Ich setzte mich gerade auf meinen Koffer in dem verzweifelten Versuch ihn endlich zu schließen. Leider reichte mein organisatorisches Talent nicht dafür aus, einen Koffer so zu packen, dass er problemlos wieder zu ging. Irgendwie türmten sich die Kleidungsstücke darin immer zu einem immensen Berg auf, der es mir dann unmöglich machte ihn ordentlich zu verschließen.
„Jetzt mach schon, du blödes Teil!“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Genervt hüpfte ich wieder auf den Boden und drückte meine Handflächen auf die glatte Oberfläche des Samsonite Koffers. Ich hatte ihn schon seit meinem sechzehnten Lebensjahr. Er war ein Geschenk meines Vaters, damit ich auf der Klassenfahrt nicht mit dem alten, roten Lederkoffer meiner Großmutter auftauchen musste. Nach Charlies Verrat war ich kurz davor das gute Stück vom höchsten Wolkenkratzer in Seattle zu schmeißen, entschied mich dann aber sehr vernünftig dagegen. Dad würde es sowieso nie erfahren und ich brauchte ja etwas, worin ich meine wenige Kleidung transportieren konnte.
Keuchend drückte und presste ich weiterhin auf dem Koffer herum, als ich Edwards amüsierte Stimme vernahm.
„Kann ich dir irgendwie behilflich sein?“
Böse sah ich ihn an. Er hatte natürlich keinerlei Probleme seinen Koffer ordentlich zu packen und zu verschließen. Sein dämliches Grinsen nervte mich und so blaffte ich nicht sehr freundlich zurück.
„Du hörst dich an wie eine Verkäuferin in einer Parfümerie.“
Sein Lächeln wurde nur noch frecher, falls das überhaupt möglich war. Er trat ans Bett, klappte den Deckel auf und starrte fasziniert auf den Inhalt.
„Wie kann jemand, der seine Wohnung und ein Restaurant so in Schuss hält wie du, nur so untalentiert beim Kofferpacken sein?“
Kopfschüttelnd schüttete er alles aufs Bett und fing an, mit geradezu militärischer Präzision, meine T-Shirts zusammenzulegen.
„Wo hast du das gelernt?“, fragte ich erstaunt und schaute auf die akkurat gefalteten Oberteile, die er dann fein säuberlich im Koffer stapelte.
Edward grinste.
„Einer meiner Kumpels war auf der Militärschule. Er hat mir mal in einem Anflug von tödlicher Langeweile beigebracht, wie man seine Hemden und Hosen ordentlich zusammenlegt. Ich wusste, ich würde es irgendwann mal brauchen“, lachte er mit frechem Seitenblick auf mich.
Ich schlug nach ihm, doch der Schlag prallte ziemlich kraftlos an ihm ab.
„Oh du!“, rief ich eingeschnappt.
Nervös sah ich auf die Uhr. Wir würden noch den Flug verpassen, wenn wir nicht bald loskamen. Einen weiteren Tag ohne Danny wollte ich keinesfalls zulassen. So schade es auch war, dass die Flitterwochen jetzt vorbei waren, so freute ich mich doch wie verrückt auf mein Kind. Ich wollte ihm durch die braunen Locken fahren, seinen kleinen Körper in den Armen halten und sein fröhliches Geplapper hören.
„Bella, sei doch nicht so nervös“, bat Edward mich.
„Edward, wir werden noch den Flug verpassen. Stopf doch einfach alles rein und wir fahren.“
Es machte mich irre, dass er scheinbar völlig unbeeindruckt von meiner Hektik, weiterhin in aller Seelenruhe meinen Koffer packte.
„Lanaya hat vorhin angerufen. Der Flug verschiebt sich um drei Stunden nach hinten, wir brauchen uns also nicht zu beeilen. Komm wieder runter, Liebes. Wir werden trotzdem heute noch in Seattle sein und du kannst Danny wieder in die Arme schließen.“
Seufzend ließ ich mich aufs Bett sinken und rollte mich auf den Bauch. Meine angewinkelten Beine baumelten in der Luft hin und her, während ich seinen schönen, schlanken Händen dabei zusah, wie sie geschickt meine Kleider zusammenlegten.
„Ich wusste gar nicht, dass du so pedantisch bist.“
„Ich hasse Unordnung“, gab er zu, „Schon als Kind hatte Esme keinerlei Probleme mich dazu zu bringen, mein Zimmer aufzuräumen. Meine Ordnungsliebe war für lange Zeit, die so ziemlich einzige positive Eigenschaft die ich besaß“, meinte er nur schulterzuckend.
„Du meinst nach Tanyas Tod, als du dich durch die Weltgeschichte gevögelt hast?“
Mein Tonfall klang völlig normal. Als würde ich übers Wetter reden. Edward warf mir nur einen kurzen Blick zu.
„Genau!“, sagte er kurzangebunden und ging nicht weiter auf das Thema ein. Sein Gesicht hatte sich unwillkürlich verdüstert und er machte die Schotten dicht. Ich gab es auf ihn über seine wilde Vergangenheit ausfragen zu wollen, ließ mich rückwärts aufs Bett fallen und starrte die Decke über mir an. Eine Fliege hatte sich ins Zimmer verirrt und kreiste summend unter dem Ventilator hin und her.
„Es ist wirklich praktisch, dass du so ordentlich bist“, neckte ich ihn, um die Stimmung wieder aufzuheitern. „Kannst du auch kochen?“
Edward ging auf meinen neckenden Tonfall ein.
„Wenn du auf Verbranntes stehst, schon. Kleine Kostprobe gefällig?“
Ich sah zu ihm hoch und sah ihn meinen Koffer problemlos schließen, nachdem das letzte Kleidungsstück darin verstaut war.
„ Nein danke, lieber nicht!“, wehrte ich ab, „Wann kommt denn Lanaya, um uns abzuholen?“
„Frühestens in einer Stunde“, murmelte er und ließ den Blick nicht von mir. Er platzierte den Koffer mühelos neben dem Bett ab und stellte sich vor mich. Er blickte auf mich hinab, lüstern und offensichtlich wieder bereit mir seine Liebe körperlich zu beweisen. Er griff nach einem Bein und zog mich zu sich, bis mein Po an der Kante lag. Edward ging in die Knie und schob tastend die Hände unter mein leichtes Sommerkleid. Er fuhr erregend an meinen Beinen hoch, bis zu meinen Oberschenkeln, die er mit seinen kräftigen Händen umfasste.
„Wir haben noch eine Menge Zeit“, wisperte er und ließ seinen Kopf seinen Händen folgen…………….
Etliche Stunden später fuhren wir die lange Auffahrt des Cullen-Anwesens entlang. Wir wollten dort wohnen, bis unser Haus bezugsfertig war. Da die Renovierung jedoch noch einige Zeit in Anspruch nehmen würde und weder meine alte, noch Edwards aktuelle Wohnung das richtige für uns drei war, wichen wir auf diese Alternative aus. Danny hatte hier alle Freiheiten, konnte sich im Garten austoben und sich auf diese Art schnell an seine neue Familie gewöhnen. Müde lehnte ich meinen Kopf an Edwards Schulter, der lässig nur mit einer Hand den Wagen lenkte, und bemühte mich nicht einzuschlafen. Das leise Surren des Wagens, der schon am Flughafen in Seattle für uns bereit stand, wirkte extrem einschläfernd auf mich und ich hatte meine liebe Mühe die Augen offenzuhalten.
Edward hatte im Gegensatz zu mir ein wenig im Flugzeug geschlafen, doch ich selbst war dazu nicht imstande. Unablässig schwirrten tausend verschiedene Gedanken durch meinen Kopf, es war wie ein schwindelerregendes Karussell, das sich drehte und drehte und mich nicht zur Ruhe kommen ließ. Ich konnte nicht mal genau benennen, woran ich eigentlich dachte. Mein Gehirn schien hyperaktiv und hüpfte von einer Erinnerung zur nächsten. Die Hochzeit, die Flitterwochen, Danny. Dann kamen mir weniger angenehme Dinge in den Sinn. Jake spukte immer mal wieder wie ein Gespenst in meinem Kopf herum. Würde er uns zukünftig in Ruhe lassen? Großen Raum in meinen Gedanken hatte auch Tanya. Immer noch. Etwas in mir drängte darauf, mehr über diese Frau zu erfahren, die Edward über den Tod hinaus so sehr geliebt hatte, dass er lange Zeit keine neue Bindung zuließ. Wer war sie? Was hatte sie an sich, dass sie selbst nach all diesen Jahren bei allen noch so präsent war?
Ich ärgerte mich über mich selbst, weil ich es einfach nicht lassen konnte darüber nachzudenken. Doch all diese seltsamen Andeutungen von Esme und auch von Tracey, ließen mich nachts manchmal nicht einschlafen. Edward indessen ahnte nichts von dem Chaos in meinem Kopf. Für ihn schien das Thema Tanya endgültig abgeschlossen. Einzig und allein ich selbst war es, die nicht vergessen konnte. Ob ich meine Neugier tatsächlich im Zaum halten konnte, wusste ich wirklich nicht. Ich wollte es versuchen, doch ich kannte mich selbst gut genug, um zu wissen, dass es nicht einfach werden würde.
„Alles okay, Liebes?“, fragte Edward.
„Hmm…ich bin nur schrecklich müde, weil ich während des Fluges kein Auge zugemacht habe. Mir gingen so viele Sachen durch den Kopf.“
„Was denn?“, fragte er neugierig.
„Ach, dies und das. Nichts Spezielles. Nur die verqueren Gedanken einer frisch verheirateten und völlig übermüdeten Ehefrau“, wiegelte ich ab.
Edward gab sich mit meiner Antwort zufrieden, drehte den Kopf nach rechts und küsste mich auf die Schläfe. Ein zufriedenes Seufzen entwich mir. Mit Edward zusammen erschien alles so klar und einfach. Er hatte eine genaue Vorstellung davon, was er wollte und ging geradewegs auf sein Ziel los. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre ähnlich konsequent. Doch meist suchte ich Ausflüchte und machte alles komplizierter als es war. Großmutter Swan hatte mir kurz vor ihrem Tod nahegelegt, nicht alles in meinem Kopf endlos zu zerkauen. Ich sollte die Dinge auf mich zukommen lassen und nicht so viel grübeln. Als ich dann einmal ihren Rat befolgte, geriet ich an Jake. Hätte ich damals mehr nachgedacht und mich nicht nur von meinen naiven Gefühlen für ihn leiten lassen, wäre ich wohl nie in so eine Situation geraten. Im nächsten Moment schämte ich mich furchtbar dafür.
Es würde auch Danny nicht geben und ich hätte Edward vermutlich nie kennengelernt. Es war gut so wie es war und ich bereute nicht eine einzige Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen hatte. Sie hatten mir nichts als Glück und Liebe gebracht. Die lange Durststrecke, ohne die erfüllende Liebe eines Mannes war endlich überwunden und ich konnte endlich all meine Träume ausleben. Vielleicht würden wir irgendwann den Beweis dafür in unseren Armen halten. Der Wunsch nach einem weiteren Kind war ganz zart erwacht, doch noch traute ich mich nicht Edward darauf anzusprechen. Erstens wirkte er manchmal mit seiner neugewonnenen Vaterrolle etwas überfordert und Zweitens war es wichtig, dass Danny ein stabiles Familienleben kennenlernte, bevor ein weiteres Kind hinzukam.
Ein Baby brauchte eine Menge Aufmerksamkeit, doch Danny sollte erst sicher sein, dass Edward ihn gern hatte und sich seiner Fürsorge gewiss sein. Es wäre schlimm, wenn er das Gefühl bekäme nur das „angeheiratete“ Kind zu sein und das neue Baby würde quasi seinen Platz einnehmen. Ich ließ mir daher die Pille verschreiben, kurz nachdem Edward und ich zusammenkamen, um eine Schwangerschaft von vornherein zu verhindern.
Der Wagen stoppte.
„Wir sind da“, hörte ich Edward sagen und ich richtete mich auf.
Jeder Knochen tat mir weh und ich kam mir vor wie eine alte Frau. Er half mir aus dem Wagen und wir gingen Arm in Arm zum Eingang. Das Gepäck würden wir später holen. Wir konnten nicht mal klingeln, da wurde die Tür auch schon geöffnet und ein strahlender Dobson stand uns gegenüber.
„Mr. und Mrs. Cullen“, rief er aus, „welche Freude Sie wieder Zuhause begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.“
Edward grinste bei der Begrüßung.
„Die hatten wir. Danke Dobson. Ich nehme an meine Frau wird von jemandem sehnsüchtig erwartet, oder sehe ich das falsch.“
Ich wurde rot, als Edward mich seine Frau nannte.
„Oh ja, Master Daniel ist schon ganz aufgeregt, weil Mrs. Cullen heute wieder nach Hause kommt. Er spricht seit drei Tagen von nichts Anderem mehr.“
„Mrs.Cullen“, sagte ich dann ironisch, „ist ebenfalls anwesend und kann durchaus persönlich angesprochen werden. Hätten Sie die Güte beiseite zu treten, damit ich endlich zu meinem Sohn kann.“
Ich imitierte Dobsons nasale Stimme und den etwas eingebildet klingenden britischen Akzent so gekonnt, dass der mich etwas erschrocken ansah. Man konnte ihm an der Nasenspitze ansehen, dass er nicht wusste, ob ich es ernst meinte, oder ihn auf den Arm nahm. Ich beschloss den armen Kerl zu erlösen.
„Das war ein Scherz, Dobson“, beruhigte ich ihn, „Ich freue mich sehr Sie zu sehen, aber ich würde jetzt trotzdem gerne zu meinem Sohn.“
Er trat beiseite.
„Aber selbstverständlich, Mrs. Cullen.“
Ich betrat mit Edward das Haus und wir machten uns auf den Weg zum Wohntrakt meiner Schwiegereltern. Weit kamen wir nicht, denn Danny kam uns schon entgegengerannt.
„Mummy, Mummy, Mummy!“, brüllte er und seine kleinen Beinchen bewegten sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Lachend streckte ich die Arme aus und er warf sich mit voller Wucht hinein. Erleichtert schloss ich ihn in meine Arme und kämpfte mit den Tränen.
„Oh Danny, ich bin so froh wieder bei dir zu sein. Mummy hat dich so vermisst“, flüsterte ich in seinen braunen Lockenkopf hinein.
„Ich hab dich auch vermisst“, schniefte er und schmiegte das Gesicht in meinen Hals.
„Du riechst so gut, Mummy. Wie eine Erdbeere.“
Ich musste lachen. Nur mein Sohn kam auf die Idee, mich mit einem Stück Obst zu vergleichen. Aus den Augenwinkeln sah ich Carlisle und Esme auf uns zukommen, die lächelnd unsere Wiedervereinigung beobachteten.
„Eine Mutter kann man eben nicht ersetzen, was sagst du, Carlisle?“, hörte ich meine Schwiegermutter fragen. Der nickte nur zustimmend und legte einen Arm auf die Hüfte seiner Frau. Mir entging nicht, dass er sie dabei zärtlich streichelte. Es hatte auch nach all den Jahren, die sie schon zusammen waren, etwas Erotisches und ließ auf ein ausgefülltes Liebesleben schließen. Ich hoffte, dass Edward und ich in zwanzig Jahren auch noch so verrückt nacheinander waren.
Arm in Arm liefen sie auf mich zu und küssten mich auf die Wange. Carlisle hatte dabei einen entschuldigenden Ausdruck auf seinem Gesicht. Mir war klar, dass ihn immer noch das schlechte Gewissen wegen seiner Taktlosigkeit auf der Hochzeit plagte. Ich versuchte ihm mit einem warmen Lächeln zu signalisieren, dass ich ihm schon längst verziehen hatte. Er hatte mir nichts Böses getan, er wählte für seine Worte nur den denkbar schlechtesten Zeitpunkt.
Ich wurde gedrückt und umarmt von allen Seiten, bis Edwards beleidigte Stimme uns unterbrach.
„Hey, ich bin auch noch da!“, schmollte er, „Will mich denn keiner begrüßen?“
Danny, den ich immer noch auf dem Arm hatte, kicherte leise und flüsterte in mein Ohr.
„Ich glaube, er ist neidisch, weil du mich im Arm hast und nicht ihn.“
Grinsend zerzauste ich sein Haar und flüsterte ebenso leise zurück.
„Was für ein Pech für ihn, nicht wahr? Willst du ihm vielleicht auch „Hallo“ sagen?“
Danny kratzte sich verlegen am Kopf und warf einen vorsichtigen Blick zu Edward. Sie hatten sich vor unserer Abreise gut verstanden, doch jetzt kam es mir vor, als wäre Danny Schüchternheit gegenüber Edward durch unsere Abwesenheit wieder zurückgekehrt.
„Okay“, meinte er schüchtern.
Ich ließ ihn runter und er tapste auf Edward zu, bis er direkt vor ihm stand. Danny wirkte angesichts Edwards körperlicher Größe noch viel kleiner als sonst. Mein Sohn sah zu ihm hoch.
„Hallo Edward, ich freu mich, dass du wieder da bist.“
Abwartend schenkte er Edward einen treuherzigen Blick. Der ging vor ihm in die Hocke, um auf gleicher Höhe zu sein.
„Ich freu mich auch dich zu sehen.“
Mit angehaltenem Atem sah ich weiter zu, was passierte. Schließlich streckte Danny die Arme aus und umarmte den verblüfften Edward. Der schloss die Arme um das Kind und strich ihm ein bisschen unbeholfen über den Rücken. Doch dann entspannte er sich und drückte ihn fest an sich. Mit Danny auf dem Arm erhob er sich und trat zu seinen Eltern.
„Seht ihr, so macht man das. Ihr solltet Unterricht bei ihm nehmen, was gutes Benehmen angeht“, sagte er ziemlich hochnäsig. Danny stieß ein lautes, glückliches Lachen aus, bei dem mir das Herz weit wurde. Es war zwar noch keine Liebe, wie zwischen Vater und Sohn, aber sie mochten sich. Danny fühlte sich pudelwohl bei Edward, das konnte man sehen und hören. Für den Moment musste das genügen.
„Edward, natürlich freuen wir uns auch dich zu sehen, mein Junge“, bestätigte Carlisle augenzwinkernd und klopfte ihm väterlich auf den Rücken. Esme war da schon ein bisschen liebevoller und drückte meinem Liebsten einen dicken, feuchten Schmatzer auf die Backe.
„Mom!“, beschwerte er sich und rieb sich die Wange, „Du weißt doch, wie ich das hasse.“
Esme warf mir einen spitzbübischen Blick zu.
„Er hat ein Kindheitstrauma“, kicherte sie belustigt und er verdrehte die Augen, „Seine Tante Ethel hat ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit abgebusselt, das hat er bis heute nicht verarbeitet.“
„Tante Ethel?“, kicherte ich fragend.
„Du erinnerst dich doch an den Blauen Salon? Den hat sie eingerichtet. Sie ist, nun sagen wir, Ethel ist ein Fall für sich. Es gibt keine Worte, um sie zu beschreiben, man muss sie einfach kennenlernen.“
Edward widersprach seiner Mutter augenblicklich.
„Nein, das muss man nicht. Außerdem gibt es durchaus Worte um sie zu beschreiben“, schimpfte er, „Nervig, neugierig, sie mischt sich in Angelegenheiten ein, die sie nichts angehen und sie treibt alle in ihrer Umgebung systematisch in den Wahnsinn.“
Er schüttelte sich. Offensichtlich war Tante Ethel sein ganz persönlicher Alptraum und ich konnte es mir einfach nicht verkneifen ihn zu ärgern.
„Das klingt doch gar nicht so schlimm. Ich würde sie wirklich gerne kennenlernen; da sie ja nicht auf unserer Hochzeit war.“
Ehrlich gesagt hatte ich nicht das geringste Bedürfnis mit diesem Drachen in näheren Kontakt zu treten, aber sie gehörte nun mal zur Familie und ich wollte sie nicht wie eine Aussätzige behandeln, nur weil sie ein paar charakterliche Schwächen zu haben schien. Ich sah Dannys erschrockenes Gesicht und meine Absicht festigte sich. Da Edward allein bei ihrer Erwähnung so ablehnend reagierte, war wohl auch für meinen Kleinen klar – Tante Ethel war eine Hexe und der musste man aus dem Weg gehen. Danny musste aber lernen, dass er sich selber ein Bild von den Menschen machen musste und sich nicht auf die Meinung anderer verlassen durfte. Nur weil Edward sie nicht mochte, durfte ich nicht zulassen, dass Danny die gleichen Gefühle für diese alte Frau hegte.
„Edward“, tadelte Esme ihren Sohn, „du solltest nicht so dummes Zeug über sie erzählen. Du hast sie seit Ewigkeiten nicht gesehen und so furchtbar, wie du sie darstellst ist sie nicht mehr. Sie ist mit den Jahren weicher und umgänglicher geworden und du warst schon immer ihr Liebling. Gib ihr eine Chance.“
„Ja, Edward“, stieg ich mit ein, „Gib ihr eine Chance.“
Er hob beschwichtigend die Hände.
„Hey, steinigt mich nicht. Ich werde nett zu ihr sein, okay. Mehr könnt ihr nicht verlangen“, versprach er und sah zu Danny, „Du musst mich vor ihr beschützen, Sportsfreund. Es wäre wirklich ausgesprochen nett von dir, wenn du die Knutscherei für mich in Kauf nimmst.“
Danny schien zu überlegen.
„Was hab ich denn davon?“
Mein Mund öffnete sich schockiert. Wo hatte er denn jetzt sowas her? Edwards stolzes Grinsen zeigte mir den Übeltäter. Er schien mächtig stolz auf Dannys Reaktion.
„Du lernst schnell, Sportsfreund. Was hältst du davon, wenn ich dir das Keyboardspielen beibringe. Das ist im Grunde wie Klavierspielen und das kann ich ziemlich gut.“
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Edwards Art und Weise die Dinge zu bekommen, die er wollte, war wohl nicht unbedingt für Kinder geeignet. Das hier war ja noch relativ harmlos, doch wie sollte ich Danny jetzt begreiflich machen, dass man nicht immer eine Gegenleistung erwarten konnte oder durfte, wenn man jemandem einen Gefallen tat. Edward lebte es ihm ja quasi genauso vor. Manche Dinge mussten von Herzen kommen und freiwillig geschehen. Es sah jetzt ganz so aus, als müsste ich Edward gleich mit erziehen. Völlig aussichtslos, seufzte ich innerlich. Edward würde immer tun und lassen was er wollte, ohne Rücksicht auf die Folgen. Aber reden musste ich auf jeden Fall mit ihm. Er meinte es sicher nicht böse, aber so ging es wirklich nicht.
„Oh fein!“, schrie Danny begeistert und ich ahnte, dass es gar nicht so einfach werden würde, meinen Sohn wieder auf die richtige Spur zu bringen.
„Danny“, warf ich ablenkend ein, „es ist schon spät und es wird wirklich Zeit für dich ins Bett zu gehen. Wir reden morgen darüber.“
Danny schmollte sichtlich.
„Aber Mum, ich will doch noch hören, was ihr alles gemacht habt“, protestierte er.
Ich wurde puterrot und Edwards glucksendes Lachen machte es auch nicht besser. Natürlich hatten wir auch einiges auf der Insel unternommen, doch die meiste Zeit waren wir tatsächlich nicht aus dem Bett gekommen. Die Wochen der erzwungenen Enthaltsamkeit hatten sich unmittelbar auf unsere Freizeitplanung ausgewirkt und diese Dinge waren nun wirklich nicht für Dannys Ohren geeignet.
„Morgen Schätzchen. Okay? Ich bin wirklich furchtbar müde und du solltest auch schon längst im Bett sein.“
„Ach Menno!“, motzte er, gehorchte aber dann widerstandslos, als ich die Hand ausstreckte, um mit ihm in sein Zimmer zu gehen, das Esme extra für ihn eingerichtet hatte. Er winkte den Übrigen noch zu. „Gute Nacht“, wünschte er noch artig und zeigte gleich darauf ein dickes, fettes Gähnen. Danny war stehend K.O. und würde bestimmt recht schnell einschlafen.
Hand in Hand betraten wir dieses Kinderparadies, das nun im Dunkeln lag. Er war zwar schon im Schlafanzug und sein Atem roch nach Zahnpasta, doch geschlafen hatte er noch nicht. Die Bettdecke lag noch unberührt an Ort und Stelle. Ein riesiger Spongebob grinste mir darauf entgegen und Kuscheltiere aller Art lagen wild darauf verstreut. Der ganze Raum war in freundlichen Farben gestrichen, das Mobiliar war aus hellem Holz und überall war Spielzeug verteilt. Ich schlug die Decke zurück und er schlüpfte anstandslos darunter. Ich steckte sie rundherum um ihn fest, bis nur noch sein Gesichtchen herauslugte.
„Aber noch nicht gehen, Mum. Du bleibst doch bis ich eingeschlafen bin.“
„Aber natürlich.“
Ich legte mich zu ihm und drehte mein Gesicht zu seinem.
„Morgen erzählst du mir aber von Hanoi“, forderte er und ich musste kichern.
„Das heißt Hawaii, Schätzchen.“
„Sag ich doch:“
„Ich werde dir morgen haarklein erzählen, was wir alles gesehen haben, aber jetzt schließ die Augen und träum was Schönes.“
„Bin noch gar nicht müde“, wiederholte er leise, obwohl ihm jetzt schon die Lider zufielen.
Ich fing an ein altes Kinderlied zu summen, das er aus dem Kindergarten kannte, bis sein gleichmäßiger Atem verriet, dass er eingeschlafen war. Ich blieb trotzdem noch eine Weile bei ihm liegen, weil er mir so schrecklich gefehlt hatte. Ihn wieder zu haben, machte mein Glück komplett. Irgendwann erhob ich mich leise und schlich auf Zehenspitzen aus dem Raum und begab mich zu den anderen.
Sie saßen alle im Wohnzimmer und unterhielten sich leise, als ich zu ihnen stieß. Edward, der auf dem Sofa saß, streckte sofort die Hand nach mir aus, als könnte er keinen Augenblick länger ohne mich aushalten. Selig setzte ich mich zu ihm und schmiegte mich in seine Arme.
„Schläft er schon?“, wollte er wissen.
„Hmm, er hat kaum im Bett gelegen, da war er auch schon weg.“
Was nun folgte, war belangloser Small Talk. Ich hörte gar nicht mehr richtig zu, sondern döste völlig erschöpft vor mich hin. Mein Kopf war endlich leer, keine Gedanken störten die friedliche Atmosphäre in der ich mich gerade befand. Wie aus weiter Ferne hörte ich die Stimmen im Hintergrund und merkte nicht mal mehr, wie ich hochgehoben und aus dem Raum getragen wurde. Seufzend schmiegte ich mich an meine gut duftende Wärmequelle und glitt hinüber ins Land der Träume.
Als ich aufwachte, hatte ich Mühe mich zu orientieren. Es war dunkel und ich brauchte einen Moment, bis die Erinnerung zurückkam. Ein warmer Körper war eng an meinen Rücken geschmiegt und ein Arm schlang sich um meinen Bauch. Edward musste mich wohl ins Bett getragen haben. Glücklich legte ich meine Hand auf seine und drängte mich näher an ihn heran.
„Aufgewacht Prinzessin?“, hörte ich seine sanfte Stimme.
Ich drehte mich in seinen Armen und spürte den heißen Atem, der mir ins Gesicht blies. Meine Augen gewöhnten sich so langsam an die Dunkelheit und ich konnte die Konturen seines Körpers und seines Gesichts ausmachen. Es war nicht nötig alles zu erkennen, da ich viel mehr spürte wie nahe er war. Keine Kleidung trennte unsere Haut. Nackt presste sich sein Körper an meinen.
„Du hast mich ausgezogen.“
Sein Mund lag an meinem Hals und ich spürte, wie sich seine vollen Lippen zu einem Lächeln verzogen.
„Hmm“, machte er nur.
„Das war wirklich sehr umsichtig von dir.“
Das Lächeln wurde breiter.
„Hmm“, wiederholte er.
„Kannst du noch was anderes sagen?“
„Hmm.“
Er musste jetzt sein Lachen unterdrücken und ich rollte mich auf ihn.
„Was muss ich tun, damit du mit mir redest?“
„Hm“, überlegte er.
„Edward!“
Jetzt lachte er offen.
„Ich rede ja schon“, gluckste er erheitert, „Du bist ja ziemlich gesprächig für die Uhrzeit. Normale Menschen schlafen jetzt.“
„Erstens habe ich keine Ahnung wie spät es ist und zweitens, seit wann sind wir zwei normal.“
„Da könntest du recht haben“, raunte er heiser und ließ die Hände streichelnd über meinen Rücken gleiten.
Zufrieden legte ich den Kopf auf seine Brust und genoss seine Liebkosungen. Ich wollte jetzt keinen Sex und auch Edward zeigte keinerlei Anzeichen von körperlicher Erregung. Es reichte uns beieinander zu liegen und die Nähe des anderen zu fühlen. Edward seufzte schwer.
„Was hast du denn?“, fragte ich neugierig.
„Mir ist gerade etwas klar geworden.“
„Und was?“
„Ich bin jetzt ein braver Ehemann und sogar Vater. Wenn mir das vor einem Jahr jemand erzählt hätte, dann wäre ich wohl ausgeflippt und hätte ihn in die geschlossene Abteilung eines Irrenhauses einweisen lassen.“
„Ist dir der Gedanke denn so zuwider?“.
Meine Stimme klang ein bisschen traurig. Er liebte mich, doch Ehe und Vaterschaft standen bei Edward vor unserem Kennenlernen nicht gerade an erster Stelle seiner Lebensplanung.
„Liebes, das ist nicht der Punkt. Wenn ich das nicht wollen würde, hätte ich dich nicht geheiratet. Ich liebe dich und ich habe Danny gern. Es geht nicht darum, dass ich dieses Leben nicht will, sondern ob ich deinen Erwartungen gerecht werden kann. Ich habe dir schon mal gesagt, dass ich nicht einfach bin. Das Letzte was ich will, ist dich zu enttäuschen.“
„Das wirst du nicht, Liebling. Natürlich habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob unsere überstürzte Hochzeit nicht verfrüht ist, vor allem, weil ich lange nicht wusste, was du für mich empfindest. Doch das hat sich jetzt geändert. Ich habe immer noch manchmal Zweifel, doch gemeinsam können wir es schaffen.“
„Was denn für Zweifel?“, hakte er nach, „Ist es immer noch wegen Tanya?“
Ich kämpfte mit mir. Sollte ich ihm die Wahrheit sagen? Wollte ich wirklich, dass er erfuhr, dass meine Neugier auf Tanya jeden Tag mehr wuchs. Von ihm erwartete ich, dass er sie vergaß, während ich es nicht lassen konnte, über sie nachzudenken.
„Manchmal wünschte ich mir sie kennengelernt zu haben“, gab ich schließlich zu, „Ich weiß, es klingt verrückt, aber ich würde wirklich gerne wissen, was genau es war, dass alle so verrückt nach ihr waren.“
Edward streckte die Hand aus und knipste die Nachttischlampe an. Ernst sah er mich an und legte die Hände um mein Gesicht.
„Warum quälst du dich selbst? Bella, ich liebe jetzt dich und nur dich. Tanya…. Tanya ist Vergangenheit. Mein Leben werde ich mit dir leben. Sie ist nur noch eine schöne Erinnerung für mich. Können wir dieses leidige Thema nicht endlich abschließen. Ich bin es leid, ständig über sie zu sprechen. Du bringst mich noch dazu, mir zu wünschen sie nie kennengelernt zu haben und das ist ihr gegenüber nicht fair. Ich sage es jetzt ein allerletztes Mal, Bella. Du bist die Frau die ich will, außer dir brauche ich keine andere und schon gar nicht eine Tote. Verstanden?“
„Verstanden“, hauchte ich überwältigt.
So deutlich hatte er noch nie gesprochen. Vielleicht waren seine klaren Worte genau das, was mir noch gefehlt hatte. Er hatte ja so recht. Es war nicht gut, ständig die Vergangenheit aufleben zu lassen.
„Kann ich dich jetzt endlich küssen, oder gibt es noch etwas, was du auf dem Herzen hast.“
„Nein, nein…nein….jetzt bin ich wunschlos glücklich.“
Sein lächelnder Mund legte sich sachte auf meinen.
„Das wurde aber auch langsam Zeit“, wisperte er an meinen Lippen und das waren für lange Zeit die letzten Worte, die er sagte.
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