren, welchen Anblick sie mir gerade bieten mussten. Zeitgleich fuhren sie auseinander, als hätten sie sich aneinander verbrannt.
„Bella..“, fing Edward an und wollte auf mich zugehen.
„Halt deine verdammte Klappe, Edward! Sonst vergesse ich mich“, schrie ich ihn an. Verdammt, jetzt brüllte ich doch. Sein schuldbewusstes „Bella“ löste eine Lawine aus Hass, Liebe, Schmerz und unvorstellbarer Wut in mir aus. Ich wollte nichts hören, weder seine Ausflüchte noch etwas anderes. Wenn hier jemand sprach oder Fragen stellte, dann war ich das. „Mit dir unterhalte ich mich später.“
Er wirkte mehr als verblüfft. Noch nie hatte ich dermaßen die Stimme gegen ihn erhoben. Selbst in unseren Anfangszeiten - als Streit an der Tagesordnung war - hatte ich mich in der Hinsicht immer zurückgehalten. Doch jetzt war es mit meiner Selbstbeherrschung vorbei. Edward war eindeutig zu weit gegangen. Ständig zeigte ich Verständnis, erlaubte ihm sogar, sie zu sehen und sie zu sprechen. Meine einzige Bedingung war, dass er mich darüber informierte, wann und wo. War das denn wirklich zu viel verlangt? Ich war seine Frau und hatte ein Recht darauf zu wissen, wann er sich mit ihr traf. Doch der werte Herr hatte nichts Besseres zu tun, als sich hinter meinem Rücken mit ihr zu verabreden, während ich ihn doch so dringend gebraucht hätte. Meine Augen wanderten wild durch sein Büro, bis mein Blick endlich auf sein Handy fiel. Es lag unberührt auf dem Tisch, das Display leuchtete. Ohne die beiden zu beachten, ging zielgerichtet zum Schreibtisch und nahm es an mich. Mit zusammengepressten Lippen starrte ich darauf. Es war keineswegs ausgeschaltet, wie ich gehofft hatte, sondern es waren mehrere verpasste Anrufe drauf. Allesamt von mir. Kalt sah ich Edward an und hielt es ihm hin.
„Du bist nicht auf die Idee gekommen, mal ranzugehen. Oder?“
Er wirkte schuldbewusst.
„Ich…ich …es tut mir leid. Ich wollte, aber….“
Tanya unterbrach seinen Satz.
„Es war allein meine Schuld. Ich habe so fürchterlich geheult, dass er es wohl nicht über sich gebracht hat mich loszulassen“, flüsterte sie beschämt. Sie wirkte betroffen über die ganze Situation, doch ich war weit davon entfernt, irgendwelche fadenscheinigen Ausreden gelten zu lassen.
„Oh Edward“, höhnte ich. „Brauchst du schon die Unterstützung einer Frau, um dich zu verteidigen? Früher hast du das mal selbst gekonnt.“
Das erste Mal erlebte ich ihn wirklich sprachlos. Er wusste genau, dass er Mist gebaut hatte und hatte mir einfach nichts entgegenzusetzen.
„Du bist so ruhig, Edward?“, reizte ich ihn weiter. Ich war so wütend, so enttäuscht. Völlig verloren suchte ich ein Ventil um den Schmerz in meinem Inneren zu bündeln und ihn rauszulassen. „Hat es dir etwa die Sprache verschlagen? Armer Edward, soll ich dir vielleicht ein bisschen dabei helfen eine passende Ausrede für dein dummes, kleines Frauchen zu finden?“, ich warf einen Blick zu Tanya und spöttelte. „Wer weiß, vielleicht bin ich genauso gut darin, wie sie.“
Wieder keine Antwort. Er hatte nur den Kopf gesenkt und starrte wie ein ertappter Junge seine Fußspitzen an. Aber das war mir egal. Sollte er doch schweigen. Edward würde mir früher oder später Rede und Antwort stehen müssen. Ich wandte mich wieder an meine Rivalin.
Tanya schluckte, als sie mich musterte. Ich beobachtete sie aus schmalen Augen und wunderte mich. Sie hatte eindeutig Schiss vor mir. War ich so furchterregend? Immerhin hatte ich sogar Edward mundtot gemacht.
Zum ersten Mal hatte ich die Gelegenheit sie aus der Nähe zu betrachten. Sie war tatsächlich so unglaublich schön, wie alle sie beschrieben hatten. Trotzdem stellte ich mit leiser Schadenfreude fest, dass auch bei Tanya, ein verheultes Gesicht, nicht unbedingt vorteilhaft aussah. Auch zeigten sich - trotz ihrer nicht mal dreißig Jahre - erste Fältchen um die Augen. Tanya sah aus wie eine Frau, die in ihrem Leben schon viele Tränen vergossen hatte. Dadurch wurde das Bild der absoluten Perfektion getrübt, und gab mir nicht das Gefühl völliger Unzulänglichkeit. Sie war nicht so perfekt, wie ich befürchtet hatte. Jeder Mensch war mit Makeln behaftet – der eine mehr, der andere weniger. Sie machten einen erst interessant und hoben die Persönlichkeit hervor. Doch in ihrem Fall, war ich sicher, dass Tanyas Schwächen eher in ihrem Charakter zu suchen waren, als bei ihrem Äußeren.
Meine braunen Augen bohrten sich in ihre blauen. Sie hatte heftig geweint und das auch nicht erst seit eben. Die Lider waren dick geschwollen, sie hatte rote Ränder um die Augen und auch die Haut wies schon erste Flecken auf. Das waren keine Krokodilstränen gewesen, die nur aus dem Grund geweint wurden, um Sympathie oder Mitleid zu erwecken. Tanyas Tränen war bitter und verzweifelt gewesen. Ich hatte selbst über Wochen hinweg genauso ausgesehen, nachdem ich von Dad und Jake im Stich gelassen worden war. Verzweifelt, untröstlich und ohne Perspektive. Mein Anblick im Spiegel war ein Abbild dessen gewesen, was ich hier gerade vor mir sah. Ein leiser, unangebrachter Anflug von Mitleid keimte unaufhaltsam in mir auf, doch ich drängte dieses Gefühl weg.
„Sie sind also Tanya?“
Sie sah mir fest in die Augen, was mich sehr überraschte. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass sie jeglichen Augenkontakt vermeiden würde. Die Augen waren der Spiegel der Seele, sie verrieten oft so viel mehr, als Worte es jemals konnten. Augen lügen nicht, hieß es doch immer. In Tanyas Augen las ich jedenfalls aufrichtiges Bedauern.
„Bella“, fing sie an, „ich darf Sie doch so nennen?“ Sie wartete meine Antwort gar nicht erst ab, sondern sprach gleich weiter. Tanya befürchtete wohl, ich würde sie sonst gar nicht erst zu Wort kommen lassen. „Sie sind bestimmt wütend über das Interview, das stattgefunden hat.“
Ich lachte hysterisch. Nicht, weil ich die ganze Sache in irgendeiner Weise lustig fand, sondern vor schierer Verzweiflung. Die Frau hatte echt Nerven.
„Sie haben keine Ahnung davon, wie ich mich jetzt fühle“, brachte ich dann schließlich raus.
Die Erinnerung an die Vorfälle des heutigen Vormittags kehrte mit voller Wucht zurück. Mein Kind war belästigt worden und ich selbst verfolgt und beinahe von der Straße abgedrängt. Und Edward kümmerte sich nur noch um seine Ex-Verlobte. Tanya wollte wieder etwas sagen, doch ich bremste sie gnadenlos aus.
„Sie halten jetzt mal den Mund“, zischte ich aufgebracht und ging zwei Schritte auf sie zu. Edward sah es und dachte wohl, ich würde auf Tanya losgehen. Entschlossen stellte er sich zwischen uns. Wie eine unüberwindbare Mauer stand er schützend vor ihr und sah mich ernst an.
„Mach keine Dummheiten, Bella“, sagte er nur sanft und streckte die Hand nach mir aus. „Komm, Liebes, wir reden in Ruhe darüber. Du hast das hier wahrscheinlich in den falschen Hals gekriegt.“
Ich wich vor ihm zurück, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Er behandelte mich wie eine gefährliche Irre, dabei hatte ich allen Grund sauer zu sein. Das war erniedrigend.
„Fass mich nicht an!“, zischte ich ihn gefährlich leise an. Ich war gereizter als eine Kobra.
Schmerz verdunkelte seine Augen.
„Liebes, bitte! Lass dir doch erklären, was passiert ist. Es hat sich nichts geändert. Das was du da gerade eben gesehen hast, war völlig harmlos.“
„Weißt du was? Es ist mir egal. Von mir aus kannst du sie umarmen, bis dir der Arm abfällt. Aber eins sag ich euch. Wenn euer Verhalten das Wohl meines Kindes gefährdet, dann hört der Spaß auf“, rief ich anklagend.
Erschrocken sah er mich an, Tanya keuchte auf.
„Was soll das heißen? Geht es Danny gut? Wo ist er?“
Edward wirkte erschüttert und besorgt.
„Ein bisschen spät um sich darüber Gedanken zu machen. Findest du nicht?“, rief ich anklagend. „Wann hast du von dem Interview erfahren?“, wollte ich gleich darauf wissen.
„Tanya hat es mir vorhin erzählt?“, entgegnete er schuldbewusst.
„Und da bist nicht auf die Idee gekommen, dass ich versuchen könnte dich zu erreichen?“, brüllte ich außer mir. „Zum Donnerwetter, Edward. Die ganze verdammte Presse aus Seattle hat vor Dannys Schule gelauert. Einer hat sogar versucht ins Gebäude zu gelangen. Und mich haben sie auf der Fahrt hierher fast von der Straße abgedrängt, so wild waren sie darauf, ein Foto von mir zu bekommen.“ Anklagend zeigte ich mit dem Finger auf ihn. „Ich hätte dich gebraucht, Edward. Du kennst diese Meute und hast mich ihnen einfach zum Fraß vorgeworfen, weil du zu beschäftigt damit warst, dieser Person hier das Händchen zu halten. Weißt du wie ich mich fühle?“, wollte ich bebend von ihm wissen, „Verraten! Du bist genauso schlimm wie mein Vater oder Jake. Ach was, noch schlimmer…“
„Bella…“
„Spar dir dein Bella!“, antwortete ich schneidend und drehte mich von ihm weg. Ich konnte seinen Anblick im Moment nicht mehr ertragen. „Und nun zu Ihnen“, wandte ich mich an Tanya, die ziemlich hilflos daneben stand und den Mund nicht aufbekam. „Sie hätten uns vorwarnen müssen! Soviel Verstand müssen Sie doch haben, um absehen zu können, was so ein Gang an die Öffentlichkeit für mich und mein Kind zu bedeuten hat. So dumm kann doch kein vernünftiger Mensch sein“, spuckte ich ungläubig aus. „Aber offenbar habe ich Sie in der Hinsicht überschätzt.“
Tanya rang verzweifelt mit den Händen.
„Es tut mir so leid…. So leid. Wirklich. Ich habe es doch vorher auch nicht gewusst“, beteuerte sie. „Heute Morgen hat meine Mutter mich vors Haus gebeten und da standen all diese Leute mit Kameras. Sie hat mich genauso überrumpelt. Bitte glauben Sie mir“, flehte sie mich an, „niemals hätte ich das zugelassen, wenn ich das auch nur geahnt hätte. Das mit Ihnen und Ihrem Sohn tut mir so schrecklich leid. Ich wünschte, ich wäre niemals zurückgekommen“, sprach sie mir aus der Seele.
Sie schluchzte wieder auf und wirkte total verloren. Ihre Antwort nahm mir kurz den Wind aus den Segeln, doch ich dachte nicht daran, klein bei zu geben und es ihr so einfach zu machen. Ich war ja nicht Edward und ließ mich von ein paar Tränen weichkochen. Es reichte. Mir wurde es im Leben auch nicht leicht gemacht, doch Tanya musste endlich lernen mit den Konsequenzen ihrer Rückkehr zu leben. Selbst wenn sie tatsächlich unschuldig an der ganzen Misere war, so kannte sie doch ihre Mutter. Carmen Denali war eine berechnende und kalte Person, sie nutzte alle Möglichkeiten, um Vorteile für sich herauszuschlagen. Natürlich war dieser falschen Schlange kla rgewesen, was sie mit ihrer Aktion anrichten würde. Sie hat ihr Ziel erreicht, dachte ich bitter. Tanya war verzweifelt gewesen und direkt in Edwards ausgebreitete Arme gerannt.
„Wie es dazu gekommen ist, ist doch unwichtig. Keiner kennt Ihre Mutter besser als Sie, Tanya. Das war doch vorhersehbar!“, meinte ich jetzt etwas ruhiger. „Sie sind jetzt eine erwachsene Frau und kein Teenager mehr. Verdammt, beweisen Sie doch endlich mal etwas Courage und bieten Sie ihrer Mutter die Stirn. Glauben Sie mir, wenn Sie weiterhin so feige sind, dann werden Sie Ihr Leben lang an ihrem Rocksaum hängen“, wetterte ich ungnädig.
Edward sah aus, als wollte er etwas sagen, doch ich brachte ihn mit nur einem einzigen, mörderischen Blick zum Schweigen. Ich war noch längst nicht fertig.
„Haben Sie diese ganze wahnwitzige Aktion mit Ihrem vorgetäuschten Tod nicht auch ein Stück weit wegen ihr veranstaltet?“, mutmaßte ich, „Weil Sie ihr entkommen wollten? Und den Forderungen, die sie ständig an Sie gestellt hat.“
Tanya nickte kläglich. Je länger ich sprach und sie dabei beobachten konnte, umso ersichtlicher war es, dass Tanya sich nicht weiterentwickelt hatte. Sie war bis heute ein kleines Mädchen geblieben, suchte Anerkennung, Schutz, und jemanden, der ihr die ganzen Probleme abnahm. Wollte Edward wirklich so eine Frau?
Mein Hass auf sie war verpufft, stattdessen hatte ich Mitleid. Sie war wahrscheinlich wirklich eine nette Person, ich schloss das jetzt nicht mehr kategorisch aus. Doch in ihr wohnte auch eine ordentliche Portion Egoismus, der es ihr unmöglich machte, voll und ganz zu den Menschen zu stehen, die sie liebte. Ihre Flucht war der beste Beweis dafür, doch sie hatte offensichtlich nichts dazugelernt. Der Mann oder die Frau – vielleicht sogar Edward
- der sie eines Tages als Lebenspartnerin bekam, würde immer auf sie aufpassen müssen. Tanya war noch ein Kind, und keine erwachsene Frau. Daran hatten auch die Jahre außerhalb des Dunstkreises ihrer Mutter nichts geändert.
Mir fiel nichts mehr ein, was ich noch hätte sagen können und ich starrte sie beide abwechselnd brütend an. Keiner der beiden, startete einen Versuch sich zu verteidigen, nicht mal Edward. Gerade bei ihm tat es mir besonders weh. Es zeigte nur, wie recht ich mit der Annahme gehabt hatte, dass Tanya noch nicht zu den Akten gelegt worden war. Sie rief, und er sprang. So sah es aus.
Ein Anruf auf meinem Handy unterbrach die bedrückende Stille die im Raum herrschte. Zumindest hatte ich noch daran gedacht es mitzunehmen, und es vom Beifahrersitz gefischt. Ich nahm es aus der Jackentasche und sah Edward an.
„Soll ich dir vielleicht zeigen, wie man rangeht?“, machte ich mich über ihn lustig, „Du scheinst es ja ganz plötzlich verlernt zu haben?“, stichelte ich weiter. Edward presste nur den Mund zusammen und verkniff sich jeglichen Kommentar. Es war offensichtlich, dass er mich nicht mehr als nötig provozieren wollte. Es war fast schon ein befreiendes Gefühl, endlich mal die Oberhand zu haben.
Ich drückte übertrieben auf die Annahmetaste und meldete mich. Es war Jasper.
„Hey, Bella“, sagte Jasper und ich hörte erleichtert im Hintergrund Gelächter. Danny und Alice schienen einen Mordsspaß miteinander zu haben. „Du hörst ja sicher, dass alles bestens ist. Wir sind problemlos aus dem Gebäude gekommen. Keiner hat uns belästigt.“
Ich schloss die Augen und fühlte endlich so etwas wie Ruhe.
„Danke Jasper, das werde ich euch nie vergessen.“
„Das war doch selbstverständlich. Bedank dich nicht dafür, sag mir lieber, ob du Edward erreicht hast.“
„Er steht gerade vor mir. Hör zu, könnt ihr Daniel nach Hause bringen. Ich bin nicht sicher, ob ich es ohne meine Freunde von der Presse, bis zu euch schaffe. Ich hatte vorhin schon Probleme hierherzugelangen….. Warte kurz, ich muss Edward was fragen!“ Ich sah zu ihm. „Kannst du sicherstellen, dass sie nicht auch vor unserem Haus ihre Zelte aufschlagen?“
Edward nickte.
„Es ist ein Privatgelände, sie dürfen sich nicht dort aufhalten, sonst lasse ich sie von der Polizei wegjagen und verklage diese ganzen verfluchten Schmierblätter auf saftigen Schadenersatz. Ich kümmere mich sofort darum, dass unsere Sicherheitsleute dort postiert werden. Sicher ist sicher.“
Ich nickte.
„Gleich, wenn es geht“, bat ich ihn. Es musste jetzt alles schnell gehen. Außerdem wollte ich mit Tanya allein sprechen. Ich hatte ihr noch einiges mitzuteilen. Edward schien nicht begeistert davon, doch er verließ trotzdem nach einem prüfenden Blick auf mich und Tanya den Raum. Wir waren allein.
„Jasper“, informierte ich diesen, ohne die Augen von IHR zu nehmen, „ihr könnt wohl ohne Schwierigkeiten auf das Anwesen fahren. Edward kümmert sich darum, dass kein Unbefugter sich darauf aufhält.“
„Okay, wir fahren dann gleich los. Ich werde sicherheitshalber den Jeep mit den verdunkelten Scheiben nehmen, dann sieht keiner wer drin ist.“
Ich war froh über Jaspers Umsicht und wünschte mir, Edward hätte auch soviel Weitsicht bewiesen.
„Das ist großartig. Gib Danny einen Kuss von mir, ich komme so schnell es geht nach Hause.“
Vorsichtig legte ich nach Ende des Gesprächs das Handy weg. Tanya war sehr ruhig, sie sagte nichts. So standen wir also in Edwards Büro. Zwei Frauen, die beide aus unterschiedlichen Beweggründen ein und denselben Mann wollten. Ich liebte Edward über alles, er war neben Danny mein Ein und Alles, bis sie wieder aufgekreuzt war. Warum war sie wieder hier? Ich musste es wissen.
„Wie kommt es, dass Sie nach so vielen Jahren wieder zurückgekehrt sind?“, kam ich ohne Umschweife zu Sache.
„Irina hat mich verlassen“, flüsterte so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte.
„Verlassen?“, hakte ich nach.
Sie nickte.
„Hmmm“, machte sie nur. Jetzt wirkte sie noch kindlicher auf mich, obwohl sie äußerlich eine reife und sinnliche Frau war. Es war ein Widerspruch in sich. „Eines Tages hat sie einfach ihre Sachen gepackt und gesagt, es wäre vorbei.“
„Einfach so?“
Das konnte doch nicht alles gewesen sein. Als Tanya beschämt den Kopf senkte, wusste ich, dass das noch längst nicht die ganze Geschichte gewesen war.
„Sie konnte meine Sehnsucht nach Seattle und nach meiner Familie nicht mehr ertragen“, wisperte sie erstickt.
„War es nicht auch die Sehnsucht nach Edward?“, setzte ich nach. Jetzt wollte ich es genau wissen.
In diesem Augenblick sah sie wieder auf.
„Ja!“, war ihre einzige Antwort.
Ich atmete langezogen aus. Da war er, mein Alptraum. Tanya kehrte zurück, um sich meinen Mann zu holen.
„Bitte, haben Sie keine Angst, Bella“, bat sie mich flehend. „Ich will Ihnen Edward nicht wegnehmen, das würde ich gar nicht schaffen. Er liebt Sie wirklich über alles.“
„Tut er das?“, fragte ich zweifelnd. Nichts war mehr wie es sein sollte. Mein mühsam zusammengekratztes Vertrauen in seine Liebe, war nicht mehr existent. Ich fühlte mich wie in einem Wirbelsturm. Alle Gefühle wurden durcheinandergeworfen und suchten nach ihrem angestammten Platz. Doch sie fanden ihn einfach nicht. Hilflos setzte ich mich auf einen Stuhl in der Nähe.
„Reden Sie weiter!“, forderte ich sie auf. Jetzt konnte sie mir genauso gut den Rest erzählen. „Irina hat Sie also verlassen, weil sie genug hatte von Ihren Schuldgefühlen.“ Ich lächelte schwach. „Das kommt mir irgendwie bekannt vor.“
Tanya ging nicht darauf ein, sondern sprach weiter.
„Ich stand plötzlich allein da. Wissen Sie, ich habe aus Angst vor Entdeckung nie eine Arbeit angenommen, oder etwas gelernt. Mich selbst zu versorgen erschien mir unmöglich, immer hat Irina das Geld nach Hause gebracht. Was sollte ich denn machen?“
„Haben Sie es denn nicht wenigstens mal versucht?“, fragte ich kopfschüttelnd. Tanya war beileibe keine Hexe, aber anscheinend absolut lebensuntauglich.
„Ich glaube, das würde ich nicht schaffen“, flüsterte sie todunglücklich. Oh Gott, selbst mein Sohn war selbstständiger als sie. Was in aller Welt hatte Edward nur in ihr gesehen? Ihr liebenswerter Charakter hatte ihm wohl so das Hirn vernebelt, dass er all ihre Schwächen nicht sehen konnte, oder wollte. Obwohl ich mich vehement dagegen wehrte, merkte ich selbst bei mir, einen gewissen Beschützerinstinkt ihr gegenüber. Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, dann hätte ich fast gelacht, so absurd war das.
„Was haben Sie jetzt vor? Ihre Mutter ist auch pleite“, konnte ich mir nicht verkneifen.
Hilflos sah sie mich an.
„Ich weiß nicht, ich…ich …ich hatte gehofft, dass Edward….Aber das ist jetzt unmöglich. Ich habe schon genug Ärger gemacht.“
Sie kam auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen.
„Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Für die Angst, die Sie meinetwegen heute durchmachen mussten. Das lag nicht in meiner Absicht.“
Meinte sie es ehrlich? Noch immer war ich skeptisch. Trotzdem stand ich auf und nahm ihre Hand. Mein Händedruck war fest, entschlossen, ihrer kraftlos und unsicher.
„Sie werden ihn niemals zurückbekommen, Tanya. Ich werde um Edward kämpfen“, sagte ich.
Sie lächelte kläglich.
„Ich will Ihnen Edward nicht wegnehmen. Sie müssen nicht kämpfen.“
Doch was sie nicht ahnte. Tanya war nicht mein Gegner, es war Edward selbst.
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