Outtake Esme & Carlisle
Teil 1
„Esme…….“, brüllte meine Mutter durch das komplette Haus und ich fing an mir die Schläfen zu massieren. „Esmeeeeeeeeeeeee……!“, schallte es erneut über die Flure und nach wenigen Sekunden, wurde meine Zimmertüre aufgerissen.
„Sag mal, hörst du schlecht, Kind. Ich rufe schon geschlagene fünf Minuten nach dir. Madame ist hier und will dir die Haare machen. Du willst doch gut aussehen, wenn du Carlisle das erste Mal triffst.“
Für einen Moment hatte ich fast den Grund für meine Kopfschmerzen vergessen. Carlisle Cullen, der begehrteste Junggeselle in Seattle, war nach Beendigung seines Wirtschaftsstudiums in New York, wieder in der Stadt und arbeitete von jetzt an im Unternehmen seines Vaters. Magnus Cullen war schon seit jeher der härteste Widersacher meines Vaters, zumindest, wenn es um Geschäftliches ging. Doch seit neuestem pflegten die beiden eine sehr enge Freundschaft zueinander. Nur Gott allein wusste, wie die entstanden war, denn die beiden hatten all die Jahre zuvor eher Rivalität verbunden. Jedenfalls gipfelte dieses neue Zusammengehörigkeitsgefühl in dem hirnrissigen Plan, die beiden Unternehmen zu einem verschmelzen zu lassen. Es bedeutete eine unvorstellbare Mehrung ihrer Macht und wenn sie einzeln schon kaum aufzuhalten waren, so würden sie zusammen, allen anderen Gesellschaften das Fürchten lehren. Um das zu erreichen, war ihnen jedes Mittel recht und mein Vater scheute vor lauter Begeisterung darüber, nicht mal davor zurück, mich wie anzupreisen, wie die Hauptattraktion auf einem Jahrmarkt.
Seufzend erhob ich mich mit einem gezwungenen Lächeln vom Bett und sah in die besorgten Augen meiner Mutter. Sie las in mir wie in einem Buch und mein Lächeln erreichte meine Augen nicht. Sofort wurde ihr Ton weicher und sie war wieder meine Mommy, in deren Arme ich mich flüchten konnte, wenn es mir nicht gutging.
„Liebes“, sagte sie warmherzig und strich mir meine gewellten, hellbraunen Haare aus dem Gesicht. „Wir werden dich zu nichts zwingen, mein Herz. Du musst uns glauben, dass wir nur das Beste für dich wollen. Immerhin bist du unser Kind.“ Sie sah mich traurig an. „Du hast doch am eigenen Leib erfahren, was für Glücksritter unterwegs sind. Bei Carlisle kannst du dir zumindest sicher sein, dass er nicht nur hinter deinem Geld her ist.“
Damit legte sie den Finger auf eine offene Wunde. Ich hatte den Verrat von Royce immer noch nicht verwunden und schluckte die Verbitterung hinunter, die in mir aufsteigen wollte. Liebe sollte nicht so weh tun.
„Denkst du wirklich, dass man mich nur wegen meinem Geld lieben kann?“, fragte ich zögernd.
„Oh Liebling, nicht doch“, wehrte meine Mutter sofort ab. Ihre hellbraunen Augen, die den meinen so ähnlich waren, blicken mich schuldbewusst an. „So war das nicht gemeint. Natürlich bist du liebenswert, rede dir ja nichts anderes ein. Eine ganz bezaubernde und wunderschöne junge Frau. Es ist nur so, dass manche Menschen sehr skrupellos sein können, und jemanden wie dich schnell ausnutzen können. Manche sind so gut darin, andere zu täuschen. Immerhin hat Royce es eine ganze Weile geschafft, auch deinen Dad von seiner Ehrlichkeit zu überzeugen.“
Ja, dachte ich bitter, bis eine eifersüchtige Geliebte von ihm, einen Tonbandmitschnitt an Vater geschickt hatte, auf dem Royce sich über dessen Dummheit und auch über meine ausließ. Er war nur wild auf mein Vermögen und wie es sich im Nachhinein herausgestellt hatte, war es ihm gelungen, in seinen jungen Jahren schon, einen unglaublichen Schuldenberg anzuhäufen. Die Gläubiger saßen ihm im Nacken und pochten auf die Einlösung der Verbindlichkeiten. Royce brauchte also schnellstens einen Goldesel und hatte sich raffiniert an mich herangemacht. Das tat er, indem er sich dumm stellte. Royce tat so, als wüsste er nichts von meinem finanziellen und gesellschaftlichen Hintergrund und behandelte mich ganz normal.
Ich war beeindruckt und verfiel ihm schon nach wenigen Tagen komplett. Sein schwarzes Haar, die blitzenden blauen Augen und sein einnehmendes Lächeln bezauberten mich dermaßen, dass ich schon innerhalb weniger Wochen eingewilligt hatte seine Frau zu werden. Meine Eltern stellten noch die einzige Hürde dar, aber Royce wickelte auch sie um den Finger. Er konnte unglaublich charmant sein, wenn er es darauf anlegte. Die Tonbandaufnahme war ein Schlag ins Gesicht und seit dem Zeitpunkt, trieb mein Vater die Pläne für eine Eheschließung mit Carlisle Cullen immer akribischer voran. Dass meine Mutter mich an dieses Desaster mit Royce erinnert hatte, war ein kluger Schachzug von ihr, weil ich jetzt tatsächlich anfing darüber nachzudenken, ob eine Vernunftehe in meinem Fall nicht doch die beste Lösung war. Carlisle war um einiges reicher als ich, und nur bei ihm konnte ich mir zu hundert Prozent sicher sein, dass es ihm nicht um mein beträchtliches Vermögen ging. Nur eines machte mir zu schaffen.
„Wie kann ich mich für immer an einen Mann binden, den ich gar nicht liebe?“, fragte ich voller Sorge. Ich wollte keine kalte Ehe führen.
„ Liebes, früher wurde oft arrangierte Ehen geschlossen. Meistens waren sie glücklicher, als diese sogenannten Liebesehen, weil sie auf gegenseitigem Respekt und Freundschaft aufgebaut wurden. Ich habe deinen Dad zuerst auch nicht leiden können, aber mit der Zeit habe ich ihn wirklich schätzen gelernt und mich schlussendlich doch in ihn verliebt. Ich habe es nie bereut.“
„Die Zeiten sind heute anders, Mom. Was früher richtig war, ist es heute noch lange nicht.“
„Heute ist alles so neumodisch. Die jungen Leute kommen zusammen und gehen wieder auseinander. Da ist nichts Beständiges mehr. Tu mir den Gefallen, Esme. Lern ihn doch erst mal kennen. Wenn er dir wirklich so zuwider ist, dann finden wir einen Weg, um die Hochzeit zu verhindern. Aber das Herz deines Vaters hängt unglaublich daran, ich habe ihn seit Jahren nicht mehr so ausgelassen erlebt. Er blüht nach seinem Infarkt wieder richtig auf. Ich glaube, es liegt daran, dass er in Carlisle jemanden sieht, der sein Lebenswerk weiterführen wird. Überleg dir gut, was du tust.“ Sie sah mir sehr ernst in die Augen, ehe sie hinzufügte. „Ich lasse dich noch für einen Moment allein, Kind. Aber komm bald runter, du weißt Madame wartet nicht gerne. Außerdem ist ihr Stundenpreis astronomisch hoch.“
Ich musste lächeln. Madame – einen richtigen Namen schien sie gar nicht zu haben – war eine Meisterin ihres Fachs. Die beste Coiffeurin der Stadt.
„Ich komme gleich hinunter“, versicherte ich ihr.
Meine Mutter verließ mein Zimmer wieder. Es war so still hier, kein Geräusch lenkte mich von meinen Gedanken ab. Ein bisschen wehmütig ließ ich meine Augen durch das Zimmer schweifen und prägte mir jede Einzelheit ein. Hier hatte sich seit Jahren nichts verändert, einfach, weil ich mich geweigert hatte es zu tun. Immer noch klebte die mit zarten, rosanen Blüten bedeckte Tapete an der Wand. Die Möbel waren alle weiß, vom Bett angefangen, bis zum viertürigen Kleiderschrank, in dem die ganzen Kreationen der berühmten Modeschöpfer hingen. Ich liebte hübsche Kleider und machte mich gerne zurecht. Von daher quoll er beinahe über, was meinen Vater scherzhaft dazu brachte, über einen Anbau unseres Stadthauses nachzudenken. Auf meinem Schreibtisch lagen mein Briefpapier, ein Etui mit meinem Füllfederhalter und ein kleines, altmodisches Tintenfässchen. Auch eine schmale Vase mit einer einzelnen Rose stand darauf. Der flauschige Teppich in dem meine nackten Zehen so schön versinken konnten, war naturweiß und passte wunderbar zu der Einrichtung. Das einzige Fenster im Raum hatte ein sehr breites Fensterbrett mit einer bequemen Polsterung darauf. Oft saß ich dort mit einem Buch, einer Tasse Kakao und beobachtete die Menschen, die auf dem Gehweg darunter vorbeiliefen. Meistens blieb das jeweilige Buch ungelesen, weil das Treiben auf der Straße weit interessanter war. In diesem Zimmer hatte ich so unglaublich viel Zeit verbracht und der Gedanke diesen Ort für immer verlassen zu müssen, war fast unerträglich für mich. Hier war ich glücklich, hier fühlte ich mich beschützt und geborgen, hier war ich daheim. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen ein neues Haus zu beziehen, zusammen, mit einem mir fremden Mann. Und schon gar nicht, mit ihm in einem Raum und Bett zu schlafen!
Vorsichtig stand ich auf und strich noch mal glättend über die cremefarbene Tagesdecke. Die Worte meiner Mutter hallten noch in meinen Ohren nach. Glücksritter…..es gibt so viele davon.... die sehen nur das Geld…..Freundschaft…..Respekt….eines Tages ist es Liebe……das Lebenswerk deines Vaters….denk gut nach……
Zitternd atmete ich ein, in mir herrschte ein Wirrwarr aus den unterschiedlichsten Gefühlen. Wollte ich das? Eine Ehe, die auf diesen Dingen basierte? Es kam mir so kalt und kalkuliert vor, aber auf der anderen Seite, wüsste ich dann genau, woran ich war. Keine bösen Überraschungen mehr. Ich wüsste von Anfang an, was ich bekommen würde, je nachdem, wie Carlisle zu dieser Sache stand. Da ich ihn noch nie kennengelernt hatte, war mir seine Meinung dazu gänzlich unbekannt. Und dann mein Vater. Er liebte mich, aber er konnte die Enttäuschung über den fehlenden männlichen Erben nie ganz verbergen. Ich war nun mal nur ein Mädchen und in diesen Zeiten war es undenkbar, dass eine junge Frau die Leitung eines so riesigen Unternehmens übernahm. Um ehrlich zu sein, wollte ich das auch gar nicht und mein irrationales, schlechtes Gewissen deswegen, weil mein Vater nicht wusste, was nach seinem Tod mit dem Unternehmen passieren würde, wurde dadurch nur noch mehr genährt.
Meine Liebe gehörte den schönen Dingen und ich interessierte mich seit geraumer Zeit für Inneneinrichtung. Aus einem leeren, kalten Haus ein schönes Zuhause zu machen, erschien mir weitaus sinnvoller, als endlose Zahlenkolonnen zu studieren. Dafür war ich einfach nicht gemacht, selbst wenn ich dafür in Frage gekommen wäre. So wie es im Moment aussah, würde ein fremdes Management die Führung übernehmen müssen, wenn auch in meinem Namen und dem meiner Mutter. Das behagte Dad gar nicht, das wusste ich. Ihm wäre eine familieninterne Leitung am liebsten gewesen. Meine Heirat würde meinem Vater eine Riesenlast vom Herzen nehmen, welches nach seinem Infarkt, alles andere als stabil in seiner Brust schlug. Einer plötzlichen Eingebung folgend, beschloss ich es zu versuchen. Um meines Vaters Willen. Was hatte ich schon zu verlieren? Wie ich meiner Mutter schon gesagt hatte: Die Zeiten waren heute andere. Sollte sich das alles als Fehler herausstellen, war er zu korrigieren. Eine Scheidung war zwar heute noch in unseren Kreisen nicht gern gesehen, aber sie war nicht unmöglich. Nicht mal mein Vater, würde mich dazu zwingen, in einer lieblosen Ehe auszuharren. Ich würde es also versuchen und Carlisle Cullens Frau werden, sofern er das überhaupt wollte.
„Esme…….“, brüllte meine Mutter durch das komplette Haus und ich fing an mir die Schläfen zu massieren. „Esmeeeeeeeeeeeee……!“, schallte es erneut über die Flure und nach wenigen Sekunden, wurde meine Zimmertüre aufgerissen.
„Sag mal, hörst du schlecht, Kind. Ich rufe schon geschlagene fünf Minuten nach dir. Madame ist hier und will dir die Haare machen. Du willst doch gut aussehen, wenn du Carlisle das erste Mal triffst.“
Für einen Moment hatte ich fast den Grund für meine Kopfschmerzen vergessen. Carlisle Cullen, der begehrteste Junggeselle in Seattle, war nach Beendigung seines Wirtschaftsstudiums in New York, wieder in der Stadt und arbeitete von jetzt an im Unternehmen seines Vaters. Magnus Cullen war schon seit jeher der härteste Widersacher meines Vaters, zumindest, wenn es um Geschäftliches ging. Doch seit neuestem pflegten die beiden eine sehr enge Freundschaft zueinander. Nur Gott allein wusste, wie die entstanden war, denn die beiden hatten all die Jahre zuvor eher Rivalität verbunden. Jedenfalls gipfelte dieses neue Zusammengehörigkeitsgefühl in dem hirnrissigen Plan, die beiden Unternehmen zu einem verschmelzen zu lassen. Es bedeutete eine unvorstellbare Mehrung ihrer Macht und wenn sie einzeln schon kaum aufzuhalten waren, so würden sie zusammen, allen anderen Gesellschaften das Fürchten lehren. Um das zu erreichen, war ihnen jedes Mittel recht und mein Vater scheute vor lauter Begeisterung darüber, nicht mal davor zurück, mich wie anzupreisen, wie die Hauptattraktion auf einem Jahrmarkt.
Seufzend erhob ich mich mit einem gezwungenen Lächeln vom Bett und sah in die besorgten Augen meiner Mutter. Sie las in mir wie in einem Buch und mein Lächeln erreichte meine Augen nicht. Sofort wurde ihr Ton weicher und sie war wieder meine Mommy, in deren Arme ich mich flüchten konnte, wenn es mir nicht gutging.
„Liebes“, sagte sie warmherzig und strich mir meine gewellten, hellbraunen Haare aus dem Gesicht. „Wir werden dich zu nichts zwingen, mein Herz. Du musst uns glauben, dass wir nur das Beste für dich wollen. Immerhin bist du unser Kind.“ Sie sah mich traurig an. „Du hast doch am eigenen Leib erfahren, was für Glücksritter unterwegs sind. Bei Carlisle kannst du dir zumindest sicher sein, dass er nicht nur hinter deinem Geld her ist.“
Damit legte sie den Finger auf eine offene Wunde. Ich hatte den Verrat von Royce immer noch nicht verwunden und schluckte die Verbitterung hinunter, die in mir aufsteigen wollte. Liebe sollte nicht so weh tun.
„Denkst du wirklich, dass man mich nur wegen meinem Geld lieben kann?“, fragte ich zögernd.
„Oh Liebling, nicht doch“, wehrte meine Mutter sofort ab. Ihre hellbraunen Augen, die den meinen so ähnlich waren, blicken mich schuldbewusst an. „So war das nicht gemeint. Natürlich bist du liebenswert, rede dir ja nichts anderes ein. Eine ganz bezaubernde und wunderschöne junge Frau. Es ist nur so, dass manche Menschen sehr skrupellos sein können, und jemanden wie dich schnell ausnutzen können. Manche sind so gut darin, andere zu täuschen. Immerhin hat Royce es eine ganze Weile geschafft, auch deinen Dad von seiner Ehrlichkeit zu überzeugen.“
Ja, dachte ich bitter, bis eine eifersüchtige Geliebte von ihm, einen Tonbandmitschnitt an Vater geschickt hatte, auf dem Royce sich über dessen Dummheit und auch über meine ausließ. Er war nur wild auf mein Vermögen und wie es sich im Nachhinein herausgestellt hatte, war es ihm gelungen, in seinen jungen Jahren schon, einen unglaublichen Schuldenberg anzuhäufen. Die Gläubiger saßen ihm im Nacken und pochten auf die Einlösung der Verbindlichkeiten. Royce brauchte also schnellstens einen Goldesel und hatte sich raffiniert an mich herangemacht. Das tat er, indem er sich dumm stellte. Royce tat so, als wüsste er nichts von meinem finanziellen und gesellschaftlichen Hintergrund und behandelte mich ganz normal.
Ich war beeindruckt und verfiel ihm schon nach wenigen Tagen komplett. Sein schwarzes Haar, die blitzenden blauen Augen und sein einnehmendes Lächeln bezauberten mich dermaßen, dass ich schon innerhalb weniger Wochen eingewilligt hatte seine Frau zu werden. Meine Eltern stellten noch die einzige Hürde dar, aber Royce wickelte auch sie um den Finger. Er konnte unglaublich charmant sein, wenn er es darauf anlegte. Die Tonbandaufnahme war ein Schlag ins Gesicht und seit dem Zeitpunkt, trieb mein Vater die Pläne für eine Eheschließung mit Carlisle Cullen immer akribischer voran. Dass meine Mutter mich an dieses Desaster mit Royce erinnert hatte, war ein kluger Schachzug von ihr, weil ich jetzt tatsächlich anfing darüber nachzudenken, ob eine Vernunftehe in meinem Fall nicht doch die beste Lösung war. Carlisle war um einiges reicher als ich, und nur bei ihm konnte ich mir zu hundert Prozent sicher sein, dass es ihm nicht um mein beträchtliches Vermögen ging. Nur eines machte mir zu schaffen.
„Wie kann ich mich für immer an einen Mann binden, den ich gar nicht liebe?“, fragte ich voller Sorge. Ich wollte keine kalte Ehe führen.
„ Liebes, früher wurde oft arrangierte Ehen geschlossen. Meistens waren sie glücklicher, als diese sogenannten Liebesehen, weil sie auf gegenseitigem Respekt und Freundschaft aufgebaut wurden. Ich habe deinen Dad zuerst auch nicht leiden können, aber mit der Zeit habe ich ihn wirklich schätzen gelernt und mich schlussendlich doch in ihn verliebt. Ich habe es nie bereut.“
„Die Zeiten sind heute anders, Mom. Was früher richtig war, ist es heute noch lange nicht.“
„Heute ist alles so neumodisch. Die jungen Leute kommen zusammen und gehen wieder auseinander. Da ist nichts Beständiges mehr. Tu mir den Gefallen, Esme. Lern ihn doch erst mal kennen. Wenn er dir wirklich so zuwider ist, dann finden wir einen Weg, um die Hochzeit zu verhindern. Aber das Herz deines Vaters hängt unglaublich daran, ich habe ihn seit Jahren nicht mehr so ausgelassen erlebt. Er blüht nach seinem Infarkt wieder richtig auf. Ich glaube, es liegt daran, dass er in Carlisle jemanden sieht, der sein Lebenswerk weiterführen wird. Überleg dir gut, was du tust.“ Sie sah mir sehr ernst in die Augen, ehe sie hinzufügte. „Ich lasse dich noch für einen Moment allein, Kind. Aber komm bald runter, du weißt Madame wartet nicht gerne. Außerdem ist ihr Stundenpreis astronomisch hoch.“
Ich musste lächeln. Madame – einen richtigen Namen schien sie gar nicht zu haben – war eine Meisterin ihres Fachs. Die beste Coiffeurin der Stadt.
„Ich komme gleich hinunter“, versicherte ich ihr.
Meine Mutter verließ mein Zimmer wieder. Es war so still hier, kein Geräusch lenkte mich von meinen Gedanken ab. Ein bisschen wehmütig ließ ich meine Augen durch das Zimmer schweifen und prägte mir jede Einzelheit ein. Hier hatte sich seit Jahren nichts verändert, einfach, weil ich mich geweigert hatte es zu tun. Immer noch klebte die mit zarten, rosanen Blüten bedeckte Tapete an der Wand. Die Möbel waren alle weiß, vom Bett angefangen, bis zum viertürigen Kleiderschrank, in dem die ganzen Kreationen der berühmten Modeschöpfer hingen. Ich liebte hübsche Kleider und machte mich gerne zurecht. Von daher quoll er beinahe über, was meinen Vater scherzhaft dazu brachte, über einen Anbau unseres Stadthauses nachzudenken. Auf meinem Schreibtisch lagen mein Briefpapier, ein Etui mit meinem Füllfederhalter und ein kleines, altmodisches Tintenfässchen. Auch eine schmale Vase mit einer einzelnen Rose stand darauf. Der flauschige Teppich in dem meine nackten Zehen so schön versinken konnten, war naturweiß und passte wunderbar zu der Einrichtung. Das einzige Fenster im Raum hatte ein sehr breites Fensterbrett mit einer bequemen Polsterung darauf. Oft saß ich dort mit einem Buch, einer Tasse Kakao und beobachtete die Menschen, die auf dem Gehweg darunter vorbeiliefen. Meistens blieb das jeweilige Buch ungelesen, weil das Treiben auf der Straße weit interessanter war. In diesem Zimmer hatte ich so unglaublich viel Zeit verbracht und der Gedanke diesen Ort für immer verlassen zu müssen, war fast unerträglich für mich. Hier war ich glücklich, hier fühlte ich mich beschützt und geborgen, hier war ich daheim. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen ein neues Haus zu beziehen, zusammen, mit einem mir fremden Mann. Und schon gar nicht, mit ihm in einem Raum und Bett zu schlafen!
Vorsichtig stand ich auf und strich noch mal glättend über die cremefarbene Tagesdecke. Die Worte meiner Mutter hallten noch in meinen Ohren nach. Glücksritter…..es gibt so viele davon.... die sehen nur das Geld…..Freundschaft…..Respekt….eines Tages ist es Liebe……das Lebenswerk deines Vaters….denk gut nach……
Zitternd atmete ich ein, in mir herrschte ein Wirrwarr aus den unterschiedlichsten Gefühlen. Wollte ich das? Eine Ehe, die auf diesen Dingen basierte? Es kam mir so kalt und kalkuliert vor, aber auf der anderen Seite, wüsste ich dann genau, woran ich war. Keine bösen Überraschungen mehr. Ich wüsste von Anfang an, was ich bekommen würde, je nachdem, wie Carlisle zu dieser Sache stand. Da ich ihn noch nie kennengelernt hatte, war mir seine Meinung dazu gänzlich unbekannt. Und dann mein Vater. Er liebte mich, aber er konnte die Enttäuschung über den fehlenden männlichen Erben nie ganz verbergen. Ich war nun mal nur ein Mädchen und in diesen Zeiten war es undenkbar, dass eine junge Frau die Leitung eines so riesigen Unternehmens übernahm. Um ehrlich zu sein, wollte ich das auch gar nicht und mein irrationales, schlechtes Gewissen deswegen, weil mein Vater nicht wusste, was nach seinem Tod mit dem Unternehmen passieren würde, wurde dadurch nur noch mehr genährt.
Meine Liebe gehörte den schönen Dingen und ich interessierte mich seit geraumer Zeit für Inneneinrichtung. Aus einem leeren, kalten Haus ein schönes Zuhause zu machen, erschien mir weitaus sinnvoller, als endlose Zahlenkolonnen zu studieren. Dafür war ich einfach nicht gemacht, selbst wenn ich dafür in Frage gekommen wäre. So wie es im Moment aussah, würde ein fremdes Management die Führung übernehmen müssen, wenn auch in meinem Namen und dem meiner Mutter. Das behagte Dad gar nicht, das wusste ich. Ihm wäre eine familieninterne Leitung am liebsten gewesen. Meine Heirat würde meinem Vater eine Riesenlast vom Herzen nehmen, welches nach seinem Infarkt, alles andere als stabil in seiner Brust schlug. Einer plötzlichen Eingebung folgend, beschloss ich es zu versuchen. Um meines Vaters Willen. Was hatte ich schon zu verlieren? Wie ich meiner Mutter schon gesagt hatte: Die Zeiten waren heute andere. Sollte sich das alles als Fehler herausstellen, war er zu korrigieren. Eine Scheidung war zwar heute noch in unseren Kreisen nicht gern gesehen, aber sie war nicht unmöglich. Nicht mal mein Vater, würde mich dazu zwingen, in einer lieblosen Ehe auszuharren. Ich würde es also versuchen und Carlisle Cullens Frau werden, sofern er das überhaupt wollte.
*~*
Etliche Stunden später betrat ich in Begleitung meiner Eltern – die Haare hatte mir Madame zu einer kunstvollen Hochsteckfrisur geschlungen - die Eingangshalle des riesigen Cullen-Anwesens. Im Gegensatz zu meinen Eltern, bevorzugten sie es außerhalb von Seattle zu wohnen. Gerade Magnus Frau Elisabeth hasste den Lärm und die Abgase in der Stadt und als leidenschaftliche Gärtnerin, bevorzugte sie das Landleben. Magnus, der sehr in seine Frau verliebt war, baute ihr das Anwesen, und sie hatte auf dem großflächigen Gelände einen geradezu paradiesischen Garten angelegt. Jetzt standen wir in der Halle und ein verhältnismäßig junger Butler empfing uns formvollendet.
„Herzlich willkommen“, sagte er und nahm und unsere Mäntel ab, um sie an ein Hausmädchen weiterzureichen. „Mein Name ist Dobson und ich bin der Butler im Hause. Wenn sie mir bitte folgen würden, Mr. und Mrs. Cullen erwarten sie schon.“
Ich musste bei dem hochnäsigen Klang seiner Stimme lächeln. Butler waren meistens noch schlimmere Snobs, als ihre Herrschaften und der hier machte da keine Ausnahme. Er trug die spitze Nase so hoch, dass sie fast schon an die Decke zeigte. Meine Eltern warfen sich einen amüsierten Blick zu und folgten ihm dann ohne zu zögern. Ich blieb ein wenig zurück und atmete mehrfach ein und aus. Gott, den ganzen Weg hierher, war ich eigentlich ruhig gewesen, aber jetzt ging mir der Hintern wirklich auf Grundeis. In wenigen Augenblicken würde ich meinen zukünftigen Ehemann kennenlernen. Naja, meinen möglichen, zukünftigen Ehemann. Meine Hände zitterten, als ich über mein hauchzartes, lindgrünes Kleid strich. Es war aus einem ganz leichten Stoff und lag wie ein sanfter Hauch auf meinem sehr schlanken Körper. Leider war ich nicht mit allzu weiblichen Rundungen gesegnet und von sehr zierlichem Körperbau. Meine 1,60 stockte ich mit ebenfalls zartgrünen Stöckelschuhen auf. So fühlte ich mich nicht ganz so winzig. Es hieß, Magnus Cullen wäre ein sehr großgewachsener Mann, da würde sein Sohn ihm in nichts nachstehen. Ich wollte wirklich nicht wie ein Zwerg neben ihm wirken.
„Miss..?“
Das Hausmädchen war es, die mich fragend ansprach. Ich blinzelte ein paar Mal und holte noch mal feste Luft. Meine Güte, ich wollte gar nicht so aufgeregt sein. Jetzt fehlte eigentlich nur noch ein panischer Schweißausbruch zu meinem Glück.
„Ich..ich komme!“, sagte ich hastig und rannte meinen Eltern fast schon hinterher. Ich knallte Vater beinahe in den Rücken, als der abrupt stehenblieb. Ich bremste aber noch rechtzeitig ab und kam schwankend zum Stehen. Puh, Glück gehabt. Es wäre mir dann doch zu peinlich gewesen, beim ersten Treffen auf dem Hosenboden zu landen. Dad drehte sich um und schüttelte den Kopf.
„Reiß dich zusammen, Esme. Du bist doch sonst nicht so nervös.“
Seine Augenbrauen waren zusammengezogen und ich konnte hinter der offenen Tür leise Stimmen reden hören. Oh Gott…oh Gott…..oh Gott….
Ich war kurz davor hysterisch zu werden, doch meine Mutter half mir da raus. Sie hakte sich bei mir unter und lächelte mich aufmunternd an.
„Kein Grund nervös zu werden, Kleines. Sie sind auch nur Menschen.“
Pah, sie sollte ja auch keinen von denen Heiraten!
Unbewusst biss ich auf meiner Lippe herum und wurde von meiner Mutter einfach mitgezogen, bis wir mitten in einem riesigen Esszimmer standen. Darin stand ein dunkler, langgezogener Esstisch, der schon mit erlesenem Geschirr und kristallklaren Gläsern gedeckt war, alles auf einer blütenweißen Tischdecke platziert. Ein dicker Perserteppich lag darunter und ein beeindruckender Kronleuchter hing mittig darüber und verlieh dem Ganzen einen fast schon königlichen Touch. Wahrscheinlich sah es bei der Queen im Buckingham-Palace nicht viel anders aus. An den Wänden hingen sehr alte, sehr teuer aussehende Bilder mit üppiger Goldrahmung. An jeder Ecke des Raumes standen bodenhohe Vasen, aus denen wunderschöne Blumen herausragten. Ob die immer hier zu Abend aßen? Irgendwie konnte ich mir das nicht vorstellen, da es sehr formell aussah.
Dann begutachtete ich endlich die Menschen, die sich hier mit uns im Raum befanden und war mehr als überrascht. Es waren nur zwei. Magnus Cullen und seine Frau, aber vom Sohnemann keine Spur. Merkwürdig. Wir waren selber etwas spät dran gewesen, weil der Verkehr uns aufgehalten hatte. Vielleicht war er ja im oberen Stockwerk und würde noch zu uns stoßen.
Bevor ich noch weiter darüber nachdenken konnte, wo denn junge Cullen-Spross abgeblieben war, kam dessen Vater mit ausgebreiteten Armen auf uns zu. Fast wäre ich wieder rückwärts zur Türe raus gerannt, weil er wie ein Löwe aussah. Seine Haare glichen einer Mähne, so voll und ungezähmt sahen sie aus. Blaue Augen funkelten fröhlich in einem wettergegerbten, fast schon ledrigen Gesicht. Magnus Cullen hielt sich laut Presse, fast ständig im Freien auf, wenn sein enger Zeitplan es erlaubte, außerdem waren seine Züge geprägt von den harten Jahren als Hafenarbeiter. Er war nicht mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren worden, sondern musste sich seine Millionen hart erarbeiten. Heute war er Besitzer einer der größten Reedereien im Land und war auch seit zehn Jahren im sehr lukrativen Stahlgeschäft zugange. Er war wirklich reich wie Krösus, hatte aber immer noch einen sehr rauen Charme. Zugang zur feinen Gesellschaft hatte er durch Elisabeth erhalten, die fasziniert von Magnus frechem und unverschämtem Benehmen, schnell seine Frau wurde. Gekrönt wurde die Liebe dieses ungleichen Paares durch die Geburt des Sohnes. Carlisle Cullen hatte die besten Voraussetzungen für eine glorreiche Zukunft und war Magnus ganzer Stolz.
„Ich bin so froh, euch als Gäste in meinem Haus begrüßen zu dürfen“, rief er lautstark und ich hätte mir am liebsten die Ohren zugehalten. Sein Geschrei musste wohl noch von seinen Zeiten als Arbeiter herrühren, als er die Geräusche des Hafens übertönen musste. Er kam mir ein bisschen vor, wie ein Elefant im Porzellanladen, aber ich musste zugeben, ich mochte ihn von Anfang an. Seine etwas poltrige Art hatte etwas Ehrliches, wie man es in der High Society selten finden konnte. Fast schon bedauerte ich, dass mein Vater bisher alle Gesellschaften gemieden hatte, an denen die Cullens teilgenommen hatten. Magnus Cullen inmitten dem hochnäsigen und naserümpfenden Geldadel zu beobachten, wäre bestimmt lustig gewesen. Er blieb jetzt direkt vor mir stehen und lächelte auf mich hinunter.
„Du musst Esme sein“, stellte er unnötigerweise fest und grinste spitzbübisch. Um seine Augen bildeten sich kleine Fältchen und er wirkte wie ein alter Seebär. Ich nickte mit einem Lächeln. Oh ja, ich mochte ihn schon jetzt!
„Donnerwetter, warum hat mir keiner gesagt, dass du so verflucht hübsch bist“, sagte er kopfschüttelnd. „Mein Carlisle ist ein Glückspilz. Hoffentlich kreuzt der unhöfliche Bengel bald auf. Ich habe ihm gesagt, er solle pünktlich sein.“
„Magnus!“, sagte eine sanfte Stimme tadelnd. Es war seine Frau Elisabeth, die nun ebenfalls zu uns herantrat. Sie war eine noch immer sehr schöne Frau und wirkte genauso warmherzig und freundlich wie ihr Mann. Meine eigene Unsicherheit legte sich mit jeder Minute. Wenn die Eltern so nett waren, dann musste auch Carlisle ein sehr angenehmer Mensch sein. Das erleichterte mich ungemein.
„Ich bin Elisabeth“, stellte sie sich vor. „Du musst meinem Mann schon verzeihen“, fuhr sie mit einem liebevollen Seitenblick fort, „er trägt sein Herz gern auf der Zunge und sagt einfach geradeheraus, was momentan in ihm vorgeht.“
„Aber das ist doch überhaupt nicht schlimm!“, rief ich aus. „Im Gegenteil, ich finde das gut.“
Magnus warf den Kopf zurück und lachte dröhnend.
„Du bist mein Mädchen. Verdammt, du wirst eine verflucht gute Schwiegertochter werden.“
Ich zuckte kurz zusammen bei seiner Wortwahl, es verscheuchte aber nicht das Lächeln aus meinem Gesicht. Entgegen aller Befürchtungen, fühlte ich mich wohl hier und Stück für Stück fiel die Angst von mir ab, wie ein zu groß gewordenes Kleid. Mein Vater räusperte sich ein wenig.
„Magnus, ich will ja nicht unhöflich sein, aber wo ist denn dein Sohn? Sollte er nicht schon längst hier sein.“
Elisabeth und Magnus warfen sich einen stillen Blick zu und wirkten plötzlich merkwürdig angespannt. Sofort fühlte ich ein unangenehmes Prickeln auf der Kopfhaut. Meine Intuition sagte mir bei diesem Anblick, dass hier etwas nicht in Ordnung war. Elisabeth sprach zuerst, ihre grünen Augen blickten entschuldigend in die kleine Runde.
„Es tut uns furchtbar leid. Wir wissen selber nicht, wo er steckt. Heute Morgen hat er noch versichert, er würde rechtzeitig hier sein.“
Meine Eltern wirkten jetzt ein wenig konsterniert, überspielten das aber mit einem Lächeln.
„Nun, dann warten wir einfach noch ein wenig mit dem Essen.“
Magnus nickte und sah dann böse Richtung Tür.
„Das ist sehr freundlich von euch. Ich bin sicher, er kommt jeden Augenblick.“
So unterhielten wir uns noch eine ganze Weile, die Minuten verstrichen und eine Stunde später, war Carlisle Cullen immer noch nicht aufgekreuzt. Ich war sauer. Nicht, weil mir so viel an seiner Gesellschaft gelegen hätte, aber es war schon verdammt unhöflich von ihm, unentschuldigt zu fehlen. War es denn zu viel verlangt, sich pünktlich zum ersten Treffen einzufinden? Hoffentlich hatte er eine gute Entschuldigung für seine Frechheit!
„Wir essen jetzt!“, sagte Magnus schließlich. Seine Stimme klang unheilvoll und ich wollte jetzt nicht in Carlisles Haut stecken. Die Wut, die unter der mühsam beherrschten Fassade von Magnus Cullen brodelte, wollte raus und wenn das geschah, würden hier die Wände wackeln.
Wir setzten uns an den Tisch und es herrschte eine gedrückte Stimmung. Elisabeth versuchte zwar alles, um die Atmosphäre etwas aufzulockern, doch das ging gründlich in die Hose. Alle stocherten mehr oder weniger lustlos in ihrem Essen herum und die Konversation war sehr gezwungen. Der Sohn des Hauses war mittlerweile fast zwei Stunden zu spät und keiner der hier Anwesenden rechnete noch mit seinem Auftauchen, bis plötzlich die Tür aufgerissen wurde, und ein blonder Mann ziemlich lässig hereinspaziert kam.
„Guten Abend, alle miteinander. Verzeiht mir die Verspätung“, sagte er mit ziemlichem Spott in der Stimme, „aber mir ist etwas WIRKLICH Wichtiges dazwischengekommen.“
Mir fiel fast die Kinnlade runter, bei so viel Unverschämtheit. Was zum Teufel, war denn WIRKLICH wichtig gewesen. Wichtiger, als seine zukünftige Ehefrau kennenzulernen!
„Carlisle Cullen“, rief seine Mutter aufgebracht, „wie kannst du nur so taktlos sein. Zwei Stunden“, rief sie, ohne auf uns zu achten. Sie war viel zu wütend, um sich über die Anwesenheit von Gästen noch Gedanken zu machen. „Zwei Stunden zu spät! Das ist unentschuldbar.“
„Bitte, Mutter!“, erwiderte er ziemlich genervt und verdrehte auch noch die Augen. „Ich habe doch schon gesagt, es tut mir leid.“
Das verschlug auch seiner Mutter die Sprache und sie war erst Mal nicht in der Lage etwas zu erwidern. Ihr Mann atmete schwer und schien sich kaum noch zurückhalten zu können. Carlisle trat indessen näher und setzte sich an den Esstisch, hob dann die Abdeckhaube der Platte hoch und schnupperte.
„Hmmm, sehr schön. Ich habe einen Mordshunger.“
Meine Eltern waren beide sprachlos, ich jedoch nicht.
„Wie schön, dass Ihnen Ihre eigene Unverschämtheit nicht den Appetit verdorben hat“, meinte ich spitz und bewunderte klammheimlich sein perfektes Profil. Er hatte sich an den freien Platz zu meiner Linken gesetzt und so hatte ich einen ziemlich guten Blick auf sein Gesicht. Himmel, er war vielleicht ein unverschämter Mistkerl, aber er sah dabei ziemlich gut aus.
Als würde er mich jetzt erst bemerken, wandte er den Kopf und strahlende grüne Augen musterten mich prüfend.
„Die Braut, nehme ich an.“
„Mit der Annahme liegen Sie goldrichtig, aber eine sehr widerstrebende im Moment.“
Ein gefährliches Flackern lag in seinen Augen, als sich seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammenpressten.
„Dann hat sich meine verspätete Ankunft ja schon gelohnt“, sagte er merkwürdig zufrieden.
„Du entschuldigst dich sofort bei ihr“, donnerte Magnus und warf die Serviette auf den Tisch. Er sah aus, als wollte er ihn gleich anspringen. „Wie kannst du es wagen?“
Carlisle war davon nicht im Geringsten beeindruckt, sondern stand wieder auf. Das alles schien ihn merkwürdig kalt zu lassen.
„Einen Teufel werde ich tun. Aber ich würde gerne ein paar Takte allein mit meiner BRAUT“, er spie das Wort aus, als wäre es etwas Ekelhaftes, „sprechen. Kommen Sie mit, oder haben Sie Angst vor mir.“
Er sah aus, als hoffte er auf meine Ablehnung, doch den Gefallen würde ich ihm bestimmt nicht tun. Ich war kein Feigling und würde auch vor ihm nicht davon rennen.
„Vor Ihnen, nie im Leben!“, blaffte ich ihn an und starrte verbissen zu ihm hoch. Er war fast so groß wie sein Vater und ich musste den Kopf fast in den Nacken legen. „Ich bin schon gespannt, was Sie mir wohl zu sagen haben. “
Auffordernd streckte ich ihm meine Hand entgegen, damit er mir aufhalf und er nahm sie zögernd. Warme, kräftige Finger schlossen sich darum und zogen mich mühelos nach oben. Danach ließ er mich los, als hätte er sich verbrannt. Klasse, der Kerl war Gift für jedes weibliche Ego, wenn er sich immer so aufführte. Er blickte in die Runde.
„Ihr entschuldigt uns.“
Keiner konnte verstehen, was er jetzt vorhatte und vor allem seine Eltern wirkten besorgt. Mein Gefühl sagte mir, dass sie seine ablehnende Reaktion auf mich, nicht sonderlich überraschend fanden. Wahrscheinlich wunderten sie sich höchstens, dass er sie so offen zur Schau trug. Dennoch machten sie keine Anstalten ihn aufzuhalten, auch wenn seine Mutter aussah, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen und Magnus wirkte, als wäre er zu einem Mord bereit.
Doch dafür hatte ich keinen Blick. Ich folgte Carlisle aus dem Zimmer und betete, dass wir uns nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen würden.
Teil 2
Als ich ihm aus dem Esszimmer folgte, hatte ich die Möglichkeit ihn eingehend zu betrachten, zumindest von hinten. Er war groß, genau wie ich vor unserem ersten Treffen auch vermutet hatte. Er schlug da ganz nach seinem Vater Magnus, doch damit erschöpften sich die Ähnlichkeiten auch schon. Carlisle Cullens Gesicht war längst nicht so grobschlächtig, wie das seines Vaters. Er besaß eher die aristokratischen Züge seiner schönen Mutter. Auch die grünen Augen hatte er von ihr geerbt. Einzig und allein die vollen blonden Haare mit den verschiedenen Schattierungen, verrieten seine Verwandtschaft mit Magnus. Seine Persönlichkeit – zumindest das, was ich in diesen paar Minuten davon mitbekommen hatte – ließ ebenso wenig eine Verwandtschaft mit den beiden erkennen. Leider besaß er nicht mal den Bruchteil der Herzlichkeit, die seine liebenswürdigen Eltern verströmten. Unfreundlich, anmaßend, eingebildet und arrogant waren spontan die ersten Adjektive, die mir zur Charakterisierung seiner Persönlichkeit einfielen.
Etwas atemlos stöckelte ich auf meinen schwindelerregend hohen Absätzen hinter ihm her. Er sah nicht einmal zurück, um sicherzustellen, dass ich auch hinterherkam. Es war ihm offensichtlich egal. Dämlicher Idiot, dachte ich sauer, und versuchte bei dem forschen Tempo, das er an den Tag legte, nicht über meine eigenen Füße zu stolpern.
„Hey, machen Sie mal langsam!“, rief ich ihm hinter her, als mir dann doch langsam die Puste ausging.
„Ziehen Sie sich das nächste Mal einfach nicht solche Mörderabsätze an und Sie werden keine Probleme haben“, sagte er mit einem knappen Blick über die Schulter. Er drosselte sein Tempo aber, doch nur, weil er an seinem Ziel angekommen war. Eine massive Tür aus dunklem Mahagoni wurde von ihm geöffnet und er war zumindest so zuvorkommend und ließ mir den Vortritt, als ich endlich bei ihm angekommen war.
„Oh, welch ein Wunder!“, spottete ich, als ich mich an ihm vorbeizwängte. „Der Herr besitzt tatsächlich sowas wie Manieren.“
Er besaß tatsächlich die Unverschämtheit zu grinsen.
„Manchmal vergesse ich, unhöflich zu sein“, meinte er leichthin und zog die Tür zu.
Neugierig sah ich mich um. Er hatte mich in die Bibliothek geführt und dieser Raum beeindruckte mich ziemlich. Ein meterlanges Regal, das die komplette Wandlänge beanspruchte, war mit hunderten von Büchern gefüllt und stach mir als Erstes ins Auge. Ich liebte Bücher und war eine fleißige Leserin. Doch selbst ich, würde Jahre brauchen, um diese Mengen an Lesestoff abzuarbeiten. Ein schöner Kamin strahlte heimelige Gemütlichkeit aus und ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie ich an einem regnerischen und kalten Tag vor dem flackernden Kaminfeuer saß, eines der Bücher in der Hand, während auf dem kleinen Tisch vor dem Ledersofa eine dampfende Tasse Kakao stand. Die wuchtige Couch, die komplett von schwarzem Leder überzogen war, lud förmlich zum Faulenzen ein.
Der Raum an sich war recht dunkel gehalten, auch die Bilder, die hier an den Wänden hingen, waren eher düster. Es passte aber zur Atmosphäre. Die bodenlangen Fenster – zwei an der Zahl – wurden gesäumt von schweren, blickdichten Vorhängen, die absolute Dunkelheit garantierten, wenn man sie erst mal zuzog. Ein Sekretär aus ebenfalls sehr dunklem Holz, stand an der Wand, gegenüber dem Bücherregal. Schreibutensilien standen darauf, sowie ein Telefon. Der Anblick störte ein wenig die altmodische Wirkung dieses Zimmers. Ich fühlte mich tatsächlich zurückversetzt ins viktorianische England des 19. Jahrhundert. Mit ein bisschen Fantasie, würde ich mich beim Schreiben meiner Briefe fühlen, wie Jane Austen beim Verfassen ihrer zeitlosen Meisterwerke.
„Beeindruckt?“
Vor lauter Starren hatte ich ihn ganz vergessen und drehte mich schwungvoll um. Dabei flogen mir die Haare um die Schultern und der dünne Träger meines zarten Kleides fiel mir über eine Schulter. Sachte schob ich ihn wieder an Ort und Stelle zurück und sah wieder zu meinem Bräutigam in spe. Kurz meinte ich ein bewunderndes Aufblitzen in seinen Augen zu sehen.
„Hmm, ja! Ich denke so eine vielfältige Auswahl an Büchern gibt es höchstens noch in der Bibliothek in Seattle. Also wenn Sie so fragen. Ja, ich bin beeindruckt.“
Er sah mich von oben bis unten an, ohne mir zu antworten und bewegte sich dann auf den Kamin zu. Er lehnte sich daneben an die Wand, die Beine leicht nach vorne ausgestreckt und schob sich die Hände in die Taschen seiner dunklen Hose. Den Nacken leicht nach hinten gelehnt, musterte er mich weiterhin und sah dabei geradezu provokant lässig aus.
„Sie fragen sich sicher, warum ich Sie sprechen will?“
Ich verringerte den Abstand zwischen uns.
„Das tu ich tatsächlich“, gab ich unumwunden zu.
„Esme……das ist doch Ihr Name?“ Ich nickte und er fuhr fort. „Ich will ehrlich zu Ihnen sein.“
„Ich bitte darum.“
„Diese geplante Hochzeit ist eigentlich eine absolute Schnapsidee. Unter normalen Umständen würde ich dem niemals zustimmen.“
Beleidigt verschränkte ich die Arme vor der Brust.
„Danke auch“, maulte ich ihn an. War ich so schrecklich?
Er grinste, als er meinen Gesichtsausdruck sah.
„Nichts gegen Sie, aber Sie müssen doch zugeben, auf diese Art eine Firmenzusammenführung zustande zu bringen, ist doch sehr altmodisch.“
Er hatte ja recht.
„Denken Sie, dass unsere Väter sich auch nur einen Deut darum scheren, ob es altmodisch ist oder nicht?“, fragte ich ihn ungläubig.
„Ich weiß aus erster Hand, dass es nicht so ist.“
„Wie meinen Sie das?“, wollte ich von ihm wissen.
Sein Ausdruck wurde finster. Es war unglaublich, wie wechselhaft sein Mienenspiel war.
„Mein lieber Vater hat mir mit Enterbung gedroht, falls ich Sie nicht heirate“, äußerste er knapp.
„Oh..“
„Ja….oh!“
„Und was gedenken Sie jetzt tun?“
Er stieß sich von der Wand ab und kam mit geschmeidigen Schritten auf mich zu, ehe er dicht vor mir stehenblieb.
„Ich möchte einen Deal mit Ihnen schließen!“, begann er geschäftsmäßig.
„Einen Deal?“, fragte ich ziemlich dämlich nach. Oh Esme, reiß dich zusammen.
Seine Nähe machte mich ganz atemlos und ich trat einen Schritt zurück. Er quittierte das mit einem sardonischen Lächeln.
„Ich merke schon, Sie sind auch nicht sonderlich scharf darauf, meine Frau zu werden“, kommentierte er. Er seufzte und fuhr sich durch die blonden Haare. Sie waren akkurat geschnitten, und viel kürzer, als es die aktuelle Mode vorschrieb. Carlisle Cullen machte sich anscheinend nicht viel aus den Trends der siebziger Jahre und ignorierte auch das kunterbunte Modediktat der Hippiegeneration. Für sein Alter wirkte er erstaunlich konservativ, erwachsen und dadurch ungemein sexy, wie ich zu meinem Leidwesen zugeben musste. Es war wirklich nicht geplant gewesen, dass ich ihn so anziehend fand. Natürlich rein optisch, denn sein Benehmen war wirklich grauenhaft.
„Wie gesagt, ich will ehrlich zu Ihnen sein, Esme. Die Hochzeit ist das Letzte, was ich will. Verdammt, ich bin dreiundzwanzig. Ich möchte mir meine Ehefrau nicht von meinem Vater vorschreiben lassen.“ Er machte eine kurze Pause und ließ den Blick über meine Gestalt wandern. „Wie alt sind Sie eigentlich? Sie sehen verflucht jung aus.“
„Ich BIN jung!“, meinte ich nur spitz und er zog eine Augenbraue hoch. „Ich werde demnächst neunzehn.“
Er stieß den Atem zischend zwischen den Lippen hervor und schloss kurz die Augen.
„Scheiße, Sie sind ja fast noch ein Baby.“
„Ich bin eine Frau und kein Baby“, rief ich empört. Was fiel ihm eigentlich ein?
„Nur die Ruhe, machen Sie mich nicht gleich kalt“, rief er beschwichtigend und hob die Hände. „Also kein Baby…..sondern nur eine ziemlich junge Frau.“
Ich schob schmollend die Lippen vor und nickte.
„Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen.“
„Der wäre..?“
„Wir heiraten…“, schlug er vor und ich weitete schockiert die Augen. Hatte er nicht eben… „wir heiraten und nach einer gewissen Zeitspanne, geht jeder wieder seine eigenen Wege. Das ist in unseren Kreisen sowieso nichts Ungewöhnliches und niemand wird sich darüber wundern, wenn wir uns kaum noch zusammen blicken lassen. Im günstigsten Fall ist die Fusion nach einigen Monaten durch, die zukünftige Firmenführung geregelt und wir können uns ganz offiziell wieder trennen. Ich werde dann wieder in meiner Wohnung leben und Sie in Ihrer, oder bei Ihren Eltern. Aber wir werden Tisch und Bett nicht weiter miteinander teilen müssen.“
„Sie meinen also, eine Scheidung?“
Er schüttelte den Kopf.
„Das wird erst möglich sein, wenn mein Vater mir die Mehrheit seiner Anteile überschrieben hat und das kann noch ein paar Jährchen dauern. Eine räumliche Trennung würde er schweren Herzens akzeptieren, weil sich an der rechtlichen Situation nicht viel ändert, aber eine Scheidung ist unmöglich, solange ich nicht die Mehrheit der Firmenanteile habe.“
Schweigend sah ich ihn an und versuchte zu verdauen, was er mir da gerade vorschlug. Er redete aber einfach weiter und achtete nicht auf mich.
„Er würde mir die Aktienmehrheit nicht mehr überschreiben, sollten wir die Ehe gerichtlich auflösen. Eine Scheidung kann sehr teuer werden, aber wir können das durch meinen Anwalt schon im Vorhinein durch einen Ehevertrag regeln. Dad muss nichts davon erfahren. Ich bin über einundzwanzig und brauche ihn für derartige Verträge nicht.“ Er seufzte. „Leider gehört mein Vater zu den Menschen, denen ein Handschlag noch mehr bedeutet, als ein paar Zeilen auf einem Blatt Papier. Mein Vater ist der Meinung, es gibt immer einen findigen Anwalt, der einen Vertrag auseinandernimmt und dann versuchen wird, sein Lebenswerk zu ruinieren. Ihm begreiflich zu machen, dass das nicht geht, wenn man von Anfang an, beiderseitige Verzichtserklärungen bezüglich des Vermögens des Anderen unterzeichnet, ist völlig zwecklos. “
„Aber ich will nichts von Ihrem Geld, ich will Sie nicht mal heiraten.“
„Das glaube ich Ihnen.“ Seine Augen wurden schmal. „Trotzdem sind Sie hier, was ja bedeutet, dass Sie es nicht rigoros ablehnen. Was haben Sie davon?“
„Meinem Vater geht es gesundheitlich nicht allzu gut“, erklärte ich ihm. Es war kein großes Geheimnis, selbst die Öffentlichkeit war darüber im Bilde, dass Dad nach seinem letzten Infarkt nicht mehr der Alte war. Er musste sich schonen und war längst nicht mehr so belastbar wie früher. „Er macht sich fürchterliche Sorgen um seine Nachfolge. Ich bin ja leider eine Frau und kann die Firma nicht übernehmen.“
Er unterbrach mich.
„Sie wissen schon, dass es heutzutage durchaus Frauen in leitenden Positionen gibt“, warf er ein.
Ich lachte hämisch auf.
„Leitend vielleicht, aber wir wissen doch beide, dass das nur Quotenfrauen sind, um der Emanzipationsbewegung Genüge zu tun. Frauen werden im Geschäftsleben nicht wirklich akzeptiert, das müssen Sie doch ganz genau wissen. Können Sie sich vorstellen, dass ich eines Tages die Firma meines Vaters übernehme?“
„Wenn ich ehrlich bin, nein“, gab er zu. „Sie sehen so zart und zerbrechlich aus, man würde Sie an den Verhandlungstischen einfach nicht ernst nehmen.“
„Sie sagen es. Verstehen Sie mich nicht falsch“, gab ich ihm zum Verstehen. „Ich bin nicht dumm, aber ich kann einfach die Umstände ignorieren. Außerdem habe ich wirklich keine Lust, mich Tag für Tag, mit bornierten alten Männern auseinanderzusetzen, die immer noch glauben, Frauen gehören an den Herd.“ Er grinste belustigt bei meinem frustrierten Ausruf, ich ließ mich aber nicht beirren. „Vater braucht einen Nachfolger! Er sorgt sich genau wie Ihr Dad, um die Zukunft seiner Firma und ich kann sehen, wie es ihn langsam aber sicher auffrisst. Eine Heirat mit Ihnen, würde ihm eine schwere Last von den Schultern nehmen.“
„Und liebende Tochter, die Sie nun mal sind, werden Sie sich aufopfern und sogar eine Ehe mit jemanden wie mir in Kauf nehmen.“
Ein wenig erstaunt blickte ich in seine tiefgrünen Augen.
„Sie tun so, als wäre das ein Schicksal, schlimmer als der Tod.“
„Das nicht, aber ich will nicht, dass Sie sich da in was verrennen. Esme, wenn wir beide das durchziehen, dann wird es zwischen uns keinerlei Verbindung geben, außer auf dem Papier.“ Er zögerte kurz. „Es gibt da jemanden in meinem Leben…..eine junge Frau, die mir viel bedeutet.“
„Oh…“, entfuhr es mir tonlos. Das änderte natürlich alles. Doch wenn es eine Frau in seinem Leben gab, warum wollte er mich dennoch heiraten? Sollte die Liebe nicht trotz allem Vorrang haben? Ich verstand seine Motivation einfach nicht.
„Wieso…“, ich leckte mir, die trocken gewordenen Lippen, „wieso wollen Sie mich denn trotzdem heiraten?“
„Ganz einfach. Ich habe kein sonderlich hohes, eigenes Vermögen. Das Erbe meiner Großmutter wird mir erst mit fünfundzwanzig ausbezahlt, und solange wird sich mein Vater nicht hinhalten lassen. Wenn ich mich weigere, wird er sämtliche Zahlungen einstellen, alle Karten sperren lassen und dafür sorgen, dass ich in keinem anderen Unternehmen einen Job finde. Er wäre dazu imstande, um so sein Ziel zu erreichen. Zwei Jahre ohne meinen gewohnten finanziellen Rahmen verbringen zu müssen, kommt gar nicht in Frage. Ich muss gestehen, so stark und widerspenstig bin ich dann doch nicht. Ich habe keine Lust in einer Absteige zu hausen und jeden Cent zweimal umdrehen zu müssen.“
„Was….was sagt denn Ihre Freundin dazu? Ich meine…meine Güte, Sie werden ja höchstwahrscheinlich eine andere heiraten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Frau gibt, die das duldet“, fragte ich neugierig. Den kleinen Stich, bei dem Gedanken, dass er schon jemanden hatte, ignorierte ich.
Er lächelte liebevoll und sah einfach hinreißend dabei aus. Oh Himmel, er war wirklich enorm attraktiv.
„Carmen ist über die Situation im Bilde und wird das mit mir durchstehen. Sie ist bereit auf mich zu warten, selbst wenn es mehrere Jahre dauern sollte. Sobald wir alles zu unserer beider Zufriedenheit geregelt haben, und mein Vater mir die Anteile überschieben hat, kann ich die Scheidung einreichen und Carmen heiraten. So ist jedenfalls die Planung.“
Mein Herz zog sich zusammen bei dieser Vorstellung. Das war alles so kalkuliert, so berechnend. Würde ich tatsächlich skrupellos genug sein, um das so mit ihm durchzuziehen? Konnte ich meine Eltern so hintergehen? Doch auf der anderen Seite, würde sich ja nichts ändern. Alle würden bekommen was sie wollten, in gewisser Weise.
„Wie soll das dann mit der Firma vonstatten gehen?“
„Ihre Anteile, die Sie mit in die Ehe einbringen, bleiben selbstverständlich im Besitz Ihrer Familie. Nach der Trennung bleibe ich an der Firmenspitze und Sie bekommen einen Sitz im Vorstand. Die Firma Ihres Vaters wird weiter existieren und ich werde mich darum kümmern, als wäre es meine Eigene. Wie genau wir das anstellen werden, müssen wir erst noch sehen. Aber es gibt einige sehr kompetente Leute, die uns beraten können.“
Ich rieb mir die Schläfen und schüttelte den Kopf.
„Wow, das…das muss ich erst sacken lassen.“
Er zuckte nur mit den Schultern.
„Mir egal, nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Ich habe es nicht eilig.“
Nachdenklich betrachtete ich den Mann, den ich vielleicht heiraten würde. Sein Vorschlag klang plausibel und ich würde in einigen Jahren sogar wieder frei sein. Immerhin war ich noch jung und unter normalen Umständen, hätte ich erst viel später an Heirat und Familie gedacht. Ich würde also keine Zeit verschwenden, sondern vielleicht sogar mehr Freiheiten haben, als bisher. Als seine Ehefrau, würde ich bestimmt so ziemlich alles tun und lassen können, was ich wollte und keinem mehr Rechenschaft abgeben müssen. Schon gar nicht ihm. Nur der Gedanke daran, dass er seine Nächte wohl öfter bei einer anderen verbringen würde, war merkwürdig verstörend für mich.
„Wenn ich einwillige, wie wird unser Zusammenleben dann aussehen?“, fragte ich, um auf Nummer sicher zu gehen.
Er lachte leise und dieses Geräusch ging mir durch und durch. Es schüttelte mich leicht und dieser verflixte Träger rutschte mir wieder von der Schulter. Ich merkte es nicht mal, sondern erkannte erst an seinem merkwürdig verhangenen Blick auf mein Dekolletee und die Schulterpartie, dass er sich wieder mal selbstständig gemacht hatte. Carlisle trat näher und streckte die Hand aus.
„Darf ich?“, fragte er heiser und ich konnte nur wortlos nicken. Ich neigte den Kopf seitlich nach unten und beobachtete mit leicht geöffnetem Mund, wie er sich dem Träger näherte. Sein Finger hakte sich darunter und er schob ihn vorsichtig, und sehr langsam wieder nach oben. Ich hob meinen Blick an sein Gesicht und merkte ihm eine gewisse Anspannung an. Seine Berührung brannte wie Feuer auf meiner Haut und ich hätte beinahe leise aufgestöhnt. Doch seine Warnung „mich nicht in Etwas zu verrennen“ , lag mir noch in den Ohren und ich unterdrückte diesen leisen, fast schon flehenden Laut. Außer ein paar Küssen und ein bisschen Petting hatte ich noch keine Erfahrungen und Royce war in der Hinsicht mehr als zurückhaltend gewesen. Warum, wurde mir erst zu spät schmerzhaft klargemacht. Also beschränkten sich meine sexuellen Tätigkeiten mehr auf Jungs in meinem Alter. Carlisle bewies mir gerade, was für ein himmelweiter Unterschied zwischen einer harmlosen Berührung von ihm und den ungeschickten Liebkosungen eines Gleichaltrigen bestand. Er war ein Mann, durch und durch, und ich merkte, dass ich gegen seinen Sexappeal alles andere als immun war. Gottlob, war ich nicht verliebt in ihn, das wäre nun wirklich eine Katastrophe und würde unseren Deal unmöglich machen.
„Ich muss nicht mehr nachdenken, ich würde ohnehin wieder zum selben Ergebnis kommen“, sagte ich dann forsch und schob seine Hand weg. „Ich bin mit dem Deal einverstanden. Sie müssen mir aber schwören, dass Sie nicht mit mir schlafen werden.“
Ein gefährliches Grinsen legte sich auf seine Lippen.
„Vielleicht werden Sie mich ja irgendwann darum bitten. Ich kann ziemlich unwiderstehlich sein, wenn ich will.“
Hart sah ich ihn an.
„Vorhin haben Sie ganz den Eindruck erweckt, als würde Ihre Freundin Ihnen etwas bedeuten. Aber da habe ich mich wohl getäuscht. Oder gehören Sie zu den Männern, die Sex und Liebe voneinander trennen?“
Böse sah er mich an.
„Natürlich nicht!“, rief er erbost aus. „Das war doch nur ein Scherz, meine Güte. Seien Sie nicht so verklemmt!“
„Ich bin nicht verklemmt!“
„Dann verhalten Sie sich auch so!“, schnauzte er mich an.
„Wissen Sie was? Ich glaube, es wäre besser, wir lassen das Ganze. Wir können ja keine fünf Minuten zusammen verbringen, ohne uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Ich werde Ihrem Vater sagen, dass es meine Schuld ist, und ich Sie nicht mehr heiraten will. Ich wünsche Ihnen noch alles Gute. Leben Sie wohl!“
Ich drehte mich auf dem Absatz um und wollte davon rauschen, doch seine Hand hielt mich am Arm fest.
„Hey, nicht so schnell! Geben Sie immer so schnell auf?“
„Mr. Cullen, ich gebe nicht auf. Ich versuche lediglich uns vor einer fatalen Fehlentscheidung zu bewahren.“
Er verdrehte die Augen.
„Oh kommen Sie! Seien Sie nicht so beleidigt. Warum gleich alles in Frage stellen. Wir würden beide von der Geschichte profitieren. Glauben Sie, nach meinem Auftritt im Esszimmer vorhin, würde mein Vater Ihnen glauben, dass es allein Ihre Schuld ist. Er wird mich ohne einen Cent aus dem Haus jagen.“ Er beugte sich leicht hinunter und streifte mit seinen Lippen beinahe mein Ohr.
„Esme“, säuselte er, „denken Sie an Ihren kranken Vater.“
Oh, er war soooo berechnend. Damit hatte er mich wieder. In meinem Kopf herrschte ein totales Durcheinander, doch am Ende kam ich immer zum gleichen Ergebnis. Ohne Heirat, kein Nachfolger für meinen Vater, und ohne diesen, würde die Sorge Dad auffressen. Da war ich mir sicher.
„Na gut, ich mache es“, stimmte ich ihm zu. Er grinste triumphierend und rief aus:
„Verdammt, das ist eine gute Entscheidung. Sie werden es nicht bereuen.“
„Eine Frage hätte ich noch.“
Neugierig sah er mich an.
„Also….also….wir werden ja nicht miteinander schlafen“, fing ich an und seine Mundwinkel zuckten verdächtig. Gott, das war so irre peinlich. „Werden wir dann trotzdem in einem Bett schlafen müssen.“
Jetzt grinste er offen.
„Schiss?“
„Nie im Leben!“
„Nur die ersten Wochen, Esme. Gönnen wir unseren Eltern die Illusion, dass wir es wenigstens versuchen. Ich werde Sie nicht anrühren, versprochen. Schließlich habe ich Carmen, die mich in der Hinsicht mehr als befriedigt.“
Boah, das hatte ich jetzt wirklich nicht hören wollen. Trotzdem nickte ich, keineswegs zufrieden mit seiner Antwort. Die Gründe dafür wollte ich aber nicht näher beleuchten.
„Hm, ja. Also dann, ich nehme Ihren Heiratsantrag an“, sagte ich so hochnäsig, wie ich nur konnte.
Ein herzliches Lachen schallte durch die Bibliothek.
„Sie sind wirklich ein ganz schönes Biest.“
„Ich tue mein Möglichstes“, grinste ich zurück und schlug in seine ausgestreckte Hand ein.
Teil 3
Sanfte Musik erklang aus dem Inneren des Saales, als ich durch die große Tür auf die weitläufige Terrasse hinaustrat, um den vielen Menschen zu entkommen, die der Einladung zur Verlobungsfeier gefolgt waren. Erleichtert sog ich die kühle Nachtluft in meine Lungen und lief ein paar Schritte. Von hier aus hatte man eine ziemlich gute Sicht auf das nächtliche Seattle und für einen kurzen Moment betrachtete ich die vielen Lichter, die aus den Fenstern von tausenden von Gebäuden heraus schienen. Hinter jedem dieser Fenster steckte ein Leben, eine Geschichte und Menschen, die jetzt beieinandersaßen und zusammen oder auch allein den Abend verbrachten. Fast kam ich mir wie ein Voyeur vor, obwohl ich ja rein gar nichts sehen konnte. Mit leichten Schritten bewegte ich mich auf den unbeleuchteten Teil der Terrasse zu und zog mir dabei den leichten Schal über die Schultern. Mit einem erleichterten Ausatmen lehnte ich mich dann endlich gegen die Wand und genoss meine selbstgewählte Einsamkeit.
Komischerweise war ich ganz allein hier draußen, alle anderen schienen die Wärme im Inneren zu bevorzugen. Verständlich, es war ja auch recht kalt hier im Freien. Fröstelnd zog ich die Schultern hoch und rieb mir über die nackten Arme, die von dem Schal unbedeckt geblieben waren. Ich war schon versucht, wieder reinzugehen, bevor ich mir hier den Hintern abfror, trotzdem wollte ich wenigstens noch kurz hierbleiben, um dieser Farce von Verlobungsfeier wenigstens für ein paar weitere Minuten zu entkommen. Das Ganze war ein totaler Reinfall. Ich fühlte mich wie eine Figur in einem Spiel, aus welchem unmöglich ein Sieger hervorgehen konnte. Dieses Schauspiel und die Lügen machten mich langsam krank, weil ich unvernünftiger Weise auf einen Handel eingestiegen war, der all meinen Grundsätzen und Moralvorstellungen widersprach. Und jetzt befand ich mich im besten Hotel der Stadt und feierte mit einem Haufen Menschen, die ich kaum kannte, meine anstehende Eheschließung. Allein wohlgemerkt, jedenfalls die meiste Zeit. Mein ach so toller Verlobter zog es nämlich vor, den Abend nicht an meiner Seite zu verbringen, so wie es sich eigentlich gehört hätte. Die erste Stunde war er noch brav bei mir geblieben und hatte charmant lächelnd Hände geschüttelt und seinen Charme versprüht, bevor er sich nach einer Weile abgesetzt und in der Menge verschwunden war. Magnus und seine Frau Elisabeth unterhielten sich derweil an ihrem Tisch mit meinen Eltern und waren bester Laune. Keiner von ihnen hatte mitbekommen, dass Carlisle wie vom Erdboden verschluckt war und ich hatte auch nicht vor, sie mit der Nase darauf zu stoßen. Es war so übel! Gott, wenn Dad nicht so offensichtlich glücklich über diese Wendung gewesen wäre, dann hätte ich diesem Wahnsinn, ohne zu zögern, sofort ein Ende bereitet. Dieser Deal, den ich mit Carlisle geschlossen hatte, konnte einfach nicht funktionieren. Außer den Firmeninteressen unserer Eltern verband uns doch überhaupt nichts.
Seit dem Gespräch in der Bibliothek waren jetzt schon ein paar Wochen ins Land gezogen und im Grunde wusste ich immer noch rein gar nichts über ihn. Die wenigen Male die wir uns seitdem gesehen hatten, waren wir nie allein gewesen und so ergab sich keine Möglichkeit, sich näher kennenzulernen. Carlisle schien auch keinen gesteigerten Wert darauf zu legen und beschränkte sich auf höflichen Smalltalk. Ich seufzte und drückte mich an die Wand. Wo sollte das alles nur enden? Ich war im Begriff einen Mann zu heiraten, der ganz offensichtlich nicht im Traum daran dachte, wenigstens den Versuch zu starten, eine normale Ehe zu führen. Zu meinem Leidwesen, fand ich ihn auch noch durchaus attraktiv und hätte mich schon mit ihm als Ehemann anfreunden können. Wenn er nämlich vergaß, sarkastisch und ungehobelt zu sein, war er gar nicht so schlimm und sein gutes Aussehen, tat sein Übriges dazu. Verliebt war ich nicht in ihn, so sehr konnte mich die äußerliche Attraktivität eines Menschen nicht mehr blenden. Royce hatte mir in dieser Hinsicht eine Lektion erteilt, die ich bis an mein Lebensende nicht mehr vergessen würde. Aber allein schon die Tatsache, dass ich Carlisle alles andere als abstoßend fand, war eine gute Basis, um mich glaubwürdig mit seiner Person auseinanderzusetzen, um dieser Ehe wenigstens eine winzige Chance einzuräumen. Doch wenn nur ich allein die Bereitschaft dazu zeigte, war es schon von Vorneherein zum Scheitern verurteilt. Er wollte das Ganze ja zeitlich begrenzen und unsere Eltern an der Nase herumführen. Das lag mir wie ein tonnenschwerer Stein um Magen, weil wir ja alle bewusst hintergehen wollten. Immerhin dachte Mama, wir würden ehrlich versuchen, eine gute Ehe zu führen. Sie wäre entsetzt, wenn sie wüsste, wie kalt und berechnend wir das angingen. Auf der anderen Seite mussten sie aber damit rechnen. Immerhin war die Ehe arrangiert und sie konnten nicht erwarten, dass wir einander mochten.
Eigentlich schade, denn wenn er sich nicht so unverschämt aufführte, wie bei unserem ersten, missglückten Treffen, konnte er durchaus reizend sein. Zumindest hatte er sich in letzter Zeit bemüht, sich nicht mehr so flegelhaft zu benehmen und die Art, wie er mit seiner Mutter umging, nötigte mir Respekt ab. Außer an jenem Abend unseres Kennenlernens - wo er schon sehr rotzig zu ihr gewesen war - behandelte er sie wie eine Königin. Würde er auch so mit der Frau umgehen, in die er verliebt war? Unwillig runzelte ich die Stirn. Du bist so blöde, Esme. Liebe war in diesem Spiel nicht gefragt. Es ging um Aktien, um harte Dollars und um Macht. Gefühle hatten dabei keinen Platz. Außerdem……da gab es ja noch diese andere Frau. Es entstand jedes Mal ein merkwürdig flaues Gefühl in meinem Magen, wenn ich an sie dachte. Wie mochte sie sich bei der Sache fühlen? Immerhin würde ich den Mann heiraten, den sie liebte. Was war sie für ein Mensch, wenn sie das so akzeptierte? Was war er für ein Mensch, wenn er das so einfach tun konnte?
Leises Kichern und ein männliches Lachen beendeten meine düsteren Gedanken. Ich war hier nicht mehr allein und drückte mich tiefer in den Schatten, bemüht nicht entdeckt zu werden. Ich wollte keine dummen und unangenehmen Fragen gestellt bekommen. Verstohlen versuchte ich die Urheber dieser Geräusche zu erkennen. Scharf sog ich die kalte Luft in meine Lungen und legte mir die Hand über den Mund, um den erschrockenen Ton zu ersticken, der mich sonst verraten hätte. Verdammt! Es war Carlisle mit einer anderen Frau. Sie stolperten lachend auf die Terrasse und schienen sich köstlich zu amüsieren. Er hatte den Arm eng um sie geschlungen und knabberte an ihrem bloßen Hals, während sie sich kichernd hin und her wand. Hier trieb er sich also rum! Während ich allein auf meiner eigenen Verlobungsfeier herumlief, vergnügte er sich mit seiner Geliebten. Oh Gott, das war nun wirklich demütigend. Deal hin oder her, aber das bedeutete nicht, dass ich mich in aller Öffentlichkeit wie einen abgelegten Schuh behandeln lassen musste. Was, wenn ihn jemand mit ihr sehen würde? Er war so rücksichtslos. Alle würden über mich lachen, weil Carlisle Cullen nicht mal auf seiner Verlobungsfeier davor zurückschreckte, seine Zukünftige vor ihrer Nase mit einer anderen zu betrügen. Jeglicher Respekt für ihn, ging mir in diesem Moment flöten. Sollte er doch mit seiner Flamme glücklich werden, aber ich würde dabei nicht zuschauen und mich heillos vor der ganzen Welt blamieren. Ich wollte schon aus dem dunklen Schatten heraustreten, um ihm gehörig meine Meinung zu sagen, als das zärtliche Flüstern und Kichern plötzlich verstummte. Was war jetzt? Ich spitze die Ohren und horchte. Stritten sie etwa?
„Was soll das heißen, du kannst nicht!“, hörte ich die Frau hitzig flüstern. Irgendwie kam mir diese weibliche Stimme bekannt vor, aber noch konnte ich das Gesicht seiner Geliebten nicht erkennen. Das einzig Sichtbare war seine hochgewachsene Gestalt und die blonden Haare, die von dem schwachen Laternenschein auf der Terrasse beleuchtet wurde.
„Es geht nicht anders, Carmen. Das ist ein offizieller Anlass und ich kann das nicht absagen. Unser Wochenende holen wir nach. Versprochen!“
Ich grinste schwach in der Dunkelheit, obwohl es mir aus unerfindlichen Gründen weh tat, ihn mit einer anderen Frau zu beobachten. Aber es war auch zu typisch. Männer und ihre leeren Versprechungen! Ich fühlte eine unbestimmte Schadenfreude bei dem Gedanken, dass er ihr eine Abfuhr verpasste. Oh Himmel….Das war nicht gut. Es müsste mir eigentlich egal sein, ob er sich mit ihr traf oder nicht.
„Carlisle, du kommst immer seltener zu mir. Das werde ich so nicht mehr hinnehmen!“
Ich hörte ihn unwillig seufzen. Er war genervt, ganz eindeutig.
„Meine Güte, jetzt mach doch nicht so ein Theater! Du weißt genau, ich habe keine andere Wahl. Du warst doch einverstanden mit dieser Lösung. Sich jetzt über meine mangelnde Zeit aufzuregen, ist nicht besonders hilfreich. Ich wäre auch gerne öfter bei dir, aber ich kann nun mal Esme nicht ständig allein durch die Gegend laufen lassen. Als ihr Verlobter, muss ich mich ab und an in ihrer Gesellschaft blicken lassen. Es würde sonst Gerede geben. Eigentlich dürfte ich jetzt nicht mal hier bei dir sein, wenn uns jemand sieht, komme ich in ganz schöne Erklärungsnot.“
Darauf kannst du wetten! Ich kochte innerlich vor Wut. Er MUSSTE sich mit mir blicken lassen! Ich wäre fast aus meinem Versteck gehüpft, als sie fortfuhr sich weiterhin zu echauffieren. Die Frau war ziemlich sauer und trat einen Schritt von ihm zurück.
„Du nennst sie schon Esme! Was läuft da zwischen euch? Sag es mir! Ich will wissen, ob du mit ihr schläfst. Hast du was mit diesem Flittchen?“
Na, vielen Dank auch! Ich war bedient, konnte mich aber nicht vom Fleck rühren. Ich war einfach zu neugierig auf den Rest dieser Unterhaltung. Er trat einen Schritt zurück und ich konnte jetzt sein Gesicht im schwachen Lichtschein gut erkennen. Merkwürdigerweise sah Carlisle richtig wütend aus.
„Sie ist kein Flittchen!“, schoss er sie an, sein Gesichtsausdruck war hart und unnachgiebig. „Hör mir gut zu, Carmen. Ich werde das hier vergessen, weil ich weiß, wie schwer das für dich sein muss. Aber ich werde nicht dulden, dass du sie beleidigst. Sie kann nun wirklich am allerwenigsten für diese vermaledeite Geschichte und macht das nur wegen ihrem kranken Vater. Schieb ihr nicht die Schuld in Schuhe, nur weil wir uns nur noch streiten.“
Mit wachsendem Erstaunen hörte ich zu, wie er mich verteidigte und die Auseinandersetzung der beiden, die ich hier heimlich belauschte tat meinem Ego irgendwie gut. Das war natürlich nicht sonderlich nett von mir, aber verdammt, auf mich nahm ja auch keiner Rücksicht! Jedenfalls kriselte es wohl gewaltig zwischen den beiden und das nicht erst seit heute. In gewisser Hinsicht konnte ich das durchaus nachvollziehen. Wäre ich an ihrer Stelle gewesen, dann hätte ich mich auch gesorgt. Immerhin war ich nicht ganz hässlich und Carlisle eben auch nur ein Mann. Nicht, dass er sich mir in irgendeiner Weise genähert hätte…..
„Du bist scharf auf sie“, tobte sie weiter. „Ich kenne diesen Blick, Carlisle. Du kannst mich nicht für dumm verkaufen. Ich merke doch, wie du sie ansiehst, wenn du dich unbeobachtet fühlst. Denkst du, ich bin blöd? Du würdest schon einen Weg finden, um zu mir zu kommen, aber du willst nicht. Du bist lieber bei ihr.“
Die Worte kamen abgehackt und endeten in einem erbärmlichen Schluchzen, was ihm nur ein genervtes Kopfschütteln entlockte. Er war wohl kein Freund von weiblichen Gefühlsausbrüchen. Trotzdem trat er zu ihr und nahm sie sanft in die Arme, dabei drehte sich ihr Kopf in meine Richtung und ich konnte endlich erkennen, wer die ominöse Frau war, die so freigiebig ihren Liebhaber mit einer anderen teilte. Ach du Schande….Carmen Sowieso - ihr Nachname fiel mir gerade nicht ein - war ein Mädchen aus meiner ehemaligen Schule. Die rothaarige Schönheit war eine Klasse über mir gewesen und ich hatte mit ihr nie persönlichen Kontakt gehabt. Ihr Ruf war viel zu übel gewesen und ich hatte mich von ihr ferngehalten. Ihre Aussetzer und sexuellen Eskapaden waren fast schon legendär gewesen und alle Mädchen hatten getuschelt, wenn sie wieder mal ein neuer Mann von der Schule abholte. Alle deutlich älter als sie und gut betucht. Guter Gott, er hatte sich ausgerechnet das schlimmste Flittchen in ganz Seattle angelacht! Entweder hatte Carlisle keine Ahnung von ihrer Vergangenheit oder er war selten dämlich. Außerdem hatte sie immer groß getönt, dass sie eines Tages in die höchsten Kreise aufsteigen wollte. Mit dem Cullen-Spross, hatte sie sich ja einen guten Fang an Land gezogen. Wie ärgerlich musste es für Carmen sein, dass ihre sicher geglaubte Fahrkarte in die gute Gesellschaft eine andere heiraten musste. Neugierig versuchte ich die Wortfetzen ihrer Unterhaltung zu verstehen und machte einen Schritt vorwärts, als ich mit dem Absatz gegen einen der Blumentöpfe mit den künstlichen Palmen stieß. Carlisles Kopf zuckte ruckartig nach oben und ich war nicht schnell genug, um wieder im Schutz der Dunkelheit zu verschwinden. Seine Augen wurden schmal und weiteten sich dann schuldbewusst, als er entdeckte, wer der heimliche Lauscher war, der ihn mit seiner Freundin beobachtete.
„Carmen, du solltest jetzt wieder reingehen“, hörte ich ihn über ihren Kopf hinweg sagen. Seine Augen hielten ununterbrochen Kontakt mit meinen und mir wurde trotz der kühlen Temperaturen ziemlich warm. „Es ist kalt und du wirst krank werden. Wir reden ein andermal in Ruhe darüber.“
„Pah, wenn du dich von dieser flachbrüstigen Jungfrau trennen kannst, meinst du wohl“, schnappte die ziemlich unfreundlich.
„Carmen….“ Seine Stimme klang warnend und ich konnte mir ein Grinsen jetzt nicht mehr verkneifen, auch wenn er es sehen konnte. Irgendwie fand ich es sogar lustig, weil ihm die Situation ja ziemlich unangenehm sein musste. Wie schön, dass dem großartigen Carlisle Cullen, auch mal was peinlich war. Diesen Tag würde ich mir rot im Kalender markieren, denn das würde sich garantiert nicht so schnell wiederholen.
„Weißt du was“, höhnte Carmen, „geh doch zu ihr! Ich finde sicher noch einen Besseren als dich.“
Carmen konnte giftig werden wie eine Viper, das war schon zu Schulzeiten so gewesen und hatte sich wohl bis heute nicht geändert.
„Baby, wenn du das wirklich glaubst, dann solltest du dir überlegen, ob das mit uns noch einen Sinn macht.“
Er klang aufreizend desinteressiert und lächelte süffisant. Er nahm sie nicht ernst und sie wusste das.
„Oh, fahr doch zur Hölle!“, schrie sie und riss sich endgültig von ihm los. „Du wirst schon in wenigen Tagen zu mir zurückgekrochen kommen. Darauf kannst du Gift nehmen.“
„Wenn du meinst“, versetzte er ungerührt und fischte dabei locker eine Zigarettenschachtel aus seiner Hosentasche. Er zündete sich in aller Seelenruhe eine an, nahm einen ersten tiefen Zug und blies dann unnachahmlich sexy den Rauch durch die Nase wieder aus. Der Mann sah einfach aufregend aus, wenn er rauchte, das war mir schon vorher aufgefallen. Der Anblick verursachte mir weiche Knie, vor allem, wenn meine Augen seinen vollen Lippen folgten, wenn sie sich um den Filter schlossen. So sicher, so fest…. oh Mann, dabei hasste ich Raucher.
„Ich hasse dich, Carlisle Cullen“, warf Carmen ihm wie ein aufmüpfiges Kind an den Kopf und rauschte dramatisch ab. Ihr rotes Haar schwang aufregend über ihren nackten, weißen Rücken, während sie durch die Terrassentür wieder in den Saal schlüpfte. Sie war schon ein sehr betörender Anblick, wenn man von ihren charakterlichen Schwächen mal absah. Er sah ihr jedenfalls mit einem ziemlich erheiterten Grinsen nach, ehe er sich wieder in meine Richtung drehte. Der Streit schien ihm nicht viel auszumachen, sondern eher zu belustigen. Wahrscheinlich machte sie ihm einmal die Woche so eine Szene und es hatte gar nichts zu bedeuten. Langsam drehte er sich zu mir um.
„Sie ist ziemlich temperamentvoll“, grinste er erklärend und legte dann den Kopf ein wenig schief. Es machte ihm wohl gar nichts aus, dass ich ihn eben mit seiner Geliebten beobachtet hatte. Seine Hemmschwelle war ja nicht sonderlich ausgeprägt.
„Sag mal!“, fing er an und sah mich abschätzend an, „Hat man dir nicht beigebracht, dass Lauschen ziemlich unfein ist?“
Ich trat aus dem Schatten heraus und sah mich vorsichtig um. Wir waren jetzt ganz allein hier draußen, also kein Entkommen vor dem anstehenden Gespräch. Ich machte einige Schritte auf ihn zu und blieb dann nur wenige Zentimeter vor ihm stehen. Wieder musste ich den Kopf leicht in den Nacken legen, um zu ihm aufsehen zu können.
"Genauso unfein, wie mit der Geliebten auf der eigenen Verlobungsfeier aufzukreuzen, oder etwa nicht?"
„Du bist ein ganz schönes Früchtchen, Esme“, grinste er und zog erneut an der Zigarette. Genussvoll inhalierte er den Rauch und ich hatte das erste Mal in meinem Leben das Bedürfnis eine zu rauchen. Er schien meinen Gedanken zu erraten und lächelte verführerisch.
„Auch mal?“ Er hielt mir diesen ungesunden kleinen Killer entgegen, als wäre er der heilige Gral. Es war verlockend. ER war verlockend. Doch ich konnte mich gerade noch zurückhalten und schüttelte ablehnend den Kopf.
„Nein, danke. Ich rauche nicht“, sagte ich so eingebildet wie möglich.
Er zog die Augenbraue hoch, was ihm ein leicht dämonisches Aussehen verlieh und seine grünen Augen hatten einen eigentümlichen Ausdruck, während er mich prüfend musterte. Die Stimmung zwischen uns war komisch, prickelnd und zum Zerreißen angespannt. Eigentlich hatte ich ihn zur Rede stellen wollen. Stattdessen stand ich hier vor ihm und starrte auf diesen Mund, wünschte mir Dinge, die nicht sein durften und die ich mich nicht mal in Gedanken auszusprechen traute. Oh bitte…
„Du musst doch frieren.“
Seine Stimme klang ungewohnt rau, als er das leichte Frösteln meines Körpers wahrnahm. Der leichte Schal um meine Schultern stellte nur einen unzureichenden Schutz vor der Witterung dar.
„Es geht schon.“
Ich flüsterte die Worte nur, noch immer gefangen von den smaragdfarbenen Iriden und trat unbewusst einen Schritt näher. Er atmete scharf ein und warf die Zigarette mit einer schnellen, hektischen Bewegung einfach zur Seite, ehe er die Hände hob. Sie legten sich warm und stark auf meine Haut, mein Zittern wurde stärker und eine wohlige Schwäche floss unaufhaltsam durch meinen ganzen Körper. Erschauernd schloss ich die Augen und öffnete die Lippen, wartete… Ich konnte spüren, wie er den Abstand zwischen uns verringerte und seinen Kopf zu mir hinunter neigte. Kurz bevor er mich küsste, riss ich die Lider auf. Ich wollte, nein, ich musste ihn dabei ansehen. Er zögerte nur kurz, ehe mein Name wie ein sanfte Liebkosung aus seinem Mund kam.
„Esme….“
Ohne lange darüber nachzudenken, krallte ich meine Finger in sein Hemd und zog ihn zu mir hinab. Mit einem erleichterten Aufstöhnen wollte er gerade seine Lippen auf meinen Mund pressen, ehe Magnus Cullens dröhnende Stimme den Zauber durchbrach.
„Da seid ihr zwei Turteltäubchen. Kommt endlich wieder rein, für euer Geschmuse habt ihr noch die nächsten Jahre Zeit!“
Wir sprangen ertappt auseinander und sahen zu seinem Vater. Magnus blondes Haar leuchtete trotz der schwachen Beleuchtung wie ein Heiligenschein, als er erstaunlich leichtfüßig zu uns trat. Sein breites Lächeln verriet, wie erfreut er über unser Verhalten war. Bestimmt glaubte er, sein Sohn hätte seine Leidenschaft für mich entdeckt und stellte sich im Geist schon das Aussehen seiner zukünftigen Enkelkinder vor. Ich stieß einen halb erleichterten, halb frustrierten Seufzer aus. Was immer das eben gewesen war, es würde sich ganz sicher nicht wiederholen. In Carlisles Augen sah ich dieselbe Entschlossenheit. Immerhin gab es ja immer noch Carmen und …um nicht das Wichtigste zu vergessen – unseren bescheuerten Deal. Mein ganzer Körper fing an zu beben, wenn ich nur daran dachte. Ich spürte Magnus mächtigen Arm um meine Schultern und sah zu ihm auf. Sein faltendurchzogenes, gutmütiges Gesicht sah besorgt auf mich hinab.
„Junge, siehst du denn nicht, dass sie fürchterlich friert!“, schimpfte er. „Sie wird noch ihre eigene Hochzeit verpassen, weil sie sich eine Lungenentzündung holt.“
„Esme, ist ein zähes Mädchen, außerdem ist es doch noch einige Wochen hin bis zur Hochzeit. Nicht wahr, Liebling!“
Böse sah ich ihn an. Nahm er mich etwa auf den Arm.
„Bei dir muss ich ja hart im Nehmen sein“, zischte ich ihn an. Carlisle biss sich wieder mal auf seine verdammte Unterlippe und lächelte provokant, zog es aber vor, zu schweigen. Feigling!
„Kommt Kinder, lasst uns reingehen. Die Leute fragen schon nach euch.“
Oh Gott, bloß nicht jetzt! Ich musste die letzten Minuten noch verdauen und wollte da noch nicht rein.
„Ich würde gern noch ein wenig hier bleiben, wenn es euch nichts ausmacht. Mir bekommt die stickige Luft im Saal nicht. Geht doch schon mal vor, ich komme in wenigen Augenblicken nach.“
Plötzlich legte sich schwerer Stoff um meine Schultern, Wärme hüllte mich wie eine schützende Decke ein und ein wundervoller Duft stieg mir in die Nase. Carlisle hatte seine Smokingjacke ausgezogen und sie mir über die Schultern gelegt.
„Hier, damit du mir hier draußen nicht erfrierst“, erklärte er mir und zwinkerte mir frech zu.
Ein wenig verblüfft, aber auch dankbar erwiderte ich seinen freundlichen Blick und zog mir mit den Händen die Jacke enger um die Schultern. Gott, sein Geruch war überall…Auf mir….in meinem Kopf …..und jetzt wohl für immer in meiner Erinnerung. Allein schon der Gedanke daran, eine ganze Nacht in den Armen dieses Mannes zu liegen und seinen warmen, tröstlichen Duft zu inhalieren – ihn voll und ganz in mir aufzunehmen - war bestürzend schön. Verwirrt blinzelte ich und bekam nicht mal ein Wort des Dankes heraus. Er schien meine widersprüchliche Haltung zu erahnen und schlug seinem Vater kumpelhaft auf die Schultern.
„Lass uns reingehen! Esme kommt gleich nach.“
Er zog den viel breiteren Mann einfach mit sich fort und schob ihn durch die Tür nach innen. Bevor er ihm folgte, drehte er sich noch mal um und schenkte mir einen langen, nachdenklichen Blick. Ich hatte keine Ahnung, was für einen Anblick ich bieten musste, doch ich bemühte mich um eine aufrechte, stolze Haltung. In seinem Gesicht konnte ich nicht lesen, was in ihm vorging. Meine eigenen Gefühle wurden mir aber immer klarer. Ich war dabei mich in diesen unberechenbaren Mann zu verlieben, obwohl ich ihn kaum kannte. Bei Royce war es eine blinde Liebe gewesen, ich hatte ihn idealisiert und auf ein Podest gestellt. Bei Carlisle würde es etwas völlig anderes sein. Ich hatte ihn schon von seiner schlechtesten, unverschämtesten Seite kennengelernt und die rosarote Brille schon vor unserer ersten Begegnung weggepackt. Dass gerade er so leidenschaftliche Gefühle in mir weckte, war nicht gut. Er gehörte nicht wirklich zu mir und im Grunde mochte ich ihn nicht mal. Außerdem passte mir sein lockerer Lebenswandel nicht im Geringsten, geschweige denn, die Wahl seiner Damenbekanntschaften.
Wir hatten einfach nichts gemeinsam. Während ich sehr ruhig und ernsthaft war, verhielt er sich äußerst extrovertiert und lebte sehr nach außen hin. Er liebte Partys und Gesellschaften jeder Art. Ich dagegen, zog ein gutes Buch jeder Cocktailparty vor. Er mochte und brauchte viel Geld, für mich war es beruhigend, ohne dass es mir sonderlich wichtig war. Es war eben da, ein Luxus den ich zu schätzen wusste, was meine Schwäche für schöne Kleider ja bewies, aber ich hätte sicherlich auch ohne die neuesten Modekreationen leben können. Chanel, Armani, Valentino…im Endeffekt waren es nur Namen, ich brauchte sie nicht zum Glücklich sein. Geld war jedenfalls nicht meine Motivation und mein Antrieb, so wie es das bei ihm war. Je länger ich darüber nachgrübelte, umso absurder kam mir die fehlgeleitete, erotische Spannung zwischen uns vor, die zweifelsohne da war. Carmen hatte das schon richtig beobachtet. Da war etwas zwischen mir und ihm, doch das bedeutete ja nicht automatisch, dass wir dem nachgeben mussten. Vorhin wäre es beinahe passiert….
Endlich verschwand auch er im Inneren und ich atmete erleichtert aus. Wie blind starrte ich in die nächtlichen Sternenhimmel hinauf. Was sollte ich jetzt nur tun? Das Alles wurde mit jedem Tag komplizierter.
„Du wirst ihn nicht kriegen!“
Die scharfe weibliche Stimme kam mir sehr bekannt vor. Langsam wandte ich mich in die Richtung, aus der die Stimme kam und erblickte Carmen. Sie blickte mich hasserfüllt an und machte ganz den Eindruck, als wollte sie mich jede Sekunde anspringen. Einschüchtern konnte mich das aber nicht. Dafür mangelte es mir einfach an Respekt für sie.
„Ich werde ihn heiraten, nicht du und das bald schon“, legte ich den Finger auf die Wunde. Mitleid hatte ich keins mit ihr, weil ich die Ehrlichkeit ihrer Gefühle anzweifelte. Vermutlich würde es eher sein Bankkonto sein, dem sie hinterher trauerte, wenn er sie tatsächlich abservierte. „Ist ein bisschen spät, um sich noch darüber Gedanken zu machen, wer von uns beiden am Ende an seiner Seite ist. Findest du nicht, Carmen?“
Meine Stichelei war gemein und bei jeder anderen hätte ich sie sicher unterlassen, aber dieser berechnende und kalte Blick, mit dem sie die Welt um sich herum betrachtete, erleichterte es mir ungemein, mich nicht um ihre „zarte“ Seele zu sorgen. Carmen war wütend und benutze ihre blitzenden Augen, um mich anzufunkeln. Angst machte sie mir damit aber nicht. Wenn sie die enttäuschte Liebe spielte, konnte ich sie einfach nicht richtig ernst nehmen. Das ging nur, solange sie ihren Mund hielt. Ich nutzte die Gelegenheit, um sie mir genauer anzusehen und ich war gegen meinen Willen ein wenig beeindruckt. Sie trat arrogant auf und wirkte mit ihrer blassen, hellen Haut, den leuchtend roten Haaren und ihrem schwarzen, rückenfreien Kleid wie eine wunderschöne Göttin. Man konnte es Carlisle nicht verübeln, dass er sich in sie verguckt hatte. Im Gegensatz zu unserer Schulzeit, strahlte sie jetzt eine gewisse Klasse aus. Zwar war es noch nicht lange her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten, aber sie schien an ihrer Aussprache und an ihrer Haltung gearbeitet zu haben. Früher war sie recht schnoddrig aufgetreten, und teilweise war sie sogar ausfällig geworden.
„Was für eine Ehre, die wohlerzogene Esme erinnert sich noch an meinen Namen“, spottete sie bösartig. Na bitte, da war sie ja wieder - die gute, alte Carmen. „Das ich das noch erleben darf. Früher bist du nicht von deinem hohen Ross hinuntergestiegen, da war ich dir nicht gut genug.“
Entrüstet sah ich sie an.
„Ich bin kein Snob. Dass niemand von den Mädchen sich mit dir abgeben wollte, daran bist du selbst schuld. Du hast uns doch genauso von oben herab betrachtet, weil du dich so toll fandest.“ Ich zog Carlisles Jackett etwas enger um mich und sprach dann weiter. „Ich möchte mit dir nicht über die Vergangenheit diskutieren. Du bist ja sicher von Carlisle über die momentane Situation informiert worden. Wenn ich mich recht erinnere, warst du sogar damit einverstanden. Ich werde mich für nichts rechtfertigen oder entschuldigen, ganz einfach, weil ich dir rein gar nichts schulde und du mir auch nicht das Geringste bedeutest. Ich hoffe, ich habe mich da klar ausgedrückt.“
„Scheiße, du bist noch genauso selbstgefällig, wie in der Schule“, rief sie angewidert aus. Ich zuckte bei so viel offen zur Schau getragenem Abscheu zurück. Vielleicht war ich selbstgefällig, aber sie war kein Stück besser, als ich.
„Denk doch, was du willst, Carmen! Ich lasse mir jedenfalls von dir nicht die Schuld zuschieben, weil er dich langsam satt hat.“
„Nimm das sofort zurück!“, zischte sie gefährlich leise und kam langsam auf mich zu. Ihre blauen Augen wirkten merkwürdig glasig und ich bekam es jetzt doch langsam mit der Angst zu tun. Meine Güte, die war total irre! Wenn ich nicht aufpasste, würde ich gleich über die Brüstung der Dachterrasse segeln. Vorsichtshalber bewegte ich mich auf die drei Stufen zu, die zu den Schiebetüren führten. Sicher war sicher.
„Hör mir zu, Carmen“, meinte ich dann beschwichtigend. "Du kannst ganz beruhigt sein. Zwischen mir und Carlisle läuft rein gar nichts. Wir sehen uns kaum und wenn, sind ständig irgendwelche Leute um uns rum. Reg dich nicht auf und lass mich in Ruhe. Wenn du deine Beziehung diskutieren willst, tu das mit ihm. Ich stehe dir dafür nicht zur Verfügung.“
Carmens Augen wurden schmal, sie sah mich abschätzend an, als könnte sie allein dadurch rausfinden, ob ich die Wahrheit sagte.
„Er würde sich ohnehin schnell mit dir langweilen“, höhnte sie dann und sah mich verächtlich von Kopf bis Fuß an. „ Carlisle liebt seinen Sex leidenschaftlich und wild, du würdest ihn mit deiner prüden Art nicht befriedigen können. Ein Mann wie er will eine hemmungslose Liebhaberin. Oder würdest du seinen Schwanz lutschen, so wie ich es tue?“
„Gott, du bist widerlich“, brachte ich angeekelt hervor. Sie war so vulgär. Carmen Denali hatte sich vielleicht äußerlich verändert, aber im Inneren war sie noch genauso billig wie früher. Rennend legte ich die letzten Schritte zur Tür zurück, um wieder zu den anderen hineinzugehen. Carmens Nähe war mir unerträglich und ich wollte diese sinnlose Unterhaltung keinesfalls weiterführen.
„Du bist ihm nicht gewachsen, Schätzchen“, lachte sie mich aus. „Und mir auch nicht. Ich warne dich. Wenn du denkst, ich lasse zu, dass du ihn ganz bekommst, hast du dich verrechnet. Ich werde alles tun, um dich zu zerstören und ihn auch, wenn es sein muss.“
Ich antwortete ihr nicht mal, als ich wieder in den Saal trat und meine Augen suchend umherschwirrten. Mit dem Bewusstsein eine gefährliche Feindin in Carmen gewonnen zu haben, machte ich mich auf die Suche nach dem Mann, der den Anlass für diese Auseinandersetzung geboten hatte. ….
Teil 4
Es gibt wohl im Leben eines jeden Menschen Tage, die einen hoffen lassen, dass die Nacht niemals kommen wird. Bei mir war das heute definitiv der Fall. Doch obwohl ich mir das – feige, wie ich war – mit aller Kraft wünschte, rückte der Zeitpunkt an dem die Hochzeitsfeierlichkeiten enden würden, unweigerlich näher. Die Trauung selbst, hatte ich irgendwie überstanden, ohne in Panik auszubrechen. Sogar der Kuss danach, der recht zahm ausgefallen war, hatte mich nicht sonderlich aus der Fassung gebracht. Doch jetzt wurde mein Zeitfenster immer enger und das merkwürdige Gefühl in meinem Magen, nahm mit jeder verstreichenden Minute zu. Dann noch das ganze Drumherum. Ich fühlte mich unwohl inmitten all dieser Menschen, die wohl in dem Glauben waren, dass Carlisle und mich eine große Liebe verband. Und als Sahnehäubchen obendrauf, gab es noch den Zusammenschluss zweier Unternehmen, die danach an Macht und Stärke kaum noch zu überbieten waren. Für die Welt da draußen erlebten Carlisle und ich gerade ein Märchen, doch wir glaubten beide nicht an sie.
„Was ist los mit dir?“, hörte ich Carlisle neben mir fragen. Er legte wie zufällig den Arm über meine Schulter und neigte sich mir entgegen. Für alle Außenstehenden musste es wie verliebtes Getuschel wirken, aber ich wusste es besser. Es war reine Neugier, die ihn zu so einem Verhalten veranlasste. Nachdem ich sonst auch nicht auf den Mund gefallen war, musste ihm meine plötzliche Wortkargheit zwangsläufig auffallen. Für meine Verhältnisse, war ich wirklich ungewöhnlich schweigsam.
„Nichts“, log ich und sah ihm ein wenig widerstrebend in die grünen Augen. Ich war wirklich eine schlechte Lügnerin und er würde bestimmt merken, dass ich nicht ganz ehrlich war. Mein Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich. Carlisle war mir so nahe, dass ich die goldenen Sprenkel in seinen Augen deutlich erkennen konnte und auch mich selbst, weil ich mich in seinem Blick widerspiegelte. Oh nein! Sah ich wirklich so verängstigt aus?
„Ich glaub dir kein Wort!“, äußerte er freimütig und lehnte sich dann ein wenig auf seinem Stuhl zurück. Sein Arm rutschte von meiner Schulter, blieb aber wie selbstverständlich auf der Rückenlehne liegen. So konnten seine Fingerspitzen in ständigem Kontakt mit meiner bloßen Haut bleiben, da mein Brautkleid aus einer Korsage mit einem weitschwingenden Glockenrock bestand. Hin und wieder, glitten seine Blicke frech über mein großzügiges Dekolleté und ich erschauerte ein ums andere mal unter seinen sanften Berührungen. Sie wirkten fast wie zufällig, doch an seinem leicht herausforderndes Lächeln bestätigte meinen Verdacht, dass er das mit voller Absicht machte. Wollte er mich provozieren, weil ich vor lauter Panik zur Salzsäule erstarrt war? Immer wieder strich er mir zart über das Schlüsselbein, das Schulterblatt und näherte sich ab und zu verspielt meinem Ausschnitt, so nah, dass ich fast vom Stuhl gehüpft wäre. Doch auch wenn mich diese süßen Zärtlichkeiten sehr verwirrten, genoss ich insgeheim seine Berührungen. Ich gönnte mir einfach ein paar Augenblicke von diesen lieblichen Schauern, die meinen gesamten Körper überzogen, ehe ich meine Hand auf seine legte und sie so unauffällig wie möglich von meiner Haut schob. Jetzt war genug, das musste aufhören, bevor ich etwas wirklich Dummes tat und ihm zeigte, wie sehr es mir doch gefiel. Wir waren kein Liebespaar und ich sah keinen Sinn darin, wenn wir uns wie solch eines verhielten. Ich wollte den Leuten keine Show bieten, nur damit die Klatschmäuler endlich den Rand hielten.
Es waren nämlich erste Gerüchte laut geworden, die Hochzeit sei alles andere als eine Liebesheirat. Wer die Wahrheit ausgeplaudert hatte, konnte ich mir schon denken. Es musste seine Geliebte gewesen sein, die als sogenannter Insider, die leider zutreffenden Gerüchte geschürt hatte. Ich hatte Carmen bisher nur einmal wiedergesehen. Sie lief mir in einer Boutique über den Weg und sah mich so hasserfüllt an, dass mir jetzt noch das Blut in den Adern stockte, wenn ich daran zurückdachte. Es fröstelte mich unwillkürlich, sobald mir ihre eisigen Augen in den Sinn kamen und ihr schönes Gesicht hatte sich zu einer hässlichen Fratze verzogen. Neid und Missgunst hatten noch nie zu der Schönheit eines Menschen beigetragen und machten ihn einfach nur zu einem abstoßenden Wesen. Carmen war der lebende Beweis dafür und ich hatte in der Boutique ein ziemlich mulmiges Gefühl im Bauch gehabt. Doch noch viel mehr, als vor eventuellen Rachegelüsten einer neidischen und eifersüchtigen Geliebten, fürchtete ich mich vor dem Ausgang dieses Abends. Nicht mehr lange und Carlisle und ich würden allein sein, in einem Zimmer und vielleicht sogar in einem Bett. Wir mussten ja den Schein wahren. Nicht nur vor der feinen Gesellschaft in Seattle, sondern auch vor unseren Eltern. Umso schneller würden wir unsere Freiheit erhalten. Aber meine Güte! Ich hatte noch nie eine ganze Nacht, allein mit einem Mann verbracht. Ich starb fast vor Aufregung, weil ich längst nicht so abgebrüht war, wie ich mich ihm gegenüber gab. Wieder überzog eine leichte Gänsehaut meine bloßen Arme und ich rieb leicht darüber.
„Ist dir kalt?“
Seine Stimme klang dunkel und verführerisch. Erstaunt, dass ihm das überhaupt aufgefallen war, sah ich ihn an und konnte das süffisante Grinsen in seinem Gesicht erkennen. Ohhhhhhh, dieser….Er wusste genau, warum ich so entsetzlich nervös war. Die bevorstehende Hochzeitsnacht zehrte an meinen Nerven. Für jedes junge Paar die Krönung ihrer Liebe. Aber nicht für mich und nicht für ihn, denn zwischen uns bestand keine Verbindung, die auch nur im Entferntesten mit Zärtlichkeit und Leidenschaft zu tun hatte, auch wenn wir uns mittlerweile ganz ordentlich vertrugen. Zumindest, wenn er nicht so frech und provokant war wie jetzt, kamen wir seit Neuestem ziemlich gut miteinander klar.
„Sagen wir mal so, ich finde die Stimmung ein wenig unterkühlt.“
Er neigte sich wieder ein wenig zu mir.
„Soll ich dafür sorgen, dass dir warm wird?“, hauchte er verspielt. Er zupfte an einer Strähne, die sich aus der kunstvoll arrangierten Hochsteckfrisur gelöst hatte und lächelte mich herausfordernd an. Mir stockte der Atem. Was sollte das denn jetzt? Warum spielte er plötzlich den romantischen Liebhaber?
„Hast du Streit mit Carmen, oder warum bist du plötzlich so auf einen Flirt mit mir aus“, fragte ich geradeheraus.
Sein Blick verfinsterte sich augenblicklich.
„Halt Carmen da raus!“, zischte er mir leise zu, rückte ein wenig von mir ab und sah sich unbehaglich um.
Sie war nicht eingeladen und ich war mir sicher, dass sie nicht hier war. Doch seine suchenden Blicke verrieten mir, dass er sich dessen nicht so sicher war. Würde sie es tatsächlich wagen, hier aufzutauchen? Inzwischen traute ich ihr alles Mögliche zu. Ich hatte sie seit der Begegnung in der Boutique vor ein paar Wochen, nicht mehr persönlich getroffen, aber ich bekam ständig anonyme Anrufe. Sobald ich ans Telefon ging, wurde aufgelegt. Mit Sicherheit war sie es, die mich damit terrorisieren wollte. Carlisle hatte ich davon nichts erzählt. Ich wollte keinen Unfrieden stiften und die Sache unnötig aufbauschen. Ich hatte ja keine wirkliche Angst vor ihr, sondern fand es eher lästig. Außerdem würde sie die Beziehung mit ihren Eifersuchtsattacken ohnehin selber versauen. Wenn eine Geliebte zur rasenden Furie wurde, verging jedem Mann nach einer Weile der Spaß. Ich konnte mir schon vorstellen, wie sie ihn jedes Mal rund machte, wenn er wieder mal wegen mir absagen musste. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Geschah ihm ganz recht, wenn er so einen schlechten Frauengeschmack besaß.
Noch immer war es mir unbegreiflich, was er an ihr fand. Sie war schön, aber das war ich auch. Doch Carmen mangelte es an Intelligenz und der Fähigkeit einen Mann, oder allgemein einen Menschen, mit intelligenter Konversation zu fesseln. War es nur das Bett, das ihn bei ihr hielt? Sex wurde meiner Meinung nach total überbewertet. Gut, ich hatte keine ausschweifenden Erfahrungen auf dem Gebiet, aber wenn man sich die Paare so ansah, die im Laufe der Jahre zusammengekommen waren, so basierten die Beziehungen irgendwann eher auf einer anderen Ebene, als der Körperlichen. Ich musste mir da nur meine Eltern ansehen. Mama hatte zwar zugegeben, dass diese Seite ihrer Ehe nach wie vor sehr wichtig war, und auch wichtig bleiben musste, aber sie war nicht ausschlaggebend für ein glückliches Zusammenleben. Vertrauen, Freundschaft und die Fähigkeit sich auszutauschen und ehrlich zueinander zu sein, waren hundert Mal wichtiger, als wilder Sex. Mit einem Schmunzeln hatte sie dann noch hinzugefügt, dass das eine, das andere ja nicht ausschloss. Ein wenig verlegen, hatte ich ihren Blick gemieden, weil mir die Vorstellung, wie sich meine Eltern auf den Bettlaken wälzten, nicht sehr behagte.
Meine Antipathie gegenüber Carmen wuchs täglich und ich traute mich kaum zuzugeben, dass es an meiner gleichfalls wachsenden Zuneigung zu Carlisle lag. Ich war nicht in ihn verliebt. Aber ich mochte ihn, trotz seiner immer noch unverschämten Art, ziemlich gerne. Er war intelligent und belesen und hatte einen feinen Sinn für Humor. In ihm steckten so viele gute Eigenschaften und ich fand es schade, dass sie durch seinen lockeren Lebensstil und seine Arroganz nicht so richtig zum Tragen kamen. Denn eingebildet war er leider auch und viel zu ¬sehr von sich überzeugt. Warum er meinte, eine ungeliebte Frau heiraten zu müssen, konnte ich mir aber nicht erklären. Er fand sich selber so toll, er hätte eigentlich daran glauben müssen, dass er es auch ohne die finanzielle Unterstützung seines Vaters zu etwas bringen konnte. Ich traute ihm das jedenfalls ohne Weiteres zu. Doch er zog es vor, den leichteren Weg zu gehen und das war ein Punkt in seinem Charakter, den ich wirklich berauschend fand. Er nahm mich, wegen des Geldes. Abgesehen davon, dass es nicht sonderlich schmeichelhaft für mich war, bedeutete es doch, dass er sich quasi verkaufte. Es war ein hartes Wort für sein Verhalten und er hätte mir auch dasselbe vorwerfen können, aber ich tat es wirklich nur der Gesundheit meines Vaters zuliebe. Doch trotz all der Schwächen – und meine Güte, wer hatte die nicht - die er zweifelsohne hatte, mochte ich ihn. Sehr sogar.
Bevor ich mich noch weiter in meinen eigenen Gedanken verstricken konnte, hörte ich Magnus Cullens donnerndes Lachen. Wie meistens, laut und herzlich, über etwas, das seine Frau ihm zuflüsterte. Unwillkürlich musste ich grinsen. Gott, ich mochte diesen Mann so sehr. Er und seine Frau Elisabeth, waren mir in den letzten Wochen sehr ans Herz gewachsen. Beide gaben mir das Gefühl, ein Teil dieser Familie zu sein, so sehr, dass ich schon beinahe selbst daran glaubte.
„Dad ist toll, nicht wahr?“
Dieser Satz aus seinem Mund überraschte mich kein bisschen. Er verehrte seinen Vater zutiefst. Insgeheim hegte ich die Hoffnung, dass es in Wirklichkeit der Wunsch war seinen Vater stolz zu machen, der ihn dazu brachte, eine standesgemäße Frau wie mich zu heiraten, und nicht allein die Angst, ohne dessen Geld leben zu müssen. Das wäre wenigstens ein Grund, durch den unsere Verbindung nicht so einen schalen Nachgeschmack hätte.
„Ich bewundere deinen Vater sehr. Es ist mir wirklich wichtig, ihn und deine Mutter nicht zu enttäuschen“, gab ich zu und er lächelte fein.
„Glaub mir, er mag dich mehr als mich“, sagte er etwas flapsig, aber ein stiller Ernst lag hinter dem lockeren Tonfall. Hatte er Angst den Ansprüchen seines Vaters nicht zu genügen? Das war doch völlig hirnrissig. Jeder der Magnus Cullen zuhörte, konnte den unverkennbaren Stolz in seiner Stimme heraushören, wenn der über seinen Sohn sprach. Die Eskapaden, die sich Carlisle in jüngster Vergangenheit geleistet hatte, wurden von ihm toleriert. Er schob es wohl auf den jugendlichen Überschwang oder wie immer man das nennen wollte.
„Wie kommst du darauf?“
Jetzt wollte ich es genau wissen, doch enttäuscht merkte ich, wie er sich sofort wieder zurückzog. Sobald wir auf ernstere Themen kamen, wurde er sehr zurückhaltend und eisig. So wie jetzt. Er langte nach seinem Weinglas und stürzte es in einem Zug hinunter. Danach sah er mich mit trübem Blick an. Der Alkohol, den er ziemlich reichlich zu sich genommen hatte, zeigte Wirkung. Ein wenig befangen erwiderte ich seinen Blick. Auch wenn er einiges im Verlauf des Tages getrunken hatte, war er weit davon entfernt betrunken zu sein. Seine Aussprache war noch tadellos und was sein Standvermögen anging – keine Ahnung. Unwillkürlich fingen meine Wangen an zu glühen, als ich an das doppeldeutige Wort dachte. Was würde mich in meiner Hochzeitsnacht erwarten? Wollte er sich ernsthaft daran halten, und mich nicht anfassen? Irgendwie enttäuschte mich die Aussicht. Es war zum Verrückt werden. Ich wusste ja mittlerweile selbst nicht mehr, was ich eigentlich wollte.
„Wir müssen bald gehen“, sagte er mit rauer Stimme, ohne mir eine Antwort auf meine Frage zu geben. Gefangen von dem Ausdruck in seinen Augen interessierte mich der Grund für seine komische Bemerkung herzlich wenig. Ich verlor mich in diesen grünen Tiefen und wartete aufgeregt darauf, dass mein Herz einfach aus meiner Brust hüpfte, so heftig hämmerte es dagegen. Ab und an, hatte er eine Art mich anzusehen, die mich völlig verwirrte. Carlisle machte mir in solchen Momenten bewusst, dass ich eine Frau war, ein weibliches Wesen mit Bedürfnissen, die ich bis jetzt immer ignoriert oder verleugnet hatte. Er musste nur anwesend sein und ich spürte dieses gewisse Kribbeln, das sich bis in die letzten Nervenenden meines Körpers zog. Aufregende, verbotene Fantasien suchten mich nachts oft heim, wenn ich allein in meinem Bett lag und sein Gesicht sich klammheimlich in meine Gedanken schlich. Es kam nicht selten vor, dass ich mich stundenlang im Bett hin und her wälzte, weil ich einfach keinen Schlaf finden konnte. Es endete meist damit, dass ich mich völlig aufgewühlt im Bett aufsetzte, das Licht der Nachttischlampe anmachte, um dann in irgendeinem Buch zu lesen. Meistens ein und denselben Absatz ein Dutzend mal hintereinander, ehe die Sätze meinen benebelten Verstand erreichten. Am Tage gab ich das nicht mal mir selber gegenüber zu, sondern verdrängte diese immer stärker werdende Sehnsucht nach ihm. Gefühle für ihn zu entwickeln kam überhaupt nicht in Frage. Es würde mich auf Dauer nur verletzen, ihn mit einer anderen Frau teilen zu müssen. Fast hätte ich gelacht. Teilen - das setzte ja voraus, dass er mir in gewisser Weise gehörte. Vor der Welt vielleicht, doch diese Lüge machte noch lange kein Paar aus uns.
„Esme…..“, hakte er nach, „hast du mich verstanden? Es ist gleich soweit.“
Geistesabwesend nickte ich. Meine Handflächen wurden feucht und ich starrte blicklos auf die weiße Tischdecke vor mir. Ich wollte noch nicht aufstehen, ich wollte den Augenblick des Aufbruchs noch ein wenig hinauszögern. Plötzlich spürte ich seine Hand, die sich beruhigend über meine legte. Sachte strich er mir über den Handrücken.
„Ich werde dich nicht fressen. Versprochen!“
Peinlich berührt sah ich zu ihm auf.
„Entschuldige, ich weiß gar nicht, was mit mir los ist.“
„Es war ein langer aufregender Tag. Du bist einfach erschöpft.“
So viel Verständnis hätte ich von seiner Seite gar nicht erwartet und ich lächelte zittrig. Manchmal konnte er wirklich süß sein. Diese Seite mochte ich am liebsten an ihm. Carlisle konnte jungenhaft und fürsorglich sein und war nicht immer der selbstverliebte Macho, den er nach außen hin darstellte.
Meine Lippen bebten, als ich ihn versuchsweise anlächelte.
„Du musst mich für eine Idiotin halten, weil ich so nervös bin. Wahrscheinlich“, ich machte eine kurze Pause, ehe ich weitersprach, „…wahrscheinlich, hältst du mich für lächerlich. Ich meine….naja…du ….du hast ja so viel Erfahrung in diesen Dingen und kannst gar nicht nachvollziehen, wie es in mir aussieht.“
Sein Ausdruck wurde undurchsichtig.
„Du hast also keine Erfahrung, was Sex angeht“, schlussfolgerte er und stieß dann ein leicht genervtes Seufzen aus, als ich langsam den Kopf schüttelte, ohne etwas zu sagen. Doch dann wurde seine Miene freundlicher und er grinste verstehend. Ich begann mich endlich wieder ein bisschen wohler zu fühlen, weil er nicht darüber lachte. Immerhin hatten wir die wilden Siebziger. Sex mit wechselnden Partner, war etwas völlig Normales und keiner zeigte mehr mit dem Finger auf einen, wenn man nicht mehr als Jungfrau in die Ehe ging. Doch bei mir hatte es sich irgendwie nicht ergeben und nach Royce, hatte ich vorerst die Schnauze voll von den Männern. Jetzt war ich einfach nur erleichtert, dass es raus war und versank in Carlisles Augen, die so sanft dreinblicken konnten. Es war leicht, alles um uns rum zu vergessen. Die Musik der Band, das Klirren der Gläser und das Klappern vom Besteck, das Lachen der Gäste. Es rückte alles in den Hintergrund und da waren nur noch wir beide. Mein Herz puckerte in unregelmäßigem Rhythmus und ich konnte beobachten, wie seine Hand sich hob und zart auf meine Wange legte. Die Wärme drang durch die Poren meiner Haut und ich lehnte mich stärker in die Berührung hinein. Die Struktur und Beschaffenheit seiner Haut stellte nach kurzer Zeit kein Geheimnis für mich dar, ich konnte sie genau auf meiner fühlen, doch leider endete dieser Kontakt viel zu schnell. Er nahm die Hand wieder fort und brachte wieder Abstand zwischen uns. Als hätte es diesen kurzen, innigen Moment zwischen uns niemals gegeben, meinte er nur:
„Esme, ich war lange nicht mit so vielen Frauen im Bett, wie die Presse behauptet. Glaub nicht alles, was da geschrieben wird.“
Seine Stimme klang wieder distanziert und hart, es war wie ein Kübel kalten Wassers, der über meinem Kopf ausgeleert wurde. Seine Förmlichkeit verletzte mich mehr, als ich wahrhaben wollte und ich setzte mich stolz aufrechter hin.
„Das tu ich nicht, Carlisle. Diese Art von Berichterstattung gehört nicht zu meiner bevorzugten Lektüre.“
Er fauchte wie ein Raubtier und grinste, so locker und lässig, wie sonst auch.
„Oha, mein Kätzchen fährt wieder die Krallen aus.“
Ich verdrehte die Augen.
„Ich bin nicht dein Kätzchen“, fuhr ich ihn an, doch er lachte nur erheitert.
„Sei nicht so, Esme!“
„Wie bin ich denn?“
Ich war ihm nicht böse, nur manchmal fiel es mir unheimlich schwer ihn einzuschätzen. Seine Art war meist sehr verspielt und ich reagierte oft ziemlich steif darauf Man konnte auch sagen, im Grunde meines Herzens, war ich echt prüde.
„Du bist prüde“, sagte er auch prompt und die Hitze stieg mir in die Wangen.
Na bitte, dachte ich wie erschlagen. Jetzt weißt du es, Esme. Ganz offiziell bestätigt und auf den Punkt gebracht, von Mr. Charming persönlich. Am liebsten hätte ich mich unter der Tischdecke verkrochen und wäre nie wieder aufgetaucht, weil mir seine Einschätzung meiner Persönlichkeit nun doch peinlich war. Wer wollte schon als prüde gelten? Ich wollte mein Gesicht abwenden, doch seine Hand legte sich auf meinen Arm und drückte sanft zu. Ich musste ihn einfach ansehen, es war wie ein innerer Zwang.
„Hey, das braucht dir nicht peinlich zu sein“, beruhigte er mich. „Ich finde das sogar ziemlich bemerkenswert, wenn ich ehrlich bin. Also schenk mir dein bezauberndes Lächeln und vergiss deine Sorgen. Wir sind doch erwachsene Leute, da müsste das doch zu schaffen sein.“
Sein Grinsen war dermaßen ansteckend, dass ich es einfach erwidern musste und ich fühlte mich wieder leicht und unbeschwert. Es würde wohl doch nicht so schlimm werden, wie ich es gedacht hatte. Egal, was in dieser Nacht noch zwischen uns passieren würde, Carlisle würde mich mit Respekt behandeln. So langsam baute sich eine gewisse Spannung in mir auf, und wenn ich bisher alles getan hätte, um das Ende der Feier hinauszuzögern, dann konnte ich es auf einmal gar nicht mehr abwarten, mit ihm allein zu sein. Ich konnte es nur wiederholen – ich wusste einfach nicht was ich wollte und das machte mich selber langsam wahnsinnig.
Das rhythmische Klopfen eines Löffels gegen ein Champagnerglas ertönte und die Menge verstummte nach und nach. Magnus Cullen hatte sich erhoben und wartete darauf das Wort zu ergreifen. Eine Rede. Oh du liebe Güte!
„Meine lieben Hochzeitsgäste“, begann er und lächelte freudestrahlend jeden an, dessen Blick den seinen kreuzte. „Ich kann euch allen gar nicht sagen, wie viel es mir bedeutet, dass ihr heute ein Teil dieses Freudentages seid. Mein Sohn Carlisle hat endlich den Bund der Ehe geschlossen, und das, mit dem wohl bezauberndsten Wesen in Seattle.“ Er grinste spitzbübisch und sah dann entschuldigend auf seine schöne Frau hinab. „Bis auf dich natürlich, mein Liebling“, sprach er sie an und sie errötete erfreut, über sein Kompliment.
Gelächter war die Folge und es dauerte einen Moment, ehe Magnus fortfahren konnte. Er hob bittend die Hand und der Geräuschpegel wurde wieder schwächer, bis nur noch vereinzeltes Geflüster zu hören war.
„Wo war ich stehengeblieben?“, er kratzte sich gespielt verwirrt am Kopf, was wieder der Auslöser für leises Gekicher war. „Ahhhh, ja. Meine Schwiegertochter.“ Jetzt sah er zu mir und alle Köpfe wandten sich jetzt mir zu. Stuhlbeine quietschten und schabten über den Boden, weil der ein oder andere ungünstig saß und sich drehen musste. So viel Aufmerksamkeit wollte ich eigentlich gar nicht, ertrug aber tapfer die neugierigen, aber durchweg freundlichen Blicke.
Ach du Schande, dachte ich nur und lächelte ein bisschen gequält, als er zielgerichtet auf mich zukam und vor mir zum Stehen kam. Er nahm meine Hand und half mir auf, präsentierte mich, als wäre ich der Hauptgewinn eines Gewinnspiels. So stand ich also vor meinem Schwiegervater, erhaschte kurz einen Blick von meinen stolz dreinblickenden Eltern und schluckte tapfer die Tränen runter, als mir nichts als Wärme und Fürsorge aus dem Gesicht von Magnus Cullen entgegenschlug.
„Liebe Esme, ich heiße dich hiermit herzlich Willkommen bei den Cullens. Mögen du und mein Sohn, eine lange und vor allem glückliche Ehe führen.“
Er wandte sich jetzt an meinen frischgebackenen Ehemann.
„Carlisle, mein Junge, ich hoffe, du weißt zu schätzen, was für einen wundervollen Schatz dir das Schicksal da an die Seite gestellt hat. Sei ihr ein guter und vor allem treuer Ehemann, schenkt euch gegenseitig Respekt und Liebe.“ Er stockte kurz und sah seinen Sohn sehr, sehr ernst an – zu ernst. „Und vor allem…. das ist das Wichtigste überhaupt….. schenk mir und deiner lieben Mutter endlich ein Enkelkind, bevor wir beide zu alt sind, um es richtig zu genießen“, schloss er dann mit einem Augenzwinkern.
Der ganze Saal verfiel in tosenden Applaus und lautes Gelächter. Carlisle, der sich mittlerweile auch erhoben hatte, bekam von seinem Dad meine Hand in seine gelegt.
„Hey, Carlisle“, rief eine männliche Stimme lachend aus der Menge. „Du musst sie jetzt küssen, sonst lassen wir euch hier nicht raus. Und diesmal bitte nicht so was Unterernährtes, wie in der Kirche. Das kannst du doch besser.“
Da war ich mir allerdings auch sicher. Die flüchtige Berührung unserer Lippen nach der Trauungszeremonie, war mir noch in guter Erinnerung, aber rauschhafte Erregungszustände stellte ich mir anders vor. Offenbar küsste Carlisle gern und viel und das auch in der Öffentlichkeit, sonst wüsste der Mann nicht, dass es nur ein blasser Abklatsch dessen war, das er wohl sonst auf Lager hatte.
„Ja, Cullen….zeig uns, dass du es noch nicht verlernt hast!“, schrie ein anderer Kerl.
Immer mehr Leute forderten einen Kuss, bis der halbe Saal in ein synchrones „küssen…küssen….küssen“ verfiel. Mir war das so unendlich peinlich, doch Carlisle hatte anscheinend keine Probleme damit. Grinsend schlang er einen Arm um meine Taille und zog mich mit einem festen Ruck an seinen warmen Körper. Sehr zur Freude seines Vaters, der uns begeistert beobachtete.
„Nun, Mrs. Cullen, ich schätze, wir dürfen unsere Gäste nicht enttäuschen. Findest du nicht auch?“
Mrs. Cullen…es war das erste Mal, das mich jemand so nannte. Dass es ausgerechnet er war, der es als Erster tat, gab dem Ganzen eine besondere Bedeutung. Meine Handflächen legten sich wie von allein auf seinen Brustkorb und ich fuhr mit einer Fingerspitze über das Revers seines Smokings. Die Hitze zwischen unseren Körpern verbrannte mich fast, und endlich gab ich es mir selbst gegenüber zu. Ich wollte einen Kuss von ihm. Keine harmlose Berührung, sondern echte Leidenschaft. Er konnte sie mir geben, ich wusste es einfach.
„Du musst dich schon zu mir runter beugen, sonst wird das nichts“, flüsterte ich ihm leise zu und seine Augen weiteten sich vor Überraschung. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Was sowas anging, war ich ja sehr zurückhaltend und da gab es ja immer noch Carmen. Doch die scherte mich gerade einen Scheißdreck, es war einfach so. Langsam näherte er sich meinem Gesicht und ich konnte den Wein in seinem Atem riechen. Doch ich war nicht angeekelt, sondern sehnte mich danach diesen Geschmack auf meiner Zunge zu spüren. Immer hastiger sog ich die Luft in meine Lungen und die Finger an seiner Brust fingen an, leicht zu zittern. Die Knie waren wackelig und ich konnte mich nur noch mit Mühe aufrecht halten. Ich schwankte zwischen dem Wunsch, mich haltsuchend in seinem Haar festzukrallen oder mich auf den nächstbesten Stuhl fallen zu lassen.
Sitzen…küssen….sitzen…küssen…sitzen…küssen….
Er nahm mir die Entscheidung ab, packte einfach meine Arme und schlang sie sich selbst um seinen Hals. Dann ließ er seine Hände zärtlich an meinen Seiten herabgleiten, runter bis zu meinen Hüften. Die Berührung brannte selbst durch den Seidenstoff des Kleides, wie Feuer auf meiner Haut. Wie musste es sich erst anfühlen, wenn Kleidung sein Streicheln dämmte? Ganz instinktiv trat ich einen Schritt vor, kam ihm damit freiwillig noch näher. Sein Mund legte sich an mein Ohr, er blies mir seinen warmen Atem hinein und ich erschauerte, als er beim Sprechen meine zarten Ohrmuscheln berührte. Es fühlte sich einfach nur gut an und ein leichtes Ziehen in meinen unteren Körperregionen setzte ein.
„Aufgepasst, ich werde dich jetzt um den Verstand küssen, Esme!“, flüsterte er heiser.
Es war ein Versprechen, das er halten würde. Für einen kurzen Augenblick fragte ich mich, was er damit bezweckte, doch dann hörten meine Gedanken auf zu kreisen und ich fühlte nur noch. Geradezu quälend langsam wanderte er mit seinem Mund über meine Wange zu meinem Mundwinkel. Er setzte einen zarten Kuss darauf und leckte spielerisch mit seiner Zungenspitze daran. Mit einem leisen Stöhnen, drehte ich meinen Kopf, wollte ihn dadurch zwingen, seine Lippen endlich richtig auf meine zu legen. Doch er ließ mich zappeln. Seine Hände legten sich vorsichtig um mein Gesicht und ich sah aus dem Augenwinkel Blitzlichter aufleuchten. Irgendjemand fotografierte das hier, dokumentierte es für alle, die es interessierte. Es war mir gleich, denn jetzt konnte ich mich nur noch auf ihn konzentrieren und auf die unglaubliche Spannung, die sich immer stärker in mir aufbaute. Verdammt, er war wirklich ein Meister darin, eine Frau wahnsinnig zu machen. Wenn er so weitermachte, ohne mich richtig zu berühren, dann würde ich noch den Verstand verlieren. Es war zu viel und im gleichen Zuge zu wenig. Immer noch umschloss er mein Gesicht mit seinen Händen und beobachtete mich genau. Das Flackern in seinen Augen machte mich unruhig und ich fing an herumzuzappeln.
„Keine Angst, Süße. Du kriegst gleich, was du dir wünscht.“
Protestierend öffnete ich meine Lippen, und dann ging alles ganz schnell. Ohne noch länger zu warten, senkte er mit einem erleichterten Seufzen seinen Mund auf meinen. Vor meinen Augen explodierten Sterne, mein Körper fühlte sich an wie eine konturlose Masse von Muskeln und Fett. Als hätte ich keinen einzigen Knochen mehr im Leib, wurde ich zu einem fließenden, schwachen Etwas und wäre um ein Haar kraftlos zu Boden gesunken. Etwas Vergleichbares hatte ich noch nie empfunden. Das war es also, was die Menschen so begeisterte, wofür sie so oft logen, betrogen und alles Erdenkliche dafür aufgaben oder riskierten. Das war Leidenschaft in ihrer elementarsten Form. Ich löste mich förmlich darin auf, wurde auseinandergenommen und wieder zusammengebaut, und kam als neuer Mensch wieder zurück. Carlisle so nah bei mir zu haben, hebelte meinen Verstand aus und machte alles was uns trennte bedeutungslos. Willig ließ ich seine Zunge meinen Mund erforschen, er erkundete ihn mit äußerster Geschicklichkeit und die raffinierten Bewegungen, verursachten eine wahnsinnige Hitze in mir. Nur er konnte sie lindern, indem er mir mehr gab.
Wie aus weiter Ferne hörte ich das Johlen und Pfeifen der anderen, doch ich war viel zu gefangen in diesem Augenblick, um mich davon stören zu lassen. Auch Carlisle schien langsam die Kontrolle über sich zu verlieren, denn er packte mit der rechten Hand, eine Handvoll meines Haars und zerstörte damit unwiederbringlich meine Frisur, die in zweistündiger Arbeit zu einem Meisterwerk aufgetürmt worden war. Seine Finger schoben sich hinein, umfassten meinen Hinterkopf und bogen ihn leicht nach hinten, damit er mich noch intensiver küssen konnte. Die Haarnadeln drückten in meinen Haaren, doch der leichte Schmerz machte mir nichts aus. Tatsächlich fühlte mich lebendiger, als jemals zuvor in meinem Leben und genoss es in vollen Zügen ihm ganz und gar ausgeliefert zu sein. Ich bewegte mich auf unbekanntem Gebiet und war zumindest jetzt ganz auf seine Führung angewiesen. Und Himmel, es war wundervoll. Selbst Royce war nicht imstande gewesen, solche Dinge in mir auszulösen und den hatte ich ja geliebt – zumindest hatte ich geglaubt ihn zu lieben.
Ein Räuspern direkt neben uns, holte uns aus dem Nebel und Carlisle löste widerstrebend seinen Mund von meinem. Heftig atmend sah er mich an. Staunend, und irgendwie, als hätte er gerade eine ganz erstaunliche Erfahrung gemacht. Ich für meinen Teil, konnte das auch jeden Fall von mir behaupten. Endlich wusste ich, was es hieß, einen Mann körperlich zu begehren. Die Folgen waren jetzt noch spürbar. Das unangenehme Ziehen in meinem Körper wollte nicht verschwinden und meine Lippen prickelten sehnsüchtig und fühlten sich voller an, als gewöhnlich. Sie wollten wieder von seinen berührt werden.
„Hebt euch das für später auf!“, brummte Magnus neben uns und sah recht verlegen aus. Die Leute waren jedenfalls begeistert und applaudierten immer noch heftig.
„Nun, ich schätze, damit sind die Gerüchte erstmal aus der Welt“, kam es leichthin von Carlisle und ich hätte ihm am liebsten meinen Brautstrauß mitten ins Gesicht gepfeffert. War das der einige Grund gewesen, warum er mich geküsst hatte? Maßlose Enttäuschung ergriff mich und ich betitelte mich selber als dumme Gans.
Was hast du denn erwartet, fragte ich mich dann? Dass er sich Hals über Kopf in dich verliebt und Carmen vergisst? Wach auf, das war alles nur zur Tarnung!
Magnus legte mir väterlich einen Arm über die Schultern und lächelte auf mich hinunter, auch seine Frau und meine Eltern waren langsam zu uns gestoßen und bildeten einen Halbkreis um uns.
„Ihr müsst jetzt gehen. Euer Wagen steht schon bereit und man wird euch in euer Hotel bringen.“
Gefasst sah ich in die Runde, auch Carlisles Gesicht war wieder so undurchsichtig, wie sonst auch. Mit keiner Regung ließ er erkennen, ob ihn dieser heiße Kuss genauso beschäftigte wie mich. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, in seinem Gesicht nach Antworten zu suchen, die ich sowieso nicht bekommen würde, also schaute ich unseren Eltern, nach und nach, fest in die Augen.
„Ich danke Euch allen!“, sagte ich gefasst. „Für die wundervolle Hochzeitsfeier, für die Unterstützung und eure Geduld mit mir.“ Ich atmete ziemlich flach, weil ich jetzt doch Mühe hatte, meine Tränen zu unterdrücken. Mist, Hochzeiten machten mich immer so gefühlsduselig und sentimental. „Mom und Dad, ich hab euch furchtbar lieb. Ich kann gar nicht glauben, dass ich jetzt nie wieder in einem Haus mit euch leben werde.“
Meiner Mutter stand ebenfalls das Wasser in den Augen, als sie mich in ihre Arme zog.
„Oh Schätzchen, wir sind ja nicht aus der Welt und du kannst jederzeit wiederkommen, um uns zu besuchen.“ Sie löste sich ein wenig und sah mich liebevoll an. Ihre nächsten Worte waren allerdings nur für meine Ohren bestimmt. „Liebes, wenn du je das Gefühl bekommst, dass etwas nicht so läuft wie es sollte, wenn du je unglücklich bist und nicht mehr weiter weißt, dann wird dein altes Zimmer immer auf dich warten, mein Kind. Glaub mir, du wirst bei uns immer ein Zuhause haben, das schwöre ich dir.“
Der Ernst ihrer leise hervorgebrachten Worte berührte mein Herz. Meine Eltern hatten diese Ehe gewollt, sie gefördert und vorangetrieben, aber sie würde nicht von mir verlangen darin auszuharren, wenn ich vielleicht doch aus der Sache raus wollte. Das war beruhigend. Gewusst hatte ich das schon vorher, aber es tat gut, es nochmal zu hören.
„Ich danke dir, Mom“, antwortete ich ebenso leise. „Ich hoffe ja, dass das nicht notwendig sein wird.“
Elisabeth und Magnus umarmten mich dann ebenfalls und dann ging alles ganz schnell. Ehe ich auch nur richtig darüber nachdenken konnte, saß ich schon neben Carlisle in einer dunklen Limousine. Wir waren ganz für uns, denn eine dunkle Scheibe trennte uns vom Fahrerbereich ab. Stumm starrte ich aus dem Fenster und konnte mein Gesicht darin erkennen, und auch einen Teil seines blonden Haars. Er sprach kein Wort, sondern hielt sogar die Augen geschlossen. Irgendwann ertrug ich das Schweigen nicht mehr.
„Schläfst du?“
Natürlich tat er das nicht. Dafür atmete er zu unregelmäßig. Prompt öffnete er die Lider.
„Jetzt nicht mehr“, meinte er ziemlich gelangweilt.
Wir waren also wieder am Anfang. Carlisle verhielt sich mürrisch und arrogant. Es enttäuschte mich, dass er jetzt wieder in sein anfängliches Verhalten zurückfiel. Warum machte er das? War er verärgert darüber, dass ihm der Kuss genauso gut gefallen hatte, wie mir? Denn das war definitiv der Fall. So unerfahren war ich dann doch nicht, um dies nicht zu merken.
„Warum bist du so unleidig, Carlsile? Der Kuss war nicht meine Idee. Bestraf nicht mich für etwas, wofür ich nichts kann. Das ist nicht fair.“
Er rieb sich mit den Händen großflächig übers Gesicht. Jetzt sah er einfach nur erschöpft aus und zum ersten Mal fielen mir die leichten Schatten unter seinen Augen auf. Er schien in letzter Zeit nicht gut geschlafen zu haben und ich fragte mich, was ihn davon abhielt.
„Es tut mir leid. Okay!“, war sein einziger Kommentar. Es klang einstudiert. Wie oft sagte er diese Worte in letzter Zeit zu Carmen? Es war nur gerecht, wenn ich sie auch ab und an zu hören bekam.
„Gut, das sollte es auch. Ich bin nicht dein Prügelknabe. Wenn du sauer bist, dann lass es in Zukunft nicht an mir aus.“
„Und wenn du der Auslöser für meine schlechte Laune bist?“
Es klang nicht neckend, es war sein voller Ernst.
„Auf so eine blöde Frage, antworte ich nicht. Wenn wir anständig miteinander umgehen, dann wird es keinen Grund für schlechte Laune geben. Halt dich an die Vereinbarung und alles ist in Ordnung.“
Er grinste spöttisch.
„Du hast also deine Schlagfertigkeit wiedergefunden. Das beruhigt mich und wird es leichter machen.“
Irritiert musterte ich sein viel zu hübsches Gesicht.
„Was denn leichter? Ich versteh nicht, was du meinst.“
Seine Miene verschloss sich.
„Das wirst du noch früh genug merken“, meinte er undurchsichtig.
Gefrustet lehnte ich mich in die weichen Ledersitze zurück. Das gleichmäßige Summen der Limousine und die dunklen Scheiben erzeugten den Eindruck, als wären wir allein auf der Welt. Nichts drang von außen zu uns hinein und seine Gegenwart erdrückte mich fast. Sein männlich herber Geruch drang in meine Nase, sein Körper strahlte noch immer schwindelerregende Hitze aus. Zwischen uns lagen nur wenige Zentimeter Raum und doch war er wieder so weit weg. Ich fand es schade, weil wir uns gerade in den letzten Tagen so gut verstanden hatten. Irgendwie fühlten wir uns wie zwei kindliche Verschwörer, die alle Erwachsenen an der Nase herumführten. Das schweißte uns zusammen, auch wenn man uns noch nicht als Freunde bezeichnen konnte. Doch die Hoffnung wuchs mit jedem Tag und der ganze Deal war mir nicht mehr ganz so unangenehm, wie zu Anfang. Ich gewöhnte mich daran, genauso, wie ich mich an Carlisle gewöhnte. Unsere regelmäßigen Treffen in der Öffentlichkeit, waren bald schon mehr Vergnügen, als Pflicht und ich merkte, wie ich ihnen mehr und mehr entgegenfieberte. Jetzt war die beginnende Vertrautheit auf einen Schlag wie weggeblasen und Schuld war nur dieser verdammte Kuss.
„Wir sind da!“, stellte er gerade fest.
Wir stiegen aus und wurden schon von einem Mann in mittleren Jahren erwartet, als wir unter den Blicken der Presse die Hotellobby betraten.
„Mr. und Mrs. Cullen, mein Name ist Phillip Banks. Ich bin der zuständige Hotelmanager und heiße sie hiermit herzlich Willkommen im Grand Hyatt Seattle. Darf ich sie zu ihrer Eheschließung beglückwünschen?“
Er lächelte strahlend und sah eifrig von einem zum anderen.
„Vielen Dank, das ist sehr freundlich von Ihnen“, antwortete Carlsile recht neutral und lächelte den Mann höflich an.
„Bitte, folgen sie mir. Man wird sie gleich in die Hochzeitssuite bringen.“
„Es reicht, wenn Sie uns die Schlüssel aushändigen und mir das Stockwerk nennen.“ Er grinste den Hotelmanager verschwörerisch an. „Meine Frau und ich wollen gerne so schnell wie möglich für uns sein. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Den ganzen Tag schwirren schon hunderte von Leuten um uns rum.“
Mr. Banks nickte verstehend.
„Das kann ich voll und ganz nachvollziehen. Übrigens, wie gewünscht dürfen Sie und Ihre Frau den Hintereingang benutzen, um das Hotel zu verlassen. Die Presse wird es dort schwer haben, Ihnen und ihrer bezaubernden Gattin aufzulauern.“
Mein Mann nickte zufrieden.
„Sehr schön, das kommt uns sehr entgegen.“
Warum war er denn so scharf darauf, dass die Presse nicht mitbekam, wann wir morgen früh das Hotel wieder verließen? Blitzlichtgewitter und neugierige Reporter waren eh nichts Neues für ihn. Gerade eben, hatte es ihm doch auch nichts ausgemacht.
Während ich mir noch Gedanken darüber machte, bekam Carlisle den Schlüssel und wir machten uns auf den Weg in unsere Suite. Die Fahrt im Lift verlief ruhig und wortlos und doch begann sich erneut in mir diese unheimliche Aufregung aufzubauen. Die Fahrstuhlmusik hätte mich beruhigen soll, doch die monotonen Klänge schafften es nicht, mich wieder ruhigzustellen. Nach diesem Kuss mit ihm allein zu sein, stellte mich vor viele Fragen. Würde er es nochmal versuchen? Das Gespräch in der Limousine, war ja ziemlich frostig verlaufen, doch zwischen uns gab es immer noch genügend Hitze, um das vergessen zu machen. Würde ich mich weigern, wenn er trotzdem mit mir schlafen wollte? Ich traute mich nicht, diese Frage zu beantworten.
Der Fahrstuhl hielt und er ging voraus. Ich sah ihn mir genau an, während er vor mir herlief. Seine beeindruckende Größe wurde durch seine schlanke Statur ein wenig abgemildert. Er wirkte nicht so wuchtig, wie sein Vater und der Smoking unterstrich seine elegant wirkende Erscheinung. Er wäre die perfekte Besetzung für einen Bond- Film. Sogar der äußerst attraktive Sean Connery würde sich anstrengen müssen, um mit Carlisles Ausstrahlung mitzuhalten. Dabei war es beinahe unerheblich, dass es ihm an Jahren und der entsprechenden Erfahrung fehlte. Wie würde er erst sein, wenn die Zeit ihn reifen ließ?
Endlich war es soweit und wir betraten nacheinander die Hochzeitssuite. Heimlich hatte ich ja gehofft, dass er mich vielleicht über die Schwelle tragen würde, einfach um dem Ganzen eine nicht ganz so gefühlskalte Note zu verleihen. Er hielt mir die Tür auf und ließ mir den Vortritt, das war alles an Romantik, was er zustande brachte. Schluckend, weil er gar so zurückhaltend und schweigsam war, ging ich voraus und befand mich im Wohnzimmer. Eine Doppeltür stand leicht auf und ich erhaschte einen Blick auf ein riesiges Himmelbett, dessen helle Vorhänge alle Seiten säumten und nur die vordere Front frei ließen. Cremefarbene Kissen und Satinbettwäsche wirkten enorm einladend und harmonierten mit dem dicken hellen Teppich, der den Boden bedeckte. Mehr konnte ich nicht sehen, da die Türen nicht komplett geöffnet waren.
Ich hörte Schritte hinter mir und drehte mich um. Er stand jetzt ganz nah vor mir. Erwartungsvoll blickte ich in seine Augen und wartete einfach ab, was jetzt passieren würde. Ich sehnte mich nach einem Kuss von ihm und doch war ich ängstlich. Der Deal würde damit hinfällig werden. Miteinander zu schlafen, würde nur alles unnötig verkomplizieren, es schwierig machen. Aber ich war bereit, es zu versuchen. Ich wollte uns eine Chance geben es richtig zu machen und nicht nur ein Schauspiel für die anderen zu bieten.
„Ich werde jetzt gehen und dich allein lassen“, sagte er unvermittelt und presste dann die Lippen so fest aufeinander, dass sie fast weiß wurden.
„Bitte?!“
„Du hast deinen Teil der Abmachung erfüllt und ich werde dich wie gewünscht in Ruhe lassen. Es macht in meinen Augen wenig Sinn, die Nacht gemeinsam zu verbringen, also werde ich dich allein lassen, um dir deine Privatsphäre zu gönnen.“
Das war wie ein Schlag ins Gesicht für mich. Er will zu ihr, dachte ich wie betäubt, und ich dumme Kuh, hätte ihm alles von mir gegeben.
„Ich vermute, Carmen erwartet dich bereits. Oder etwa nicht?“
Ich bemühte mich die Fassung zu bewahren, und ihm nicht zu zeigen, wie sehr mich sein Verhalten verletzte. Es war demütigend, aber ich sprach trotzdem direkt darauf an.
„Bei allem Respekt, Esme. Ich habe dir von Anfang an reinen Wein eingeschenkt. Du wusstest, dass es eine andere Frau in meinem Leben gibt. Hast du gedacht, ich vergesse Carmen einfach, nur weil wir heiraten? Ich bin vielleicht ein arrogantes Arschloch, aber ich habe keine zwei Frauen nebeneinander. Carmen ist die Frau, die ich begehre und wenn ich schon keine richtige Ehe führen kann, dann doch wenigstens eine Beziehung zu einer warmen und leidenschaftlichen Frau. Ich brauche kein kleines Mädchen, das mir vorwurfsvolle Blicke zuwirft. Du hattest die Wahl, jetzt leb mit den Konsequenzen. Ich habe dir nie irgendwelche Versprechungen gemacht.“
Er war so aggressiv, das machte mich für einen Moment sprachlos.
„Ich habe doch gar nichts gesagt.“
„Aber gedacht. Ich kenne dich jetzt ein bisschen und deine Augen verraten mehr, als dir lieb ist.“
„Na gut, ich gebe es zu. Es passt mir nicht, dass du so pietätlos bist und deine Hochzeitsnacht woanders verbringst.“
Er zog spöttisch die Augenbrauen hoch.
„Na, wenn das kein Grund ist, Angst zu haben. Aber ich muss dich enttäuschen. Ob es dir passt oder nicht, ich werde zu ihr gehen. So war es von Anfang an geplant. Was glaubst du, wie sie sich fühlen wird, wenn ich bei dir bleibe?“
Verletzt sah ich ihn an.
„Und was ist mit meinen Gefühlen? Du machst mich zum Gespött von ganz Seattle, wenn du einfach gehst.“
„Darüber brauchst du dir wirklich keine Sorgen machen. Ich habe nicht umsonst darum gebeten, den Hinterausgang benutzen zu dürfen. Keiner wird etwas mitbekommen und morgen früh, komme ich auf gleichem Weg wieder rein. Dein toller Ruf wird schon keinen Schaden nehmen. Keine Angst!“
„Sei nicht so gemein“, flüsterte ich leise.
Meine Stimme klang jetzt brüchig und ich hielt mich nur noch mühsam zusammen. Jetzt wünschte ich mir nichts mehr, als dass er endlich verschwinden würde, damit ich endlich losheulen konnte. Das war alles so falsch und so ….jämmerlich. Ich…..er….unsere Ehe……einfach alles.
Er fuhr sich durch seine Haare, bis sie wild abstanden.
„Scheiße, Esme. Es tut mir leid, ehrlich, aber es bringt nichts, hier weiter zu diskutieren. Lass uns das Ganze zu einem halbwegs anständigen Abschluss bringen. Ich kann nicht anders handeln. Es tut mir leid…wirklich…“
Seine Stimme klang gegen Ende beschwörend und seine Augen hatten einen flehenden Ausdruck. Doch das half mir auch nicht wirklich weiter. Die Demütigung war nicht mehr aufzuhalten, wie ein schleichendes Gift breitete sie sich in mir aus und tränkte alle Winkel meines Verstandes.
„Geh einfach, Carlisle!, forderte ich erstickt auf und drehte ihm verletzt den Rücken zu. Ich fühlte seine Hand an meiner Schulter und schüttelte sie unwillig ab. Ich hörte ihn gequält seufzen.
„Also dann….bis morgen früh.“
Ich hörte seine Schritte, die sich langsam von mir entfernten, hörte, wie die Tür leise geöffnet und wieder geschlossen wurde. Erst dann, gab ich dem unwiderstehlichen Drang zu weinen endlich nach………
Es gibt wohl im Leben eines jeden Menschen Tage, die einen hoffen lassen, dass die Nacht niemals kommen wird. Bei mir war das heute definitiv der Fall. Doch obwohl ich mir das – feige, wie ich war – mit aller Kraft wünschte, rückte der Zeitpunkt an dem die Hochzeitsfeierlichkeiten enden würden, unweigerlich näher. Die Trauung selbst, hatte ich irgendwie überstanden, ohne in Panik auszubrechen. Sogar der Kuss danach, der recht zahm ausgefallen war, hatte mich nicht sonderlich aus der Fassung gebracht. Doch jetzt wurde mein Zeitfenster immer enger und das merkwürdige Gefühl in meinem Magen, nahm mit jeder verstreichenden Minute zu. Dann noch das ganze Drumherum. Ich fühlte mich unwohl inmitten all dieser Menschen, die wohl in dem Glauben waren, dass Carlisle und mich eine große Liebe verband. Und als Sahnehäubchen obendrauf, gab es noch den Zusammenschluss zweier Unternehmen, die danach an Macht und Stärke kaum noch zu überbieten waren. Für die Welt da draußen erlebten Carlisle und ich gerade ein Märchen, doch wir glaubten beide nicht an sie.
„Was ist los mit dir?“, hörte ich Carlisle neben mir fragen. Er legte wie zufällig den Arm über meine Schulter und neigte sich mir entgegen. Für alle Außenstehenden musste es wie verliebtes Getuschel wirken, aber ich wusste es besser. Es war reine Neugier, die ihn zu so einem Verhalten veranlasste. Nachdem ich sonst auch nicht auf den Mund gefallen war, musste ihm meine plötzliche Wortkargheit zwangsläufig auffallen. Für meine Verhältnisse, war ich wirklich ungewöhnlich schweigsam.
„Nichts“, log ich und sah ihm ein wenig widerstrebend in die grünen Augen. Ich war wirklich eine schlechte Lügnerin und er würde bestimmt merken, dass ich nicht ganz ehrlich war. Mein Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich. Carlisle war mir so nahe, dass ich die goldenen Sprenkel in seinen Augen deutlich erkennen konnte und auch mich selbst, weil ich mich in seinem Blick widerspiegelte. Oh nein! Sah ich wirklich so verängstigt aus?
„Ich glaub dir kein Wort!“, äußerte er freimütig und lehnte sich dann ein wenig auf seinem Stuhl zurück. Sein Arm rutschte von meiner Schulter, blieb aber wie selbstverständlich auf der Rückenlehne liegen. So konnten seine Fingerspitzen in ständigem Kontakt mit meiner bloßen Haut bleiben, da mein Brautkleid aus einer Korsage mit einem weitschwingenden Glockenrock bestand. Hin und wieder, glitten seine Blicke frech über mein großzügiges Dekolleté und ich erschauerte ein ums andere mal unter seinen sanften Berührungen. Sie wirkten fast wie zufällig, doch an seinem leicht herausforderndes Lächeln bestätigte meinen Verdacht, dass er das mit voller Absicht machte. Wollte er mich provozieren, weil ich vor lauter Panik zur Salzsäule erstarrt war? Immer wieder strich er mir zart über das Schlüsselbein, das Schulterblatt und näherte sich ab und zu verspielt meinem Ausschnitt, so nah, dass ich fast vom Stuhl gehüpft wäre. Doch auch wenn mich diese süßen Zärtlichkeiten sehr verwirrten, genoss ich insgeheim seine Berührungen. Ich gönnte mir einfach ein paar Augenblicke von diesen lieblichen Schauern, die meinen gesamten Körper überzogen, ehe ich meine Hand auf seine legte und sie so unauffällig wie möglich von meiner Haut schob. Jetzt war genug, das musste aufhören, bevor ich etwas wirklich Dummes tat und ihm zeigte, wie sehr es mir doch gefiel. Wir waren kein Liebespaar und ich sah keinen Sinn darin, wenn wir uns wie solch eines verhielten. Ich wollte den Leuten keine Show bieten, nur damit die Klatschmäuler endlich den Rand hielten.
Es waren nämlich erste Gerüchte laut geworden, die Hochzeit sei alles andere als eine Liebesheirat. Wer die Wahrheit ausgeplaudert hatte, konnte ich mir schon denken. Es musste seine Geliebte gewesen sein, die als sogenannter Insider, die leider zutreffenden Gerüchte geschürt hatte. Ich hatte Carmen bisher nur einmal wiedergesehen. Sie lief mir in einer Boutique über den Weg und sah mich so hasserfüllt an, dass mir jetzt noch das Blut in den Adern stockte, wenn ich daran zurückdachte. Es fröstelte mich unwillkürlich, sobald mir ihre eisigen Augen in den Sinn kamen und ihr schönes Gesicht hatte sich zu einer hässlichen Fratze verzogen. Neid und Missgunst hatten noch nie zu der Schönheit eines Menschen beigetragen und machten ihn einfach nur zu einem abstoßenden Wesen. Carmen war der lebende Beweis dafür und ich hatte in der Boutique ein ziemlich mulmiges Gefühl im Bauch gehabt. Doch noch viel mehr, als vor eventuellen Rachegelüsten einer neidischen und eifersüchtigen Geliebten, fürchtete ich mich vor dem Ausgang dieses Abends. Nicht mehr lange und Carlisle und ich würden allein sein, in einem Zimmer und vielleicht sogar in einem Bett. Wir mussten ja den Schein wahren. Nicht nur vor der feinen Gesellschaft in Seattle, sondern auch vor unseren Eltern. Umso schneller würden wir unsere Freiheit erhalten. Aber meine Güte! Ich hatte noch nie eine ganze Nacht, allein mit einem Mann verbracht. Ich starb fast vor Aufregung, weil ich längst nicht so abgebrüht war, wie ich mich ihm gegenüber gab. Wieder überzog eine leichte Gänsehaut meine bloßen Arme und ich rieb leicht darüber.
„Ist dir kalt?“
Seine Stimme klang dunkel und verführerisch. Erstaunt, dass ihm das überhaupt aufgefallen war, sah ich ihn an und konnte das süffisante Grinsen in seinem Gesicht erkennen. Ohhhhhhh, dieser….Er wusste genau, warum ich so entsetzlich nervös war. Die bevorstehende Hochzeitsnacht zehrte an meinen Nerven. Für jedes junge Paar die Krönung ihrer Liebe. Aber nicht für mich und nicht für ihn, denn zwischen uns bestand keine Verbindung, die auch nur im Entferntesten mit Zärtlichkeit und Leidenschaft zu tun hatte, auch wenn wir uns mittlerweile ganz ordentlich vertrugen. Zumindest, wenn er nicht so frech und provokant war wie jetzt, kamen wir seit Neuestem ziemlich gut miteinander klar.
„Sagen wir mal so, ich finde die Stimmung ein wenig unterkühlt.“
Er neigte sich wieder ein wenig zu mir.
„Soll ich dafür sorgen, dass dir warm wird?“, hauchte er verspielt. Er zupfte an einer Strähne, die sich aus der kunstvoll arrangierten Hochsteckfrisur gelöst hatte und lächelte mich herausfordernd an. Mir stockte der Atem. Was sollte das denn jetzt? Warum spielte er plötzlich den romantischen Liebhaber?
„Hast du Streit mit Carmen, oder warum bist du plötzlich so auf einen Flirt mit mir aus“, fragte ich geradeheraus.
Sein Blick verfinsterte sich augenblicklich.
„Halt Carmen da raus!“, zischte er mir leise zu, rückte ein wenig von mir ab und sah sich unbehaglich um.
Sie war nicht eingeladen und ich war mir sicher, dass sie nicht hier war. Doch seine suchenden Blicke verrieten mir, dass er sich dessen nicht so sicher war. Würde sie es tatsächlich wagen, hier aufzutauchen? Inzwischen traute ich ihr alles Mögliche zu. Ich hatte sie seit der Begegnung in der Boutique vor ein paar Wochen, nicht mehr persönlich getroffen, aber ich bekam ständig anonyme Anrufe. Sobald ich ans Telefon ging, wurde aufgelegt. Mit Sicherheit war sie es, die mich damit terrorisieren wollte. Carlisle hatte ich davon nichts erzählt. Ich wollte keinen Unfrieden stiften und die Sache unnötig aufbauschen. Ich hatte ja keine wirkliche Angst vor ihr, sondern fand es eher lästig. Außerdem würde sie die Beziehung mit ihren Eifersuchtsattacken ohnehin selber versauen. Wenn eine Geliebte zur rasenden Furie wurde, verging jedem Mann nach einer Weile der Spaß. Ich konnte mir schon vorstellen, wie sie ihn jedes Mal rund machte, wenn er wieder mal wegen mir absagen musste. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Geschah ihm ganz recht, wenn er so einen schlechten Frauengeschmack besaß.
Noch immer war es mir unbegreiflich, was er an ihr fand. Sie war schön, aber das war ich auch. Doch Carmen mangelte es an Intelligenz und der Fähigkeit einen Mann, oder allgemein einen Menschen, mit intelligenter Konversation zu fesseln. War es nur das Bett, das ihn bei ihr hielt? Sex wurde meiner Meinung nach total überbewertet. Gut, ich hatte keine ausschweifenden Erfahrungen auf dem Gebiet, aber wenn man sich die Paare so ansah, die im Laufe der Jahre zusammengekommen waren, so basierten die Beziehungen irgendwann eher auf einer anderen Ebene, als der Körperlichen. Ich musste mir da nur meine Eltern ansehen. Mama hatte zwar zugegeben, dass diese Seite ihrer Ehe nach wie vor sehr wichtig war, und auch wichtig bleiben musste, aber sie war nicht ausschlaggebend für ein glückliches Zusammenleben. Vertrauen, Freundschaft und die Fähigkeit sich auszutauschen und ehrlich zueinander zu sein, waren hundert Mal wichtiger, als wilder Sex. Mit einem Schmunzeln hatte sie dann noch hinzugefügt, dass das eine, das andere ja nicht ausschloss. Ein wenig verlegen, hatte ich ihren Blick gemieden, weil mir die Vorstellung, wie sich meine Eltern auf den Bettlaken wälzten, nicht sehr behagte.
Meine Antipathie gegenüber Carmen wuchs täglich und ich traute mich kaum zuzugeben, dass es an meiner gleichfalls wachsenden Zuneigung zu Carlisle lag. Ich war nicht in ihn verliebt. Aber ich mochte ihn, trotz seiner immer noch unverschämten Art, ziemlich gerne. Er war intelligent und belesen und hatte einen feinen Sinn für Humor. In ihm steckten so viele gute Eigenschaften und ich fand es schade, dass sie durch seinen lockeren Lebensstil und seine Arroganz nicht so richtig zum Tragen kamen. Denn eingebildet war er leider auch und viel zu ¬sehr von sich überzeugt. Warum er meinte, eine ungeliebte Frau heiraten zu müssen, konnte ich mir aber nicht erklären. Er fand sich selber so toll, er hätte eigentlich daran glauben müssen, dass er es auch ohne die finanzielle Unterstützung seines Vaters zu etwas bringen konnte. Ich traute ihm das jedenfalls ohne Weiteres zu. Doch er zog es vor, den leichteren Weg zu gehen und das war ein Punkt in seinem Charakter, den ich wirklich berauschend fand. Er nahm mich, wegen des Geldes. Abgesehen davon, dass es nicht sonderlich schmeichelhaft für mich war, bedeutete es doch, dass er sich quasi verkaufte. Es war ein hartes Wort für sein Verhalten und er hätte mir auch dasselbe vorwerfen können, aber ich tat es wirklich nur der Gesundheit meines Vaters zuliebe. Doch trotz all der Schwächen – und meine Güte, wer hatte die nicht - die er zweifelsohne hatte, mochte ich ihn. Sehr sogar.
Bevor ich mich noch weiter in meinen eigenen Gedanken verstricken konnte, hörte ich Magnus Cullens donnerndes Lachen. Wie meistens, laut und herzlich, über etwas, das seine Frau ihm zuflüsterte. Unwillkürlich musste ich grinsen. Gott, ich mochte diesen Mann so sehr. Er und seine Frau Elisabeth, waren mir in den letzten Wochen sehr ans Herz gewachsen. Beide gaben mir das Gefühl, ein Teil dieser Familie zu sein, so sehr, dass ich schon beinahe selbst daran glaubte.
„Dad ist toll, nicht wahr?“
Dieser Satz aus seinem Mund überraschte mich kein bisschen. Er verehrte seinen Vater zutiefst. Insgeheim hegte ich die Hoffnung, dass es in Wirklichkeit der Wunsch war seinen Vater stolz zu machen, der ihn dazu brachte, eine standesgemäße Frau wie mich zu heiraten, und nicht allein die Angst, ohne dessen Geld leben zu müssen. Das wäre wenigstens ein Grund, durch den unsere Verbindung nicht so einen schalen Nachgeschmack hätte.
„Ich bewundere deinen Vater sehr. Es ist mir wirklich wichtig, ihn und deine Mutter nicht zu enttäuschen“, gab ich zu und er lächelte fein.
„Glaub mir, er mag dich mehr als mich“, sagte er etwas flapsig, aber ein stiller Ernst lag hinter dem lockeren Tonfall. Hatte er Angst den Ansprüchen seines Vaters nicht zu genügen? Das war doch völlig hirnrissig. Jeder der Magnus Cullen zuhörte, konnte den unverkennbaren Stolz in seiner Stimme heraushören, wenn der über seinen Sohn sprach. Die Eskapaden, die sich Carlisle in jüngster Vergangenheit geleistet hatte, wurden von ihm toleriert. Er schob es wohl auf den jugendlichen Überschwang oder wie immer man das nennen wollte.
„Wie kommst du darauf?“
Jetzt wollte ich es genau wissen, doch enttäuscht merkte ich, wie er sich sofort wieder zurückzog. Sobald wir auf ernstere Themen kamen, wurde er sehr zurückhaltend und eisig. So wie jetzt. Er langte nach seinem Weinglas und stürzte es in einem Zug hinunter. Danach sah er mich mit trübem Blick an. Der Alkohol, den er ziemlich reichlich zu sich genommen hatte, zeigte Wirkung. Ein wenig befangen erwiderte ich seinen Blick. Auch wenn er einiges im Verlauf des Tages getrunken hatte, war er weit davon entfernt betrunken zu sein. Seine Aussprache war noch tadellos und was sein Standvermögen anging – keine Ahnung. Unwillkürlich fingen meine Wangen an zu glühen, als ich an das doppeldeutige Wort dachte. Was würde mich in meiner Hochzeitsnacht erwarten? Wollte er sich ernsthaft daran halten, und mich nicht anfassen? Irgendwie enttäuschte mich die Aussicht. Es war zum Verrückt werden. Ich wusste ja mittlerweile selbst nicht mehr, was ich eigentlich wollte.
„Wir müssen bald gehen“, sagte er mit rauer Stimme, ohne mir eine Antwort auf meine Frage zu geben. Gefangen von dem Ausdruck in seinen Augen interessierte mich der Grund für seine komische Bemerkung herzlich wenig. Ich verlor mich in diesen grünen Tiefen und wartete aufgeregt darauf, dass mein Herz einfach aus meiner Brust hüpfte, so heftig hämmerte es dagegen. Ab und an, hatte er eine Art mich anzusehen, die mich völlig verwirrte. Carlisle machte mir in solchen Momenten bewusst, dass ich eine Frau war, ein weibliches Wesen mit Bedürfnissen, die ich bis jetzt immer ignoriert oder verleugnet hatte. Er musste nur anwesend sein und ich spürte dieses gewisse Kribbeln, das sich bis in die letzten Nervenenden meines Körpers zog. Aufregende, verbotene Fantasien suchten mich nachts oft heim, wenn ich allein in meinem Bett lag und sein Gesicht sich klammheimlich in meine Gedanken schlich. Es kam nicht selten vor, dass ich mich stundenlang im Bett hin und her wälzte, weil ich einfach keinen Schlaf finden konnte. Es endete meist damit, dass ich mich völlig aufgewühlt im Bett aufsetzte, das Licht der Nachttischlampe anmachte, um dann in irgendeinem Buch zu lesen. Meistens ein und denselben Absatz ein Dutzend mal hintereinander, ehe die Sätze meinen benebelten Verstand erreichten. Am Tage gab ich das nicht mal mir selber gegenüber zu, sondern verdrängte diese immer stärker werdende Sehnsucht nach ihm. Gefühle für ihn zu entwickeln kam überhaupt nicht in Frage. Es würde mich auf Dauer nur verletzen, ihn mit einer anderen Frau teilen zu müssen. Fast hätte ich gelacht. Teilen - das setzte ja voraus, dass er mir in gewisser Weise gehörte. Vor der Welt vielleicht, doch diese Lüge machte noch lange kein Paar aus uns.
„Esme…..“, hakte er nach, „hast du mich verstanden? Es ist gleich soweit.“
Geistesabwesend nickte ich. Meine Handflächen wurden feucht und ich starrte blicklos auf die weiße Tischdecke vor mir. Ich wollte noch nicht aufstehen, ich wollte den Augenblick des Aufbruchs noch ein wenig hinauszögern. Plötzlich spürte ich seine Hand, die sich beruhigend über meine legte. Sachte strich er mir über den Handrücken.
„Ich werde dich nicht fressen. Versprochen!“
Peinlich berührt sah ich zu ihm auf.
„Entschuldige, ich weiß gar nicht, was mit mir los ist.“
„Es war ein langer aufregender Tag. Du bist einfach erschöpft.“
So viel Verständnis hätte ich von seiner Seite gar nicht erwartet und ich lächelte zittrig. Manchmal konnte er wirklich süß sein. Diese Seite mochte ich am liebsten an ihm. Carlisle konnte jungenhaft und fürsorglich sein und war nicht immer der selbstverliebte Macho, den er nach außen hin darstellte.
Meine Lippen bebten, als ich ihn versuchsweise anlächelte.
„Du musst mich für eine Idiotin halten, weil ich so nervös bin. Wahrscheinlich“, ich machte eine kurze Pause, ehe ich weitersprach, „…wahrscheinlich, hältst du mich für lächerlich. Ich meine….naja…du ….du hast ja so viel Erfahrung in diesen Dingen und kannst gar nicht nachvollziehen, wie es in mir aussieht.“
Sein Ausdruck wurde undurchsichtig.
„Du hast also keine Erfahrung, was Sex angeht“, schlussfolgerte er und stieß dann ein leicht genervtes Seufzen aus, als ich langsam den Kopf schüttelte, ohne etwas zu sagen. Doch dann wurde seine Miene freundlicher und er grinste verstehend. Ich begann mich endlich wieder ein bisschen wohler zu fühlen, weil er nicht darüber lachte. Immerhin hatten wir die wilden Siebziger. Sex mit wechselnden Partner, war etwas völlig Normales und keiner zeigte mehr mit dem Finger auf einen, wenn man nicht mehr als Jungfrau in die Ehe ging. Doch bei mir hatte es sich irgendwie nicht ergeben und nach Royce, hatte ich vorerst die Schnauze voll von den Männern. Jetzt war ich einfach nur erleichtert, dass es raus war und versank in Carlisles Augen, die so sanft dreinblicken konnten. Es war leicht, alles um uns rum zu vergessen. Die Musik der Band, das Klirren der Gläser und das Klappern vom Besteck, das Lachen der Gäste. Es rückte alles in den Hintergrund und da waren nur noch wir beide. Mein Herz puckerte in unregelmäßigem Rhythmus und ich konnte beobachten, wie seine Hand sich hob und zart auf meine Wange legte. Die Wärme drang durch die Poren meiner Haut und ich lehnte mich stärker in die Berührung hinein. Die Struktur und Beschaffenheit seiner Haut stellte nach kurzer Zeit kein Geheimnis für mich dar, ich konnte sie genau auf meiner fühlen, doch leider endete dieser Kontakt viel zu schnell. Er nahm die Hand wieder fort und brachte wieder Abstand zwischen uns. Als hätte es diesen kurzen, innigen Moment zwischen uns niemals gegeben, meinte er nur:
„Esme, ich war lange nicht mit so vielen Frauen im Bett, wie die Presse behauptet. Glaub nicht alles, was da geschrieben wird.“
Seine Stimme klang wieder distanziert und hart, es war wie ein Kübel kalten Wassers, der über meinem Kopf ausgeleert wurde. Seine Förmlichkeit verletzte mich mehr, als ich wahrhaben wollte und ich setzte mich stolz aufrechter hin.
„Das tu ich nicht, Carlisle. Diese Art von Berichterstattung gehört nicht zu meiner bevorzugten Lektüre.“
Er fauchte wie ein Raubtier und grinste, so locker und lässig, wie sonst auch.
„Oha, mein Kätzchen fährt wieder die Krallen aus.“
Ich verdrehte die Augen.
„Ich bin nicht dein Kätzchen“, fuhr ich ihn an, doch er lachte nur erheitert.
„Sei nicht so, Esme!“
„Wie bin ich denn?“
Ich war ihm nicht böse, nur manchmal fiel es mir unheimlich schwer ihn einzuschätzen. Seine Art war meist sehr verspielt und ich reagierte oft ziemlich steif darauf Man konnte auch sagen, im Grunde meines Herzens, war ich echt prüde.
„Du bist prüde“, sagte er auch prompt und die Hitze stieg mir in die Wangen.
Na bitte, dachte ich wie erschlagen. Jetzt weißt du es, Esme. Ganz offiziell bestätigt und auf den Punkt gebracht, von Mr. Charming persönlich. Am liebsten hätte ich mich unter der Tischdecke verkrochen und wäre nie wieder aufgetaucht, weil mir seine Einschätzung meiner Persönlichkeit nun doch peinlich war. Wer wollte schon als prüde gelten? Ich wollte mein Gesicht abwenden, doch seine Hand legte sich auf meinen Arm und drückte sanft zu. Ich musste ihn einfach ansehen, es war wie ein innerer Zwang.
„Hey, das braucht dir nicht peinlich zu sein“, beruhigte er mich. „Ich finde das sogar ziemlich bemerkenswert, wenn ich ehrlich bin. Also schenk mir dein bezauberndes Lächeln und vergiss deine Sorgen. Wir sind doch erwachsene Leute, da müsste das doch zu schaffen sein.“
Sein Grinsen war dermaßen ansteckend, dass ich es einfach erwidern musste und ich fühlte mich wieder leicht und unbeschwert. Es würde wohl doch nicht so schlimm werden, wie ich es gedacht hatte. Egal, was in dieser Nacht noch zwischen uns passieren würde, Carlisle würde mich mit Respekt behandeln. So langsam baute sich eine gewisse Spannung in mir auf, und wenn ich bisher alles getan hätte, um das Ende der Feier hinauszuzögern, dann konnte ich es auf einmal gar nicht mehr abwarten, mit ihm allein zu sein. Ich konnte es nur wiederholen – ich wusste einfach nicht was ich wollte und das machte mich selber langsam wahnsinnig.
Das rhythmische Klopfen eines Löffels gegen ein Champagnerglas ertönte und die Menge verstummte nach und nach. Magnus Cullen hatte sich erhoben und wartete darauf das Wort zu ergreifen. Eine Rede. Oh du liebe Güte!
„Meine lieben Hochzeitsgäste“, begann er und lächelte freudestrahlend jeden an, dessen Blick den seinen kreuzte. „Ich kann euch allen gar nicht sagen, wie viel es mir bedeutet, dass ihr heute ein Teil dieses Freudentages seid. Mein Sohn Carlisle hat endlich den Bund der Ehe geschlossen, und das, mit dem wohl bezauberndsten Wesen in Seattle.“ Er grinste spitzbübisch und sah dann entschuldigend auf seine schöne Frau hinab. „Bis auf dich natürlich, mein Liebling“, sprach er sie an und sie errötete erfreut, über sein Kompliment.
Gelächter war die Folge und es dauerte einen Moment, ehe Magnus fortfahren konnte. Er hob bittend die Hand und der Geräuschpegel wurde wieder schwächer, bis nur noch vereinzeltes Geflüster zu hören war.
„Wo war ich stehengeblieben?“, er kratzte sich gespielt verwirrt am Kopf, was wieder der Auslöser für leises Gekicher war. „Ahhhh, ja. Meine Schwiegertochter.“ Jetzt sah er zu mir und alle Köpfe wandten sich jetzt mir zu. Stuhlbeine quietschten und schabten über den Boden, weil der ein oder andere ungünstig saß und sich drehen musste. So viel Aufmerksamkeit wollte ich eigentlich gar nicht, ertrug aber tapfer die neugierigen, aber durchweg freundlichen Blicke.
Ach du Schande, dachte ich nur und lächelte ein bisschen gequält, als er zielgerichtet auf mich zukam und vor mir zum Stehen kam. Er nahm meine Hand und half mir auf, präsentierte mich, als wäre ich der Hauptgewinn eines Gewinnspiels. So stand ich also vor meinem Schwiegervater, erhaschte kurz einen Blick von meinen stolz dreinblickenden Eltern und schluckte tapfer die Tränen runter, als mir nichts als Wärme und Fürsorge aus dem Gesicht von Magnus Cullen entgegenschlug.
„Liebe Esme, ich heiße dich hiermit herzlich Willkommen bei den Cullens. Mögen du und mein Sohn, eine lange und vor allem glückliche Ehe führen.“
Er wandte sich jetzt an meinen frischgebackenen Ehemann.
„Carlisle, mein Junge, ich hoffe, du weißt zu schätzen, was für einen wundervollen Schatz dir das Schicksal da an die Seite gestellt hat. Sei ihr ein guter und vor allem treuer Ehemann, schenkt euch gegenseitig Respekt und Liebe.“ Er stockte kurz und sah seinen Sohn sehr, sehr ernst an – zu ernst. „Und vor allem…. das ist das Wichtigste überhaupt….. schenk mir und deiner lieben Mutter endlich ein Enkelkind, bevor wir beide zu alt sind, um es richtig zu genießen“, schloss er dann mit einem Augenzwinkern.
Der ganze Saal verfiel in tosenden Applaus und lautes Gelächter. Carlisle, der sich mittlerweile auch erhoben hatte, bekam von seinem Dad meine Hand in seine gelegt.
„Hey, Carlisle“, rief eine männliche Stimme lachend aus der Menge. „Du musst sie jetzt küssen, sonst lassen wir euch hier nicht raus. Und diesmal bitte nicht so was Unterernährtes, wie in der Kirche. Das kannst du doch besser.“
Da war ich mir allerdings auch sicher. Die flüchtige Berührung unserer Lippen nach der Trauungszeremonie, war mir noch in guter Erinnerung, aber rauschhafte Erregungszustände stellte ich mir anders vor. Offenbar küsste Carlisle gern und viel und das auch in der Öffentlichkeit, sonst wüsste der Mann nicht, dass es nur ein blasser Abklatsch dessen war, das er wohl sonst auf Lager hatte.
„Ja, Cullen….zeig uns, dass du es noch nicht verlernt hast!“, schrie ein anderer Kerl.
Immer mehr Leute forderten einen Kuss, bis der halbe Saal in ein synchrones „küssen…küssen….küssen“ verfiel. Mir war das so unendlich peinlich, doch Carlisle hatte anscheinend keine Probleme damit. Grinsend schlang er einen Arm um meine Taille und zog mich mit einem festen Ruck an seinen warmen Körper. Sehr zur Freude seines Vaters, der uns begeistert beobachtete.
„Nun, Mrs. Cullen, ich schätze, wir dürfen unsere Gäste nicht enttäuschen. Findest du nicht auch?“
Mrs. Cullen…es war das erste Mal, das mich jemand so nannte. Dass es ausgerechnet er war, der es als Erster tat, gab dem Ganzen eine besondere Bedeutung. Meine Handflächen legten sich wie von allein auf seinen Brustkorb und ich fuhr mit einer Fingerspitze über das Revers seines Smokings. Die Hitze zwischen unseren Körpern verbrannte mich fast, und endlich gab ich es mir selbst gegenüber zu. Ich wollte einen Kuss von ihm. Keine harmlose Berührung, sondern echte Leidenschaft. Er konnte sie mir geben, ich wusste es einfach.
„Du musst dich schon zu mir runter beugen, sonst wird das nichts“, flüsterte ich ihm leise zu und seine Augen weiteten sich vor Überraschung. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Was sowas anging, war ich ja sehr zurückhaltend und da gab es ja immer noch Carmen. Doch die scherte mich gerade einen Scheißdreck, es war einfach so. Langsam näherte er sich meinem Gesicht und ich konnte den Wein in seinem Atem riechen. Doch ich war nicht angeekelt, sondern sehnte mich danach diesen Geschmack auf meiner Zunge zu spüren. Immer hastiger sog ich die Luft in meine Lungen und die Finger an seiner Brust fingen an, leicht zu zittern. Die Knie waren wackelig und ich konnte mich nur noch mit Mühe aufrecht halten. Ich schwankte zwischen dem Wunsch, mich haltsuchend in seinem Haar festzukrallen oder mich auf den nächstbesten Stuhl fallen zu lassen.
Sitzen…küssen….sitzen…küssen…sitzen…küssen….
Er nahm mir die Entscheidung ab, packte einfach meine Arme und schlang sie sich selbst um seinen Hals. Dann ließ er seine Hände zärtlich an meinen Seiten herabgleiten, runter bis zu meinen Hüften. Die Berührung brannte selbst durch den Seidenstoff des Kleides, wie Feuer auf meiner Haut. Wie musste es sich erst anfühlen, wenn Kleidung sein Streicheln dämmte? Ganz instinktiv trat ich einen Schritt vor, kam ihm damit freiwillig noch näher. Sein Mund legte sich an mein Ohr, er blies mir seinen warmen Atem hinein und ich erschauerte, als er beim Sprechen meine zarten Ohrmuscheln berührte. Es fühlte sich einfach nur gut an und ein leichtes Ziehen in meinen unteren Körperregionen setzte ein.
„Aufgepasst, ich werde dich jetzt um den Verstand küssen, Esme!“, flüsterte er heiser.
Es war ein Versprechen, das er halten würde. Für einen kurzen Augenblick fragte ich mich, was er damit bezweckte, doch dann hörten meine Gedanken auf zu kreisen und ich fühlte nur noch. Geradezu quälend langsam wanderte er mit seinem Mund über meine Wange zu meinem Mundwinkel. Er setzte einen zarten Kuss darauf und leckte spielerisch mit seiner Zungenspitze daran. Mit einem leisen Stöhnen, drehte ich meinen Kopf, wollte ihn dadurch zwingen, seine Lippen endlich richtig auf meine zu legen. Doch er ließ mich zappeln. Seine Hände legten sich vorsichtig um mein Gesicht und ich sah aus dem Augenwinkel Blitzlichter aufleuchten. Irgendjemand fotografierte das hier, dokumentierte es für alle, die es interessierte. Es war mir gleich, denn jetzt konnte ich mich nur noch auf ihn konzentrieren und auf die unglaubliche Spannung, die sich immer stärker in mir aufbaute. Verdammt, er war wirklich ein Meister darin, eine Frau wahnsinnig zu machen. Wenn er so weitermachte, ohne mich richtig zu berühren, dann würde ich noch den Verstand verlieren. Es war zu viel und im gleichen Zuge zu wenig. Immer noch umschloss er mein Gesicht mit seinen Händen und beobachtete mich genau. Das Flackern in seinen Augen machte mich unruhig und ich fing an herumzuzappeln.
„Keine Angst, Süße. Du kriegst gleich, was du dir wünscht.“
Protestierend öffnete ich meine Lippen, und dann ging alles ganz schnell. Ohne noch länger zu warten, senkte er mit einem erleichterten Seufzen seinen Mund auf meinen. Vor meinen Augen explodierten Sterne, mein Körper fühlte sich an wie eine konturlose Masse von Muskeln und Fett. Als hätte ich keinen einzigen Knochen mehr im Leib, wurde ich zu einem fließenden, schwachen Etwas und wäre um ein Haar kraftlos zu Boden gesunken. Etwas Vergleichbares hatte ich noch nie empfunden. Das war es also, was die Menschen so begeisterte, wofür sie so oft logen, betrogen und alles Erdenkliche dafür aufgaben oder riskierten. Das war Leidenschaft in ihrer elementarsten Form. Ich löste mich förmlich darin auf, wurde auseinandergenommen und wieder zusammengebaut, und kam als neuer Mensch wieder zurück. Carlisle so nah bei mir zu haben, hebelte meinen Verstand aus und machte alles was uns trennte bedeutungslos. Willig ließ ich seine Zunge meinen Mund erforschen, er erkundete ihn mit äußerster Geschicklichkeit und die raffinierten Bewegungen, verursachten eine wahnsinnige Hitze in mir. Nur er konnte sie lindern, indem er mir mehr gab.
Wie aus weiter Ferne hörte ich das Johlen und Pfeifen der anderen, doch ich war viel zu gefangen in diesem Augenblick, um mich davon stören zu lassen. Auch Carlisle schien langsam die Kontrolle über sich zu verlieren, denn er packte mit der rechten Hand, eine Handvoll meines Haars und zerstörte damit unwiederbringlich meine Frisur, die in zweistündiger Arbeit zu einem Meisterwerk aufgetürmt worden war. Seine Finger schoben sich hinein, umfassten meinen Hinterkopf und bogen ihn leicht nach hinten, damit er mich noch intensiver küssen konnte. Die Haarnadeln drückten in meinen Haaren, doch der leichte Schmerz machte mir nichts aus. Tatsächlich fühlte mich lebendiger, als jemals zuvor in meinem Leben und genoss es in vollen Zügen ihm ganz und gar ausgeliefert zu sein. Ich bewegte mich auf unbekanntem Gebiet und war zumindest jetzt ganz auf seine Führung angewiesen. Und Himmel, es war wundervoll. Selbst Royce war nicht imstande gewesen, solche Dinge in mir auszulösen und den hatte ich ja geliebt – zumindest hatte ich geglaubt ihn zu lieben.
Ein Räuspern direkt neben uns, holte uns aus dem Nebel und Carlisle löste widerstrebend seinen Mund von meinem. Heftig atmend sah er mich an. Staunend, und irgendwie, als hätte er gerade eine ganz erstaunliche Erfahrung gemacht. Ich für meinen Teil, konnte das auch jeden Fall von mir behaupten. Endlich wusste ich, was es hieß, einen Mann körperlich zu begehren. Die Folgen waren jetzt noch spürbar. Das unangenehme Ziehen in meinem Körper wollte nicht verschwinden und meine Lippen prickelten sehnsüchtig und fühlten sich voller an, als gewöhnlich. Sie wollten wieder von seinen berührt werden.
„Hebt euch das für später auf!“, brummte Magnus neben uns und sah recht verlegen aus. Die Leute waren jedenfalls begeistert und applaudierten immer noch heftig.
„Nun, ich schätze, damit sind die Gerüchte erstmal aus der Welt“, kam es leichthin von Carlisle und ich hätte ihm am liebsten meinen Brautstrauß mitten ins Gesicht gepfeffert. War das der einige Grund gewesen, warum er mich geküsst hatte? Maßlose Enttäuschung ergriff mich und ich betitelte mich selber als dumme Gans.
Was hast du denn erwartet, fragte ich mich dann? Dass er sich Hals über Kopf in dich verliebt und Carmen vergisst? Wach auf, das war alles nur zur Tarnung!
Magnus legte mir väterlich einen Arm über die Schultern und lächelte auf mich hinunter, auch seine Frau und meine Eltern waren langsam zu uns gestoßen und bildeten einen Halbkreis um uns.
„Ihr müsst jetzt gehen. Euer Wagen steht schon bereit und man wird euch in euer Hotel bringen.“
Gefasst sah ich in die Runde, auch Carlisles Gesicht war wieder so undurchsichtig, wie sonst auch. Mit keiner Regung ließ er erkennen, ob ihn dieser heiße Kuss genauso beschäftigte wie mich. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, in seinem Gesicht nach Antworten zu suchen, die ich sowieso nicht bekommen würde, also schaute ich unseren Eltern, nach und nach, fest in die Augen.
„Ich danke Euch allen!“, sagte ich gefasst. „Für die wundervolle Hochzeitsfeier, für die Unterstützung und eure Geduld mit mir.“ Ich atmete ziemlich flach, weil ich jetzt doch Mühe hatte, meine Tränen zu unterdrücken. Mist, Hochzeiten machten mich immer so gefühlsduselig und sentimental. „Mom und Dad, ich hab euch furchtbar lieb. Ich kann gar nicht glauben, dass ich jetzt nie wieder in einem Haus mit euch leben werde.“
Meiner Mutter stand ebenfalls das Wasser in den Augen, als sie mich in ihre Arme zog.
„Oh Schätzchen, wir sind ja nicht aus der Welt und du kannst jederzeit wiederkommen, um uns zu besuchen.“ Sie löste sich ein wenig und sah mich liebevoll an. Ihre nächsten Worte waren allerdings nur für meine Ohren bestimmt. „Liebes, wenn du je das Gefühl bekommst, dass etwas nicht so läuft wie es sollte, wenn du je unglücklich bist und nicht mehr weiter weißt, dann wird dein altes Zimmer immer auf dich warten, mein Kind. Glaub mir, du wirst bei uns immer ein Zuhause haben, das schwöre ich dir.“
Der Ernst ihrer leise hervorgebrachten Worte berührte mein Herz. Meine Eltern hatten diese Ehe gewollt, sie gefördert und vorangetrieben, aber sie würde nicht von mir verlangen darin auszuharren, wenn ich vielleicht doch aus der Sache raus wollte. Das war beruhigend. Gewusst hatte ich das schon vorher, aber es tat gut, es nochmal zu hören.
„Ich danke dir, Mom“, antwortete ich ebenso leise. „Ich hoffe ja, dass das nicht notwendig sein wird.“
Elisabeth und Magnus umarmten mich dann ebenfalls und dann ging alles ganz schnell. Ehe ich auch nur richtig darüber nachdenken konnte, saß ich schon neben Carlisle in einer dunklen Limousine. Wir waren ganz für uns, denn eine dunkle Scheibe trennte uns vom Fahrerbereich ab. Stumm starrte ich aus dem Fenster und konnte mein Gesicht darin erkennen, und auch einen Teil seines blonden Haars. Er sprach kein Wort, sondern hielt sogar die Augen geschlossen. Irgendwann ertrug ich das Schweigen nicht mehr.
„Schläfst du?“
Natürlich tat er das nicht. Dafür atmete er zu unregelmäßig. Prompt öffnete er die Lider.
„Jetzt nicht mehr“, meinte er ziemlich gelangweilt.
Wir waren also wieder am Anfang. Carlisle verhielt sich mürrisch und arrogant. Es enttäuschte mich, dass er jetzt wieder in sein anfängliches Verhalten zurückfiel. Warum machte er das? War er verärgert darüber, dass ihm der Kuss genauso gut gefallen hatte, wie mir? Denn das war definitiv der Fall. So unerfahren war ich dann doch nicht, um dies nicht zu merken.
„Warum bist du so unleidig, Carlsile? Der Kuss war nicht meine Idee. Bestraf nicht mich für etwas, wofür ich nichts kann. Das ist nicht fair.“
Er rieb sich mit den Händen großflächig übers Gesicht. Jetzt sah er einfach nur erschöpft aus und zum ersten Mal fielen mir die leichten Schatten unter seinen Augen auf. Er schien in letzter Zeit nicht gut geschlafen zu haben und ich fragte mich, was ihn davon abhielt.
„Es tut mir leid. Okay!“, war sein einziger Kommentar. Es klang einstudiert. Wie oft sagte er diese Worte in letzter Zeit zu Carmen? Es war nur gerecht, wenn ich sie auch ab und an zu hören bekam.
„Gut, das sollte es auch. Ich bin nicht dein Prügelknabe. Wenn du sauer bist, dann lass es in Zukunft nicht an mir aus.“
„Und wenn du der Auslöser für meine schlechte Laune bist?“
Es klang nicht neckend, es war sein voller Ernst.
„Auf so eine blöde Frage, antworte ich nicht. Wenn wir anständig miteinander umgehen, dann wird es keinen Grund für schlechte Laune geben. Halt dich an die Vereinbarung und alles ist in Ordnung.“
Er grinste spöttisch.
„Du hast also deine Schlagfertigkeit wiedergefunden. Das beruhigt mich und wird es leichter machen.“
Irritiert musterte ich sein viel zu hübsches Gesicht.
„Was denn leichter? Ich versteh nicht, was du meinst.“
Seine Miene verschloss sich.
„Das wirst du noch früh genug merken“, meinte er undurchsichtig.
Gefrustet lehnte ich mich in die weichen Ledersitze zurück. Das gleichmäßige Summen der Limousine und die dunklen Scheiben erzeugten den Eindruck, als wären wir allein auf der Welt. Nichts drang von außen zu uns hinein und seine Gegenwart erdrückte mich fast. Sein männlich herber Geruch drang in meine Nase, sein Körper strahlte noch immer schwindelerregende Hitze aus. Zwischen uns lagen nur wenige Zentimeter Raum und doch war er wieder so weit weg. Ich fand es schade, weil wir uns gerade in den letzten Tagen so gut verstanden hatten. Irgendwie fühlten wir uns wie zwei kindliche Verschwörer, die alle Erwachsenen an der Nase herumführten. Das schweißte uns zusammen, auch wenn man uns noch nicht als Freunde bezeichnen konnte. Doch die Hoffnung wuchs mit jedem Tag und der ganze Deal war mir nicht mehr ganz so unangenehm, wie zu Anfang. Ich gewöhnte mich daran, genauso, wie ich mich an Carlisle gewöhnte. Unsere regelmäßigen Treffen in der Öffentlichkeit, waren bald schon mehr Vergnügen, als Pflicht und ich merkte, wie ich ihnen mehr und mehr entgegenfieberte. Jetzt war die beginnende Vertrautheit auf einen Schlag wie weggeblasen und Schuld war nur dieser verdammte Kuss.
„Wir sind da!“, stellte er gerade fest.
Wir stiegen aus und wurden schon von einem Mann in mittleren Jahren erwartet, als wir unter den Blicken der Presse die Hotellobby betraten.
„Mr. und Mrs. Cullen, mein Name ist Phillip Banks. Ich bin der zuständige Hotelmanager und heiße sie hiermit herzlich Willkommen im Grand Hyatt Seattle. Darf ich sie zu ihrer Eheschließung beglückwünschen?“
Er lächelte strahlend und sah eifrig von einem zum anderen.
„Vielen Dank, das ist sehr freundlich von Ihnen“, antwortete Carlsile recht neutral und lächelte den Mann höflich an.
„Bitte, folgen sie mir. Man wird sie gleich in die Hochzeitssuite bringen.“
„Es reicht, wenn Sie uns die Schlüssel aushändigen und mir das Stockwerk nennen.“ Er grinste den Hotelmanager verschwörerisch an. „Meine Frau und ich wollen gerne so schnell wie möglich für uns sein. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Den ganzen Tag schwirren schon hunderte von Leuten um uns rum.“
Mr. Banks nickte verstehend.
„Das kann ich voll und ganz nachvollziehen. Übrigens, wie gewünscht dürfen Sie und Ihre Frau den Hintereingang benutzen, um das Hotel zu verlassen. Die Presse wird es dort schwer haben, Ihnen und ihrer bezaubernden Gattin aufzulauern.“
Mein Mann nickte zufrieden.
„Sehr schön, das kommt uns sehr entgegen.“
Warum war er denn so scharf darauf, dass die Presse nicht mitbekam, wann wir morgen früh das Hotel wieder verließen? Blitzlichtgewitter und neugierige Reporter waren eh nichts Neues für ihn. Gerade eben, hatte es ihm doch auch nichts ausgemacht.
Während ich mir noch Gedanken darüber machte, bekam Carlisle den Schlüssel und wir machten uns auf den Weg in unsere Suite. Die Fahrt im Lift verlief ruhig und wortlos und doch begann sich erneut in mir diese unheimliche Aufregung aufzubauen. Die Fahrstuhlmusik hätte mich beruhigen soll, doch die monotonen Klänge schafften es nicht, mich wieder ruhigzustellen. Nach diesem Kuss mit ihm allein zu sein, stellte mich vor viele Fragen. Würde er es nochmal versuchen? Das Gespräch in der Limousine, war ja ziemlich frostig verlaufen, doch zwischen uns gab es immer noch genügend Hitze, um das vergessen zu machen. Würde ich mich weigern, wenn er trotzdem mit mir schlafen wollte? Ich traute mich nicht, diese Frage zu beantworten.
Der Fahrstuhl hielt und er ging voraus. Ich sah ihn mir genau an, während er vor mir herlief. Seine beeindruckende Größe wurde durch seine schlanke Statur ein wenig abgemildert. Er wirkte nicht so wuchtig, wie sein Vater und der Smoking unterstrich seine elegant wirkende Erscheinung. Er wäre die perfekte Besetzung für einen Bond- Film. Sogar der äußerst attraktive Sean Connery würde sich anstrengen müssen, um mit Carlisles Ausstrahlung mitzuhalten. Dabei war es beinahe unerheblich, dass es ihm an Jahren und der entsprechenden Erfahrung fehlte. Wie würde er erst sein, wenn die Zeit ihn reifen ließ?
Endlich war es soweit und wir betraten nacheinander die Hochzeitssuite. Heimlich hatte ich ja gehofft, dass er mich vielleicht über die Schwelle tragen würde, einfach um dem Ganzen eine nicht ganz so gefühlskalte Note zu verleihen. Er hielt mir die Tür auf und ließ mir den Vortritt, das war alles an Romantik, was er zustande brachte. Schluckend, weil er gar so zurückhaltend und schweigsam war, ging ich voraus und befand mich im Wohnzimmer. Eine Doppeltür stand leicht auf und ich erhaschte einen Blick auf ein riesiges Himmelbett, dessen helle Vorhänge alle Seiten säumten und nur die vordere Front frei ließen. Cremefarbene Kissen und Satinbettwäsche wirkten enorm einladend und harmonierten mit dem dicken hellen Teppich, der den Boden bedeckte. Mehr konnte ich nicht sehen, da die Türen nicht komplett geöffnet waren.
Ich hörte Schritte hinter mir und drehte mich um. Er stand jetzt ganz nah vor mir. Erwartungsvoll blickte ich in seine Augen und wartete einfach ab, was jetzt passieren würde. Ich sehnte mich nach einem Kuss von ihm und doch war ich ängstlich. Der Deal würde damit hinfällig werden. Miteinander zu schlafen, würde nur alles unnötig verkomplizieren, es schwierig machen. Aber ich war bereit, es zu versuchen. Ich wollte uns eine Chance geben es richtig zu machen und nicht nur ein Schauspiel für die anderen zu bieten.
„Ich werde jetzt gehen und dich allein lassen“, sagte er unvermittelt und presste dann die Lippen so fest aufeinander, dass sie fast weiß wurden.
„Bitte?!“
„Du hast deinen Teil der Abmachung erfüllt und ich werde dich wie gewünscht in Ruhe lassen. Es macht in meinen Augen wenig Sinn, die Nacht gemeinsam zu verbringen, also werde ich dich allein lassen, um dir deine Privatsphäre zu gönnen.“
Das war wie ein Schlag ins Gesicht für mich. Er will zu ihr, dachte ich wie betäubt, und ich dumme Kuh, hätte ihm alles von mir gegeben.
„Ich vermute, Carmen erwartet dich bereits. Oder etwa nicht?“
Ich bemühte mich die Fassung zu bewahren, und ihm nicht zu zeigen, wie sehr mich sein Verhalten verletzte. Es war demütigend, aber ich sprach trotzdem direkt darauf an.
„Bei allem Respekt, Esme. Ich habe dir von Anfang an reinen Wein eingeschenkt. Du wusstest, dass es eine andere Frau in meinem Leben gibt. Hast du gedacht, ich vergesse Carmen einfach, nur weil wir heiraten? Ich bin vielleicht ein arrogantes Arschloch, aber ich habe keine zwei Frauen nebeneinander. Carmen ist die Frau, die ich begehre und wenn ich schon keine richtige Ehe führen kann, dann doch wenigstens eine Beziehung zu einer warmen und leidenschaftlichen Frau. Ich brauche kein kleines Mädchen, das mir vorwurfsvolle Blicke zuwirft. Du hattest die Wahl, jetzt leb mit den Konsequenzen. Ich habe dir nie irgendwelche Versprechungen gemacht.“
Er war so aggressiv, das machte mich für einen Moment sprachlos.
„Ich habe doch gar nichts gesagt.“
„Aber gedacht. Ich kenne dich jetzt ein bisschen und deine Augen verraten mehr, als dir lieb ist.“
„Na gut, ich gebe es zu. Es passt mir nicht, dass du so pietätlos bist und deine Hochzeitsnacht woanders verbringst.“
Er zog spöttisch die Augenbrauen hoch.
„Na, wenn das kein Grund ist, Angst zu haben. Aber ich muss dich enttäuschen. Ob es dir passt oder nicht, ich werde zu ihr gehen. So war es von Anfang an geplant. Was glaubst du, wie sie sich fühlen wird, wenn ich bei dir bleibe?“
Verletzt sah ich ihn an.
„Und was ist mit meinen Gefühlen? Du machst mich zum Gespött von ganz Seattle, wenn du einfach gehst.“
„Darüber brauchst du dir wirklich keine Sorgen machen. Ich habe nicht umsonst darum gebeten, den Hinterausgang benutzen zu dürfen. Keiner wird etwas mitbekommen und morgen früh, komme ich auf gleichem Weg wieder rein. Dein toller Ruf wird schon keinen Schaden nehmen. Keine Angst!“
„Sei nicht so gemein“, flüsterte ich leise.
Meine Stimme klang jetzt brüchig und ich hielt mich nur noch mühsam zusammen. Jetzt wünschte ich mir nichts mehr, als dass er endlich verschwinden würde, damit ich endlich losheulen konnte. Das war alles so falsch und so ….jämmerlich. Ich…..er….unsere Ehe……einfach alles.
Er fuhr sich durch seine Haare, bis sie wild abstanden.
„Scheiße, Esme. Es tut mir leid, ehrlich, aber es bringt nichts, hier weiter zu diskutieren. Lass uns das Ganze zu einem halbwegs anständigen Abschluss bringen. Ich kann nicht anders handeln. Es tut mir leid…wirklich…“
Seine Stimme klang gegen Ende beschwörend und seine Augen hatten einen flehenden Ausdruck. Doch das half mir auch nicht wirklich weiter. Die Demütigung war nicht mehr aufzuhalten, wie ein schleichendes Gift breitete sie sich in mir aus und tränkte alle Winkel meines Verstandes.
„Geh einfach, Carlisle!, forderte ich erstickt auf und drehte ihm verletzt den Rücken zu. Ich fühlte seine Hand an meiner Schulter und schüttelte sie unwillig ab. Ich hörte ihn gequält seufzen.
„Also dann….bis morgen früh.“
Ich hörte seine Schritte, die sich langsam von mir entfernten, hörte, wie die Tür leise geöffnet und wieder geschlossen wurde. Erst dann, gab ich dem unwiderstehlichen Drang zu weinen endlich nach………
Teil 5
Carlisles POV
Kaum schlug ich die Tür hinter mir zu, hörte ich Esmes leises Weinen durch das dicke Holz hindurch. Angewidert von mir selber und der Show, die ich da gerade abgezogen hatte, lehnte ich meinen Rücken dagegen und hörte zu. Mein ganzer Körper spannte sich an und ich war drauf und dran wieder reinzugehen, um sie zu trösten, um ihr zu sagen, dass alles nur halb so schlimm war. Aber was machte ich mir vor? Dieser ganze Deal war einfach total daneben. Was als gut gutdurchdachter Plan begonnen hatte, mündete gerade in einem unendlichen Chaos. Ich schloss die Augen und hinderte mich mit aller Gewalt daran, die Tür hinter mir wieder zu öffnen und einfach rein zu stürmen. Aber das Letzte was wir jetzt brauchen konnten, war leidenschaftlicher Sex und genau damit würde es enden, sobald ich durch diese Tür trat. Ich traute mich nicht, diese letzte Grenze zu überschreiten und mir das zu nehmen, was ich wirklich wollte. Esme.
Wann war sie mir nur so ans Herz gewachsen? Verdammte Scheiße, sie sollte mir eigentlich durch die Heirat nur die ersehnte Freiheit verschaffen und jetzt fühlte ich mich wie in einem Gefängnis. Aber nicht wegen ihr, sondern wegen Carmen. Seit dem Tag an dem ich die erste Verabredung mit ihr wegen Esme abgesagt hatte, machte sie mir das Leben zur Hölle. Ihre ständigen Vorhaltungen, ihre bösartigen Verdächtigungen, ihr mangelndes Vertrauen…. Das alles führte dazu, dass ich mich immer mehr von ihr entfernte, auch wenn ich mich trotz allem noch stark an sie gebunden fühlte.
Carmen und ich waren jetzt seit einem Jahr heimlich ein Paar. Heimlich deswegen, weil sie nicht den besten Ruf hatte, aber dessen war ich mir von Anfang an bewusst gewesen. Es hatte mich nie gestört, weil meiner ja auch nicht besonders gut war. Aus diesem Grund hielt ich ihr ihre Vergangenheit und ihre vielen Männergeschichten nicht vor. Verdammt, immerhin hatte ich selber genügend in der Gegend herum gevögelt, da hatte ich wohl kaum das Recht ihr eben das vorzuwerfen, nur weil sie eine Frau war. Wir hatten beide eine bewegte Vergangenheit und wir wollten sie hinter uns lassen. So war es wenigstens geplant. Zu Anfang hatte ich noch geglaubt, dass meine Eltern sie eventuell akzeptieren würden, wenn sie sie so kennenlernten, wie ich es getan hatte. Doch nachdem ich einmal unvorsichtig ihren Namen in den Raum geworfen hatte – es ging um eine Einladung zu einer Dinnerparty - und ich das entsetzte Gesicht meiner Mutter sah, wurde mir klar, dass sie Carmen niemals in unserer Familie tolerieren würde. Sie war eine Persona non grata, jemand den man nicht kennen und in seiner Familie aufnehmen wollte.
Unglücklicherweise war Carmen erst kurz zuvor in einen Skandal mit einem Senator verwickelt gewesen. Sie hatte mir offen über diese Affäre berichtet, die nur wenige Wochen gedauert hatte. Wochenlang hatte Sheraton sie belagert, bis sie ihm irgendwann geschmeichelt nachgab. Er war älter, mächtig und auf seine Art sehr attraktiv. Ein Kennedy- Typ, nur ohne dessen unbestrittenes Charisma. Doch die Affäre war aufgeflogen und Mrs. Sheraton reichte kurzerhand die Scheidung ein. Als Scheidungsgrund gab sie aber nicht wie üblich, unüberbrückbare Differenzen an, sondern die Affäre mit Carmen. Es war ihre Form der Rache und die politische Karriere vom Senator, erlitt einen empfindlichen Rückschlag. Ihm war natürlich klar, dass seine Wähler ihm diesen Fehltritt nicht so schnell verzeihen würden und er musste gezwungenermaßen seine Kandidatur zur Präsidentschaft zurückziehen. Das sorgte für massiven Wirbel, doch Mitleid hatte ich nicht mit ihm. Er war nicht der erste Politiker, dessen Karriere wegen einer Frau ins Wanken geriet, und sicher auch nicht der Letzte. Irgendwann würde er wieder auf dem politischen Parkett Fuß fassen, sobald diese leidige Angelegenheit in Vergessenheit geriet. Sheraton wäre dann wieder rehabilitiert, nur die betreffende Geliebte würde bis in alle Ewigkeit mit dem Stempel einer Schlampe durchs Leben laufen müssen. Genau das war auch Carmen passiert und das wirkte sich unmittelbar auf unsere gemeinsame Beziehung aus.
Durch diese unselige Liaison, war ihr bis dato völlig unbekannter Name, plötzlich in aller Munde. Die Scheidung der Sheratons war der Skandal des Jahres und seine Untreue wurde wie ein Bubble Gum durch die Presse gekaut. Jeder Bürger in der Stadt bekam mit, dass der aufrechte Politiker fremdgevögelt hatte und die Neugier der Leute auf die Frau, die ihn dazu gebracht hatte, war immens. Jedenfalls bekam sie dadurch Zugang in die höchsten Kreise. Jeder wollte die Frau begaffen, die es erreicht hatte, den rechtschaffenen und gottesfürchtigen Senator vom rechten Weg abzubringen und sie wurde von Party zur Party herumgereicht. Carmen wurde vorgeführt, wie ein Tier im Zoo und sie tat mir leid, auch wenn ich mich hin und wieder fragte, warum sie das mit sich machen ließ. Sie hätte auch einfach von diesen Gesellschaften wegbleiben können. Ich wurde sehr neugierig auf sie und eines Tages traf ich sie auf einer Cocktailparty persönlich, wo ich schnell das Gespräch mit ihr suchte. Ihre Schönheit, von der ich bisher nur gehört hatte, verschlug mir wirklich die Sprache und ich konnte Sheraton plötzlich gut verstehen. Für so eine unglaubliche Frau riskierte man schon mal seine Karriere und sein wohlgeordnetes Leben. Carmen war purer Sex auf zwei Beinen, ihr kurvenreicher Körper und ihre rauchige Stimme reizten mich total und ich wollte sie unbedingt haben.
Carmen war aufregend in jeder Hinsicht und ich hörte ihr, während unserer Unterhaltung, wie gebannt zu, ohne die Augen von ihr nehmen zu können. Sie erzählte mir von ihrem Wunsch ein besseres Leben zu führen und dass sie einfach keinen anderen Ausweg sah, als sich den abschätzenden Blicken hier auszusetzen. Carmen hoffte einfach, dass man sie mit der Zeit nicht so falsch einschätzen würde, wenn sie den Menschen die Chance gab sie kennenzulernen. Dafür nahm sie auch die Blicke und die Tuscheleien in Kauf, sobald sie irgendwo auftauchte. Im gleichen Zug gestand sie mir, wie unglaublich dankbar sie mir dafür war, dass ich sie nicht wie ein billiges Flittchen behandelte. Carmen senkte fast schon verlegen den Blick und dieser Kontrast zwischen Sexbombe und schüchternem Mädchen war einfach nur faszinierend für mich. Diese Einstellung und ihren Mut fand ich bemerkenswert. Die sogenannte „gute Gesellschaft“ kotzte mich sowieso an, weil sie ihre oberflächliche Freundlichkeit nur heuchelten und in Wirklichkeit nur hinten herum am Lästern waren. Dass ihr das bewusst war und sie sich trotzdem nicht von ihrem Ziel abbringen ließ, beeindruckte mich dermaßen, dass ich sie zum Abendessen einlud. Natürlich nicht ohne Hintergedanken.
Wir gingen miteinander aus und nach diesem Abend trafen wir uns öfter. Das Irritierende war, dass sie nicht gleich mit mir ins Bett stieg. Carmen ließ mich zappeln und widerstand allen meinen Versuchen sie rumzukriegen. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte und es machte mich ziemlich stutzig, weil ich von den verschiedensten Quellen erfahren hatte, dass sie ansonsten recht locker mit Sex umging. Nur bei mir hielt sie sich sehr zurück und nach wenigen Wochen war ich dermaßen heiß auf sie, dass ich beinahe alles getan hätte, um sie zu bekommen. Ich war völlig verrückt nach dieser Frau und gestand mir schließlich die wachsenden Gefühle für sie ein. Anfangs war es mir nur darum gegangen sie flachzulegen, doch mit der Zeit verliebte ich mich in sie. Es passierte ohne jede Vorwarnung und völlig ungeplant. In meinen Augen war sie kein berechnendes Luder, sondern einfach nur realistisch und selbstbewusst und ich nahm die Wartezeit auf unser erstes Mal widerstrebend an. Wochenlang schlichen wir umeinander herum, bis es schließlich doch passierte. Und das Warten hatte sich weiß Gott gelohnt. Der Sex mit ihr war unglaublich und ich verfiel ihr mit Haut und Haaren. Tatsächlich kamen wir in der ersten Zeit kaum noch aus dem Bett und ich verlor jedes Mal total die Kontrolle über mich. Es war leicht sich bei ihr gehen zu lassen und ich genoss es sehr, keine schüchterne Debütantin im Bett zu haben, sondern eine richtige Frau. In sexueller Hinsicht war sie mir ebenbürtig und genau diese Tatsache, unterschied sie von allen anderen Geliebten, die ich bisher gehabt hatte. Sie wusste einfach, was sie wollte und nahm es sich ohne Zurückhaltung. Mit keiner anderen war es jemals so gut gewesen und wir harmonierten auf ganzer Linie. Ein weiterer Wesenszug an ihr, der mich magnetisch anzog, war Carmens teilweise recht egoistische Grundeinstellung zum Leben, die genau der meinen entsprach. Wir hatten beide analoge Erwartungen von unserer Zukunft und strebten nach Geld, Spaß und Erfolg. Eigentlich ähnelten wir uns überhaupt in vielen Dingen und für mich stand schnell fest, dass sie die Frau war, mit der ich mein weiteres Leben verbringen wollte.
Damals ließ ich alle Telefonnummern von diversen Frauenbekanntschaften verschwinden und war Carmen von dem Zeitpunkt an treu. Wir führten eine Beziehung außerhalb der Öffentlichkeit und genossen unsere gemeinsame Zeit, wann immer wir konnten. Doch dann kam Dad mit dieser Schnapsidee an, mich unbedingt mit der Tochter eines ehemaligen Konkurrenten zu verkuppeln. Ich war entsetzt, verzweifelt und fast so weit, alles hinzuschmeißen, um mit Carmen irgendwo ein neues Leben zu beginnen. Doch sie überzeugte mich nach einem sehr intensiven Gespräch über unsere Zukunft davon, dass wir nicht davonlaufen durften. Das Vermögen und die Firma würden mir zustehen, warum das alles aufgeben? Ich überlegte lange hin und her und kam zu dem Entschluss, dass sie recht hatte. Sicher, ich hatte nicht viel zum Wachstum des Unternehmens beigetragen, aber ich hatte seit dem Teenageralter darauf hingearbeitet, die Firma eines Tages zu übernehmen. Es war nicht so, dass ich darauf wartete, dass mir der goldene Löffel in den Hintern geschoben wurde. Ich war durchaus entschlossen, etwas dafür zu leisten, aber ich war nicht bereit, deswegen auf Carmen zu verzichten. Also beschloss ich alles Menschenmögliche zu tun, um beides zu bekommen. Die Frau, die ich liebte und das Geld.
Der Plan Esme von einer Vernunftheirat zu überzeugen, kam von Carmen selbst. Sie kannte sie wohl noch aus Schulzeiten und sie versicherte mir, dass Esme es sich nicht entgehen lassen würde, Mrs. Cullen zu werden, so versnobt, wie sie wäre. Ich kannte sie ja damals noch nicht und verließ mich komplett auf ihre wenig ansprechende Charakterisierung meiner zukünftigen Braut. So reifte diese wahnwitzige Idee in uns beiden heran, die schließlich beim realen Vorschlag in der Bibliothek ihren Höhepunkt fand. Doch mit einem hatte ich nicht gerechnet. Das Esme Platt so unglaublich bezaubernd war. Sie hatte mich an jenem Abend förmlich mit ihrem Starrsinn und ihrem mädchenhaften Charme überrollt, obwohl sie nicht gerade nett gewesen war. Ich musste wider Willen grinsen, während ich mich endlich von der Tür abstieß, langsam auf den Aufzug zu schlich und dabei immer wieder einen Blick zurück zur Suite warf. Ihr Weinen wurde mit jedem zurückgelegten Schritt leiser, bis ich es endlich nicht mehr hören konnte. Erleichtert, weil ich es kaum hatte ertragen können, rief ich mir unsere erste Begegnung wieder ins Gedächtnis, während ich nach unten in die Tiefgarage fuhr.
Nach dem ersten Schock war Esme ziemlich zickig geworden und weit davon entfernt, das süße Weibchen für mich zu mimen. Mein Verhalten war natürlich kein bisschen besser gewesen. Sie war reserviert und ich hatte mich aufgeführt wie ein verdammter Neandertaler. Die ganze Unterhaltung zwischen uns, war trotz allem irgendwie amüsant, es fühlte sich wider Erwarten gut an mit ihr zu reden – oder sollte ich sagen streiten. Und plötzlich kam mir eine Scheinehe, mit dieser kleinen Kratzbürste, gar nicht mehr so abwegig vor. Im Gegenteil, nachdem sie widerstrebend zugestimmt hatte, freute ich mich geradezu auf jedes Treffen mit ihr, weil ich den intelligenten Auseinandersetzungen mit ihr entgegenfieberte. Gegen meinen Willen und gegen jede Vernunft sehnte ich mich danach, immer mehr und immer öfter Zeit mit ihr zu verbringen.
Diese regelmäßigen Treffen waren recht schnell keineswegs nur eine Pflichtübung für mich, sondern das reinste Vergnügen. Esme hatte einen feinen Sinn für Humor und brachte mich ständig zum Lachen. Für einen Snob, war sie manchmal ziemlich albern, ohne sich aber dabei lächerlich zu machen. Diese Frau nahm sich selber nicht zu ernst und das machte sie, trotz ihrer ab und an schnippischen Art, unglaublich sympathisch. Darüberhinaus war sie eine für ihr Alter ziemlich belesene Person. Sie verschlang Bücher von Autoren, deren Namen Carmen sicher noch nicht mal aussprechen konnte. Bis dahin hatte mich ihre mangelnde Allgemeinbildung nicht gestört, die wenige Zeit die wir hatten, hatten wir sowieso meist ausschließlich fürs Bett und fürs Feiern genutzt, doch jetzt stieß es mich fast schon ab. Esme machte mir wieder bewusst, dass es mehr im Leben gab und wir führten bei unseren gelegentlichen Treffen ausgiebige - und vor allem lebhafte - Diskussionen über Literatur oder andere essentielle Dinge des Lebens. Immer öfter ärgerte ich mich sogar darüber, dass ich zu Carmen musste und Esme deswegen nicht sehen konnte.
Von da an, fing ich an, Carmen aus dem Weg zu gehen und das beginnende Ende unserer Beziehung wurde dadurch eingeleitet. Zuerst unbewusst, doch je öfter wir wegen Esme aneinandergerieten, umso stärker wurde mein Widerwille Zeit mit ihr zu verbringen. Carmens Selbstbewusstsein war nichts weiter als eine Fassade für ihren Egoismus – und für meinen. Es war nicht richtig, wie ich mich Carmen gegenüber verhielt. In den letzten Wochen vor der Hochzeit, hatte ich leider feststellen müssen, dass die Verbindung zwischen uns wohl doch nicht stark genug war, um ein ganzes Leben lang zu halten. Nicht, wenn ich mich in ihrer Gegenwart ständig nach einer anderen sehnte. Dass ich sie noch nicht betrogen hatte, lag wohl eher an Esmes natürlicher Zurückhaltung und nicht an meiner Standfestigkeit. Dafür war ich wirklich dankbar, denn ich fühlte mich Carmen noch immer so weit verbunden, um nicht mit einer anderen ins Bett steigen zu wollen, solange wir noch ein Paar waren. Doch ab und an vergaß ich, dass Esme nur ein Teil einer geschäftlichen Vereinbarung war und meine Liebe und Treue eigentlich Carmen gehören sollte. Doch ich hatte mich in Esme verliebt und das veränderte daher alles. Zwischen zwei Frauen hin-und hergerissen zu sein, war ein beschissenes Gefühl, und stellte mich vor die wohl wichtigste Entscheidung meines Lebens.
Es gar nicht so schwer sie zu treffen. Ich wusste genau, was ich wollte und heute Abend wollte ich endlich das Richtige tun, bevor ich beide Frauen nur noch mehr verletzte. Carmen war trotz allem weiterhin meine Freundin und verdiente ein respektvolles Ende unserer Beziehung. Doch es war Esme, die in meinem Leben bislang gefehlt hatte, ohne dass ich es gewusst hatte. Ich hatte mich mit der falschen Frau eingelassen und diesen Fehler musste ich jetzt korrigieren.
Esmes Tränen und dieser unglaubliche Kuss auf der Feier hatten den Ausschlag gegeben, mich endgültig zu ihr zu bekennen. Carmen und ich, das hatte einfach keine Zukunft. Wir waren uns vielleicht ähnlich, aber es reichte nicht aus, um sich für immer an sie zu binden. Die Gefühle für sie waren nicht einfach weg, aber sie reichten nicht an das heran, was ich für Esme empfand. Ich mochte geradezu alles an ihr, auch wenn mich ihre Prüderie ab und an in den Wahnsinn trieb. Doch auf der Feier hatte sie mir gezeigt, welche Leidenschaft in ihr steckte, wie viel sie zu geben hatte. Und gerade eben…..Ich schluckte, während ich den Fahrstuhl verließ und unschlüssig in der Tiefgarage stand. Sollte ich sie jetzt wirklich allein lassen? Wäre es nicht besser, einfach wieder hochzufahren, sie in die Arme zu nehmen, ihr das züchtige Hochzeitskleid auszuziehen und….
Ein lautes Hupen von einem vorbeifahrenden Fahrzeug, brachte mich wieder in die Realität zurück und ich ging entschlossen zu meinem bereitgestellten Wagen. Gerade noch rechtzeitig, dachte ich. Esme verdiente es nicht, dass sie sich wie zweite Wahl fühlte und Carmen verdiente es nach einer einjährigen Beziehung auch nicht, dass ich sie hinterging. Ich musste die Sache zu Ende bringen, bevor ich ein neues Leben mit meiner Frau begann. Falls sie mich dann überhaupt noch wollte….
*~*
Das Innere von Carmens Wohnung war hellerleuchtet und das Licht schimmerte gedämpft durch die Vorhänge der Fenster, als ich nach einer einstündigen Fahrt aus dem Wagen stieg und mit ziemlich mulmigem Gefühl im Bauch, auf den kleinen Bungalow zulief, den ich für sie gekauft hatte. Unbehelligt von der Presse war ich hierher gelangt. Diese Geier hatten sich alle verzogen, weil keiner von denen damit rechnete, dass ich die Braut in der Hochzeitsnacht allein ließ. Ein wenig beklommen dachte ich an das bevorstehende Gespräch und wäre am liebsten wieder abgehauen. Doch die Erinnerung an Esmes Weinen ging mir nicht mehr aus dem Kopf und ich schöpfte daraus den Mut, um das Ganze hier und jetzt zu Ende zu bringen. Vor ihrer Haustür holte ich noch mal tief Luft und klingelte. Sofort wurde die Tür von ihr aufgerissen, als hätte sie direkt dahinter auf mich gewartet.
„Carlisle!“
Sie klang unglaublich erleichtert und zog mich am Revers meines Jacketts hinein. Wahrscheinlich hatte sie schon halb damit gerechnet, dass ich die Nacht tatsächlich mit Esme verbringen würde.
„Hi Carmen!“, erwiderte ich leise und lächelte schwach. Sie trug nur ein verführerisches Negligé in weiß, was ihren hellen Teint und die rotblonden Haare wunderschön in Szene setzte. Beinahe wirkte sie wie eine unschuldige Braut, obwohl sie alles andere als das war. Carmen schien meine wenig enthusiastische Begrüßung kaum wahrzunehmen und schlang besitzergreifend die Arme um meinen Hals. Sofort fühlte ich mich wie in einem Gefängnis, was mich nur noch bestärkte, die Sache durchzuziehen. Carmen drückte in der Zwischenzeit ihren Körper an mich, damit sie mich wie üblich, zur Begrüßung küssen konnte. Ihre vollen Lippen pressten sich auf meine und ich legte halbherzig die Hände an ihre Hüften. Noch vor ein paar Wochen, hätte mich jetzt heftige Erregung gepackt. Ihre Berührungen hatten sonst immer sofortige Auswirkungen auf meinen Schwanz gehabt, doch heute spürte ich nur einen leichten Anflug von Lust, der kaum der Rede wert war. Jede Frau hätte diese körperliche Reaktion auslösen können, doch dieses Mal fiel sie nicht so wie erwartet aus. Carmen war eine erfahrene Frau und merkte das natürlich auch gleich. Sofort zog sie sich ein kleines Stück zurück, sah mich an und senkte dann die Augen auf die fehlende Härte in der Mitte meines Körpers. Sehr langsam ließ die dann meinen Hals los und trat mit bestürztem Blick einen Schritt zurück.
„Carlisle?....“
Ihre Stimme war eine Mischung aus ungläubiger Fassungslosigkeit und Angst. Gott, sie tat mir so unendlich leid, als sie anfing in meinen Augen zu lesen, was mit mir los war. Carmen schüttelte den Kopf und murmelte die ganze Zeit etwas vor sich hin. Ich konnte es erst nicht verstehen, doch dann drangen die undeutlichen Wortfetzen schließlich bis zu mir durch.
„Nein..nein…nein…das geht nicht….ich hab so viel investiert…nein….nicht sie….ich…ich bin diejenige…..es geht nicht….das lass ich nicht zu“, brabbelte sie aufgebracht vor sich hin.
„Carmen“, fing ich an, doch sie lächelte mich urplötzlich strahlend an. Als hätte man einen Schalter bei ihr umgelegt, tat sie so, als wäre alles beim Alten.
„Komm, mein Liebling. Ich habe eine Flasche Champagner für uns kalt gestellt. Wenn du Lust hast, lass ich uns ein Bad ein und wir schlürfen ihn in der Wanne.“
Sie bemühte sich um ein möglichst verführerisches Lächeln, es wirkte aber eher wie eine Grimasse. Scheiße, das würde verdammt schwer werden. Sie wollte es nicht wahrhaben und ich konnte es ihr nicht mal verdenken.
„Carmen, wir müssen reden!“, sagte ich so sanft wie möglich und doch die Panik, die sich langsam auf ihrem Gesicht ausbreitete, konnte selbst sie nicht mehr weglächeln. Sie war eine schlaue Frau und ihr war natürlich klar, was meine mangelnde Reaktion auf sie und die fehlende Begeisterung zu bedeuten hatte. Wie Vogel Strauß steckte sie aber den Kopf in den Sand und ignorierte einfach, wie dieser Abend enden würde. Carmen wirkte auf mich wie ein Kind, das sich einfach die Augen zuhielt und dann davon überzeugt war, dass man es dann nicht sehen konnte. Mein Mitleid mit ihr wuchs mit jeder Sekunde, aber ich konnte so einfach nicht mehr weitermachen. Doch sie ließ mich nicht mal zu Wort kommen, sondern versuchte mich abzulenken.
„Carlisle, wir können doch danach weiter reden“, kam es fast schon gehetzt von ihr. Mein fehlendes Einverständnis auf ihre Bitte, ließ sie zum Letzten ihr möglichen Mittel greifen. Während sie mir fest in die Augen blickte, schob sie die Finger unter die Träger ihres Negligés und zog sie langsam hinunter. Die verführerische Geste verlor aber massiv an Wirkung, weil ihre Finger wie verrückt zitterten und ihr Gesichtsausdruck nichts als Bangigkeit ausdrückte. Der seidene Stoff landete als bauschiger Haufen unten zu ihren Füßen und umspielte ihre schmalen Fesseln. Meine Augen glitten ein letztes Mal über den nackten Körper der Frau, die ich zu lieben geglaubt hatte. Ich spürte ehrliches Bedauern. Nicht, weil ich das Gefühl hatte, meine Zeit verschwendet zu haben. Carmen war mir ein Jahr lang genug gewesen, und dass ich jetzt ständig an eine andere Frau denken musste, war ja nicht ihre Schuld. Mir tat es einfach leid, dass sie schon wieder eine empfindliche Niederlage einstecken musste, weil sie es erneut nicht geschafft hatte, einen Mann dauerhaft an sich zu binden. Jetzt stand sie ohne einen Fetzen Stoff vor mir und bot sich mir bemitleidenswert an. Innerlich sammelte ich mich, um ihr so zartfühlend wie möglich beizubringen, dass sie sich wieder etwas überziehen sollte. Gerade in diesem Moment, trat sie mit einem elegant anmutenden Schritt nach vorne, aus dem Stoffhaufen heraus und lächelte mich herausfordernd an. Carmen war stolz auf ihren Körper und war sich sicher, dass ich dieser Einladung nicht widerstehen konnte. Doch sie täuschte sich diesmal. Ohne weiter auf sie zu achten, bückte ich mich, hob das Negligé auf und drückte es ihr vorsichtig in die Hände.
„Hier, zieh es dir doch bitte wieder über. Ich will nicht, dass du krank wirst“, bat ich sie mit ruhiger Stimme.
Das riss ihr wohl den Boden unter den Füßen weg und sie verlor die Kontrolle über sich. Ihr ganzes Temperament brach durch und sie lachte ungläubig, als sie mir das Nachthemd wütend vor die Füße schmiss.
„Warum stört es dich, wenn ich nackt bin?“, höhnte sie gekränkt. „Ich kann mich noch schwach daran erinnern, dass es dir mal sehr gut gefallen hat, wenn ich mich vor dir ausgezogen habe. Was ist jetzt anders, Carlisle? Hat deine prüde, kleine Miss etwa dein verlorenes Schamgefühl wiedererweckt?“
Ich schloss kurz die Augen. Okay, dann also auf ihre Art, dachte ich müde. Carmen war auf Konfrontation aus und würde das nicht mit Anstand enden lassen.
„Bitte…lass uns nicht streiten, sondern einfach reden. Ich habe dir etwas mitzuteilen und das möglichst ohne Streit.“
„Fick dich, Carlisle“, fuhr sie mich grob an und ich hob meine Augenbrauen. Seit wann war sie so vulgär? Sie kam nicht aus der feinsten Familie, aber bis jetzt hatte sie immer gute Umgangsformen an den Tag gelegt.
„Findest du den Ton den du anschlägst, nicht ein wenig übertrieben?“, fragte ich arrogant. Sie hasste es, wenn ich mich so verhielt. Carmen fühlte sich dann immer herausgefordert und schlug genauso giftig wieder zurück. Doch ihre gemeinen Äußerungen über Esme machten mich stinkwütend und mein Mitleid mit ihr schmolz gerade kontinuierlich dahin.
„Ich rede, wie es mir passt!“, schrie sie auch prompt und ballte die Fäuste, als wollte sie mich eine reinhauen. Sie vibrierte vom kleinen Zeh bis in die kleinsten Haarspitzen und ich traute ihr gerade alles zu. Die Augen zu gefährlich schmalen Schlitzen verengt und das Gesicht vor Wut gerötet, sah sie plötzlich nur noch halb so schön aus. Gehässigkeit machte abstoßend, da war schon was Wahres dran.
Erneut bückte ich mich und hob das seidene Hemdchen vom Boden auf. Sie riss es mir praktisch aus der Hand und zog es sich mit staksigen und fast schon ungelenken Bewegungen wieder über den Kopf. Scheiße, war sie sauer. Jetzt konnte ich nur hoffen, dass sie sich ein wenig beruhigen würde, denn ich wollte mich wirklich im Guten von ihr trennen. Doch sie machte nicht den Eindruck als würde sie das zulassen. Böse starrte sie mich an, nachdem sie ihre Nacktheit bedeckt hatte und verzog dann den Mund zu einem zynischen Lächeln.
„Na los, Carlisle, jetzt leg schon los! Verpass mir endlich den Tritt auf den Boden. Deswegen bist du doch da. Nicht wahr?“
„Du weißt, dass es nicht so ist. Ich will dir keinen Tritt verpassen, aber in einem Punkt hast du Recht. Es geht um unsere Beziehung.“
Sie schnaubte und drehte sich abrupt um. Carmen ging in das Wohnzimmer und schenkte sich aus der kleinen Minibar einen ordentlichen Schluck Bourbon ein. Es schüttelte mich leicht, als sie das randvoll eingeschenkte Glas in einem Zug hinunterstürzte. Das Zeug schmeckte einfach nur widerlich und ich zog ein gutes Glas Wein allemal vor.
„Du willst also Schlussmachen. Stimmt´ s?“
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung die mit harter Stimme getätigt wurde.
„Ja.“
Mehr war von meiner Seite nicht nötig, denn jedes weitere Wort wäre zu viel gewesen. Zumindest im Moment. Vielleicht würde ich eines Tages die Gelegenheit haben, ihr wirklich zu erklären, was passiert war und was heute in mir vorging. An diesem Abend würde sie mir aber sicher nicht zuhören, und alles als Provokation in ihre Richtung ansehen. Jedes Wort von mir, würde sie mir im Mund herumdrehen. Jetzt wo sie mir so verletzt und wütend gegenüberstand, war es wohl besser es kurz und bündig zu halten.
Carmen schenkte sich wieder nach, begnügte sich aber damit, am Rand des Glases von dem Alkohol zu nippen. Ein berechnender Ausdruck lag in ihren Augen, den ich so an ihr noch nie wahrgenommen hatte. Er wirkte kalt und kalkuliert, als würde sie gerade ihre Möglichkeiten abwägen, während sie den Bourbon sanft hin- und her schwenkte. Eine Gänsehaut kroch mir den Nacken hinauf. Sie wirkte irgendwie gefährlich auf mich, obwohl ich nicht mal sagen konnte wieso und sie mir auch noch nie einen Grund dafür geliefert hatte. Und doch….
„Ist es wegen ihr?“, fragte sie mich wie nebenbei. Die Gänsehaut breitete sich jetzt großflächig auf mir aus. Das klang so unglaublich unbeteiligt und gleichzeitig so bedrohlich. Angst um Esme packte mich abrupt. Man hörte so oft von zurückgewiesenen Frauen, die alle Nerven verloren und total durchdrehten. Carmens plötzliche Ruhe war doch nicht normal! Hätte sie weiterhin geschrien und getobt, wäre ich unbesorgter gewesen, aber ihr momentanes Verhalten machte mich wahnsinnig. Sollte sie jemals in die Nähe von Esme kommen und ihr etwas antun, dann würde sie es bis an ihr Lebensende bereuen. Die unerwartete Aggression, die ich ihr gegenüber empfand, brachte mich dazu, das hier schleunigst abzubrechen. Ich war noch nie ein gewalttätiger Mensch gewesen und wollte diese Gefühle nicht, die sie gerade in mir wachrief.
„Die Gründe sind doch jetzt nicht wichtig“, versuchte ich mich herauszureden. Ich wollte sie nicht belügen, aber auch nicht zugeben, dass ich tatsächlich wegen meiner frischangetrauten Ehefrau mit ihr Schluss machte. Vor einer Stunde hätte ich kein Problem damit gehabt, aber ihre merkwürdige Haltung machte mich auf einmal vorsichtig.
„Nicht wichtig….nicht WICHTIG!!“, brach es aus ihr raus und ich bereute meine bescheuerte Wortwahl sofort. „Was zur Hölle ist dir denn dann wichtig, du Mistkerl?“
„Carmen, bitte….“, versuchte ich sie zu beschwichtigen, doch sie ging wie eine Furie auf mich los.
„Du widerlicher Bastard, ich hasse dich! Hörst du! Ich hasse dich über alles!“, brüllte sie. Carmen war total außer sich und verhielt sich, als wäre sie eine entlaufene Irre aus einer Anstalt. Wild um sich schlagend, griff sie mich an und versuchte mir auf jede erdenkliche Weise weh zu tun. Verbal und physisch.
Vor lauter Überraschung wehrte ich mich nicht, während sie mich ununterbrochen traktierte. Und verdammte scheiße, es tat weh! Sie legte ihre ganze Wut, und ihre Enttäuschung über mich, in jeden einzelnen Hieb und ich ließ sie machen. Vielleicht, weil ich mir einbildete, es würde ihr irgendwie helfen. Möglicherweise wollte ich ihr auch die Gelegenheit geben mich leiden zu sehen, denn nichts desto Trotz, hatte ich ein unglaublich schlechtes Gewissen ihr gegenüber. Nur eine verliebte und kaltgestellte Frau konnte so einen Hass und so eine Kraft entwickeln. Besser ich, als Esme, dachte ich noch und zuckte unter einem besonders fiesen Schlag in meine Magengrube zusammen. Die ganze Zeit wetterte sie weiter und warf mir die übelsten, fast schon unaussprechlichsten Dinge an den Kopf. Ich war ein Kerl und einiges von Studienkollegen gewohnt, aber was Carmen da auf Lager hatte, hätte selbst einen Knastbruder in Sing Sing die Schamesröte ins Gesicht getrieben. Wäre ich gläubig gewesen, hätte ich ernsthaft überlegt einen Exorzisten hierher zu schaffen. Es fehlte wirklich nur noch, dass sie mich vollkotzte und ich hatte ehrlich gesagt die Schnauze voll. Mitten im Flug fing ich ihre Fäuste ab und umfasste sie mit meinen Händen.
„Das reicht!“, donnerte ich mit schneidender Stimme.
„ICH sage, wann es reicht!“, zischte sie mir geifernd zu und versuchte sich aus meinem Griff herauszuwinden. Doch ich ließ es nicht zu und hielt dagegen.
„Hör auf dich wie eine Verrückte aufzuführen, Carmen!“, befahl ich ihr gefährlich leise. Doch ihre Antwort war nur ein feines, aber gemeines Grinsen.
„Carlisle, ich habe eben erst angefangen. Geh ruhig zu deinem Püppchen und setz ein paar langweilige Gören mit ihr in die Welt, aber ich schwöre dir, eines Tages werde ich über euch beide lachen. Und wenn es soweit ist, werde ich euch alles heimzahlen. Darauf kannst du Gift nehmen!“
Kopfschüttelnd betrachtete ich dieses hasserfüllte und verbitterte Wesen vor mir. Begeisterung über das Ende unserer Beziehung hatte ich wirklich nicht erwartet, aber soviel Feindseligkeit war erschreckend. Mit Zorn konnte ich umgehen, aber nicht mit dieser Erbitterung. Ich wollte ihr helfen, doch ich war jetzt wohl der letzte Mensch auf diesem Planeten, von dem sie Trost annehmen würde. Durch meine Ablehnung hatte ich etwas freigesetzt, das ich nicht mehr unter Kontrolle hatte und ich konnte nur hoffen, dass sie sich schnell wieder in den Griff bekam. Die Zeit heilte doch bekanntlich alle Wunden und um ihr die Warterei darauf einigermaßen zu versüßen, würde ich ihr entsprechend finanziell unter die Arme greifen. Geld war natürlich kein Ersatz für Liebe, aber so wie ich Carmen kannte, würde es sie sicher eine Weile lang trösten. Jetzt wollte ich aber nur noch raus hier, bevor sie endgültig ausflippte.
„Ich werde jetzt gehen, Carmen!“, teilte ich ihr so gelassen wie möglich mit. Unter ihrem mörderischen Blick, war ich aber alles andere als das. Carmen schnaubte nur.
„Geh nur, Cullen. Aber ich versichere dir, du wirst noch an mich denken und dann wird es dir leid tun, dass du mich für diese prüde Schlampe abserviert hast.“
Ich zeigte keine Reaktion und drehte mich einfach um. Kurz bevor ich die Tür erreichte, blieb ich noch mal stehen und sagte:
„Ob du es mir glaubst oder nicht, Carmen, aber es tut mir aufrichtig leid, dass es so enden musste. Doch wir wären dauerhaft nicht miteinander glücklich geworden.“ Ich schloss kurz die Augen und fügte hinzu: „Eines Tages wirst du es vielleicht auch so sehen.“
„Niemals“, flüsterte sie leise, „niemals werde ich das.“
Es gab nichts mehr hinzuzufügen und ich trat aus der Tür und damit aus Carmens Leben.
Die Fahrt zum Hotel dauerte ewig, weil ich es auf der einen Seite kaum erwarten konnte, zurück zu Esme zu kommen und andererseits Angst davor hatte. Wie sie mich wohl empfangen würde, wenn ich plötzlich wieder da war? Mit Bauchschmerzen erinnerte ich mich daran, wie ich ihr vorgelogen hatte, ich würde Carmen immer noch begehren. Sie hatte mir die Lüge ohne Weiteres abgenommen und machte es mir so leichter zu gehen. Das war auch nötig gewesen. Esmes Augen hatten so einen unendlich verheißungsvollen Ausdruck, nachdem ich die Tür der Suite geschlossen hatte. Auch ihre hübschen Lippen lockten mich und wirkten schon ganz weich und nachgiebig. Alles an ihr schrie danach, von mir geliebt zu werden. Tatsächlich war es war mir unmöglich, den Raum zu verlassen, solange diese unglaubliche Frau eine so willige Ausstrahlung hatte. Ich brauchte sie wütend und enttäuscht, damit ich die Kraft aufbrachte rechtzeitig zu gehen und das war mir ja dann ohne Weiteres gelungen. Ein paar gezielte Worte, jedes Einzelne erstunken und erlogen, und ich bekam problemlos was ich wollte. Allerdings hatte ich jetzt das Problem, sie wieder vom Gegenteil überzeugen zu müssen. Mir wurde klar, wie dumm es im Grunde von mir gewesen war, ihr etwas vorzumachen. Total unnötig und dämlich.
Scheiße, ich war wirklich ein Idiot! Hätte ich auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, dann wäre mir sicher eine bessere Lösung eingefallen, als sie bis aufs Blut zu provozieren, damit sie mich aus dem Hotelzimmer jagte. Die Wahrheit wäre wohl die einfachste und beste Variante gewesen. Esme hätte sicher Verständnis dafür gehabt, dass ich erst das Eine beenden musste und wollte, bevor ich mich richtig auf sie einlassen konnte. Doch was machte ich? Ich vermasselte es mir mit ihr von Vorne bis Hinten und brachte sie zum Weinen. Ich an ihrer Stelle, hätte mir eher einen Tritt in den Hintern verpasst, als mich wieder zurückzunehmen. Der kalte Schweiß trat mir auf die Stirn, während ich den Wagen durch die Straßen lenkte. Die Konfrontation mit Carmen war schon schlimm gewesen, doch ich hatte noch viel mehr Angst vor der Begegnung mit Esme. Was sollte ich machen, wenn sie mich abwies?
Nachdem ich endlich das Hotel erreicht hatte, begab ich mich genauso ungesehen wieder nach oben, wie ich hinunter gekommen war. Mein Puls raste, als ich wieder vor unserer gemeinsamen Suite stand und angestrengt lauschte. Von innen war nicht der geringste Laut zu hören und ich fing an zu befürchten, dass sie gar nicht mehr da drin war. Zuzutrauen wäre es ihr durchaus und auf einmal hatte ich es verflucht eilig reinzugehen, um herauszufinden, ob sie tatsächlich die Flucht ergriffen hatte. Ich schloss auf und überquerte leise die Türschwelle. Dunkelheit empfing mich, nur der leichte Schein der Lichter, die fächerförmig von Außen in das Zimmern fielen, erhellte ein wenig die Schwärze. Meine Augen gewöhnten sich schnell an die verdunkelte Umgebung und ich zog vorsichtig die Tür hinter mir zu. Ohne Licht zu machen, ging ich zielgerichtet auf das Schlafzimmer zu. Mein Herz klopfte heftiger als jemals zuvor in meinem bisherigen Leben, weil ich wirklich Angst davor hatte, ein leeres Bett vorzufinden. Trotzdem ging ich unbeirrt weiter, denn ich brauchte Gewissheit.
Die Schlafzimmertür war nicht verschlossen, sondern nur leicht angelehnt und ich stieß sie so sachte wie möglich auf, um sie nicht zu wecken, sollte sie tatsächlich noch hier sein und schlafen. Es knarrte ein wenig und ich verharrte bewegungslos, ehe ich mich weiter vorwagte und meine Füße in einem weichen Teppich versanken, nachdem ich auch diese Schwelle überschritten hatte. Hastig glitten meine Augen durch den mir unbekannten Raum, suchten das Bett und der harte Knoten in meinem Magen, löste sich in derselben Sekunde in Luft auf, als ich Esme in dem riesigen Bett liegen sah. Frieden und unendliche Erleichterung durchströmten mich, und in meinem Magen nisteten sich rotierende Räder ein, die meinen ganzen Körper zum Summen brachten. Gott, sie sah aus wie ein Engel. Esme hatte sich ganz an den Rand ihrer Bettseite gedrückt und sich dabei wie ein Baby zusammengerollt. Eine ihrer Handflächen lag direkt unter der so weich aussehenden Wange und ließ sie wie ein friedlich schlummerndes Kind wirken. Sie hatte es versäumt, vor dem zu Bett gehen die Vorhänge im Zimmer zu zuziehen und der Mond schien direkt auf ihr Gesicht. Das kühle Leuchten, machte die leichte Röte auf den Wangen genauso sichtbar, wie die Flecken auf ihrer Haut. Sie hatte geweint und ich hätte mir am liebsten selber eine runtergehauen, weil ich mit ziemlicher Sicherheit die Ursache deswegen war. Wie lange hatte sie die Tränen noch fließen lassen? Ich würde es wohl niemals erfahren und bat sie im Stillen um Vergebung. Sie sah wirklich fertig aus und ihr waren wohl doch irgendwann, vor lauter Erschöpfung, die Augen zugefallen. Jetzt ging ihr Atem regelmäßig und ruhig, ein Zeichen dafür, dass sie wirklich tief und fest schlief. Mein hämmernder Herzschlag beruhigte sich aber nicht im Mindesten, weil sie tatsächlich noch hier war, sondern prallte nur noch heftiger gegen meinen Brustkorb. Ihr Anblick war einfach unglaublich, so unbeschreiblich schön, dass ich mich unwillkürlich fragte, warum ich soviel Zeit verschwendet hatte. Die Antwort lag auf der Hand, aber mein Bedauern über die verlorenen Tage legte sich, während ich sie weiterhin wie gebannt anstarrte. Ungeschminkt, mit wirrem Haar und leicht geschürzten Lippen, sah sie so verführerisch und entzückend aus, dass ich mich fast wieder wie ein Schuljunge fühlte. Das letzte Mal, als ich solche verwirrenden und hormongebeutelten Empfindungen hatte, war ich vierzehn und in meine 20 Jahre ältere Musiklehrerin verknallt. So unsicher, so aufgeregt und glücklich fühlte ich mich jetzt auch, einfach nur, weil ich in Esmes Nähe war. Carmen hatte sowas nie in mir ausgelöst und die Erinnerung an sie, wischte mir das Lächeln wieder aus dem Gesicht. Innerlich schwor ich mir, Esme vor ihr zu beschützen, falls sie irgendwelche Dummheiten vorhatte.
Meine Frau murmelte irgendetwas Unverständliches und drehte sich auf den Rücken. Fasziniert betrachtete ich sie und beschloss sie schlafen zu lassen. Sie musste nach diesem Tag, und vor allem nach dessen unschönem Ende, furchtbar müde und erschöpft sein und brauchte diese Ruhepause dringend. Jetzt, wo ich den schlimmsten Teil des Abends, mehr oder weniger erfolgreich, hinter mich gebracht hatte, drängte es mich nicht zur Eile. Sie war hier und morgen würde ich die Sache zwischen uns klären.
So lautlos wie möglich, näherte ich mich dem Bett und öffnete dabei nach und nach die Knöpfe meines Hemdes. Ob es eine gute Idee war, sich neben sie zu legen, obwohl es im Wohnraum eine ziemlich bequem aussehende Couch gab? Wohl kaum, aber ich musste einfach in ihrer Nähe sein, brauchte sie fast so sehr, wie die Luft zum Atmen. Endlich war ich am Bett und mein Hemd flog achtlos und ohne das geringste Geräusch auf den Boden. Danach schlüpfte aus den Schuhen, Strümpfen und der Hose. Nur mit einem Slip bekleidet, legte ich mich in sicherer Entfernung zu ihr ins Bett und stütze mich seitlich auf meinen Ellenbogen, um sie in Ruhe betrachten zu können. Tiefer Frieden stieg in mir hoch, und doch kam ich mir ein bisschen lächerlich vor, weil ich wie ein verliebter Dummkopf in der Dunkelheit herumlag und sie beim Schlafen bespannte. Plötzlich musste ich grinsen. Scheiße, ich war verliebt und ich war ein Trottel, also musste es wohl in Ordnung gehen. Morgen würde ich ihr alles erklären und wir konnten dann gemeinsam ein neues Leben beginnen. Carmen war jetzt Vergangenheit und wenn ich mich ein bisschen ins Zeug legte, würde Esme mir bestimmt verzeihen. Immer noch lächelnd, legte ich mich so hin, dass ich sie weiterhin gut sehen konnte und starrte sie solange an, bis auch bei mir der Schlaf zuschlug…….
Ein unsanfter Schlag auf die Schulter und ein nasser Lappen im Gesicht weckten mich am nächsten Morgen. Fluchend fuhr ich hoch und brauchte nur wenige Sekunden, ehe mein schlaftrunkenes Gehirn erfasste, wer mich da so effektiv aus meinen Träumen gerissen hatte.
Esme stand fuchsteufelswild vor dem Bett und starrte mit verschränkten Armen auf mich hinunter.
„Was machst du in meinem Bett?“, zischte sie und war ganz außer sich. Irgendwie hatte ihr Gesichtsausdruck fatale Ähnlichkeit mit dem von Carmen, nachdem sie mir so wortreich an den Kopf geworfen hatte, dass sie mich über alle Maßen hasste. Ein ziehender Schmerz, der beginnende Kopfschmerzen ankündigte, zog sich durch meine Schläfe und ich richtete mich auf. Möglichst gelassen blickte ich ihr entgegen und lehnte mich träge in die Kissen, während ich mir über den nackten Oberkörper strich. Sie schnappte kurz nach Luft und starrte auf meine bloße Brustmuskulatur, ehe sie mir wieder in die Augen sah. Scheiße, selten war ich so froh darüber gewesen, dass ich regelmäßig Sport trieb. Das heftige Erröten, das sich blitzartig auf ihren Backen ausbreitete, zog sich bis über ihren Hals und endete an ihrem Dekolleté. Die Bewegung war eigentlich nicht beabsichtigt gewesen, sondern einfach eine normale Geste bei mir, trotzdem freute es mich diebisch, dass sie so offensichtlich darauf reagierte.
„Was ich hier mache?“, stellte ich mich ein wenig dumm und tat so, als würde ich angestrengt überlegen. Dann schlug ich mir an den Kopf, als hätte ich einen Geistesblitz. „Ah, jetzt hab ich es! Schlafen….“, teilte ich ihr gelassen mit und lächelte fein. Ihre Wut störte mich kein bisschen, ich hatte ja damit gerechnet..
„Du ziehst dich jetzt sofort an und verschwindest hier. Ist das klar!“
Ihr Ton war aggressiv, sie würde es mir nicht leicht machen.
„Du weißt schon, dass draußen jetzt die ganze Pressemeute wartet und auf ein Bild hofft, auf dem wir beide ziemlich übernächtigt aussehen?Ich kann nicht allein hier raus und das weißt du auch. Wir haben eine Abmachung.“
Das waren natürlich wieder mal die völligen falschen Worte. Ich sah es ihren Augen an und trat mir imaginär selber in den Hintern. Carlisle, du bist nicht nur ein Trottel, sondern auch ein ungeschickter Vollidiot. Denk verdammt noch mal nach, bevor du den Mund aufsperrst!
„Ich pfeife auf unsere Abmachung“, herrschte sie mich an. „Geh doch zu Carmen zurück! Immerhin hast du es gestern doch so eilig gehabt, zu ihr zu kommen. Die Presse kann meinetwegen ein paar Bilder von ihr schießen. Ich wette, sie hat dank dir Augenringe bis zu den Knien.“
Scheiße. Ich fügte einen „miesen Mistkerl“ zu dem Trottel und zum Vollidioten hinzu, als ich in ihren Augen Tränen schimmern sah, die nichts mit Wut zu tun hatten.
„Hör mal, wegen Carmen…“, fing ich an, doch sie unterbrach mich sofort wieder.
„Wag es nicht, diesen Namen in meiner Gegenwart noch mal auszusprechen. Du hast letzte Nacht mehr als deutlich klargemacht, dass sie diejenige ist, die du liebst und mit der du eigentlich zusammen bist. Immerhin bin ich ja nur eine geschäftliche Vereinbarung, nicht wahr?“, fragte sie zynisch.
Ich schüttelte den Kopf und stieg aus dem Bett. Die Entfernung zwischen uns war lächerlich und so konnte jeder die Körperwärme des anderen spüren. Sie trug nur ein einfaches Nachthemd, das in seiner Schlichtheit fast schon verführerischer auf mich wirkte, als jede Reizwäsche. Im Grunde war es sowieso scheißegal, was Esme trug. Ich wollte den Inhalt, nicht die Verpackung.
„Esme, Baby…“, fing ich erneut an und ihr Lachen unterbrach mich erneut.
„Baby?!...Du nennst mich ernsthaft, Baby?“ Sie sah mich ungläubig an. „Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?“
„Jetzt hör mir doch mal zu, verdammt!“, fuhr ich sie an. Das lief überhaupt nicht gut und ich sah alle meine Felle wegschwimmen. Scheiße, sie war überhaupt nicht dazu bereit, mir überhaupt richtig zuzuhören. Warum hatte ich nicht offen mit ihr gesprochen? Jetzt würde sie mir kein Wort glauben.
„Ich habe dir gestern zugehört, Carlisle“, spottete sie mit bitterer Stimme. „Sehr gründlich und sehr genau. Und weißt du was? Du hast recht! Carmen ist die Frau die du willst und diese ganze Farce hier, war ein riesengroßer Fehler. Gott, wenn ich daran denke, dass ich gestern sogar fast soweit war, mit dir zu schlafen, wird mir übel. Du bist so geschmacklos. Rennst in deiner Hochzeitsnacht zu deiner Geliebten. Weißt du, es ist einfach eine Frage der guten Erziehung. Dass wir uns nicht lieben, ist akzeptabel, immerhin waren wir uns, was unsere Beziehung angeht einig. Auch die Tatsache, dass du sie nicht betrügen willst, ehrt dich, aber verdammt Carlsile…...“ Sie fing an auf und ab zu laufen, wie ein überreiztes Raubtier vor der Fütterung." …man lässt seine Braut nicht in der Hochzeitsnacht, wie ein benutztes Taschentuch liegen. Nicht mal dann, wenn die Ehe nur auf dem Papier besteht.“ Sie hörte auf, ständig auf und ab zu rennen und blickte mich aus harten Augen an. Das sanfte Gold war fast dunkelbraun vor Enttäuschung und Zorn. „Meinetwegen kannst du sofort wieder zu ihr gehen. Ich will dich jedenfalls ganz sicher nicht. Möglicherweise habe ich nach unserem Kuss gestern, für einige Minuten aus den Augen verloren, dass wir einander nichts bedeuten, aber dein Monolog, hat mir glücklicherweise wieder die Augen geöffnet. Du bist nichts für mich, absolut nichts….Das beste ist, wir ziehen uns an, lächeln in ein paar Kameras und wenn wir wieder zuhause sind, geht jeder seiner Wege. Du zu Carmen und ich….ich werde schon jemanden finden, der mir meine Abende versüßt.“
Esmes Stimme brach fast und zitterte vor kaum unterdrückten Gefühlen. Ihre so heftig geäußerte Ablehnung traf mich völlig unvorbereitet und machte es mir unmöglich noch klar zu denken. Mein Vorhaben mich zärtlich bei ihr zu entschuldigen, sie zu umwerben und sie endlich lieben zu dürfen, wurde total überlagert von heißer Eifersucht. Scheiße, wenn sie einen anderen Kerl auch nur schief ansah…Verdammt. Niemals würde ich zulassen, dass sie ein anderer berührte. Sie war meine Frau…MEINE….
„So…so…du willst mich also nicht?“, hakte ich mit ätzender Stimme nach.
Verdammt, sie würde gleich merken, wie sehr sie mich wollte. Ich war kein Idiot und bei unserem Kuss dabei gewesen. Esme, hatte genau wie ich, förmlich gebrannt. Die Hitze zwischen uns, ließ einen Waldbrand wie ein harmloses Feuerchen wirken.
„Ganz recht!“, beharrte sie. „Ich will dich nicht und…und…überhaupt, was schert es dich? Du hast doch Carmen. Ich wette, sie wäre gar nicht begeistert, wenn sie uns jetzt hören könnte. Heul ihr doch die Ohren voll und lass mich endlich in Ruhe. Du gehst mir auf die Nerven!“
Wir starrten uns wütend in die Augen und ich war zu stolz, um ihr zu erzählen, dass Carmen und ich nicht mehr länger ein Paar waren. Ihretwegen. Stattdessen duellierten wir uns mit Blicken und keiner wollte auch nur einen Millimeter nachgeben.
Du bist nichts für mich…..nichts.
Ihre Worte hallten wie ein böses Echo in mir nach und quälten mich. Hatte sie die Wahrheit gesagt? Ich konnte es kaum ertragen und ohne mir über die Folgen Gedanken zu machen, packte ich sie unsanft an den Schultern und zog sie einfach zu mir. Esme war viel zu überrascht, um schnell reagieren zu können und ihr protestierender Aufschrei wurde von meinem Mund verschluckt. Stocksteif stand sie da und ich versuchte ihre Lippen und ihren Körper genauso weich und fließend werden zu lassen, wie auf unserer Hochzeitsfeier. Doch sie rührte sich nicht, reagierte weder auf meine drängenden Lippen, noch auf meine Zunge, die versuchte, sich Zugang in ihren süßen Mund zu verschaffen. Bewegungslos verharrte sie in meiner Umarmung und ich ließ mit einem frustrierten Ausruf von ihr ab.
„Scheiße, Esme, wir können doch so nicht weitermachen!“
Die leisen Tränen, in ihren jetzt wieder golden schimmernden Augen, stiegen immer höher und drohten über ihre Lidränder zu fließen. Esme sah auf einmal so unglaublich traurig aus, dass sich eine ekelhafte Schwere auf meine Brust senkte.
„Dann lass uns doch einfach damit aufhören“, flüsterte sie kaum hörbar. „Es wäre so einfach….“
„Nein…nein…es wäre nicht einfach. Ganz und gar nicht“, versicherte ich ihr kopfschüttelnd.
Dieser eine Satz von ihr machte mir wieder Hoffnung, auf ein rasches Ende unseres Streits. Ich war ihr nicht gleichgültig. Man vergoss keine Tränen um jemanden, der einem nichts bedeutete. Vielleicht war ich niemand für sie, aber ich war IHR Niemand. Mit neuer Entschlossenheit küsste sie einfach noch mal. Diesmal nicht hart und heftig wie eben, aber auch nicht unbedingt sanft. Es war eher mein verzweifelter Versuch, zu ihr durchzudringen, damit sie endlich verstand, was mit mir…was mit uns los war. Meine Lippen schlossen sich leidenschaftlich um ihre und saugten sich entschlossen an ihrem Mund fest. Ich begehrte sie mehr als alles andere und wollte sie das spüren lassen, wenn sie mir schon nicht gestattete, es ihr zu sagen. Was waren schon Worte? „Ich liebe dich“ hatte ich auch zu Carmen gesagt und was hatte es schlussendlich bedeutet? Nicht mehr, als ein „Willkommen in meinem Leben“ und ein schnelles, unerfreuliches „Leb wohl“. So sollte es nicht zwischen mir und Esme sein. Sie sollte spüren und nicht nur hören, was es bedeutete geliebt zu werden. Ja, sie sollte es wissen ohne Worte, ohne irgendwelche hochtrabenden Beteuerungen, die jeder daher sagen konnte. Also legte ich alles was ich hatte, in diesen einen Kuss. Er musste reichen, um mir die Tür in ihr Herz ein Stück weit aufzuschieben, damit ich sie vielleicht eines Tages ganz öffnen konnte. Selbst wenn ihr Verstand es heute noch nicht annahm, so würde ihre Seele es vielleicht erkennen und mir doch eine Chance geben. Wenn nicht an diesem heutigen Tag, dann bestimmt an einem anderen. Geduld war nicht meine Stärke, aber ich würde nicht aufgeben, bis sie meine Liebe annehmen würde. Ich lockerte den Griff um ihren Körper und umfasste sanft ihr Gesicht, um den Kuss zu vertiefen.
Dieses Mal ließ sie es einfach geschehen. Sie erwiderte den Druck zwar nicht, aber sie stand ganz ruhig in meinen Armen und ließ mich machen. Dieses Mal erlaubte sie meiner Zunge mit ihrer zu spielen, mehr noch, am Ende erwiderte sie den Druck und mein Schwanz stand kurz vorm Platzen. Sie gab nach….endlich. In mir baute sich eine unvorstellbare, wilde Freude auf. Esme wehrte sich nicht mehr, sie würde verstehen…sich lieben lassen….sie würde…
Plötzlich wurde ich von ihr energisch zurückgeschoben und das Hochgefühl fiel in sich zusammen, wie ein Soufflé.
„Das reicht, Carlsile!“, meinte sie äußerst reserviert. „Solltest du mich noch einmal derart belästigen, dann werde ich diese Ehe schneller beenden, als du deinen Reißverschluss öffnen kannst.“
„Baby, bitte…“, hauchte ich ungläubig. Was zur Hölle….?
„Nenn mich nicht „Baby“!“
Schluckend sah ich in ihr todernstes Gesicht. Die Haut war immer noch gerötet, ihr Atem kam schnell und hektisch. All das hatte sie weiß Gott nicht kaltgelassen und doch konnte sie es nicht über sich bringen, mich erklären zu lassen und ich…..ich war viel zu verbohrt, um es nochmals zu versuchen.
Teil 6
Esme POV
Konzentriert steckte ich die letzte Klammer in meine Hochsteckfrisur und betete, dass sie sich im Verlauf des Abends nicht auflösen wurde. Ich seufzte leise und blickte sehnsüchtig zum Bett, wo mein Chiffonkleid schon ausgebreitet da lag. Obwohl ich mich wirklich auf das Abendessen bei Carlisles Eltern freute, sehnte ich mich nach etwas Ruhe und einem guten Buch. Die letzte Zeit war einfach nur nervenaufreibend gewesen und da Carlisle heute zwangsläufig mit von der Partie sein würde, standen mir noch anstrengende Stunden bevor. Carlisle….Das Zusammenleben mit ihm war alles andere als unkompliziert, obwohl wir uns kaum sahen. Meist nur zum Frühstück und ab und an zum Abendessen. Doch das war schon mehr als ausreichend. Wenn ich nämlich nicht aufpasste, dann würde ich bald in einem staatlichen Frauengefängnis landen, weil ich meinen eigenen Ehemann ins Jenseits befördert hatte. Der Grund dafür war ziemlich einfach. Carlisle machte mich wahnsinnig! Wenn dieser aufreizende Kerl nicht bald seine nervigen Sticheleien einstellte, würde ich mich vielleicht doch noch an den Bremsschläuchen seines Wagens zu schaffen machen.
Seit unserer verhängnisvollen Hochzeitsnacht, stritten wir uns ununterbrochen, sobald wir mehr als fünf Minuten in der Gesellschaft des anderen verbringen mussten. Er war zutiefst beleidigt, weil ich ihn am Morgen nach der Hochzeit abgewiesen hatte und seitdem ging zwischenmenschlich bei uns gar nichts mehr. Es reichte in der Regel schon die winzigste Kleinigkeit, um einen von uns aus der Haut fahren zu lassen und ich hatte einfach kein Gegenmittel für meine ständig überkochenden Aggressionen. Dabei war es ziemlich klar, dass mein „Ehemann“ sich genauso wenig unter Kontrolle hatte wie ich. Nur dass er seine Wut hinter einem spöttischen Grinsen und einem beißenden Kommentar verbergen konnte, während ich durchaus schon die ein oder andere Vase nach ihm geschmissen hatte, wenn es mir zu blöd wurde. Die hässlichen und eigentlich nicht sonderlich wertvollen Erbstücke neigten sich rapide dem Ende zu und beim letzten Mal, war eine davon haarscharf an seinem Kopf vorbeigesaust. Das blöde Ding zerschellte lautstark an der Tür und Carlisle hatte sich mit hochgezogener Augenbraue zu mir umgewandt und mich anzüglich gemustert. Allein dieser Blick sorgte bei mir für Mordgelüste. Was mich dann aber endgültig meine Nerven verlieren ließ, war seine Bemerkung, ich wäre wohl in meinem Alltag nicht ausreichend ausgelastet. Unverschämt wie er war, bot er sich - selbstverständlich völlig selbstlos - zum „Work out“ an, damit ich mich ein wenig abreagieren konnte. Mein empörter Schrei war im ganzen Haus zu hören und keine Minute später klopfte es an der Tür, hinter der sich ein ängstliches Dienstmädchen nach meinem Befinden erkundigte. Gott, seinetwegen blamierte ich mich fast täglich vor dem Personal. Bestimmt dachten sie, ich wäre aus einem Irrenhaus entlaufen, so oft, wie ich in letzter Zeit herumbrüllte.
Carlisle hatte jedenfalls nur dumm gegrinst, während ich vor lauter Wut ganz verstummt war. Ich zitterte am ganzen Körper, weil er sich wie ein Idiot benahm, doch das beeindruckte ihn kein bisschen. Er verließ gutgelaunt mein Schlafzimmer und teilte dem verdutzten Hausmädchen mit, dass alles in bester Ordnung sei. Anschließend warf mir noch einen amüsierten Blick durch die halboffene Tür zu, wagte es glatt mir zuzuzwinkern, und machte sich dann vom Acker. Um dem Ganzen dann noch die Krone aufzusetzen, lachte er auch noch schallend. Ich stand damals wirklich kurz vorm Platzen.
Carlisle war so unglaublich frech und es ärgerte mich maßlos, dass sich meine Selbstbeherrschung in Luft auflöste, sobald er mich provozierte. Er war wie ein Puppenspieler, der von oben auf mich runter sah und an den Fäden zog, wie es ihm gerade passte. Und ich konnte ihm nur hilflos folgen, während er mit mir sein Spiel trieb. Was bezweckte er damit? Auch wenn wir uns nur stritten, so suchte er doch permanent meine Nähe, sobald er im Haus war. Er tauchte mit den fadenscheinigsten Ausreden in meinem Zimmer auf und stets wenn wir aufeinander trafen, forderte er mich mit voller Absicht heraus. Und er machte das unglaublich geschickt. Obwohl ich mir nach jedem Streit ganz fest vornahm, beim nächsten Mal gelassen auf seine Frechheiten zu reagieren, schaffte er es immer aufs Neue meine Abwehrmechanismen zu durchbrechen. Langsam dämmerte mir, dass sich hinter Carlisle mehr verbarg, als nur ein verwöhntes Millionärssöhnchen. Er wusste genau, wie er seine Umgebung einschätzen und auch manipulieren konnte. Bei mir machte er das praktisch tagtäglich und egal wie sehr ich mich sträubte, ich fiel immer wieder auf seine herausfordernden Platituden herein. ER amüsierte sich auf alle Fälle köstlich über meine Reaktionen und ich versagte hoffnungslos beim Versuch, etwas mehr damenhafte Würde an den Tag zu legen.
Abgesehen von diesen Gelegenheiten hatten wir kaum Kontakt und jeder ging seine eigenen Wege. Er verließ morgens das Haus und kam nachts irgendwann nach Hause. Was er dazwischen trieb, wenn er sich nicht gerade in der Firma aufhielt, entzog sich meiner Kenntnis. Carmen hatte er komischerweise seit jener Nacht gar nicht mehr erwähnt, was mir immer seltsamer vorkam. Sonst war ihr Name wenigstens hin und wieder gefallen, doch seit geraumer Zeit benahm er sich so, als hätte er gar keine Geliebte mehr. Waren sie am Ende gar nicht mehr zusammen? Wir schliefen getrennt – angeblich, weil er zu laut schnarchte - und so bekam ich nicht immer mit, ob er die Nächte außerhalb verbrachte. Das Personal konnte ich ja schlecht fragen und so blieb ich was das anging im Ungewissen. Die Vorstellung sie könnten auseinander sein, machte mich irrwitziger Weise total zufrieden, wenn ich ehrlich zu mir selbst war, konnte ich die Vorstellung kaum ertragen, wie er sie berührte und küsste. Meine Gefühle für Carlisle durchlebten gerade sämtliche Spektren an Empfindungen, die ich nur teilweise einordnen konnte.
Ich fühlte mich trotz unserer angespannten Situation wahnsinnig zu ihm hingezogen, das war eine unumstößliche Tatsache, und doch wurde ich wütend, sobald er auch nur in meine Nähe kam. War es Eifersucht, weil er eine andere Frau mir vorzog? Es war verwirrend und aufwühlend, vor allem, weil ich jeden Morgen mit der Erinnerung an seine Lippen aufwachte und abends wieder damit einschlief. So kurz der Kuss auf der Feier auch gewesen war, er hatte sich unauslöschlich in mein Gedächtnis gebrannt. Den Zusammenprall unserer Lippen am Morgen nach der Trauung, schwiegen wir beide tot, denn den reihte ich nun wirklich nicht in die Sparte Romantik ein. Trotzdem fragte ich mich andauernd, warum er es überhaupt getan hatte, wenn er mich doch eigentlich nicht haben wollte.
Gedankenverloren spielte ich mit einem Ende meines Bademantelgürtels und bewegte mich langsam zum Fenster hin. Die Vorhänge waren schon zugezogen und ich schob die eine Hälfte leicht zur Seite, um hinaus auf die Straße zu sehen. Unten war noch weniger Verkehr als sonst, die Laternen beleuchten sanft den Gehweg und warfen lange Schatten. Das Stadthaus in das wir gezogen waren, lag in einem der ruhigeren Viertel in Seattle und so war der Straßenlärm erträglich. Ohne auf die immer rascher voranschreitende Zeit zu achten, beobachtete ich versonnen den Mond und dachte an den Morgen nach der Hochzeit zurück. Ein kleiner Teil von mir hoffte nämlich dummerweise, dass er mich nicht nur aus einer Laune heraus geküsst hatte, auch wenn es ein unmöglicher Zeitpunkt gewesen war. Bedeutete das nicht, dass er mich attraktiv und begehrenswert hielt? Doch die Ereignisse vom Vorabend standen da weiterhin zwischen uns und machten jeglichen Anflug von zärtlicher Annäherung zunichte. Ich war einfach noch zu sauer und verletzt, weil er mich so gedemütigt hatte.
Himmel noch Mal! Es war mir so was von egal, dass ich nur eine „geschäftliche Vereinbarung“ für ihn darstellte. Hatte ich deswegen weniger Respekt verdient, als seine Dauergeliebte, die diesen Mist auch noch freiwillig mitgemacht und unterstützt hatte? Die Hochzeitsnacht gehörte der Braut, egal wie die Umstände waren. Ich war der Meinung, dass man mit allen Folgen seiner Entscheidungen zu leben hatte. Mich einfach sitzen zu lassen und zu ihr zu rennen, weil sie wahrscheinlich ihre Eifersucht nicht im Griff hatte, würde ich ihm so schnell nicht verzeihen. Das hätten sich die beiden vorher überlegen können. Es war ja nicht so, dass sich Carlisle mir in irgendeiner Weise genähert hätte. Alle Berührungen waren für die Augen derer bestimmt gewesen, die uns auf Schritt und Tritt verfolgten. Für unsere Eltern, Bekannte, die Presse….die Liste war endlos. Nur in unserer Suite war er von diesem Schema abgewichen. Da war kein Dritter zugegen gewesen, der uns hätte beobachten können.
„Du bist ja immer noch nicht fertig!“
Ich fuhr zusammen, als ich seine Stimme so unvermittelt hinter mir vernahm und drehte mich schwungvoll um. Sofort stockte mir der Atem, weil sein Anblick mich wieder mal umhaute. Er trug einen schwarzen Smoking, sein Haar lag glatt auf seinem Kopf an und berührte hinten leicht seinen Hemdkragen. Die Hände locker in den Taschen seines Jacketts vergraben, stand er mit leicht gespreizten Beinen mitten in meinem Schlafzimmer und wirkte ein wenig genervt. Ich schielte schnell zur Uhr und fluchte leise. Mist, ich hatte zu lange getrödelt. Eigentlich müssten wir schon längst unterwegs sein, und ich stand hier noch im Bademantel herum. Ganz im Gegensatz zu meinem angetrauten Gatten. Carlisle sah wie immer makellos und irrsinnig gut aus. Wäre ich noch ein dreizehnjähriger Teenager gewesen, hätte ich jetzt unwillkürlich geseufzt, doch das war ich nicht. Ich war eine verheiratete Frau - seine Frau. Durch die Streitereien der letzten Zeit, reagierte ich augenblicklich total empfindlich auf seinen gereizten Tonfall.
„Musst du dich so an mich heranschleichen?“, fragte ich ihn unwirsch und ging mit staksigen Schritten auf das Bett zu. Es ärgerte mich, weil er sofort so einen unfreundlichen Ton angeschlagen hatte. Meine Güte, es gab weiß Gott Schlimmeres, als zu spät zu einem Essen bei den Schwiegereltern aufzukreuzen. Ein weiterer Grund für meine ruppige Antwort war die Sehnsucht, die mich regelmäßig bei seinem Anblick überkam. Es war mir peinlich, dass ich mich so wenig im Griff hatte, wenn es um ihn ging. Deswegen hatte ich ihm gegenüber eine äußerst aggressive Grundhaltung entwickelt, damit er ja nicht merkte, wie gefühlsdusselig und dumm ich im Grunde war.
Er hielt natürlich sofort dagegen und verdrehte genervt seine Augen.
„Mein Gott, Esme! Ich habe angeklopft. Was kann ich denn dafür, dass du taub bist?“
„Du bist unverschämt!“, warf ich ihm vor und verschränkte zutiefst beleidigt die Arme vor der Brust.
„Und du noch nicht fertig“, konterte er und maß meinen Aufzug mit kritischen Blicken. Der Kerl hatte Nerven! Ich konnte mich noch vage daran erinnern, dass er bei zu unserem ersten Zusammentreffen, ungefähr zwei Stunden zu spät gekommen war, und jetzt regte er sich auf, weil ich das verdammte Kleid noch nicht trug.
„Spiel dich nicht künstlich auf, Carlisle. Es dauert keine Minute mir den Fetzen überzuwerfen, also krieg dich wieder ein. Wir kommen schon rechtzeitig bei deinen Eltern an und selbst wenn nicht, werden sie uns sicher nicht enterben“, erklärte ich ihm ziemlich schnippisch. „Bis auf das Kleid bin ich fertig, oder willst du etwa behaupten, das sieht man nicht?“
Sein Spott und der Ärger in seinem Gesicht verschwanden und er betrachtete mich eingehend. Unter seinem Blick wurde mir warm und die aufgeheizte Stimmung wurde abgelöst von einer unterschwelligen Sinnlichkeit.
„Für mich macht es keinen Unterschied, Liebes. Du gehörst zu den Frauen, die diese ganze Farbe im Gesicht gar nicht nötig haben.“
Ich hob die Augenbraue. Liebes? Das waren ja ganz neue Töne.
„Ohhhh…ein Kompliment!“, rief ich aus und fasste mir theatralisch ans Herz. „Wie komme ich zu der Ehre?“
Mein höhnischer Ausruf zeigte Wirkung. Carlisle schloss kurz die Augen und wirkte auf einmal unglaublich müde, ausgelaugt und ziemlich traurig. Für einen kurzen Augenblick ließ er seine Maske fallen und ich konnte sehen, dass auch er verletzbar war. Sofort tat es mir leid, dass ich auf sein Kompliment so biestig reagiert hatte. Leider tat ich mir schwer damit, wenn er mal was Nettes zu mir sagte. Es passierte so selten und deswegen reagierte ich auch jetzt viel zu überzogen.
„Hör zu, vergiss das von eben“, versuchte ich die Situation noch zu retten. Es lag mir fern den Abend bei seinen Eltern wieder mit einem Streit im Rücken zu begehen. Das vermieste nur unnötig die Stimmung, die ohnehin immer angespannt war, wenn wir uns in einem Raum befanden.
Um das alles ein wenig zu entschärfen, deutete ich auf das taubenblaue Chiffonkleid auf dem Bett und fragte:
„Ist das okay, oder findest du es zu übertrieben für ein Dinner bei deinen Eltern?“
Überrascht, über meinen Stimmungsumschwung und meinen friedfertigen Tonfall, kam er ein paar Schritte näher.
„Nein, es wird wundervoll an dir aussehen und es ist keineswegs übertrieben.“
Seine Stimme klang rau und ich rieb mich förmlich am Klang auf. Seine Worte erreichten mich und waren wie ein Streicheln auf meiner Haut. Wurde ich jetzt etwa rot? Ich fühlte meine Wangen brennen und mein Puls beschleunigte sich spürbar. Rasend schnell klopfte er gegen die zarte Haut an meinem Hals. Immer wenn er nicht so eingebildet daherredete, wurde ein ganz anderer Carlisle sichtbar. Ein Mann, der verführerisch und liebevoll sein konnte, ein Mann, der mein Herz zum Rasen bringen konnte. So wie jetzt, wenn ich in diese unergründlichen und so unglaublich grünen Augen blickte. Die ganzen negativen Gefühle waren wie von Zauberhand verschwunden und ich fühlte, wie meine Beine schwach wurden. Oh Gott…..
„Zieh es an“, bat er heiser.
Die leise hervorgebrachte Bitte brachte mich zum Erbeben, denn Carlisle machte nicht die geringsten Anstalten zu gehen, oder sich auch nur umzudrehen. Wenn ich den Bademantel fallen ließ, dann würde er mir dabei zusehen. Seine Augen klebten auf mir und an der Stelle, wo meine Hände nachlässig mit dem Knoten des Bademantels herumspielten. Was sollte ich jetzt tun, überlegte ich mit leichter Panik. Ich trug nur knappe Unterwäsche, nichts außergewöhnliches, denn ich war nicht der Typ für Reizwäsche oder Strapse, aber es war dennoch zu wenig Stoff, um völlig unbefangen vor ihm herum zu hüpfen. Meine weiblichsten Körperteile wurden zwar bedeckt, aber ich fühlte mich trotzdem halbnackt, wenn ich an das hellblaue Ensemble unter meinem Bademantel dachte.
Sollte ich tatsächlich meinen ganzen Mut zusammenkratzen und mich seinen Blicken preisgeben? Würde ich dann nicht vor lauter Verlegenheit im Erdboden versinken? Je länger ich darüber nachdachte, umso stärker wurde meine Überzeugung, dass ich mich unglaublich prüde verhielt. Immerhin war ich seine Frau und es war doch nun wirklich nichts dabei, wenn er mich nur mit Dessous bekleidet, zu sehen bekam. Wir waren schon lange keine Fremden mehr füreinander und im Sommer trug ich ja auch Bikinis. Mich hatten schon ganz andere halbnackt gesehen, und doch…hier in diesem Haus, in der Abgeschiedenheit und Intimität meines Schlafzimmers, war es etwas völlig anders. Ich hatte Angst davor, den schützenden Stoff abzulegen, bis ich erneut in seine Augen schaute, die einen herausfordernden Ausdruck zeigten. Sie feuerten mich förmlich an: Trau dich, sei kein Feigling! Riskier mal war! Vielleicht war es auch nur meine innere Stimme, die mir das zuflüsterte und ich beschloss einfach alle Bedenken über Bord zu werfen. Es war doch nichts dabei…
Mit einem tiefen Ausatmen nahm ich all meinen Mut zusammen und zog den Gürtel auseinander. Die zwei Hälften klafften auf und entblößten einen Großteil meines Körpers. Es war nur eine leichte Bewegung meiner Schultern notwendig und die Seide glitt, an meinem Körper entlang, auf den Boden. Lautlos fiel das Kleidungsstück in sich zusammen und blieb unbeachtet liegen. Danach traute ich mich kaum ihn anzusehen, bis ich ein scharfes, fast schon zischendes Einatmen hören konnte. Meine Augen flogen nach oben und schauten direkt in sein Gesicht. Oh Gott….Beinahe wären mir die Knie weggeknickt, als ich den Ausdruck darauf sah. Hemmungslos glitt sein hungriger Blick über jede Stelle meines Körpers. Von den Beinen angefangen, bis hin zu meiner Taille und ein Stückchen höher zu meinen Brüsten. Die waren sicher verpackt und verhüllt unter einem hellblauen Büstenhalter und doch kam es mir vor, als würde sich das lächerliche Stück Stoff unter seinen heißen Blicken in Luft auflösen. Nach meinem Empfinden stieg die Temperatur im Raum gerade um mehrere Grade an, doch auch ihn ließ mein Anblick nicht kalt. Seine langen Finger ballten sich zu Fäusten und die Knochen traten weiß hervor.
„Gott, bist du schön….“, brach es aus ihm heraus und ich konnte die Intensität in seinem Blick und in seiner Stimme kaum noch ertragen. Ich schwankte fast unter dem Glücksgefühl, das sein Ausruf in mir verursachte und wäre am liebsten direkt in seine Arme gelaufen. Seine Augen….wie sie mich ansahen. Das war zu viel, es machte mir schlichtweg Angst, was er damit in mir wachrief. In diesen Sekunden verband uns etwas so unglaublich Ursprüngliches und zum ersten Mal in meinem Leben begehrte ich einen Mann körperlich. Bei Royce war es nur ein unbestimmtes Sehnen gewesen, das sich nicht sonderlich auf mich ausgewirkt hatte, doch bei Carlisle….Diese Lust auf ihn und diese Sehnsucht nach seinen Berührungen war für mich kaum zu kontrollieren. In mir wuchs die Angst mich selbst dabei zu verlieren, sollte ich mich auf das einlassen, was sein Blick mir gerade versprach. Er war nicht frei und somit war es einfach falsch so stark für ihn zu empfinden, sich mehr zu wünschen….
„Esme…“
Er stand jetzt direkt vor mir, ich konnte es genau spüren. Der Duft seines Aftershaves stieg mir in die Nase und vermischte sich mit seinem ganz eigenen Körpergeruch. Zusammen war das eine unglaublich betörende Kombination. Die Lider hielt ich dennoch fest geschlossen. Mein Atem kam jetzt mit immer heftigeren Zügen, vor lauter erwartungsvoller Aufregung, und wegen der aufkeimenden Lust, endlich von ihm berührt zu werden. Nackte Haut auf nackter Haut, das war es was ich wollte, doch ich traute mich nicht, zu meinen Wünschen zu stehen. Nicht, wenn er nicht dieselben hatte. Und genau das war mein Problem. Ich hatte keine Ahnung was ich in seinen Augen darstellte, was ich ihm bedeutete, oder ob er überhaupt etwas für mich empfand. Nach all den Wochen, die wir schon zusammen in einem Haus lebten, kannte ich ihn jetzt ein wenig, doch der wahre Carlisle war mir bis jetzt verborgen geblieben. Es war mir unmöglich offen zu ihm zu sein, weil ich feige war. Stattdessen hielt ich die Lider festgeschlossen, damit er nicht in meinen Augen lesen konnte, was für Wünsche er in mir weckte.
„Mach die Augen auf!“, bat er mich ruhig.
Ich zögerte, schließlich traute ich mich doch, nur um dann im Strudel seiner grünen Iriden zu versinken. Es verstrichen einige Sekunden, in denen wir uns einfach ansahen, ehe er sich leicht über das Bett beugte, nach dem Kleid griff und es mir schließlich in die Hände drückte.
„Hier, du solltest das überziehen.“
Wieder einmal hatte er es geschafft mich total aus der Fassung zu bringen, während er cool geblieben war. Hatte ich mir die Szene eben etwa eingebildet? Carlisle fand mich schön, war das nur so dahin gesagt oder steckte eine tiefere Bedeutung hinter seinen Worten? Wahrscheinlich nicht. Schöne Frauen gab es haufenweise in seinem Bekanntenkreis und Komplimente saßen ihm locker auf der Zunge. Bestimmt räumte ich seinen Worten einen viel zu hohen Rang ein.
Meine Finger krampften sich um das Kleid, bis ich endlich in der Lage war, es mir über den Kopf zu ziehen. Im nächsten Augenblick griff ich mit beiden Händen nach hinten, um den Reißverschluss hochzuziehen, doch auf halber Strecke klemmte das dumme Ding. Ich fluchte leise und zerrte daran, bis seine sanfte Stimme mich aufhielt.
„Lass mich dir helfen!“, hauchte er mir ins Ohr und drehte mich sanft um. Seine Finger an meinen Oberarmen, brannten wie Feuer und ein feines Prickeln zog sich über meine Haut. Atmen war unmöglich, also hielt ich ganz einfach die Luft an, die ich fast stöhnend wieder aus meinen Lungen entließ, als ich seine Fingerspitzen an meinem Rücken spüren konnte. Sie suchten nach dem Verschluss und er zog ihn äußerst langsam über meinen Rücken nach oben. Endlich war er oben angelangt, nahm seine betörenden Finger von mir und ich war nach und nach wieder in der Lage, normal zu atmen. Langsam drehte ich mich um und flüsterte ihm ein leises „Danke.“ zu. Seine Antwort bestand nur aus einem sinnlichen Lächeln, das in mir die unvorstellbarsten Wünsche weckte.
Es war still und ich wusste nicht, was ich jetzt tun sollte. Es war seit Wochen der erste friedliche Moment, den wir gemeinsam teilten und ich wollte ihn nicht durch eine unbedachte Äußerung zerstören. Carlisle war derjenige, der seine Stimme als erster wieder fand. Ungewohnt freundlich streifte sein Blick über mein Kleid und als er ihn wieder hob, lag darin unverhohlene Bewunderung. Mir wurde glühend heiß und eiskalt zugleich.
„Du siehst bezaubernd aus, Esme. Komm, lass uns gehen!“
Ein zartes Nicken war alles was ich zustande brachte und so legte ich meine Hand auf seinen ausgestreckten Arm, um mich von ihm aus meinem Zimmer geleiten zu lassen……..
Der Abend bei Magnus und Elisabeth neigte sich bereits seinem Ende zu. Das perfekt zubereitete Dinner lag mir allerdings ungewöhnlich schwer im Magen, denn ich hatte es im Grunde nur heruntergeschluckt, ohne groß zu kauen. Carlisles Blicke hatten während des gesamten Essens mit brütender Intensität auf mir gelegen und mich in unendliche Verlegenheit gebracht. An normale Nahrungsaufnahme war gar nicht zu denken und so stopfte ich mir die Köstlichkeiten einfach rein, ohne irgendwas zu schmecken. Gott, war ich erleichtert, als es endlich vorbei war und wir in den Salon wechselten. Mein Mann saß jetzt neben seiner Mutter am Klavier und spielte eine wunderschöne Melodie. Elisabeth betrachtete ihren Sohn versonnen und lächelte selig, als die stimmungsvollen Klänge durch den Raum hallten. Ich selbst stand ein gutes Stück weiter weg am Kamin, genoss die Wärme die das Feuer ausstrahlte und konnte kaum die Augen von ihm nehmen. Er wirkte versonnen und ausgeglichen, während seine schlanken Finger wie schwerelos über den Flügel glitten. Es war mir neu, dass er überhaupt spielen konnte. Diese Erkenntnis machte mich traurig, weil es ein weiterer Beweis dafür war, wie wenig wir uns doch kannten.
„Was ist mit dir los, Esme.“
Ich erschrak über die leise hervorgebrachte Frage. Magnus war an mich herangetreten und ich blickte ertappt auf.
„Nichts, was soll schon sein?“, meinte ich mit einem nervösen Lachen.
Magnus runzelte die Stirn und seine Augen schweiften zu seinem Sohn, der von unserer kleinen Unterhaltung gerade nichts mitbekam. Für einen kurzen Moment ließ ich mich ablenken und von der kraftvollen Melodie seines Klavierspiels gefangen nehmen, ehe ich meinem Schwiegervater wieder die gewünschte Aufmerksamkeit schenkte. Seine klugen grauen Augen stachen aus dem wettergegerbten Gesicht heraus und bohrten sich wissend in meine.
„Verkauf mich nicht für dumm, mein liebes Kind!“, tadelte er mich und ich riss überrascht die Augen auf. Sein Tonfall war zwar milde, aber es lag eine unausgesprochene Warnung darin. Angst hatte ich trotzdem keine vor ihm, obwohl ich grenzenlosen Respekt vor Magnus verspürte. Ihm direkt in die Augen zu sehen und ihn dabei zu anzulügen, war mir unmöglich. Er würde es ohnehin sofort durchschauen, weil ich wirklich eine miserable Lügnerin war. Außerdem tobte das schlechte Gewissen wegen meiner Vereinbarung mit Carlisle noch mit unverminderter Kraft in mir. Magnus war so ein herzensguter Mensch, er verdiente es wirklich nicht, so aufs Kreuz gelegt zu werden. Ich vermied daher bei den regelmäßig stattfindenden Zusammentreffen mit meinen Schwiegereltern, jedes Thema, das irgendwie mit Carlisle und mir zusammenhing. Sonst hätte er sofort gemerkt, dass etwas faul war. Doch jetzt kam ich nicht darum herum, mich mit ihm auseinanderzusetzen und seine Frage zu beantworten. Seufzend senkte ich den Kopf und starrte auf meine Schuhspitzen.
„Ist es so offensichtlich, dass nicht alles so ist, wie es sein sollte?“
Geschickt wich ich in dieser Weise der Wahrheit aus, doch er ließ sich nicht beirren. Sein Lachen klang rau und wie das eines alten Seebären. Dieses irische Schlitzohr war nach außen hin ruppig und unhöflich, doch er besaß eine goldene Seele. Erneut wurde mir durch seine Besorgnis vor Augen geführt, wie gut ich es doch mit dieser Familie getroffen hatte. Sie liebten mich jetzt schon bedingungslos, einzig und allein Carlisle brachte mir nicht die gleichen Gefühle entgegen. Nach einem Moment des Schweigens sprach Magnus weiter.
„Liebes, denkst du wirklich, ich hätte es in meinem Leben so weit gebracht, wenn ich die Menschen nicht durchschauen könnte?“
Das war allerdings wohl war. Er besaß eine untrügliche Menschenkenntnis und konnte in den Gesichtern der Menschen lesen, wie in einem Buch.
„Und was sehen deine Augen?"
Mir erschien eine Gegenfrage als sicherste Methode, nicht zu viel zu verraten.
Magnus Kopf drehte sich hin zu seiner Frau, die neben ihrem Sohn saß und die totale Ausgeglichenheit ausstrahlte. Sie begleitete Carlisles Klavierspiel jetzt mit ihrer wunderschönen Sopranstimme und Magnus begann zu lächeln, während die Liebe für sie in seinen Augen erstrahlte. Einen Moment hörte er ihr zu, ehe er sich wieder unserem Gespräch widmete. Die beiden konnten uns nicht hören, also sprach er offen mit mir.
„Ich weiß, dass ihr beide keine richtige Ehe führt. Reicht dir das als Aufhänger für eine Unterhaltung?“
Geschockt starrte ich ihn an und war einfach nur fassungslos. Eigentlich war ich in dem Glauben gewesen, dass er einen einfach nur einen heftigen Streit zwischen Carlisle und mir vermutete. Niemals hätte ich erwartet, dass er den Nagel auf den Kopf treffen würde und die Wahrheit erkannte, die wir trotz allem so verzweifelt vor ihm verbergen wollten. Doch er hatte die verworrene Situation mit nur einem Satz in Worte verpackt und alles durchschaut. Wie war das nur möglich?
„Du fragst sich gerade, woher ich da weiß? Nicht wahr?“
Ich nickte nur und gab ihm damit auch noch die Bestätigung. Mist, wie blöde konnte man eigentlich noch sein?
„Schau nicht so verschreckt! Ich wusste schon vor eurer Heirat darüber Bescheid“, erklärte er ruhig. Das half mir aber auch nicht wirklich weiter.
„Aber…woher?“
Meine Verwirrung und mein Befremden waren aus jeder Silbe herauszuhören. Magnus warf noch einen letzten Blick auf Frau und Sohn und streckte dann die Hand nach mir aus.
„Komm, lass uns einen Spaziergang machen! Die beiden werden uns erstmal nicht vermissen.“
Er hatte recht, also folgte ich ihm hinaus in den wundervoll angelegten Garten seiner Frau. Es war ein lauer Sommerabend, die Grillen zirpten und hin und wieder hörte man das Quaken eines Frosches, weil wir uns in der Nähe von Elisabeths Teich befanden. Die Luft war durchtränkt mit den reichhaltigen Buketts ihrer mannigfaltigen Blumenmeere, deren aneinandergereihte Blütenköpfe, wie ein riesiger und bunter Schwarm von Schmetterlingen aussahen. Schwer und satt lagen die Aromen in der Luft und ließen einen kaum atmen. Langsam schritt ich an Magnus Seite durch diesen paradiesischen Ort, der nur von einigen brennenden Gartenfackeln erhellt wurde. Wäre Magnus Offenbarung nicht gewesen, hätte ich diesen geruhsamen Moment sehr genossen, doch stattdessen, wartete ich angespannt auf seine Erklärung.
Plötzlich blieb mein Schwiegervater stehen. Im Halbdunkel konnte ich seinen Gesichtsausdruck nur verschwommen erkennen, aber es war auch nicht wirklich notwendig. Ich wollte die Enttäuschung wegen dem ganzen Lügengebilde, das Carlisle und ich errichtet hatten, nicht auf seinem Gesicht lesen können. Doch wieder einmal überraschte er mich. Anstatt mir Vorwürfe wegen der vorsätzlichen Täuschung zu machen, sagte er seelenruhig.
„Ich weiß von Carmen.“.
Nach den vorherigen Geständnissen schockte mich diese Behauptung nicht mehr wirklich. Fast hatte ich so etwas ähnliches erwartet und dennoch hatte ich auch an dieser Aussage ziemlich zu knabbern.
„Aha…“, erwiderte ich demzufolge ziemlich lahm. Gott, was hätte ich denn auch sonst sagen sollen? Etwa: Oh toll, du weißt also, dass dein Sohn eigentlich mit einer anderen zusammen sein will und mich nur wegen deiner Firma geheiratet hat.
„Das ist….nicht gut“, brachte ich dann heraus und spielte mit meinen Fingern. Ich wusste einfach nicht wohin mit ihnen und mein nicht sehr intelligent hervorgebrachter Satz, ließ mich an meinem eigentlichen Verstand zweifeln. Am liebsten wäre ich aus der Situation geflüchtet, doch die respekteinflößende Haltung meines Schwiegervaters hinderte mich daran.
„Sorg dich nicht, ich werde weder dir noch Carlisle den Kopf abreißen!“, forderte er mich mit einem Lachen auf. Ich verstand ihn einfach nicht!
„Bist du denn gar nicht böse?“
Jetzt dröhnte sein Gelächter noch lauter durch den dunklen Garten und ich zuckte kurz zusammen, weil dieser Lärmpegel so gar nicht an diesen stillen Ort passte.
„Ach Kindchen, glaub mir! Ich bin durchaus nicht begeistert, doch nicht wegen eurem ziemlich albernen Plan, sondern weil ihr zwei zu verbohrt seid, um euch eure Liebe zu gestehen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du täuscht dich, er liebt mich nicht“, versuchte ich ihm klarzumachen. Das auszusprechen tat mir unglaublich weh und ich merkte ausgerechnet jetzt, wie sehr ich mir wünschte, es wäre anders. „Er liebt Carmen, Magnus. Nicht mich…“
Die letzten zwei Worte waren von mir nur ganz leise geflüstert, ein Wispern in der Dunkelheit, das nicht ungehört verhallte.
„Blödsinn! Er hat Carmen nie geliebt.“
Das klang ziemlich überzeugend, dass ich ihm fast geglaubt hätte. Aber nur fast…
„Wie kannst du so was sagen?“, widersprach ich vehement. „Natürlich liebt er sie.“
„Und ich sage dir, es ist nicht so. Und willst du wissen warum?“
Ich nickte.
„Ganz einfach, mein Sohn hat sich von ihr getrennt. Seit eurer Hochzeit hat er sie nicht wiedergesehen.“
Völlig von den Socken lauschte ich ihm und konnte kaum glauben, was meine Ohren da zu hören bekamen.
„Das glaub ich einfach nicht.“
„Du kannst mir ruhig Glauben schenken, Kind. Carlisle hat sich endlich von dieser Goldgräberin getrennt. Die beiden sind kein Paar mehr.“
Was hatte das zu bedeuten und vor allem, warum verschwieg Carlisle mir das? War ich ihm so egal, dass er es nicht für nötig hielt, mir etwas derart wichtiges mitzuteilen? Ich war jetzt völlig durcheinander und erst Magnus Hand auf meinem Arm, holte mich in die Hier und Jetzt zurück.
„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich besorgt.
Ich schüttelte den Kopf. Nichts war in Ordnung, rein gar nichts. Was bedeutete das schon? Für mich machte es bis dato ja keinen Unterschied, selbst wenn die Behauptung der Wahrheit entsprach. Er hatte eben ihr ständiges Misstrauen satt gehabt und sie in die Wüste geschickt. Das war nichts Ungewöhnliches bei Männern, wenn sie sich eingeengt fühlten. Heute die, morgen eine andere. Trotz der Trennung, war er mir kein bisschen entgegen gekommen.
„Das scheint dich nicht gerade zu erfreuen“, äußerte Magnus trocken und ich fühlte mich dazu verpflichtet, ihm meine zurückhaltende Reaktion erklären.
„Magnus, das ändert doch nichts. Seine Trennung von Carmen, warum auch immer sie stattgefunden hat, ändert nichts an der Tatsache, dass Carlisle und ich eine rein geschäftliche Verbindung haben. Die Hochzeit ist Wochen her, wenn er wirklich was für mich empfinden würde, hätte er schon tausendfach Gelegenheit gehabt, es mir irgendwie zu zeigen. Stattdessen ist er frech und unverschämt. Wenn er mich liebt, dann fresse ich vor deinen Augen einen Besen. Es ist nur ein Geschäft für ihn, nicht mehr und nicht weniger.“
Ich nahm jetzt kein Blatt mehr vor den Mund. Wozu auch? Er wusste ohnehin Bescheid. Während ich felsenfest davon überzeugt war, dass meine Worte der Wahrheit entsprachen, schnaubte er nur abfällig.
„Geschäftlich…“, seine Stimme tropfte förmlich vor Sarkasmus, „dass ich nicht lache! Meine liebste Schwiegertochter, ich bin vielleicht nicht mehr der Allerjüngste, aber deswegen noch lange nicht senil .Glaub mir, was immer euch zwei aneinander bindet, es hat nichts mit euren Unterschriften auf der Hochzeitsurkunde zu tun und es ist auch erst recht keine geschäftliche Vereinbarung. Ihr liebt euch, das ist doch vollkommen klar zu erkennen.“
Er irrte sich! Ganz bestimmt. Bei mir mochte er ja recht haben, aber Carlisle…. Es würde nichts bringen, Magnus vom Gegenteil überzeugen zu wollen, weil er genauso stur war, wie sein Sohn. Stattdessen interessierte mich mehr, woher er überhaupt von diesem Deal wusste.
„Wie kommt es, dass du Bescheid weißt? Wer hat dir das gesteckt?“
Er grinste still in sich hinein und holte eine Zigarre aus seiner inneren Brusttasche, entzündete sie dann paffend zwischen seinen Lippen und zog kräftig daran, ehe er mir antwortete.
„Das bleibt mein kleines Geheimnis, und wird nicht verraten. Weißt du, ein Mann wie ich hat eben seine Quellen. Ich weiß es eben, belassen wir es doch einfach dabei“, bat er ungerührt und paffte mit fast schon fröhlicher Miene weiter. Er wirkte merkwürdig zufrieden, als er mich durch den emporsteigenden Rauch hinweg ansah. Ich dagegen war extrem verunsichert. Was erwartete Magnus jetzt von mir? Dann fiel mir siedend heiß ein, dass wohl eine Entschuldigung durchaus angebracht war.
„Oh Magnus, du musst mich für einen grauenvollen Menschen und für eine schreckliche Lügnerin halten. Es tut mir alles so unendlich leid, ich wollte wirklich nicht unehrlich sein, es ist irgendwie passiert“, murmelte ich verzagt und sah auf den Boden. Seine Finger hoben mein Kinn an und er tätschelte mir väterlich die Wange.
„Ich weiß, dass du ein herzensguter Mensch bist. Mach dir deswegen mal keinen Kopf. Und noch etwas, bevor du vielleicht auf falsche Gedanken kommst. Ein Mann kann sich keine bessere Schwiegertochter wünschen als dich und ich will nicht, dass du dich schlecht fühlst. Im Grunde hat das alles doch auch sein Gutes. Mit diesem dämlichen Plan hat Carlisle, ohne es zu wissen, für sein eigenes Glück gesorgt. Ihr seid füreinander bestimmt, Kindchen.“
„Das sieht er aber sicher anders“, flüsterte ich bitter und erinnerte mich an unsere Streitereien in den letzten Wochen.
„Was sich liebt, das neckt sich“, kam es zu meinem Entsetzten von meinem Schwiegervater. Konnte er Gedanken lesen?
„Wie kommst du darauf, dass er mehr für mich empfindet?“
„Ich kenne meinen Sohn, Esme.“
„Das heißt…?“
Er lächelte gütig.
„Das heißt nichts anderes, als dass ich Augen im Kopf habe. Allein eure Blicke heute Abend hätten ausgereicht, um einen ganzen Wald in Flammen zu setzen. Ich rate euch dringend, miteinander zu reden.“
„Sag das mal deinem Sohn!“, meinte ich ein bisschen schnippisch. Magnus hatte leicht reden. Nur weil er die irrsinnige Vermutung hegte, Carlisle würde etwas für mich empfinden, konnte ich doch nicht einfach hingehen und meine ganzen Gefühle vor ihm ausbreiten.
„Du bist genauso stur, wie mein Junge“, seufzte er kopfschüttelnd. „Esme, du bist doch die Vernünftigere von euch beiden. Spring über deinen Schatten und sag ihm, dass du ihn liebst."
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor.
„Nein!“, entfuhr es mir trotzig.
„Esme…“, das klang schon fast verzweifelt, „…. ich will eines Tages gerne ein paar Enkelkinder, hörst du… und ich wünsche mir wirklich, dass du sie zur Welt bringst. Ich halte dich für einen wundervollen und wertvollen Menschen und mein Sohn hat das schon längst erkannt. Er ist nur zu blöd, um es sich einzugestehen, weil er Angst hat. Ich habe noch nie erlebt, dass er eine Frau so angesehen hat wie dich. In seinen Augen liegt so viel Sehnsucht, es ist als ob ich mein früheres Ich beobachten würde, nachdem ich Elisabeth das erste Mal begegnet bin. Gib ihm eine Chance! Carlisle ist manchmal ein furchtbar sturer Hund und hat nie gelernt seinen Stolz zu überwinden. Er braucht dabei Hilfe, sonst wird das nichts. Schon als kleiner Junge war er so und er hat mich und Elisabeth damit fast zur Weißglut getrieben.“
Bei der Vorstellung drängte sich mir sofort ein Lächeln auf. Ich konnte mir den kleinen blonden Lausbuben bestens vorstellen, wie er sich weigerte das zu tun, was von ihm erwartet wurde. Ein zärtliches Gefühl für diesen frechen Knirps, der er mal gewesen war, überkam mich und ich dachte nach. Was, wenn Magnus wirklich recht hatte, und er auf ein Zeichen von mir wartete? Aber ich hatte schreckliche Angst davor, erneut verletzt zu werden. Trotzdem verspürte ich auf einmal so was wie Zuversicht. Magnus war ein kluger Mann und vor allem, er kannte seinen Sohn. Angst und der Wille es zu versuchen, hielten sich die Waage, ohne dass sich ein Sieger abzeichnete. Ich beschloss zumindest meinem Schwiegervater die Wahrheit zu sagen.
„Du hast völlig recht, ich habe Gefühle für ihn. So tief sogar, dass ich sicher bin, sie könnten für ein ganzes Leben reichen“, gab ich zu.
Von Liebe mochte ich noch gar nicht sprechen. Das war so ein großartiges Wort und ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt wusste, was es wirklich bedeutete. Liebe war in meinen Augen eine Beziehung, wie sie meine Eltern führten. Auch Magnus und Elisabeth verband diese Vertrautheit und begleitete sie schon seit vielen, vielen Jahren. Diese Art von Zusammenleben musste über Jahre hinweg wachsen, sie war in der Lage auch die schlimmsten Schicksalsschläge und Probleme zu überstehen. So sah ich mich und Carlisle nicht, denn von so einer Beziehung waren wir weiter entfernt, als der Mond von der Erde. Was ich aber ohne zu zögern zugeben konnte, war meine Leidenschaft und Sehnsucht für ihn, die täglich größer wurde und heute Abend ihren Höhepunkt erreicht hatte. Ihn so freundlich und entspannt zu erleben riss meine schützenden Mauern effektiver ein, als es jeder bislang ausgetragene Disput jemals gekonnt hätte. Ein großer Teil von mir wollte einfach immer mit ihm zusammen sein und selbst die ewigen Streitereien waren besser, als gar kein Kontakt zu ihm. Ich wusste genau, was ich für ihn fühlte. Vielleicht war es noch nicht diese tiefe Liebe die unsere Eltern verband, aber ich war verliebt. In meinen Augen war das durchaus noch ein Unterschied. Und doch fing alles an zu kribbeln, sobald ich in seiner Nähe war. Dieser Mann war der Puls, der mein Herz zum Schlagen brachte.
„Du sprichst ja gar nicht weiter“, ermahnte mich Magnus.
Seufzend sah ich zu ihm hoch und suchte nach den passenden Worten.
„Magnus, mir fehlt einfach der Mut, um mich ihm ohne Rückendeckung zu offenbaren. Wenn du dich täuschst, bin ich die Dumme. Ich weiß, man sollte für seine Liebe kämpfen und sich nicht unterkriegen lassen, aber es ist so furchtbar schwer. Ich habe Angst, dass ich am Ende nur wieder enttäuscht werde.“
Traurig sah ich ihn an.
„Magnus, kannst du mit hundertprozentiger Sicherheit versprechen, dass er mich wirklich ehrlich liebt?“
Das erste Mal wirkte er ein wenig unsicher.
„Nein“, gab er schließlich zu und schüttelte den Kopf, „nein, so etwas kann, glaube ich, kein Mensch versprechen.“
„Siehst du!“ Es lang kein Triumph in meiner Stimme, sondern der pure Pessimismus.
Magnus wollte gerade noch etwas einwerfen, als Carlisles Stimme ihn unterbrach.
„Hier seid ihr! Ich wollte schon einen Suchtrupp losschicken.“
Ohne sich etwas anmerken zu lassen, drehte sich Magnus zu seinem Sohn um und ich konnte sehen, wie er ihn gelassen anlächelte.
„Wir wollten uns ein wenig die Beine vertreten. Aber ich bin schon ein älteres Semester und geselle mich jetzt schleunigst zu meiner Frau. Du kannst ja noch ein wenig mit Esme den lauen Sommerabend genießen.“ Jetzt sah mein Schwiegervater zu mir, zwinkerte frech und füge hinzu. „Er ist perfekt für ein verliebtes Paar.“
Magnus war wirklich ein alter Schwerenöter und ich konnte gut nachvollziehen, was Elisabeth dazu bewogen hatte, mit allen Konventionen zu brechen und sich in einen damals noch armen, irischen Hafenarbeiter zu verlieben. Für eine reiche Erbin wie sie, musste das nicht leicht gewesen sein, weil diese Entscheidung mit Sicherheit einen Mordsskandal ausgelöst hatte. Doch ihr Mut und der Glaube an ihre Liebe, hatten ihr die Kraft gegeben, das alles durchzustehen. Plötzlich schämte ich mich, dass ich so ängstlich war. Was hatte ich schon zu verlieren? Schlimmstenfalls würde ich meine Würde verlieren, aber die würde sich irgendwann von einem Rückschlag erholen. Den Mann meines Herzens für meinen Stolz zu opfern, kam mir auf einmal kleinmütig und unglaublich feige vor. Ich tauschte noch einen wissenden Blick mit Magnus, danach ließ er uns allein. Etwas befangen standen wir uns gegenüber und ich war mir sicher, er suchte genauso krampfhaft nach einem unverfänglichen Gesprächsthema wie ich. Carlisle war wieder derjenige, der seine Stimme zuerst fand.
„Möchtest du noch ein Stück gehen?“
Überrascht und erfreut zugleich, dass er nicht gleich wieder die Gesellschaft der anderen suchte, stimmte ich ihm zu.
„Gerne.“
Wie eben mit Magnus, spazierte ich jetzt mit Carlisle durch den Garten und fühlte eine süße Unbeschwertheit in mir anwachsen. Ich konnte es einfach nicht verhindern, das geschah wohl, wenn man Zeit mit der Person verbringen konnte, die man gern hatte. Und ich hatte ihn gern, sehr sogar….
„Meine Eltern sind total begeistert von dir“, fing er plötzlich an.
Ich drehte den Kopf uns sah ihn mit einem leichten Grinsen auf den Lippen an.
„Findest du?“
Er lachte.
„Jetzt komm schon, das weißt du doch ganz genau.“
„Warum erwähnst du es dann“, kam es prompt von mir und er blieb blitzartig stehen. Ein wenig verdutzt hielt ich ebenfalls mitten im Schritt inne und wandte mich ihm zu. Wir befanden uns mittlerweile in einem abgelegeneren Teil des Gartens und das Haus war nur noch schwach an den Lichtern zu erkennen, die warm das Innere des Hauses erhellten. Auch sein Gesicht war nur noch schwer zu erkennen, trotzdem konnte ich das leichte Lächeln darauf erahnen, das sich langsam darauf ausbreitete.
„Streiten wir gerade schon wieder?“
Es klang humorvoll und nicht im Geringsten aggressiv. Um uns herum hörte ich es rascheln, ein warmer Wind streifte meine Haut und die Stimmung zwischen uns veränderte sich. Die Befangenheit nahm ab und machte einem sehnsüchtigen Prickeln Platz. Ich trat einen Schritt näher an ihn heran, suchte seine Nähe und Wärme. Ich wollte mutig sein und war endlich bereit, etwas zu riskieren.
„Möchtest du denn streiten?“, flüsterte ich.
Er kam ebenfalls ein wenig näher heran und sein Brustkorb streifte meinen. Carlisle nahm mir fast die Luft zum Atmen, so aufgeregt war ich jetzt. Dieser Augenblick konnte ein Wendepunkt werden, wenn ich es nicht durch eine unachtsame und schnippische Bemerkung versaute. Magnus hatte gesagt, sein Sohn wäre zu stolz und konnte schlecht über seinen Schatten springen. Ich wiederum war zu ängstlich gewesen, um ihm entgegen zu kommen. Bis jetzt….
Seine Hand hob sich an meine Wange und er streichelte sanft darüber.
„Ich will nicht mehr streiten, Esme“, sagte er fest und mein leises und erleichtertes Seufzen verhallte in der Dunkelheit. Er tat es doch. Carlisle sprang gerade über seinen Schatten, so hoch wie er eben konnte. Und ich war bereit ihn aufzufangen und meine Zweifel zu verdrängen.
Als hätte er erraten, wie sehr ich mich nach einer Berührung von ihm sehnte, glitt seine Hand an meinen Nacken. Er hielt ihn fest und zog mich daran sachte noch dichter an seinen Körper heran.
„Ich will auch nicht mehr streiten, Carlisle.“
Ich sprach so leise, dass es mich wunderte, dass er überhaupt ein Wort verstand, doch durch die Nähe konnte ich das Heben seiner Mundwinkel gut erkennen, das meine Worte auslösten.
„Weißt du, was ich stattdessen viel lieber tun würde?“, hauchte er verführerisch.
Oh Gott, er würde noch mein Tod sein. Mein Herz setzte beinahe aus, als ich den sinnlichen Tonfall wahrnahm, in dem er sprach und fing dann an, mit gefühlter doppelter Geschwindigkeit, erneut zu schlagen. Außerstande ihm zu antworten, schloss ich die Augen und schüttelte den Kopf.
„Soll ich es dir zeigen?“
Mein Mund wurde unglaublich trocken und ich brachte gerade noch so ein Nicken zustande. Ich starb fast vor Neugier, vor Aufregung und vor himmlischer Erwartung.
„Lass die Augen geschlossen…ich möchte, dass du einfach nur fühlst, lass dich fallen…“
Seine heisere Stimme brachte mich schier um den Verstand und ich kam gar nicht auf die Idee, etwas anderes zu tun als das, was er gerade von mir verlangte. Ich wollte mich ihm hingeben, trotz oder gerade wegen meiner Angst. Nur mit ihm zusammen konnte ich sie überwinden, und sollte ich doch enttäuscht werden und der Schmerz darüber erbarmungslos zuschlagen, dann wusste ich wenigstens, dass ich ein lebendiges und fühlendes Lebewesen war. Auch Schmerz konnte heilsam sein, er war besser, als komplett abzustumpfen. Zumindest versuchte ich mir das gerade eben einzureden, weil ich sonst doch abgehauen wäre.
Im nächsten Moment fühlte ich seine Hände, die sich vorsichtig an meine Oberarme schmiegten. Die Berührung legte mich völlig lahm, ich fing an zu zittern und meine Lippen bebten, als hätte mich ein Kälteschauer erfasst.
„Hab keine Angst…“
Er klang so unglaublich sanft, so fürsorglich. Was immer ihn auch antrieb, ich betete, dass es niemals vorbeigehen würde.
„Ich fürchte mich nicht…jetzt nicht mehr.“
Das letzte Wort wurde von seinen Lippen verschluckt, die sich hauchzart auf meine legten. Der Berührung fehlte es an Leidenschaft, es war mehr ein behutsames Herantasten zwischen zwei Menschen, die sich voneinander angezogen fühlten, aber noch kein wirkliches Vertrauen zueinander hatten. Federleicht strich er über meine Unterlippe. Einmal…zweimal…dreimal….nur, um sie zwischen seinen Lippen gefangen zu nehmen. Vorsichtig saugte er sie ein, strich sinnlich mit der Zunge über das seidige Polster und entlockte mir ein leises Stöhnen. Das Gefühl war so unbeschreiblich süß und erregend, ich konnte es mir einfach nicht verkneifen. Meine Hände wanderten wie von allein über seine Arme, hoch zu seinen Schultern, um sich an ihm festzuhalten. Ich stellte mich etwas auf die Zehenspitzen, um ihm ein wenig entgegen zu kommen und schon spürte ich, wie er meine Taille mit beiden Armen umschlang. Durch den unmittelbaren, engen Kontakt entfuhr mir einen erstickter Schrei. Carlisle entließ meine Unterlippe aus ihrem süßen Gefängnis und fuhr mir mit der Zunge in meinen Mund. Meine Finger krampften sich heftiger in seine Schulterpartie, als ich das erregend warme und nasse Gleiten in meinem Inneren fühlte. Noch nie war mir ein Kuss so unwirklich und gleichzeitig so real erschienen und ich gab mich diesem herrlichen Moment völlig hin.
Keuchend löste er sich von mir.
„Esme….ich muss dir was sagen.“
Worte. Sie konnten so schlimme Wunden schlagen und einen die Seele eines Menschen unrettbar verletzen. Mit Leichtigkeit wären sie auch jetzt in der Lage diesen magischen Moment zu zerstören. Natürlich hatten wir ziemlichen Gesprächsbedarf, aber nicht jetzt…ich wollte nicht aus diesem Traum aufwachen und merken, dass uns die Wirklichkeit wieder einholte. Alles was ich mir wünschte, war weiter von ihm geküsst zu werden. Ich wollte mich durch seine Berührung lebendig fühlen und nicht über Erwartungen oder ehemalige Geliebte sprechen.
„Nicht jetzt, Carlisle. Nicht heute Nacht….“
Er schluckte und verstand, was ich ihm damit sagen wollte. Heute Nacht waren alle Regeln außer Kraft gesetzt und morgen mussten wir vielleicht die Scherben wieder einsammeln. Aber verdammt, das war es mir wert. Er war mir das wert.
Carlisle sah mich für mehrere Sekunden eindringlich an, ehe er mich an der Hand nahm und einfach mit sich zog…
Wir waren schon längst wieder zuhause. Nachdem wir ohne Verabschiedung verschwunden waren, lagen wir jetzt schon seit einigen Minuten auf meinem Bett und küssten uns leidenschaftlich. Mein Kleid war längst völlig zerknittert, hinten halb offen und unten fast bis zu den Hüften nach oben geschoben. Carlisle lag zwischen meinen Beinen, hielt meinen Kopf fest zwischen seinen Händen und drängte seine Zunge in einem immer leidenschaftlicher werdenden Rhythmus zwischen meine Lippen. Sein Hemd klaffte inzwischen weit auseinander, nachdem ich es mit zitternden Händen aufgeknöpft hatte, um endlich seine weiche Haut streicheln zu können. Meine Finger strichen unablässig über seine Brust und verfingen sich in der leichten Brustbehaarung. Carlisle knurrte leise in meinen Mund hinein und genoss meine Berührungen, während ich vor Glück fast verging.
Unser Zusammensein entsprang einer stillen beiderseitigen Übereinkunft und wir steuerten ungebremst auf eine leidenschaftliche Vereinigung zu. Immer wieder verschloss er mir den Mund mit einem wilden Kuss, seine Zunge tänzelte kreisend um meine herum und trieb mich langsam aber sicher in den Wahnsinn. Körperliche Lust war mir nicht völlig unbekannt, aber ich hatte nicht gewusst, dass sie einen so total vereinnahmen konnte. Ohne nachzudenken wand ich mich wie eine Schlange unter seinen Küssen und seinen streichelnden Händen. Wir verursachten diese so typischen Geräusche, wenn zwei Menschen sich so richtig nahe kamen. Schweres Atmen, das Rascheln von Stoff und sich öffnenden Reißverschlüssen, sanftes Stöhnen, immer wieder unterbrochen von heftigem Keuchen.
„Ich will dich so sehr….“
Seine Stimme. Himmel, ich erkannte sie kaum wieder, so rau und gequält klang sie vor lauter unerfüllter Lust. Ich konnte sie an meinem Schenkel spüren, an dem er sich ununterbrochen rieb. Scheu streifte ich ihm das Hemd von den Schultern und ich stellte mich dabei nicht unbedingt sonderlich geschickt an. Er lächelte an meinen Lippen und bewegte sie ein wenig, um es mir leichter zu machen. Staunend betrachtete ich ihn. Carlisles glatte seidige Haut verbarg nichts vom aufregenden Muskelspiel seines Körpers. Mit den Fingerkuppen strich ich erkundend und mit purer sinnlicher Freude darüber hinweg und biss mir auf die Lippen, um ein weiteres peinliches Stöhnen zu unterdrücken. Wir hatten noch gar nicht richtig angefangen und schon war ich total außer Kontrolle. Was würde erst mit mir passieren, wenn wir uns richtig liebten?
Er griff unter meinen Rücken und zog den bislang nur halb herabgezogenen Verschluss komplett nach unten. Ich machte automatisch ein Hohlkreuz, um ihm zu helfen und streckte ihm so meine Brust entgegen. Er nahm die nicht unbedingt beabsichtigte Einladung an und umschloss eine meiner Brustwarzen mit seinen Lippen. Der Stoff des Kleides lag noch darüber und wurde genauso feucht, wie ich zwischen meinen Beinen. Zart zwickte er mit den Zähnen daran und ich jammerte fast, als der Lustschmerz durch meinen Körper jagte. Direkt hinein in das Tal zwischen meinen geöffneten Schenkeln.
„Ich wusste, du würdest perfekt sein“, raunte er mir zu und machte sich am unteren Teil des Kleides zu schaffen. Er schob den Rock jetzt komplett nach oben und legte eine Hand auf meinen nackten Schenkel. Es fühlte sich unglaublich an. Schon kurz danach schob sie sich unaufhaltsam nach oben, direkt auf meine weiblichste Stelle.
„Du irrst dich…ich…bin nicht….perfekt“, keuchte ich mühsam, als ich seine Finger an der Senke zwischen Oberschenkel und meiner Scham fühlen konnte. Ein verkrampftes Zucken an meiner intimsten Stelle machte mich fast bewegungsunfähig, doch es fühlte sich trotz allem berauschend an.
„Doch!“, widersprach er sofort, „…du ..bist…perfekt.“
Er konnte kaum noch reden und einer seiner Finger schlüpfte unter meinen Slip, während sein Mund das Tal zwischen meinen Brüsten liebkoste. Ein leichter Schweißfilm lag schon auf meiner Haut und er nahm das Salz auf meiner Haut genüsslich mit seiner Zunge auf Es war wirklich vollkommen belanglos wie und wo er mich berührte, alles brachte mich zum Beben. Sein neugieriger Finger unter meinem Höschen strich jetzt prüfend über die feinen Härchen, glitt tastend tiefer und fand dann zielsicher die pochende Knospe zwischen den weichen Falten. Doch anstatt meine Lust damit abzuebben, verursachte das kreisende Streicheln so eine heftige Erregung in mir, dass sich ein tiefes und haltloses Stöhnen aus meiner Kehle stahl. Das war zu viel. Soviel Wonne konnte ich einfach nicht aushalten, ich hatte das Gefühl gleich zu zerspringen.
„Carlisle…warte…ich.“
Sofort entzog er mir seinen lustspendenden Finger und ich atmete auf, obwohl ich gleichzeitig nichts mehr wollte, als dass er weitermachte. Es war wirklich verrückt.
Er stützte sich indessen an den Unterarmen auf und sah mich eindringlich an.
„Willst du aufhören?“
Ich befeuchtete mir die Lippen und sah ihn unsicher an. Seine Augen folgten dieser Geste und wurden augenblicklich dunkler. Obwohl diese intensiven Gefühle fast zu viel für mich waren, erfüllte es mich mit unglaublichem Stolz, dass ich ihn offenbar so verrückt machen konnte. Das änderte aber nichts daran, dass ich es wieder mit der Angst zu tun bekam. Das hier war alles so plötzlich geschehen, ohne Vorwarnung. Ich war nicht wirklich vorbereitet auf das, was wir uns gegenseitig schenken konnten. Wollte ich aufhören? Oh Gott, ich hatte nicht den Hauch einer Chance, das zu tun. Ich wollte es nur ein wenig langsamer angehen und mir Zeit lassen, um diese Erregung kennenzulernen und zu genießen. Royce hatte nicht mal annähernd so was in mir ausgelöst wie Carlisle und deswegen fühlte ich mich unsicher.
„Esme?“
Fragend kam mein Name über die Lippen und ich starrte ihn weiterhin an, ohne etwas zu sagen. Er wirkte gerade ein bisschen überfordert, weil er keinen Schimmer hatte, was in mir vor sich ging. Sein nächster Satz überraschte mich, weil ich damit gar nicht gerechnet hatte.
„Ich habe mich von Carmen getrennt, wenn es das sein sollte, was dich zurückhält.“
Das kam fast schon trotzig über seine Lippen und ich musste lächeln. Er war so süß. Magnus hatte schon recht gehabt mit seiner Einschätzung. Carlisle war unglaublich stur und doch machte er hin und wieder alles richtig. So wie jetzt. Er hatte es zugegeben und damit einen neuen Abschnitt eingeleitet. Verdammt, warum hatte er sich nur soviel Zeit gelassen?
„Hast du denn gar nichts dazu zu sagen?“, fragte er irritiert. Er machte es sich ein wenig bequemer und drückte dabei seinen Unterleib fester gegen meine erhitzte Mitte. Es fiel mir schwer weiterzusprechen, aber wir mussten das jetzt klären. Wenn ich vorhin jedes klärende Gespräch abgelehnt hatte, so konnte ich es jetzt kaum erwarten, die Gründe für sein Verhalten zu erfahren. Wahrscheinlich dachte er, ich hätte sie nicht mehr alle beisammen, weil ich so sprunghaft war, doch das war mir jetzt egal.
„Was erwartest du denn?“
Ich flüsterte nur und hob wie im Traum die Hand an seine Wange. Die Geste besänftigte ihn sofort und er drehte leicht den Kopf, um die Innenfläche küssen zu können.
„Ich erwarte gar nichts von dir, nur dass du ehrlich bist.“
Seine grünen Augen schimmerten. In ihnen lag ein sanftes Glühen in dem mein eigenes Gesicht widergespiegelt wurde. Es wurde Zeit dieses Ratespiel zu beenden und ihn von seinen Leiden zu erlösen, doch ich brauchte noch die Antwort auf eine für mich immens wichtige Frage.
„Wieso hast du dich von ihr getrennt?“
Er zögerte nicht eine Sekunde.
„Weil ich mich unsterblich in meine Frau verliebt habe.“
Meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Erst nur sehr zögerlich, bis ich so sehr strahlte, dass er ein warmes Lachen ausstieß. Er stupste meine Nase mit seiner an und flüsterte.
„Das scheint dich zu freuen.“
Mit beiden Händen umschloss ich sein Gesicht und hob meinen Kopf an, um ihn zart auf den Mund zu küssen.
„Ich glaube, „freuen“ triffst es nicht mal annähernd“, gestand ich ihm.
Seine Augen verdunkelten sich, als er mir entgegen kam und mir einen fast schon keuschen Kuss auf die Wange gab.
„Ich bin verliebt in dich, Esme. Und das schon eine ganze Weile.“ Er sah mich zerknirscht an. „Ich wünschte, ich könnte all den Bullshit den ich erzählt habe, wieder rückgängig machen.“
„Gib dir nicht allein die Schuld, ich habe schließlich bei allem freiwillig mitgemacht und mindestens genauso viel dummes Zeug geredet wie du.“
Er schüttelte den Kopf. Eigentlich wollte ich ihm mit meinen Worten ein Lächeln entlocken, doch er sah mich weiterhin todernst an.
„Du hättest eine echte Liebesgeschichte verdient, mit allem drum und dran und keine vertraglich abgesicherte Heirat auf Zeit. Es tut mir so leid, dass ich dich um eine romantische Hochzeit gebracht habe, um die Schmetterlinge im Bauch und …..“, er atmete stockend aus, „…und um eine echte Hochzeitsnacht.“
Carlisle wirkte wirklich zerknirscht, weil unsere Ehe auf so ungewöhnlichem Weg zustande gekommen war. Doch sich jetzt gegenseitig Vorwürfe zu machen, wer von uns falsch gehandelt oder reagiert hatte, war völlig sinnlos. Es war nun mal passiert und es war auch nicht mehr zu ändern. Die Hauptsache war doch, dass wir es in Zukunft besser machten.
„Carlisle, wir hatten vielleicht nicht den besten Start, aber was sind schon ein paar Wochen, wenn wir noch unser ganzes Leben vor uns haben.“
Er seufzte tief und rieb mir zärtlich mit seiner Nase über meine Wange. Wir waren uns so nahe, dass ich nicht mehr hätte sagen können, wo sein Körper begann und meiner aufhörte. Ineinander verschlungen, unterhielten wir uns sehr leise und genossen die Wärme die uns verband. Noch nie hatte ich mich beschützter und sicherer gefühlt als hier in seinen Armen. Mit hoffnungsvoller Stimme fragte er
„Ein ganzes Leben? Heißt das, du gibst mir wirklich eine Chance?“
Er klang wie ein aufgeregter kleiner Junge.
„Wenn du sie willst.“
Er schloss die Augen.
„Ob ich sie will!“ Seine Lider schwangen wieder auf und er lächelte aufrichtig. „Esme, seit Wochen wünsch ich mir nichts anderes mehr. Schon bevor ich mich von Carmen getrennt habe, warst du alles, woran ich denken konnte.“
„Wie hat sie reagiert?“
Eigentlich wollte ich das gar nicht wissen, ich konnte es mir denken. Doch meine Neugier darauf war einfach zu groß. Carlisle verzog ein wenig das Gesicht und gab mir damit schon ohne Worte eine Antwort. Der Rest war nur noch eine verbale Bestätigung meiner Vermutungen.
„Sie ist völlig ausgetickt und hat mich beschimpft. Ehrlich gesagt, habe ich mir sogar Sorgen gemacht, ob sie nicht irgendwas anstellt, aber sie hat sich bisher ruhig verhalten.“ Plötzlich sah er mich alarmiert an. „Oder hat sie dich vielleicht belästigt?“
In der Frage schwang ein Hauch von Panik mit, doch ich konnte ihn beruhigen. Die komischen Anrufe hatten seit geraumer Zeit aufgehört und ich hatte Carmen auch nicht mehr wiedergesehen. Sie war nicht länger ein Teil meines Lebens und dank Carlisles Entscheidung würde sie das auch hoffentlich nie wieder sein. Ihre Drohung uns das Leben schwerzumachen, war wohl nur leeres Geschwätz gewesen.
„Nein, sie hat sich nicht bei mir gemeldet“, beruhigte ich ihn und er wirkte unbändig erleichtert darüber. Was wohl tatsächlich in jener Nacht geschehen war, wenn er sich so sorgte?
„Das ist gut. Ich hatte schon Angst, dass sie ihre Wut an dir auslässt.“
Für ihn war damit alles gesagt und er fing erneut an, mein Gesicht mit Küssen zu bedecken. Sie regneten weich auf meine Haut herab und ich bog meinen Hals zurück, um es voll genießen zu können. Eine seiner Handflächen legte sich über den locker sitzenden Stoff meines Kleides und drückte sie zärtlich. Doch bevor ich mich dem wieder ganz hingab, gab es noch etwas, das mir auf der Seele brannte. Ich wollte das endlich abschließen können, damit ich meine Liebe zu ihm voll genießen und ausleben konnte.
„Carlisle…?“
„Hmmm…“ Seine Lippen hatten sich mittlerweile zu meiner Kehle bewegt und saugten die dünne Haut leicht ein.
„Warum hast du mich in der Hochzeitsnacht verlassen?“
Sofort hörte er wieder auf und seufzte tief. Sein Atem schlug gegen meine Haut und befeuchtete sie. Ohne aufzublicken, versuchte er sich in einer Erklärung.
„An dem Abend habe ich die Beziehung beendet. Ich wollte nicht mit dir schlafen, solange ich noch an eine andere Frau gebunden war. Zwar nicht mehr emotional, aber wir waren zu dem Zeitpunkt immer noch zusammen. Also habe ich es beendet, um frei zu sein. Frei für dich, Esme.“
„Und du bist nicht auf die Idee gekommen, das einen Tag vorher zu machen?“
Er schüttelte bedauernd den Kopf.
„Es tut mir leid, aber ich war ein feiger Idiot. Heute weiß ich, dass es ein Fehler war und würde es sicher anders machen. Ich kann auch nicht sagen, warum ich so lange gezögert habe. Vielleicht lag es an der Hektik die Tage davor, außerdem hatte ich mich auch noch nicht komplett von ihr gelöst.“ Er hob den Kopf und streichelte meine Wange. „Esme, ich war fast ein Jahr lang mit ihr zusammen und wollte sie heiraten. In dieser Zeit war ich auch felsenfest davon überzeugt, dass ich sie lieben würde, bis ich gemerkt habe, dass es nicht annähernd an das herankommt, was du in mir auslöst. Doch es war nicht einfach für mich, mir einzugestehen, dass ich mich an die Falsche gebunden hatte. Carmen hat auch ihre guten Seiten, obwohl sie nicht einfach ist. Ich wollte sie nicht verletzen, das haben schon so viele vor mir getan.“
Es war merkwürdig. Bis jetzt hatte ich mir noch keine großen Gedanken über sie gemacht und ich schämte mich ein wenig. Carmen war kein Unschuldslamm und hatte wohl auch in allererster Linie Dollarzeichen in den Augen gehabt, wenn sie Carlisle ansah. Aber bis jetzt, hatte ich noch nicht mal in Betracht gezogen, dass sie vielleicht auch echte Gefühle für ihn entwickelt hatte. Wenn das stimmte, dann musste das unglaublich qualvoll für sie gewesen sein. ICH war diejenige, die sich in eine Beziehung hineingedrängt hatte. Die Tatsache, dass sie nicht sonderlich stabil war, weil mir das gelungen war, machte das auch nicht besser. Carmen hatte durchaus das Recht dazu, mich zu hassen, denn an ihrer Stelle hätte ich sicher nicht anders reagiert. Trotzdem bereute ich es nicht, dass Carlisle sich für mich entschieden hatte. Gegen Gefühle war man machtlos, sie brachten einen dazu, Dinge zu tun, die man unter normalen Umständen wohl verurteilen würde.
Das Wichtigste war aber, dass ich ihn jetzt besser verstehen konnte. Es war sicher nicht einfach für Carlisle gewesen, die Frau zu verlassen, mit der er ein Jahr lang seine Träume geteilt hatte. Und das für eine Person, von der er noch nicht mal wusste, ob sie seine Gefühle überhaupt erwiderte. Den Zeitpunkt zu kritisieren, an dem er den Mut dazu gefunden hatte, erschien mir auf einmal unglaublich kleinlich.
„Weißt du was?“
Er zog fragend die Augenbraue hoch.
„Ich glaube, dass du sehr mutig warst, viel mutiger als ich.“
„Heißt das, du verzeihst mir?“
Mein Lächeln musste wohl die pure Seligkeit ausdrücken, weil seines immer strahlender wurde. Ich beschloss ganz einfach, dass wir genug geredet hatten und legte meinen Mund an sein Ohr. Sein Erschauern, als ich ihm die nächsten Worte hinein flüsterte, machte mich glücklich und ich spürte, wie sich wieder dieses süße Ziehen in mir aufbaute.
„Carlisle, denkst du nicht auch, dass wir endlich aufhören sollten zu reden, und…“
Ein heftiger Kuss machte meinem Reden ein Ende und ich ließ mich komplett in ihn hineinfallen. Es war der Erste, den wir uns in Liebe gaben und ich war mir sicher, es würden noch viele weitere folgen. Seine Hände streiften mir das Kleid endgültig vom Körper und ich fühlte seine Hände, die dabei streichelnd die Konturen meines Körpers umschmeichelten.
„Ich liebe dich….“, hauchte er an meiner Haut und zog mit dem Mund eine heiße Spur von meiner Schulter, zu meinen Brüsten. Er umschloss unglaublich sanft eine meiner Knospen, meine Hände fuhren in sein weiches Haar und ich genoss die zuckenden Impulse, die seine Berührungen in mir auslösten.
„Ich liebe dich auch, Carlisle“, flüsterte ich zurück und bog meinen Rücken durch. Er ging auf die Knie und schob seine Arme darunter hindurch. Mein Oberkörper schwebte über den Kissen, von seinen Armen gehalten und er saugte beständig an meiner Knospe. Sein Mund glitt sehr langsam zum anderen Busen und folterte auch diese Seite mit seinen köstlichen Lippen.
„Hör nicht auf…“, bat ich ihn und drückte seinen Kopf fester an mich heran.
Carlisle ließ mich wieder in die Kissen sinken und löste seine Lippen von meiner Brust. Stattdessen umfasste er mit seinen Händen beide Hügel, massierte sie mit gleichmäßigen Bewegungen und küsste sich über meinen Brustkorb hinweg zu meinem Bauch. Er neckte meine Bauchdecke mit hauchzarten Berührungen, bis ich anfing meine Hüften in einem unruhigen und sehnsüchtigen Rhythmus auf und ab zu bewegen.
„Genau so, Liebes“, spornte er mich an und hakte mit brennendem Blick seine Finger unter meinen Slip. Vorsichtig zog er ihn herunter und enthüllte meine intimste Stelle. Seine Zunge neckte meine Oberschenkel solange, bis ich sie unwillkürlich öffnete. Ohne mich selbst berührt zu haben, wusste ich, dass ich schon unglaublich feucht war, denn sein suchender Finger glitt problemlos über die zarte Haut zwischen meinen Beinen. Als er endlich in mich eindrang, presste ich meine Faust an meinen Mund und unterdrückte so einen lauten Aufschrei. Wieder konnte ich es kaum aushalten, so stark war die Lust, die er in mir schürte.
„Entspann dich“, verlangte er mit heiserer Stimme und beobachtete mich genau, während er seinen Finger langsam rein- und rausschob.
Ich versuchte seinen Rat zu befolgen, und konzentrierte mich ganz auf den Mittelpunkt meines Körpers. Sein erregendes Fingerspiel war so aufregend und neu und ich konnte die riesige Welle spüren, die sich unaufhaltsam in mir aufbaute. Sie wurde größer und stärker, mit jedem Stoß den er mir schenkte. Er zog sich mit einer geschmeidigen Bewegung ein Stück nach oben, ohne seinen Finger aus mir herauszunehmen. Immer noch bewegte er ihn tief in mir und er fing an mich zu wieder küssen. Stöhnend hieß ich ihn in meinem Mund willkommen und verlor mich ganz in der Lust, die er mir schenkte. Plötzlich fühlte ich, wie sein Finger durch etwas viel größeres und festeres ersetzt worden war und ich hielt den Atem an. Der Schmerz war nur ganz kurz gewesen und war schon jetzt kaum noch spürbar. Stattdessen fühlte ich mich auf angenehme Weise ausgefüllt.
„Alles okay, bei dir?“
Zischend verließ die Luft meine Lungen und ich hatte Tränen in den Augen. Endlich waren wir eins, so tief und innig vereint, wie es nur zwischen Liebenden möglich war.
„Ja…..ja….es ist unglaublich.“
Sein herzzerreißendes Lächeln war wie ein Spiegel, der mein eigenes Glück reflektierte. Vorsichtig fing er an sich in mir zu bewegen, bis wir uns nur noch lustvoll aneinanderklammern konnte. Unsere Körper waren von Schweiß überzogen, während unsere Hüften in einen Wellenartigen Rhythmus verfielen, der uns dem Höhepunkt rasch näher brachte. Es dauerte eine Weile, bis ich tatsächlich soweit war, doch er half mit dem Finger auf meiner Klit nach. Selbstlos hielt er sich solange zurück und führte mich zu meinem ersten Höhepunkt, ehe er selbst seine Lust in mir stillte. Müde, aber glücklich, lagen wir uns hinterher in den Armen und sahen uns eine ganze Weile still in die Augen. Worte waren so kurz nach diesem intensiven Akt nicht notwendig, wir sprachen durch unsere Hände zueinander, die sich streichelnd mit dem Körper des anderen vertraut machten.
„Weißt du eigentlich, wie glücklich du mich gemacht hast?“, fragte ich ihn schließlich.
Er strich mir mit dem Zeigefinger über den Nasenrücken und wirkte unglaublich zufrieden.
„Liebes, das war erst der Anfang. Ich werde den Rest meines Lebens nichts anderes mehr tun, als dich glücklich zu machen.“
Esme POV
Konzentriert steckte ich die letzte Klammer in meine Hochsteckfrisur und betete, dass sie sich im Verlauf des Abends nicht auflösen wurde. Ich seufzte leise und blickte sehnsüchtig zum Bett, wo mein Chiffonkleid schon ausgebreitet da lag. Obwohl ich mich wirklich auf das Abendessen bei Carlisles Eltern freute, sehnte ich mich nach etwas Ruhe und einem guten Buch. Die letzte Zeit war einfach nur nervenaufreibend gewesen und da Carlisle heute zwangsläufig mit von der Partie sein würde, standen mir noch anstrengende Stunden bevor. Carlisle….Das Zusammenleben mit ihm war alles andere als unkompliziert, obwohl wir uns kaum sahen. Meist nur zum Frühstück und ab und an zum Abendessen. Doch das war schon mehr als ausreichend. Wenn ich nämlich nicht aufpasste, dann würde ich bald in einem staatlichen Frauengefängnis landen, weil ich meinen eigenen Ehemann ins Jenseits befördert hatte. Der Grund dafür war ziemlich einfach. Carlisle machte mich wahnsinnig! Wenn dieser aufreizende Kerl nicht bald seine nervigen Sticheleien einstellte, würde ich mich vielleicht doch noch an den Bremsschläuchen seines Wagens zu schaffen machen.
Seit unserer verhängnisvollen Hochzeitsnacht, stritten wir uns ununterbrochen, sobald wir mehr als fünf Minuten in der Gesellschaft des anderen verbringen mussten. Er war zutiefst beleidigt, weil ich ihn am Morgen nach der Hochzeit abgewiesen hatte und seitdem ging zwischenmenschlich bei uns gar nichts mehr. Es reichte in der Regel schon die winzigste Kleinigkeit, um einen von uns aus der Haut fahren zu lassen und ich hatte einfach kein Gegenmittel für meine ständig überkochenden Aggressionen. Dabei war es ziemlich klar, dass mein „Ehemann“ sich genauso wenig unter Kontrolle hatte wie ich. Nur dass er seine Wut hinter einem spöttischen Grinsen und einem beißenden Kommentar verbergen konnte, während ich durchaus schon die ein oder andere Vase nach ihm geschmissen hatte, wenn es mir zu blöd wurde. Die hässlichen und eigentlich nicht sonderlich wertvollen Erbstücke neigten sich rapide dem Ende zu und beim letzten Mal, war eine davon haarscharf an seinem Kopf vorbeigesaust. Das blöde Ding zerschellte lautstark an der Tür und Carlisle hatte sich mit hochgezogener Augenbraue zu mir umgewandt und mich anzüglich gemustert. Allein dieser Blick sorgte bei mir für Mordgelüste. Was mich dann aber endgültig meine Nerven verlieren ließ, war seine Bemerkung, ich wäre wohl in meinem Alltag nicht ausreichend ausgelastet. Unverschämt wie er war, bot er sich - selbstverständlich völlig selbstlos - zum „Work out“ an, damit ich mich ein wenig abreagieren konnte. Mein empörter Schrei war im ganzen Haus zu hören und keine Minute später klopfte es an der Tür, hinter der sich ein ängstliches Dienstmädchen nach meinem Befinden erkundigte. Gott, seinetwegen blamierte ich mich fast täglich vor dem Personal. Bestimmt dachten sie, ich wäre aus einem Irrenhaus entlaufen, so oft, wie ich in letzter Zeit herumbrüllte.
Carlisle hatte jedenfalls nur dumm gegrinst, während ich vor lauter Wut ganz verstummt war. Ich zitterte am ganzen Körper, weil er sich wie ein Idiot benahm, doch das beeindruckte ihn kein bisschen. Er verließ gutgelaunt mein Schlafzimmer und teilte dem verdutzten Hausmädchen mit, dass alles in bester Ordnung sei. Anschließend warf mir noch einen amüsierten Blick durch die halboffene Tür zu, wagte es glatt mir zuzuzwinkern, und machte sich dann vom Acker. Um dem Ganzen dann noch die Krone aufzusetzen, lachte er auch noch schallend. Ich stand damals wirklich kurz vorm Platzen.
Carlisle war so unglaublich frech und es ärgerte mich maßlos, dass sich meine Selbstbeherrschung in Luft auflöste, sobald er mich provozierte. Er war wie ein Puppenspieler, der von oben auf mich runter sah und an den Fäden zog, wie es ihm gerade passte. Und ich konnte ihm nur hilflos folgen, während er mit mir sein Spiel trieb. Was bezweckte er damit? Auch wenn wir uns nur stritten, so suchte er doch permanent meine Nähe, sobald er im Haus war. Er tauchte mit den fadenscheinigsten Ausreden in meinem Zimmer auf und stets wenn wir aufeinander trafen, forderte er mich mit voller Absicht heraus. Und er machte das unglaublich geschickt. Obwohl ich mir nach jedem Streit ganz fest vornahm, beim nächsten Mal gelassen auf seine Frechheiten zu reagieren, schaffte er es immer aufs Neue meine Abwehrmechanismen zu durchbrechen. Langsam dämmerte mir, dass sich hinter Carlisle mehr verbarg, als nur ein verwöhntes Millionärssöhnchen. Er wusste genau, wie er seine Umgebung einschätzen und auch manipulieren konnte. Bei mir machte er das praktisch tagtäglich und egal wie sehr ich mich sträubte, ich fiel immer wieder auf seine herausfordernden Platituden herein. ER amüsierte sich auf alle Fälle köstlich über meine Reaktionen und ich versagte hoffnungslos beim Versuch, etwas mehr damenhafte Würde an den Tag zu legen.
Abgesehen von diesen Gelegenheiten hatten wir kaum Kontakt und jeder ging seine eigenen Wege. Er verließ morgens das Haus und kam nachts irgendwann nach Hause. Was er dazwischen trieb, wenn er sich nicht gerade in der Firma aufhielt, entzog sich meiner Kenntnis. Carmen hatte er komischerweise seit jener Nacht gar nicht mehr erwähnt, was mir immer seltsamer vorkam. Sonst war ihr Name wenigstens hin und wieder gefallen, doch seit geraumer Zeit benahm er sich so, als hätte er gar keine Geliebte mehr. Waren sie am Ende gar nicht mehr zusammen? Wir schliefen getrennt – angeblich, weil er zu laut schnarchte - und so bekam ich nicht immer mit, ob er die Nächte außerhalb verbrachte. Das Personal konnte ich ja schlecht fragen und so blieb ich was das anging im Ungewissen. Die Vorstellung sie könnten auseinander sein, machte mich irrwitziger Weise total zufrieden, wenn ich ehrlich zu mir selbst war, konnte ich die Vorstellung kaum ertragen, wie er sie berührte und küsste. Meine Gefühle für Carlisle durchlebten gerade sämtliche Spektren an Empfindungen, die ich nur teilweise einordnen konnte.
Ich fühlte mich trotz unserer angespannten Situation wahnsinnig zu ihm hingezogen, das war eine unumstößliche Tatsache, und doch wurde ich wütend, sobald er auch nur in meine Nähe kam. War es Eifersucht, weil er eine andere Frau mir vorzog? Es war verwirrend und aufwühlend, vor allem, weil ich jeden Morgen mit der Erinnerung an seine Lippen aufwachte und abends wieder damit einschlief. So kurz der Kuss auf der Feier auch gewesen war, er hatte sich unauslöschlich in mein Gedächtnis gebrannt. Den Zusammenprall unserer Lippen am Morgen nach der Trauung, schwiegen wir beide tot, denn den reihte ich nun wirklich nicht in die Sparte Romantik ein. Trotzdem fragte ich mich andauernd, warum er es überhaupt getan hatte, wenn er mich doch eigentlich nicht haben wollte.
Gedankenverloren spielte ich mit einem Ende meines Bademantelgürtels und bewegte mich langsam zum Fenster hin. Die Vorhänge waren schon zugezogen und ich schob die eine Hälfte leicht zur Seite, um hinaus auf die Straße zu sehen. Unten war noch weniger Verkehr als sonst, die Laternen beleuchten sanft den Gehweg und warfen lange Schatten. Das Stadthaus in das wir gezogen waren, lag in einem der ruhigeren Viertel in Seattle und so war der Straßenlärm erträglich. Ohne auf die immer rascher voranschreitende Zeit zu achten, beobachtete ich versonnen den Mond und dachte an den Morgen nach der Hochzeit zurück. Ein kleiner Teil von mir hoffte nämlich dummerweise, dass er mich nicht nur aus einer Laune heraus geküsst hatte, auch wenn es ein unmöglicher Zeitpunkt gewesen war. Bedeutete das nicht, dass er mich attraktiv und begehrenswert hielt? Doch die Ereignisse vom Vorabend standen da weiterhin zwischen uns und machten jeglichen Anflug von zärtlicher Annäherung zunichte. Ich war einfach noch zu sauer und verletzt, weil er mich so gedemütigt hatte.
Himmel noch Mal! Es war mir so was von egal, dass ich nur eine „geschäftliche Vereinbarung“ für ihn darstellte. Hatte ich deswegen weniger Respekt verdient, als seine Dauergeliebte, die diesen Mist auch noch freiwillig mitgemacht und unterstützt hatte? Die Hochzeitsnacht gehörte der Braut, egal wie die Umstände waren. Ich war der Meinung, dass man mit allen Folgen seiner Entscheidungen zu leben hatte. Mich einfach sitzen zu lassen und zu ihr zu rennen, weil sie wahrscheinlich ihre Eifersucht nicht im Griff hatte, würde ich ihm so schnell nicht verzeihen. Das hätten sich die beiden vorher überlegen können. Es war ja nicht so, dass sich Carlisle mir in irgendeiner Weise genähert hätte. Alle Berührungen waren für die Augen derer bestimmt gewesen, die uns auf Schritt und Tritt verfolgten. Für unsere Eltern, Bekannte, die Presse….die Liste war endlos. Nur in unserer Suite war er von diesem Schema abgewichen. Da war kein Dritter zugegen gewesen, der uns hätte beobachten können.
„Du bist ja immer noch nicht fertig!“
Ich fuhr zusammen, als ich seine Stimme so unvermittelt hinter mir vernahm und drehte mich schwungvoll um. Sofort stockte mir der Atem, weil sein Anblick mich wieder mal umhaute. Er trug einen schwarzen Smoking, sein Haar lag glatt auf seinem Kopf an und berührte hinten leicht seinen Hemdkragen. Die Hände locker in den Taschen seines Jacketts vergraben, stand er mit leicht gespreizten Beinen mitten in meinem Schlafzimmer und wirkte ein wenig genervt. Ich schielte schnell zur Uhr und fluchte leise. Mist, ich hatte zu lange getrödelt. Eigentlich müssten wir schon längst unterwegs sein, und ich stand hier noch im Bademantel herum. Ganz im Gegensatz zu meinem angetrauten Gatten. Carlisle sah wie immer makellos und irrsinnig gut aus. Wäre ich noch ein dreizehnjähriger Teenager gewesen, hätte ich jetzt unwillkürlich geseufzt, doch das war ich nicht. Ich war eine verheiratete Frau - seine Frau. Durch die Streitereien der letzten Zeit, reagierte ich augenblicklich total empfindlich auf seinen gereizten Tonfall.
„Musst du dich so an mich heranschleichen?“, fragte ich ihn unwirsch und ging mit staksigen Schritten auf das Bett zu. Es ärgerte mich, weil er sofort so einen unfreundlichen Ton angeschlagen hatte. Meine Güte, es gab weiß Gott Schlimmeres, als zu spät zu einem Essen bei den Schwiegereltern aufzukreuzen. Ein weiterer Grund für meine ruppige Antwort war die Sehnsucht, die mich regelmäßig bei seinem Anblick überkam. Es war mir peinlich, dass ich mich so wenig im Griff hatte, wenn es um ihn ging. Deswegen hatte ich ihm gegenüber eine äußerst aggressive Grundhaltung entwickelt, damit er ja nicht merkte, wie gefühlsdusselig und dumm ich im Grunde war.
Er hielt natürlich sofort dagegen und verdrehte genervt seine Augen.
„Mein Gott, Esme! Ich habe angeklopft. Was kann ich denn dafür, dass du taub bist?“
„Du bist unverschämt!“, warf ich ihm vor und verschränkte zutiefst beleidigt die Arme vor der Brust.
„Und du noch nicht fertig“, konterte er und maß meinen Aufzug mit kritischen Blicken. Der Kerl hatte Nerven! Ich konnte mich noch vage daran erinnern, dass er bei zu unserem ersten Zusammentreffen, ungefähr zwei Stunden zu spät gekommen war, und jetzt regte er sich auf, weil ich das verdammte Kleid noch nicht trug.
„Spiel dich nicht künstlich auf, Carlisle. Es dauert keine Minute mir den Fetzen überzuwerfen, also krieg dich wieder ein. Wir kommen schon rechtzeitig bei deinen Eltern an und selbst wenn nicht, werden sie uns sicher nicht enterben“, erklärte ich ihm ziemlich schnippisch. „Bis auf das Kleid bin ich fertig, oder willst du etwa behaupten, das sieht man nicht?“
Sein Spott und der Ärger in seinem Gesicht verschwanden und er betrachtete mich eingehend. Unter seinem Blick wurde mir warm und die aufgeheizte Stimmung wurde abgelöst von einer unterschwelligen Sinnlichkeit.
„Für mich macht es keinen Unterschied, Liebes. Du gehörst zu den Frauen, die diese ganze Farbe im Gesicht gar nicht nötig haben.“
Ich hob die Augenbraue. Liebes? Das waren ja ganz neue Töne.
„Ohhhh…ein Kompliment!“, rief ich aus und fasste mir theatralisch ans Herz. „Wie komme ich zu der Ehre?“
Mein höhnischer Ausruf zeigte Wirkung. Carlisle schloss kurz die Augen und wirkte auf einmal unglaublich müde, ausgelaugt und ziemlich traurig. Für einen kurzen Augenblick ließ er seine Maske fallen und ich konnte sehen, dass auch er verletzbar war. Sofort tat es mir leid, dass ich auf sein Kompliment so biestig reagiert hatte. Leider tat ich mir schwer damit, wenn er mal was Nettes zu mir sagte. Es passierte so selten und deswegen reagierte ich auch jetzt viel zu überzogen.
„Hör zu, vergiss das von eben“, versuchte ich die Situation noch zu retten. Es lag mir fern den Abend bei seinen Eltern wieder mit einem Streit im Rücken zu begehen. Das vermieste nur unnötig die Stimmung, die ohnehin immer angespannt war, wenn wir uns in einem Raum befanden.
Um das alles ein wenig zu entschärfen, deutete ich auf das taubenblaue Chiffonkleid auf dem Bett und fragte:
„Ist das okay, oder findest du es zu übertrieben für ein Dinner bei deinen Eltern?“
Überrascht, über meinen Stimmungsumschwung und meinen friedfertigen Tonfall, kam er ein paar Schritte näher.
„Nein, es wird wundervoll an dir aussehen und es ist keineswegs übertrieben.“
Seine Stimme klang rau und ich rieb mich förmlich am Klang auf. Seine Worte erreichten mich und waren wie ein Streicheln auf meiner Haut. Wurde ich jetzt etwa rot? Ich fühlte meine Wangen brennen und mein Puls beschleunigte sich spürbar. Rasend schnell klopfte er gegen die zarte Haut an meinem Hals. Immer wenn er nicht so eingebildet daherredete, wurde ein ganz anderer Carlisle sichtbar. Ein Mann, der verführerisch und liebevoll sein konnte, ein Mann, der mein Herz zum Rasen bringen konnte. So wie jetzt, wenn ich in diese unergründlichen und so unglaublich grünen Augen blickte. Die ganzen negativen Gefühle waren wie von Zauberhand verschwunden und ich fühlte, wie meine Beine schwach wurden. Oh Gott…..
„Zieh es an“, bat er heiser.
Die leise hervorgebrachte Bitte brachte mich zum Erbeben, denn Carlisle machte nicht die geringsten Anstalten zu gehen, oder sich auch nur umzudrehen. Wenn ich den Bademantel fallen ließ, dann würde er mir dabei zusehen. Seine Augen klebten auf mir und an der Stelle, wo meine Hände nachlässig mit dem Knoten des Bademantels herumspielten. Was sollte ich jetzt tun, überlegte ich mit leichter Panik. Ich trug nur knappe Unterwäsche, nichts außergewöhnliches, denn ich war nicht der Typ für Reizwäsche oder Strapse, aber es war dennoch zu wenig Stoff, um völlig unbefangen vor ihm herum zu hüpfen. Meine weiblichsten Körperteile wurden zwar bedeckt, aber ich fühlte mich trotzdem halbnackt, wenn ich an das hellblaue Ensemble unter meinem Bademantel dachte.
Sollte ich tatsächlich meinen ganzen Mut zusammenkratzen und mich seinen Blicken preisgeben? Würde ich dann nicht vor lauter Verlegenheit im Erdboden versinken? Je länger ich darüber nachdachte, umso stärker wurde meine Überzeugung, dass ich mich unglaublich prüde verhielt. Immerhin war ich seine Frau und es war doch nun wirklich nichts dabei, wenn er mich nur mit Dessous bekleidet, zu sehen bekam. Wir waren schon lange keine Fremden mehr füreinander und im Sommer trug ich ja auch Bikinis. Mich hatten schon ganz andere halbnackt gesehen, und doch…hier in diesem Haus, in der Abgeschiedenheit und Intimität meines Schlafzimmers, war es etwas völlig anders. Ich hatte Angst davor, den schützenden Stoff abzulegen, bis ich erneut in seine Augen schaute, die einen herausfordernden Ausdruck zeigten. Sie feuerten mich förmlich an: Trau dich, sei kein Feigling! Riskier mal war! Vielleicht war es auch nur meine innere Stimme, die mir das zuflüsterte und ich beschloss einfach alle Bedenken über Bord zu werfen. Es war doch nichts dabei…
Mit einem tiefen Ausatmen nahm ich all meinen Mut zusammen und zog den Gürtel auseinander. Die zwei Hälften klafften auf und entblößten einen Großteil meines Körpers. Es war nur eine leichte Bewegung meiner Schultern notwendig und die Seide glitt, an meinem Körper entlang, auf den Boden. Lautlos fiel das Kleidungsstück in sich zusammen und blieb unbeachtet liegen. Danach traute ich mich kaum ihn anzusehen, bis ich ein scharfes, fast schon zischendes Einatmen hören konnte. Meine Augen flogen nach oben und schauten direkt in sein Gesicht. Oh Gott….Beinahe wären mir die Knie weggeknickt, als ich den Ausdruck darauf sah. Hemmungslos glitt sein hungriger Blick über jede Stelle meines Körpers. Von den Beinen angefangen, bis hin zu meiner Taille und ein Stückchen höher zu meinen Brüsten. Die waren sicher verpackt und verhüllt unter einem hellblauen Büstenhalter und doch kam es mir vor, als würde sich das lächerliche Stück Stoff unter seinen heißen Blicken in Luft auflösen. Nach meinem Empfinden stieg die Temperatur im Raum gerade um mehrere Grade an, doch auch ihn ließ mein Anblick nicht kalt. Seine langen Finger ballten sich zu Fäusten und die Knochen traten weiß hervor.
„Gott, bist du schön….“, brach es aus ihm heraus und ich konnte die Intensität in seinem Blick und in seiner Stimme kaum noch ertragen. Ich schwankte fast unter dem Glücksgefühl, das sein Ausruf in mir verursachte und wäre am liebsten direkt in seine Arme gelaufen. Seine Augen….wie sie mich ansahen. Das war zu viel, es machte mir schlichtweg Angst, was er damit in mir wachrief. In diesen Sekunden verband uns etwas so unglaublich Ursprüngliches und zum ersten Mal in meinem Leben begehrte ich einen Mann körperlich. Bei Royce war es nur ein unbestimmtes Sehnen gewesen, das sich nicht sonderlich auf mich ausgewirkt hatte, doch bei Carlisle….Diese Lust auf ihn und diese Sehnsucht nach seinen Berührungen war für mich kaum zu kontrollieren. In mir wuchs die Angst mich selbst dabei zu verlieren, sollte ich mich auf das einlassen, was sein Blick mir gerade versprach. Er war nicht frei und somit war es einfach falsch so stark für ihn zu empfinden, sich mehr zu wünschen….
„Esme…“
Er stand jetzt direkt vor mir, ich konnte es genau spüren. Der Duft seines Aftershaves stieg mir in die Nase und vermischte sich mit seinem ganz eigenen Körpergeruch. Zusammen war das eine unglaublich betörende Kombination. Die Lider hielt ich dennoch fest geschlossen. Mein Atem kam jetzt mit immer heftigeren Zügen, vor lauter erwartungsvoller Aufregung, und wegen der aufkeimenden Lust, endlich von ihm berührt zu werden. Nackte Haut auf nackter Haut, das war es was ich wollte, doch ich traute mich nicht, zu meinen Wünschen zu stehen. Nicht, wenn er nicht dieselben hatte. Und genau das war mein Problem. Ich hatte keine Ahnung was ich in seinen Augen darstellte, was ich ihm bedeutete, oder ob er überhaupt etwas für mich empfand. Nach all den Wochen, die wir schon zusammen in einem Haus lebten, kannte ich ihn jetzt ein wenig, doch der wahre Carlisle war mir bis jetzt verborgen geblieben. Es war mir unmöglich offen zu ihm zu sein, weil ich feige war. Stattdessen hielt ich die Lider festgeschlossen, damit er nicht in meinen Augen lesen konnte, was für Wünsche er in mir weckte.
„Mach die Augen auf!“, bat er mich ruhig.
Ich zögerte, schließlich traute ich mich doch, nur um dann im Strudel seiner grünen Iriden zu versinken. Es verstrichen einige Sekunden, in denen wir uns einfach ansahen, ehe er sich leicht über das Bett beugte, nach dem Kleid griff und es mir schließlich in die Hände drückte.
„Hier, du solltest das überziehen.“
Wieder einmal hatte er es geschafft mich total aus der Fassung zu bringen, während er cool geblieben war. Hatte ich mir die Szene eben etwa eingebildet? Carlisle fand mich schön, war das nur so dahin gesagt oder steckte eine tiefere Bedeutung hinter seinen Worten? Wahrscheinlich nicht. Schöne Frauen gab es haufenweise in seinem Bekanntenkreis und Komplimente saßen ihm locker auf der Zunge. Bestimmt räumte ich seinen Worten einen viel zu hohen Rang ein.
Meine Finger krampften sich um das Kleid, bis ich endlich in der Lage war, es mir über den Kopf zu ziehen. Im nächsten Augenblick griff ich mit beiden Händen nach hinten, um den Reißverschluss hochzuziehen, doch auf halber Strecke klemmte das dumme Ding. Ich fluchte leise und zerrte daran, bis seine sanfte Stimme mich aufhielt.
„Lass mich dir helfen!“, hauchte er mir ins Ohr und drehte mich sanft um. Seine Finger an meinen Oberarmen, brannten wie Feuer und ein feines Prickeln zog sich über meine Haut. Atmen war unmöglich, also hielt ich ganz einfach die Luft an, die ich fast stöhnend wieder aus meinen Lungen entließ, als ich seine Fingerspitzen an meinem Rücken spüren konnte. Sie suchten nach dem Verschluss und er zog ihn äußerst langsam über meinen Rücken nach oben. Endlich war er oben angelangt, nahm seine betörenden Finger von mir und ich war nach und nach wieder in der Lage, normal zu atmen. Langsam drehte ich mich um und flüsterte ihm ein leises „Danke.“ zu. Seine Antwort bestand nur aus einem sinnlichen Lächeln, das in mir die unvorstellbarsten Wünsche weckte.
Es war still und ich wusste nicht, was ich jetzt tun sollte. Es war seit Wochen der erste friedliche Moment, den wir gemeinsam teilten und ich wollte ihn nicht durch eine unbedachte Äußerung zerstören. Carlisle war derjenige, der seine Stimme als erster wieder fand. Ungewohnt freundlich streifte sein Blick über mein Kleid und als er ihn wieder hob, lag darin unverhohlene Bewunderung. Mir wurde glühend heiß und eiskalt zugleich.
„Du siehst bezaubernd aus, Esme. Komm, lass uns gehen!“
Ein zartes Nicken war alles was ich zustande brachte und so legte ich meine Hand auf seinen ausgestreckten Arm, um mich von ihm aus meinem Zimmer geleiten zu lassen……..
Der Abend bei Magnus und Elisabeth neigte sich bereits seinem Ende zu. Das perfekt zubereitete Dinner lag mir allerdings ungewöhnlich schwer im Magen, denn ich hatte es im Grunde nur heruntergeschluckt, ohne groß zu kauen. Carlisles Blicke hatten während des gesamten Essens mit brütender Intensität auf mir gelegen und mich in unendliche Verlegenheit gebracht. An normale Nahrungsaufnahme war gar nicht zu denken und so stopfte ich mir die Köstlichkeiten einfach rein, ohne irgendwas zu schmecken. Gott, war ich erleichtert, als es endlich vorbei war und wir in den Salon wechselten. Mein Mann saß jetzt neben seiner Mutter am Klavier und spielte eine wunderschöne Melodie. Elisabeth betrachtete ihren Sohn versonnen und lächelte selig, als die stimmungsvollen Klänge durch den Raum hallten. Ich selbst stand ein gutes Stück weiter weg am Kamin, genoss die Wärme die das Feuer ausstrahlte und konnte kaum die Augen von ihm nehmen. Er wirkte versonnen und ausgeglichen, während seine schlanken Finger wie schwerelos über den Flügel glitten. Es war mir neu, dass er überhaupt spielen konnte. Diese Erkenntnis machte mich traurig, weil es ein weiterer Beweis dafür war, wie wenig wir uns doch kannten.
„Was ist mit dir los, Esme.“
Ich erschrak über die leise hervorgebrachte Frage. Magnus war an mich herangetreten und ich blickte ertappt auf.
„Nichts, was soll schon sein?“, meinte ich mit einem nervösen Lachen.
Magnus runzelte die Stirn und seine Augen schweiften zu seinem Sohn, der von unserer kleinen Unterhaltung gerade nichts mitbekam. Für einen kurzen Moment ließ ich mich ablenken und von der kraftvollen Melodie seines Klavierspiels gefangen nehmen, ehe ich meinem Schwiegervater wieder die gewünschte Aufmerksamkeit schenkte. Seine klugen grauen Augen stachen aus dem wettergegerbten Gesicht heraus und bohrten sich wissend in meine.
„Verkauf mich nicht für dumm, mein liebes Kind!“, tadelte er mich und ich riss überrascht die Augen auf. Sein Tonfall war zwar milde, aber es lag eine unausgesprochene Warnung darin. Angst hatte ich trotzdem keine vor ihm, obwohl ich grenzenlosen Respekt vor Magnus verspürte. Ihm direkt in die Augen zu sehen und ihn dabei zu anzulügen, war mir unmöglich. Er würde es ohnehin sofort durchschauen, weil ich wirklich eine miserable Lügnerin war. Außerdem tobte das schlechte Gewissen wegen meiner Vereinbarung mit Carlisle noch mit unverminderter Kraft in mir. Magnus war so ein herzensguter Mensch, er verdiente es wirklich nicht, so aufs Kreuz gelegt zu werden. Ich vermied daher bei den regelmäßig stattfindenden Zusammentreffen mit meinen Schwiegereltern, jedes Thema, das irgendwie mit Carlisle und mir zusammenhing. Sonst hätte er sofort gemerkt, dass etwas faul war. Doch jetzt kam ich nicht darum herum, mich mit ihm auseinanderzusetzen und seine Frage zu beantworten. Seufzend senkte ich den Kopf und starrte auf meine Schuhspitzen.
„Ist es so offensichtlich, dass nicht alles so ist, wie es sein sollte?“
Geschickt wich ich in dieser Weise der Wahrheit aus, doch er ließ sich nicht beirren. Sein Lachen klang rau und wie das eines alten Seebären. Dieses irische Schlitzohr war nach außen hin ruppig und unhöflich, doch er besaß eine goldene Seele. Erneut wurde mir durch seine Besorgnis vor Augen geführt, wie gut ich es doch mit dieser Familie getroffen hatte. Sie liebten mich jetzt schon bedingungslos, einzig und allein Carlisle brachte mir nicht die gleichen Gefühle entgegen. Nach einem Moment des Schweigens sprach Magnus weiter.
„Liebes, denkst du wirklich, ich hätte es in meinem Leben so weit gebracht, wenn ich die Menschen nicht durchschauen könnte?“
Das war allerdings wohl war. Er besaß eine untrügliche Menschenkenntnis und konnte in den Gesichtern der Menschen lesen, wie in einem Buch.
„Und was sehen deine Augen?"
Mir erschien eine Gegenfrage als sicherste Methode, nicht zu viel zu verraten.
Magnus Kopf drehte sich hin zu seiner Frau, die neben ihrem Sohn saß und die totale Ausgeglichenheit ausstrahlte. Sie begleitete Carlisles Klavierspiel jetzt mit ihrer wunderschönen Sopranstimme und Magnus begann zu lächeln, während die Liebe für sie in seinen Augen erstrahlte. Einen Moment hörte er ihr zu, ehe er sich wieder unserem Gespräch widmete. Die beiden konnten uns nicht hören, also sprach er offen mit mir.
„Ich weiß, dass ihr beide keine richtige Ehe führt. Reicht dir das als Aufhänger für eine Unterhaltung?“
Geschockt starrte ich ihn an und war einfach nur fassungslos. Eigentlich war ich in dem Glauben gewesen, dass er einen einfach nur einen heftigen Streit zwischen Carlisle und mir vermutete. Niemals hätte ich erwartet, dass er den Nagel auf den Kopf treffen würde und die Wahrheit erkannte, die wir trotz allem so verzweifelt vor ihm verbergen wollten. Doch er hatte die verworrene Situation mit nur einem Satz in Worte verpackt und alles durchschaut. Wie war das nur möglich?
„Du fragst sich gerade, woher ich da weiß? Nicht wahr?“
Ich nickte nur und gab ihm damit auch noch die Bestätigung. Mist, wie blöde konnte man eigentlich noch sein?
„Schau nicht so verschreckt! Ich wusste schon vor eurer Heirat darüber Bescheid“, erklärte er ruhig. Das half mir aber auch nicht wirklich weiter.
„Aber…woher?“
Meine Verwirrung und mein Befremden waren aus jeder Silbe herauszuhören. Magnus warf noch einen letzten Blick auf Frau und Sohn und streckte dann die Hand nach mir aus.
„Komm, lass uns einen Spaziergang machen! Die beiden werden uns erstmal nicht vermissen.“
Er hatte recht, also folgte ich ihm hinaus in den wundervoll angelegten Garten seiner Frau. Es war ein lauer Sommerabend, die Grillen zirpten und hin und wieder hörte man das Quaken eines Frosches, weil wir uns in der Nähe von Elisabeths Teich befanden. Die Luft war durchtränkt mit den reichhaltigen Buketts ihrer mannigfaltigen Blumenmeere, deren aneinandergereihte Blütenköpfe, wie ein riesiger und bunter Schwarm von Schmetterlingen aussahen. Schwer und satt lagen die Aromen in der Luft und ließen einen kaum atmen. Langsam schritt ich an Magnus Seite durch diesen paradiesischen Ort, der nur von einigen brennenden Gartenfackeln erhellt wurde. Wäre Magnus Offenbarung nicht gewesen, hätte ich diesen geruhsamen Moment sehr genossen, doch stattdessen, wartete ich angespannt auf seine Erklärung.
Plötzlich blieb mein Schwiegervater stehen. Im Halbdunkel konnte ich seinen Gesichtsausdruck nur verschwommen erkennen, aber es war auch nicht wirklich notwendig. Ich wollte die Enttäuschung wegen dem ganzen Lügengebilde, das Carlisle und ich errichtet hatten, nicht auf seinem Gesicht lesen können. Doch wieder einmal überraschte er mich. Anstatt mir Vorwürfe wegen der vorsätzlichen Täuschung zu machen, sagte er seelenruhig.
„Ich weiß von Carmen.“.
Nach den vorherigen Geständnissen schockte mich diese Behauptung nicht mehr wirklich. Fast hatte ich so etwas ähnliches erwartet und dennoch hatte ich auch an dieser Aussage ziemlich zu knabbern.
„Aha…“, erwiderte ich demzufolge ziemlich lahm. Gott, was hätte ich denn auch sonst sagen sollen? Etwa: Oh toll, du weißt also, dass dein Sohn eigentlich mit einer anderen zusammen sein will und mich nur wegen deiner Firma geheiratet hat.
„Das ist….nicht gut“, brachte ich dann heraus und spielte mit meinen Fingern. Ich wusste einfach nicht wohin mit ihnen und mein nicht sehr intelligent hervorgebrachter Satz, ließ mich an meinem eigentlichen Verstand zweifeln. Am liebsten wäre ich aus der Situation geflüchtet, doch die respekteinflößende Haltung meines Schwiegervaters hinderte mich daran.
„Sorg dich nicht, ich werde weder dir noch Carlisle den Kopf abreißen!“, forderte er mich mit einem Lachen auf. Ich verstand ihn einfach nicht!
„Bist du denn gar nicht böse?“
Jetzt dröhnte sein Gelächter noch lauter durch den dunklen Garten und ich zuckte kurz zusammen, weil dieser Lärmpegel so gar nicht an diesen stillen Ort passte.
„Ach Kindchen, glaub mir! Ich bin durchaus nicht begeistert, doch nicht wegen eurem ziemlich albernen Plan, sondern weil ihr zwei zu verbohrt seid, um euch eure Liebe zu gestehen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du täuscht dich, er liebt mich nicht“, versuchte ich ihm klarzumachen. Das auszusprechen tat mir unglaublich weh und ich merkte ausgerechnet jetzt, wie sehr ich mir wünschte, es wäre anders. „Er liebt Carmen, Magnus. Nicht mich…“
Die letzten zwei Worte waren von mir nur ganz leise geflüstert, ein Wispern in der Dunkelheit, das nicht ungehört verhallte.
„Blödsinn! Er hat Carmen nie geliebt.“
Das klang ziemlich überzeugend, dass ich ihm fast geglaubt hätte. Aber nur fast…
„Wie kannst du so was sagen?“, widersprach ich vehement. „Natürlich liebt er sie.“
„Und ich sage dir, es ist nicht so. Und willst du wissen warum?“
Ich nickte.
„Ganz einfach, mein Sohn hat sich von ihr getrennt. Seit eurer Hochzeit hat er sie nicht wiedergesehen.“
Völlig von den Socken lauschte ich ihm und konnte kaum glauben, was meine Ohren da zu hören bekamen.
„Das glaub ich einfach nicht.“
„Du kannst mir ruhig Glauben schenken, Kind. Carlisle hat sich endlich von dieser Goldgräberin getrennt. Die beiden sind kein Paar mehr.“
Was hatte das zu bedeuten und vor allem, warum verschwieg Carlisle mir das? War ich ihm so egal, dass er es nicht für nötig hielt, mir etwas derart wichtiges mitzuteilen? Ich war jetzt völlig durcheinander und erst Magnus Hand auf meinem Arm, holte mich in die Hier und Jetzt zurück.
„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich besorgt.
Ich schüttelte den Kopf. Nichts war in Ordnung, rein gar nichts. Was bedeutete das schon? Für mich machte es bis dato ja keinen Unterschied, selbst wenn die Behauptung der Wahrheit entsprach. Er hatte eben ihr ständiges Misstrauen satt gehabt und sie in die Wüste geschickt. Das war nichts Ungewöhnliches bei Männern, wenn sie sich eingeengt fühlten. Heute die, morgen eine andere. Trotz der Trennung, war er mir kein bisschen entgegen gekommen.
„Das scheint dich nicht gerade zu erfreuen“, äußerte Magnus trocken und ich fühlte mich dazu verpflichtet, ihm meine zurückhaltende Reaktion erklären.
„Magnus, das ändert doch nichts. Seine Trennung von Carmen, warum auch immer sie stattgefunden hat, ändert nichts an der Tatsache, dass Carlisle und ich eine rein geschäftliche Verbindung haben. Die Hochzeit ist Wochen her, wenn er wirklich was für mich empfinden würde, hätte er schon tausendfach Gelegenheit gehabt, es mir irgendwie zu zeigen. Stattdessen ist er frech und unverschämt. Wenn er mich liebt, dann fresse ich vor deinen Augen einen Besen. Es ist nur ein Geschäft für ihn, nicht mehr und nicht weniger.“
Ich nahm jetzt kein Blatt mehr vor den Mund. Wozu auch? Er wusste ohnehin Bescheid. Während ich felsenfest davon überzeugt war, dass meine Worte der Wahrheit entsprachen, schnaubte er nur abfällig.
„Geschäftlich…“, seine Stimme tropfte förmlich vor Sarkasmus, „dass ich nicht lache! Meine liebste Schwiegertochter, ich bin vielleicht nicht mehr der Allerjüngste, aber deswegen noch lange nicht senil .Glaub mir, was immer euch zwei aneinander bindet, es hat nichts mit euren Unterschriften auf der Hochzeitsurkunde zu tun und es ist auch erst recht keine geschäftliche Vereinbarung. Ihr liebt euch, das ist doch vollkommen klar zu erkennen.“
Er irrte sich! Ganz bestimmt. Bei mir mochte er ja recht haben, aber Carlisle…. Es würde nichts bringen, Magnus vom Gegenteil überzeugen zu wollen, weil er genauso stur war, wie sein Sohn. Stattdessen interessierte mich mehr, woher er überhaupt von diesem Deal wusste.
„Wie kommt es, dass du Bescheid weißt? Wer hat dir das gesteckt?“
Er grinste still in sich hinein und holte eine Zigarre aus seiner inneren Brusttasche, entzündete sie dann paffend zwischen seinen Lippen und zog kräftig daran, ehe er mir antwortete.
„Das bleibt mein kleines Geheimnis, und wird nicht verraten. Weißt du, ein Mann wie ich hat eben seine Quellen. Ich weiß es eben, belassen wir es doch einfach dabei“, bat er ungerührt und paffte mit fast schon fröhlicher Miene weiter. Er wirkte merkwürdig zufrieden, als er mich durch den emporsteigenden Rauch hinweg ansah. Ich dagegen war extrem verunsichert. Was erwartete Magnus jetzt von mir? Dann fiel mir siedend heiß ein, dass wohl eine Entschuldigung durchaus angebracht war.
„Oh Magnus, du musst mich für einen grauenvollen Menschen und für eine schreckliche Lügnerin halten. Es tut mir alles so unendlich leid, ich wollte wirklich nicht unehrlich sein, es ist irgendwie passiert“, murmelte ich verzagt und sah auf den Boden. Seine Finger hoben mein Kinn an und er tätschelte mir väterlich die Wange.
„Ich weiß, dass du ein herzensguter Mensch bist. Mach dir deswegen mal keinen Kopf. Und noch etwas, bevor du vielleicht auf falsche Gedanken kommst. Ein Mann kann sich keine bessere Schwiegertochter wünschen als dich und ich will nicht, dass du dich schlecht fühlst. Im Grunde hat das alles doch auch sein Gutes. Mit diesem dämlichen Plan hat Carlisle, ohne es zu wissen, für sein eigenes Glück gesorgt. Ihr seid füreinander bestimmt, Kindchen.“
„Das sieht er aber sicher anders“, flüsterte ich bitter und erinnerte mich an unsere Streitereien in den letzten Wochen.
„Was sich liebt, das neckt sich“, kam es zu meinem Entsetzten von meinem Schwiegervater. Konnte er Gedanken lesen?
„Wie kommst du darauf, dass er mehr für mich empfindet?“
„Ich kenne meinen Sohn, Esme.“
„Das heißt…?“
Er lächelte gütig.
„Das heißt nichts anderes, als dass ich Augen im Kopf habe. Allein eure Blicke heute Abend hätten ausgereicht, um einen ganzen Wald in Flammen zu setzen. Ich rate euch dringend, miteinander zu reden.“
„Sag das mal deinem Sohn!“, meinte ich ein bisschen schnippisch. Magnus hatte leicht reden. Nur weil er die irrsinnige Vermutung hegte, Carlisle würde etwas für mich empfinden, konnte ich doch nicht einfach hingehen und meine ganzen Gefühle vor ihm ausbreiten.
„Du bist genauso stur, wie mein Junge“, seufzte er kopfschüttelnd. „Esme, du bist doch die Vernünftigere von euch beiden. Spring über deinen Schatten und sag ihm, dass du ihn liebst."
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor.
„Nein!“, entfuhr es mir trotzig.
„Esme…“, das klang schon fast verzweifelt, „…. ich will eines Tages gerne ein paar Enkelkinder, hörst du… und ich wünsche mir wirklich, dass du sie zur Welt bringst. Ich halte dich für einen wundervollen und wertvollen Menschen und mein Sohn hat das schon längst erkannt. Er ist nur zu blöd, um es sich einzugestehen, weil er Angst hat. Ich habe noch nie erlebt, dass er eine Frau so angesehen hat wie dich. In seinen Augen liegt so viel Sehnsucht, es ist als ob ich mein früheres Ich beobachten würde, nachdem ich Elisabeth das erste Mal begegnet bin. Gib ihm eine Chance! Carlisle ist manchmal ein furchtbar sturer Hund und hat nie gelernt seinen Stolz zu überwinden. Er braucht dabei Hilfe, sonst wird das nichts. Schon als kleiner Junge war er so und er hat mich und Elisabeth damit fast zur Weißglut getrieben.“
Bei der Vorstellung drängte sich mir sofort ein Lächeln auf. Ich konnte mir den kleinen blonden Lausbuben bestens vorstellen, wie er sich weigerte das zu tun, was von ihm erwartet wurde. Ein zärtliches Gefühl für diesen frechen Knirps, der er mal gewesen war, überkam mich und ich dachte nach. Was, wenn Magnus wirklich recht hatte, und er auf ein Zeichen von mir wartete? Aber ich hatte schreckliche Angst davor, erneut verletzt zu werden. Trotzdem verspürte ich auf einmal so was wie Zuversicht. Magnus war ein kluger Mann und vor allem, er kannte seinen Sohn. Angst und der Wille es zu versuchen, hielten sich die Waage, ohne dass sich ein Sieger abzeichnete. Ich beschloss zumindest meinem Schwiegervater die Wahrheit zu sagen.
„Du hast völlig recht, ich habe Gefühle für ihn. So tief sogar, dass ich sicher bin, sie könnten für ein ganzes Leben reichen“, gab ich zu.
Von Liebe mochte ich noch gar nicht sprechen. Das war so ein großartiges Wort und ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt wusste, was es wirklich bedeutete. Liebe war in meinen Augen eine Beziehung, wie sie meine Eltern führten. Auch Magnus und Elisabeth verband diese Vertrautheit und begleitete sie schon seit vielen, vielen Jahren. Diese Art von Zusammenleben musste über Jahre hinweg wachsen, sie war in der Lage auch die schlimmsten Schicksalsschläge und Probleme zu überstehen. So sah ich mich und Carlisle nicht, denn von so einer Beziehung waren wir weiter entfernt, als der Mond von der Erde. Was ich aber ohne zu zögern zugeben konnte, war meine Leidenschaft und Sehnsucht für ihn, die täglich größer wurde und heute Abend ihren Höhepunkt erreicht hatte. Ihn so freundlich und entspannt zu erleben riss meine schützenden Mauern effektiver ein, als es jeder bislang ausgetragene Disput jemals gekonnt hätte. Ein großer Teil von mir wollte einfach immer mit ihm zusammen sein und selbst die ewigen Streitereien waren besser, als gar kein Kontakt zu ihm. Ich wusste genau, was ich für ihn fühlte. Vielleicht war es noch nicht diese tiefe Liebe die unsere Eltern verband, aber ich war verliebt. In meinen Augen war das durchaus noch ein Unterschied. Und doch fing alles an zu kribbeln, sobald ich in seiner Nähe war. Dieser Mann war der Puls, der mein Herz zum Schlagen brachte.
„Du sprichst ja gar nicht weiter“, ermahnte mich Magnus.
Seufzend sah ich zu ihm hoch und suchte nach den passenden Worten.
„Magnus, mir fehlt einfach der Mut, um mich ihm ohne Rückendeckung zu offenbaren. Wenn du dich täuschst, bin ich die Dumme. Ich weiß, man sollte für seine Liebe kämpfen und sich nicht unterkriegen lassen, aber es ist so furchtbar schwer. Ich habe Angst, dass ich am Ende nur wieder enttäuscht werde.“
Traurig sah ich ihn an.
„Magnus, kannst du mit hundertprozentiger Sicherheit versprechen, dass er mich wirklich ehrlich liebt?“
Das erste Mal wirkte er ein wenig unsicher.
„Nein“, gab er schließlich zu und schüttelte den Kopf, „nein, so etwas kann, glaube ich, kein Mensch versprechen.“
„Siehst du!“ Es lang kein Triumph in meiner Stimme, sondern der pure Pessimismus.
Magnus wollte gerade noch etwas einwerfen, als Carlisles Stimme ihn unterbrach.
„Hier seid ihr! Ich wollte schon einen Suchtrupp losschicken.“
Ohne sich etwas anmerken zu lassen, drehte sich Magnus zu seinem Sohn um und ich konnte sehen, wie er ihn gelassen anlächelte.
„Wir wollten uns ein wenig die Beine vertreten. Aber ich bin schon ein älteres Semester und geselle mich jetzt schleunigst zu meiner Frau. Du kannst ja noch ein wenig mit Esme den lauen Sommerabend genießen.“ Jetzt sah mein Schwiegervater zu mir, zwinkerte frech und füge hinzu. „Er ist perfekt für ein verliebtes Paar.“
Magnus war wirklich ein alter Schwerenöter und ich konnte gut nachvollziehen, was Elisabeth dazu bewogen hatte, mit allen Konventionen zu brechen und sich in einen damals noch armen, irischen Hafenarbeiter zu verlieben. Für eine reiche Erbin wie sie, musste das nicht leicht gewesen sein, weil diese Entscheidung mit Sicherheit einen Mordsskandal ausgelöst hatte. Doch ihr Mut und der Glaube an ihre Liebe, hatten ihr die Kraft gegeben, das alles durchzustehen. Plötzlich schämte ich mich, dass ich so ängstlich war. Was hatte ich schon zu verlieren? Schlimmstenfalls würde ich meine Würde verlieren, aber die würde sich irgendwann von einem Rückschlag erholen. Den Mann meines Herzens für meinen Stolz zu opfern, kam mir auf einmal kleinmütig und unglaublich feige vor. Ich tauschte noch einen wissenden Blick mit Magnus, danach ließ er uns allein. Etwas befangen standen wir uns gegenüber und ich war mir sicher, er suchte genauso krampfhaft nach einem unverfänglichen Gesprächsthema wie ich. Carlisle war wieder derjenige, der seine Stimme zuerst fand.
„Möchtest du noch ein Stück gehen?“
Überrascht und erfreut zugleich, dass er nicht gleich wieder die Gesellschaft der anderen suchte, stimmte ich ihm zu.
„Gerne.“
Wie eben mit Magnus, spazierte ich jetzt mit Carlisle durch den Garten und fühlte eine süße Unbeschwertheit in mir anwachsen. Ich konnte es einfach nicht verhindern, das geschah wohl, wenn man Zeit mit der Person verbringen konnte, die man gern hatte. Und ich hatte ihn gern, sehr sogar….
„Meine Eltern sind total begeistert von dir“, fing er plötzlich an.
Ich drehte den Kopf uns sah ihn mit einem leichten Grinsen auf den Lippen an.
„Findest du?“
Er lachte.
„Jetzt komm schon, das weißt du doch ganz genau.“
„Warum erwähnst du es dann“, kam es prompt von mir und er blieb blitzartig stehen. Ein wenig verdutzt hielt ich ebenfalls mitten im Schritt inne und wandte mich ihm zu. Wir befanden uns mittlerweile in einem abgelegeneren Teil des Gartens und das Haus war nur noch schwach an den Lichtern zu erkennen, die warm das Innere des Hauses erhellten. Auch sein Gesicht war nur noch schwer zu erkennen, trotzdem konnte ich das leichte Lächeln darauf erahnen, das sich langsam darauf ausbreitete.
„Streiten wir gerade schon wieder?“
Es klang humorvoll und nicht im Geringsten aggressiv. Um uns herum hörte ich es rascheln, ein warmer Wind streifte meine Haut und die Stimmung zwischen uns veränderte sich. Die Befangenheit nahm ab und machte einem sehnsüchtigen Prickeln Platz. Ich trat einen Schritt näher an ihn heran, suchte seine Nähe und Wärme. Ich wollte mutig sein und war endlich bereit, etwas zu riskieren.
„Möchtest du denn streiten?“, flüsterte ich.
Er kam ebenfalls ein wenig näher heran und sein Brustkorb streifte meinen. Carlisle nahm mir fast die Luft zum Atmen, so aufgeregt war ich jetzt. Dieser Augenblick konnte ein Wendepunkt werden, wenn ich es nicht durch eine unachtsame und schnippische Bemerkung versaute. Magnus hatte gesagt, sein Sohn wäre zu stolz und konnte schlecht über seinen Schatten springen. Ich wiederum war zu ängstlich gewesen, um ihm entgegen zu kommen. Bis jetzt….
Seine Hand hob sich an meine Wange und er streichelte sanft darüber.
„Ich will nicht mehr streiten, Esme“, sagte er fest und mein leises und erleichtertes Seufzen verhallte in der Dunkelheit. Er tat es doch. Carlisle sprang gerade über seinen Schatten, so hoch wie er eben konnte. Und ich war bereit ihn aufzufangen und meine Zweifel zu verdrängen.
Als hätte er erraten, wie sehr ich mich nach einer Berührung von ihm sehnte, glitt seine Hand an meinen Nacken. Er hielt ihn fest und zog mich daran sachte noch dichter an seinen Körper heran.
„Ich will auch nicht mehr streiten, Carlisle.“
Ich sprach so leise, dass es mich wunderte, dass er überhaupt ein Wort verstand, doch durch die Nähe konnte ich das Heben seiner Mundwinkel gut erkennen, das meine Worte auslösten.
„Weißt du, was ich stattdessen viel lieber tun würde?“, hauchte er verführerisch.
Oh Gott, er würde noch mein Tod sein. Mein Herz setzte beinahe aus, als ich den sinnlichen Tonfall wahrnahm, in dem er sprach und fing dann an, mit gefühlter doppelter Geschwindigkeit, erneut zu schlagen. Außerstande ihm zu antworten, schloss ich die Augen und schüttelte den Kopf.
„Soll ich es dir zeigen?“
Mein Mund wurde unglaublich trocken und ich brachte gerade noch so ein Nicken zustande. Ich starb fast vor Neugier, vor Aufregung und vor himmlischer Erwartung.
„Lass die Augen geschlossen…ich möchte, dass du einfach nur fühlst, lass dich fallen…“
Seine heisere Stimme brachte mich schier um den Verstand und ich kam gar nicht auf die Idee, etwas anderes zu tun als das, was er gerade von mir verlangte. Ich wollte mich ihm hingeben, trotz oder gerade wegen meiner Angst. Nur mit ihm zusammen konnte ich sie überwinden, und sollte ich doch enttäuscht werden und der Schmerz darüber erbarmungslos zuschlagen, dann wusste ich wenigstens, dass ich ein lebendiges und fühlendes Lebewesen war. Auch Schmerz konnte heilsam sein, er war besser, als komplett abzustumpfen. Zumindest versuchte ich mir das gerade eben einzureden, weil ich sonst doch abgehauen wäre.
Im nächsten Moment fühlte ich seine Hände, die sich vorsichtig an meine Oberarme schmiegten. Die Berührung legte mich völlig lahm, ich fing an zu zittern und meine Lippen bebten, als hätte mich ein Kälteschauer erfasst.
„Hab keine Angst…“
Er klang so unglaublich sanft, so fürsorglich. Was immer ihn auch antrieb, ich betete, dass es niemals vorbeigehen würde.
„Ich fürchte mich nicht…jetzt nicht mehr.“
Das letzte Wort wurde von seinen Lippen verschluckt, die sich hauchzart auf meine legten. Der Berührung fehlte es an Leidenschaft, es war mehr ein behutsames Herantasten zwischen zwei Menschen, die sich voneinander angezogen fühlten, aber noch kein wirkliches Vertrauen zueinander hatten. Federleicht strich er über meine Unterlippe. Einmal…zweimal…dreimal….nur, um sie zwischen seinen Lippen gefangen zu nehmen. Vorsichtig saugte er sie ein, strich sinnlich mit der Zunge über das seidige Polster und entlockte mir ein leises Stöhnen. Das Gefühl war so unbeschreiblich süß und erregend, ich konnte es mir einfach nicht verkneifen. Meine Hände wanderten wie von allein über seine Arme, hoch zu seinen Schultern, um sich an ihm festzuhalten. Ich stellte mich etwas auf die Zehenspitzen, um ihm ein wenig entgegen zu kommen und schon spürte ich, wie er meine Taille mit beiden Armen umschlang. Durch den unmittelbaren, engen Kontakt entfuhr mir einen erstickter Schrei. Carlisle entließ meine Unterlippe aus ihrem süßen Gefängnis und fuhr mir mit der Zunge in meinen Mund. Meine Finger krampften sich heftiger in seine Schulterpartie, als ich das erregend warme und nasse Gleiten in meinem Inneren fühlte. Noch nie war mir ein Kuss so unwirklich und gleichzeitig so real erschienen und ich gab mich diesem herrlichen Moment völlig hin.
Keuchend löste er sich von mir.
„Esme….ich muss dir was sagen.“
Worte. Sie konnten so schlimme Wunden schlagen und einen die Seele eines Menschen unrettbar verletzen. Mit Leichtigkeit wären sie auch jetzt in der Lage diesen magischen Moment zu zerstören. Natürlich hatten wir ziemlichen Gesprächsbedarf, aber nicht jetzt…ich wollte nicht aus diesem Traum aufwachen und merken, dass uns die Wirklichkeit wieder einholte. Alles was ich mir wünschte, war weiter von ihm geküsst zu werden. Ich wollte mich durch seine Berührung lebendig fühlen und nicht über Erwartungen oder ehemalige Geliebte sprechen.
„Nicht jetzt, Carlisle. Nicht heute Nacht….“
Er schluckte und verstand, was ich ihm damit sagen wollte. Heute Nacht waren alle Regeln außer Kraft gesetzt und morgen mussten wir vielleicht die Scherben wieder einsammeln. Aber verdammt, das war es mir wert. Er war mir das wert.
Carlisle sah mich für mehrere Sekunden eindringlich an, ehe er mich an der Hand nahm und einfach mit sich zog…
Wir waren schon längst wieder zuhause. Nachdem wir ohne Verabschiedung verschwunden waren, lagen wir jetzt schon seit einigen Minuten auf meinem Bett und küssten uns leidenschaftlich. Mein Kleid war längst völlig zerknittert, hinten halb offen und unten fast bis zu den Hüften nach oben geschoben. Carlisle lag zwischen meinen Beinen, hielt meinen Kopf fest zwischen seinen Händen und drängte seine Zunge in einem immer leidenschaftlicher werdenden Rhythmus zwischen meine Lippen. Sein Hemd klaffte inzwischen weit auseinander, nachdem ich es mit zitternden Händen aufgeknöpft hatte, um endlich seine weiche Haut streicheln zu können. Meine Finger strichen unablässig über seine Brust und verfingen sich in der leichten Brustbehaarung. Carlisle knurrte leise in meinen Mund hinein und genoss meine Berührungen, während ich vor Glück fast verging.
Unser Zusammensein entsprang einer stillen beiderseitigen Übereinkunft und wir steuerten ungebremst auf eine leidenschaftliche Vereinigung zu. Immer wieder verschloss er mir den Mund mit einem wilden Kuss, seine Zunge tänzelte kreisend um meine herum und trieb mich langsam aber sicher in den Wahnsinn. Körperliche Lust war mir nicht völlig unbekannt, aber ich hatte nicht gewusst, dass sie einen so total vereinnahmen konnte. Ohne nachzudenken wand ich mich wie eine Schlange unter seinen Küssen und seinen streichelnden Händen. Wir verursachten diese so typischen Geräusche, wenn zwei Menschen sich so richtig nahe kamen. Schweres Atmen, das Rascheln von Stoff und sich öffnenden Reißverschlüssen, sanftes Stöhnen, immer wieder unterbrochen von heftigem Keuchen.
„Ich will dich so sehr….“
Seine Stimme. Himmel, ich erkannte sie kaum wieder, so rau und gequält klang sie vor lauter unerfüllter Lust. Ich konnte sie an meinem Schenkel spüren, an dem er sich ununterbrochen rieb. Scheu streifte ich ihm das Hemd von den Schultern und ich stellte mich dabei nicht unbedingt sonderlich geschickt an. Er lächelte an meinen Lippen und bewegte sie ein wenig, um es mir leichter zu machen. Staunend betrachtete ich ihn. Carlisles glatte seidige Haut verbarg nichts vom aufregenden Muskelspiel seines Körpers. Mit den Fingerkuppen strich ich erkundend und mit purer sinnlicher Freude darüber hinweg und biss mir auf die Lippen, um ein weiteres peinliches Stöhnen zu unterdrücken. Wir hatten noch gar nicht richtig angefangen und schon war ich total außer Kontrolle. Was würde erst mit mir passieren, wenn wir uns richtig liebten?
Er griff unter meinen Rücken und zog den bislang nur halb herabgezogenen Verschluss komplett nach unten. Ich machte automatisch ein Hohlkreuz, um ihm zu helfen und streckte ihm so meine Brust entgegen. Er nahm die nicht unbedingt beabsichtigte Einladung an und umschloss eine meiner Brustwarzen mit seinen Lippen. Der Stoff des Kleides lag noch darüber und wurde genauso feucht, wie ich zwischen meinen Beinen. Zart zwickte er mit den Zähnen daran und ich jammerte fast, als der Lustschmerz durch meinen Körper jagte. Direkt hinein in das Tal zwischen meinen geöffneten Schenkeln.
„Ich wusste, du würdest perfekt sein“, raunte er mir zu und machte sich am unteren Teil des Kleides zu schaffen. Er schob den Rock jetzt komplett nach oben und legte eine Hand auf meinen nackten Schenkel. Es fühlte sich unglaublich an. Schon kurz danach schob sie sich unaufhaltsam nach oben, direkt auf meine weiblichste Stelle.
„Du irrst dich…ich…bin nicht….perfekt“, keuchte ich mühsam, als ich seine Finger an der Senke zwischen Oberschenkel und meiner Scham fühlen konnte. Ein verkrampftes Zucken an meiner intimsten Stelle machte mich fast bewegungsunfähig, doch es fühlte sich trotz allem berauschend an.
„Doch!“, widersprach er sofort, „…du ..bist…perfekt.“
Er konnte kaum noch reden und einer seiner Finger schlüpfte unter meinen Slip, während sein Mund das Tal zwischen meinen Brüsten liebkoste. Ein leichter Schweißfilm lag schon auf meiner Haut und er nahm das Salz auf meiner Haut genüsslich mit seiner Zunge auf Es war wirklich vollkommen belanglos wie und wo er mich berührte, alles brachte mich zum Beben. Sein neugieriger Finger unter meinem Höschen strich jetzt prüfend über die feinen Härchen, glitt tastend tiefer und fand dann zielsicher die pochende Knospe zwischen den weichen Falten. Doch anstatt meine Lust damit abzuebben, verursachte das kreisende Streicheln so eine heftige Erregung in mir, dass sich ein tiefes und haltloses Stöhnen aus meiner Kehle stahl. Das war zu viel. Soviel Wonne konnte ich einfach nicht aushalten, ich hatte das Gefühl gleich zu zerspringen.
„Carlisle…warte…ich.“
Sofort entzog er mir seinen lustspendenden Finger und ich atmete auf, obwohl ich gleichzeitig nichts mehr wollte, als dass er weitermachte. Es war wirklich verrückt.
Er stützte sich indessen an den Unterarmen auf und sah mich eindringlich an.
„Willst du aufhören?“
Ich befeuchtete mir die Lippen und sah ihn unsicher an. Seine Augen folgten dieser Geste und wurden augenblicklich dunkler. Obwohl diese intensiven Gefühle fast zu viel für mich waren, erfüllte es mich mit unglaublichem Stolz, dass ich ihn offenbar so verrückt machen konnte. Das änderte aber nichts daran, dass ich es wieder mit der Angst zu tun bekam. Das hier war alles so plötzlich geschehen, ohne Vorwarnung. Ich war nicht wirklich vorbereitet auf das, was wir uns gegenseitig schenken konnten. Wollte ich aufhören? Oh Gott, ich hatte nicht den Hauch einer Chance, das zu tun. Ich wollte es nur ein wenig langsamer angehen und mir Zeit lassen, um diese Erregung kennenzulernen und zu genießen. Royce hatte nicht mal annähernd so was in mir ausgelöst wie Carlisle und deswegen fühlte ich mich unsicher.
„Esme?“
Fragend kam mein Name über die Lippen und ich starrte ihn weiterhin an, ohne etwas zu sagen. Er wirkte gerade ein bisschen überfordert, weil er keinen Schimmer hatte, was in mir vor sich ging. Sein nächster Satz überraschte mich, weil ich damit gar nicht gerechnet hatte.
„Ich habe mich von Carmen getrennt, wenn es das sein sollte, was dich zurückhält.“
Das kam fast schon trotzig über seine Lippen und ich musste lächeln. Er war so süß. Magnus hatte schon recht gehabt mit seiner Einschätzung. Carlisle war unglaublich stur und doch machte er hin und wieder alles richtig. So wie jetzt. Er hatte es zugegeben und damit einen neuen Abschnitt eingeleitet. Verdammt, warum hatte er sich nur soviel Zeit gelassen?
„Hast du denn gar nichts dazu zu sagen?“, fragte er irritiert. Er machte es sich ein wenig bequemer und drückte dabei seinen Unterleib fester gegen meine erhitzte Mitte. Es fiel mir schwer weiterzusprechen, aber wir mussten das jetzt klären. Wenn ich vorhin jedes klärende Gespräch abgelehnt hatte, so konnte ich es jetzt kaum erwarten, die Gründe für sein Verhalten zu erfahren. Wahrscheinlich dachte er, ich hätte sie nicht mehr alle beisammen, weil ich so sprunghaft war, doch das war mir jetzt egal.
„Was erwartest du denn?“
Ich flüsterte nur und hob wie im Traum die Hand an seine Wange. Die Geste besänftigte ihn sofort und er drehte leicht den Kopf, um die Innenfläche küssen zu können.
„Ich erwarte gar nichts von dir, nur dass du ehrlich bist.“
Seine grünen Augen schimmerten. In ihnen lag ein sanftes Glühen in dem mein eigenes Gesicht widergespiegelt wurde. Es wurde Zeit dieses Ratespiel zu beenden und ihn von seinen Leiden zu erlösen, doch ich brauchte noch die Antwort auf eine für mich immens wichtige Frage.
„Wieso hast du dich von ihr getrennt?“
Er zögerte nicht eine Sekunde.
„Weil ich mich unsterblich in meine Frau verliebt habe.“
Meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Erst nur sehr zögerlich, bis ich so sehr strahlte, dass er ein warmes Lachen ausstieß. Er stupste meine Nase mit seiner an und flüsterte.
„Das scheint dich zu freuen.“
Mit beiden Händen umschloss ich sein Gesicht und hob meinen Kopf an, um ihn zart auf den Mund zu küssen.
„Ich glaube, „freuen“ triffst es nicht mal annähernd“, gestand ich ihm.
Seine Augen verdunkelten sich, als er mir entgegen kam und mir einen fast schon keuschen Kuss auf die Wange gab.
„Ich bin verliebt in dich, Esme. Und das schon eine ganze Weile.“ Er sah mich zerknirscht an. „Ich wünschte, ich könnte all den Bullshit den ich erzählt habe, wieder rückgängig machen.“
„Gib dir nicht allein die Schuld, ich habe schließlich bei allem freiwillig mitgemacht und mindestens genauso viel dummes Zeug geredet wie du.“
Er schüttelte den Kopf. Eigentlich wollte ich ihm mit meinen Worten ein Lächeln entlocken, doch er sah mich weiterhin todernst an.
„Du hättest eine echte Liebesgeschichte verdient, mit allem drum und dran und keine vertraglich abgesicherte Heirat auf Zeit. Es tut mir so leid, dass ich dich um eine romantische Hochzeit gebracht habe, um die Schmetterlinge im Bauch und …..“, er atmete stockend aus, „…und um eine echte Hochzeitsnacht.“
Carlisle wirkte wirklich zerknirscht, weil unsere Ehe auf so ungewöhnlichem Weg zustande gekommen war. Doch sich jetzt gegenseitig Vorwürfe zu machen, wer von uns falsch gehandelt oder reagiert hatte, war völlig sinnlos. Es war nun mal passiert und es war auch nicht mehr zu ändern. Die Hauptsache war doch, dass wir es in Zukunft besser machten.
„Carlisle, wir hatten vielleicht nicht den besten Start, aber was sind schon ein paar Wochen, wenn wir noch unser ganzes Leben vor uns haben.“
Er seufzte tief und rieb mir zärtlich mit seiner Nase über meine Wange. Wir waren uns so nahe, dass ich nicht mehr hätte sagen können, wo sein Körper begann und meiner aufhörte. Ineinander verschlungen, unterhielten wir uns sehr leise und genossen die Wärme die uns verband. Noch nie hatte ich mich beschützter und sicherer gefühlt als hier in seinen Armen. Mit hoffnungsvoller Stimme fragte er
„Ein ganzes Leben? Heißt das, du gibst mir wirklich eine Chance?“
Er klang wie ein aufgeregter kleiner Junge.
„Wenn du sie willst.“
Er schloss die Augen.
„Ob ich sie will!“ Seine Lider schwangen wieder auf und er lächelte aufrichtig. „Esme, seit Wochen wünsch ich mir nichts anderes mehr. Schon bevor ich mich von Carmen getrennt habe, warst du alles, woran ich denken konnte.“
„Wie hat sie reagiert?“
Eigentlich wollte ich das gar nicht wissen, ich konnte es mir denken. Doch meine Neugier darauf war einfach zu groß. Carlisle verzog ein wenig das Gesicht und gab mir damit schon ohne Worte eine Antwort. Der Rest war nur noch eine verbale Bestätigung meiner Vermutungen.
„Sie ist völlig ausgetickt und hat mich beschimpft. Ehrlich gesagt, habe ich mir sogar Sorgen gemacht, ob sie nicht irgendwas anstellt, aber sie hat sich bisher ruhig verhalten.“ Plötzlich sah er mich alarmiert an. „Oder hat sie dich vielleicht belästigt?“
In der Frage schwang ein Hauch von Panik mit, doch ich konnte ihn beruhigen. Die komischen Anrufe hatten seit geraumer Zeit aufgehört und ich hatte Carmen auch nicht mehr wiedergesehen. Sie war nicht länger ein Teil meines Lebens und dank Carlisles Entscheidung würde sie das auch hoffentlich nie wieder sein. Ihre Drohung uns das Leben schwerzumachen, war wohl nur leeres Geschwätz gewesen.
„Nein, sie hat sich nicht bei mir gemeldet“, beruhigte ich ihn und er wirkte unbändig erleichtert darüber. Was wohl tatsächlich in jener Nacht geschehen war, wenn er sich so sorgte?
„Das ist gut. Ich hatte schon Angst, dass sie ihre Wut an dir auslässt.“
Für ihn war damit alles gesagt und er fing erneut an, mein Gesicht mit Küssen zu bedecken. Sie regneten weich auf meine Haut herab und ich bog meinen Hals zurück, um es voll genießen zu können. Eine seiner Handflächen legte sich über den locker sitzenden Stoff meines Kleides und drückte sie zärtlich. Doch bevor ich mich dem wieder ganz hingab, gab es noch etwas, das mir auf der Seele brannte. Ich wollte das endlich abschließen können, damit ich meine Liebe zu ihm voll genießen und ausleben konnte.
„Carlisle…?“
„Hmmm…“ Seine Lippen hatten sich mittlerweile zu meiner Kehle bewegt und saugten die dünne Haut leicht ein.
„Warum hast du mich in der Hochzeitsnacht verlassen?“
Sofort hörte er wieder auf und seufzte tief. Sein Atem schlug gegen meine Haut und befeuchtete sie. Ohne aufzublicken, versuchte er sich in einer Erklärung.
„An dem Abend habe ich die Beziehung beendet. Ich wollte nicht mit dir schlafen, solange ich noch an eine andere Frau gebunden war. Zwar nicht mehr emotional, aber wir waren zu dem Zeitpunkt immer noch zusammen. Also habe ich es beendet, um frei zu sein. Frei für dich, Esme.“
„Und du bist nicht auf die Idee gekommen, das einen Tag vorher zu machen?“
Er schüttelte bedauernd den Kopf.
„Es tut mir leid, aber ich war ein feiger Idiot. Heute weiß ich, dass es ein Fehler war und würde es sicher anders machen. Ich kann auch nicht sagen, warum ich so lange gezögert habe. Vielleicht lag es an der Hektik die Tage davor, außerdem hatte ich mich auch noch nicht komplett von ihr gelöst.“ Er hob den Kopf und streichelte meine Wange. „Esme, ich war fast ein Jahr lang mit ihr zusammen und wollte sie heiraten. In dieser Zeit war ich auch felsenfest davon überzeugt, dass ich sie lieben würde, bis ich gemerkt habe, dass es nicht annähernd an das herankommt, was du in mir auslöst. Doch es war nicht einfach für mich, mir einzugestehen, dass ich mich an die Falsche gebunden hatte. Carmen hat auch ihre guten Seiten, obwohl sie nicht einfach ist. Ich wollte sie nicht verletzen, das haben schon so viele vor mir getan.“
Es war merkwürdig. Bis jetzt hatte ich mir noch keine großen Gedanken über sie gemacht und ich schämte mich ein wenig. Carmen war kein Unschuldslamm und hatte wohl auch in allererster Linie Dollarzeichen in den Augen gehabt, wenn sie Carlisle ansah. Aber bis jetzt, hatte ich noch nicht mal in Betracht gezogen, dass sie vielleicht auch echte Gefühle für ihn entwickelt hatte. Wenn das stimmte, dann musste das unglaublich qualvoll für sie gewesen sein. ICH war diejenige, die sich in eine Beziehung hineingedrängt hatte. Die Tatsache, dass sie nicht sonderlich stabil war, weil mir das gelungen war, machte das auch nicht besser. Carmen hatte durchaus das Recht dazu, mich zu hassen, denn an ihrer Stelle hätte ich sicher nicht anders reagiert. Trotzdem bereute ich es nicht, dass Carlisle sich für mich entschieden hatte. Gegen Gefühle war man machtlos, sie brachten einen dazu, Dinge zu tun, die man unter normalen Umständen wohl verurteilen würde.
Das Wichtigste war aber, dass ich ihn jetzt besser verstehen konnte. Es war sicher nicht einfach für Carlisle gewesen, die Frau zu verlassen, mit der er ein Jahr lang seine Träume geteilt hatte. Und das für eine Person, von der er noch nicht mal wusste, ob sie seine Gefühle überhaupt erwiderte. Den Zeitpunkt zu kritisieren, an dem er den Mut dazu gefunden hatte, erschien mir auf einmal unglaublich kleinlich.
„Weißt du was?“
Er zog fragend die Augenbraue hoch.
„Ich glaube, dass du sehr mutig warst, viel mutiger als ich.“
„Heißt das, du verzeihst mir?“
Mein Lächeln musste wohl die pure Seligkeit ausdrücken, weil seines immer strahlender wurde. Ich beschloss ganz einfach, dass wir genug geredet hatten und legte meinen Mund an sein Ohr. Sein Erschauern, als ich ihm die nächsten Worte hinein flüsterte, machte mich glücklich und ich spürte, wie sich wieder dieses süße Ziehen in mir aufbaute.
„Carlisle, denkst du nicht auch, dass wir endlich aufhören sollten zu reden, und…“
Ein heftiger Kuss machte meinem Reden ein Ende und ich ließ mich komplett in ihn hineinfallen. Es war der Erste, den wir uns in Liebe gaben und ich war mir sicher, es würden noch viele weitere folgen. Seine Hände streiften mir das Kleid endgültig vom Körper und ich fühlte seine Hände, die dabei streichelnd die Konturen meines Körpers umschmeichelten.
„Ich liebe dich….“, hauchte er an meiner Haut und zog mit dem Mund eine heiße Spur von meiner Schulter, zu meinen Brüsten. Er umschloss unglaublich sanft eine meiner Knospen, meine Hände fuhren in sein weiches Haar und ich genoss die zuckenden Impulse, die seine Berührungen in mir auslösten.
„Ich liebe dich auch, Carlisle“, flüsterte ich zurück und bog meinen Rücken durch. Er ging auf die Knie und schob seine Arme darunter hindurch. Mein Oberkörper schwebte über den Kissen, von seinen Armen gehalten und er saugte beständig an meiner Knospe. Sein Mund glitt sehr langsam zum anderen Busen und folterte auch diese Seite mit seinen köstlichen Lippen.
„Hör nicht auf…“, bat ich ihn und drückte seinen Kopf fester an mich heran.
Carlisle ließ mich wieder in die Kissen sinken und löste seine Lippen von meiner Brust. Stattdessen umfasste er mit seinen Händen beide Hügel, massierte sie mit gleichmäßigen Bewegungen und küsste sich über meinen Brustkorb hinweg zu meinem Bauch. Er neckte meine Bauchdecke mit hauchzarten Berührungen, bis ich anfing meine Hüften in einem unruhigen und sehnsüchtigen Rhythmus auf und ab zu bewegen.
„Genau so, Liebes“, spornte er mich an und hakte mit brennendem Blick seine Finger unter meinen Slip. Vorsichtig zog er ihn herunter und enthüllte meine intimste Stelle. Seine Zunge neckte meine Oberschenkel solange, bis ich sie unwillkürlich öffnete. Ohne mich selbst berührt zu haben, wusste ich, dass ich schon unglaublich feucht war, denn sein suchender Finger glitt problemlos über die zarte Haut zwischen meinen Beinen. Als er endlich in mich eindrang, presste ich meine Faust an meinen Mund und unterdrückte so einen lauten Aufschrei. Wieder konnte ich es kaum aushalten, so stark war die Lust, die er in mir schürte.
„Entspann dich“, verlangte er mit heiserer Stimme und beobachtete mich genau, während er seinen Finger langsam rein- und rausschob.
Ich versuchte seinen Rat zu befolgen, und konzentrierte mich ganz auf den Mittelpunkt meines Körpers. Sein erregendes Fingerspiel war so aufregend und neu und ich konnte die riesige Welle spüren, die sich unaufhaltsam in mir aufbaute. Sie wurde größer und stärker, mit jedem Stoß den er mir schenkte. Er zog sich mit einer geschmeidigen Bewegung ein Stück nach oben, ohne seinen Finger aus mir herauszunehmen. Immer noch bewegte er ihn tief in mir und er fing an mich zu wieder küssen. Stöhnend hieß ich ihn in meinem Mund willkommen und verlor mich ganz in der Lust, die er mir schenkte. Plötzlich fühlte ich, wie sein Finger durch etwas viel größeres und festeres ersetzt worden war und ich hielt den Atem an. Der Schmerz war nur ganz kurz gewesen und war schon jetzt kaum noch spürbar. Stattdessen fühlte ich mich auf angenehme Weise ausgefüllt.
„Alles okay, bei dir?“
Zischend verließ die Luft meine Lungen und ich hatte Tränen in den Augen. Endlich waren wir eins, so tief und innig vereint, wie es nur zwischen Liebenden möglich war.
„Ja…..ja….es ist unglaublich.“
Sein herzzerreißendes Lächeln war wie ein Spiegel, der mein eigenes Glück reflektierte. Vorsichtig fing er an sich in mir zu bewegen, bis wir uns nur noch lustvoll aneinanderklammern konnte. Unsere Körper waren von Schweiß überzogen, während unsere Hüften in einen Wellenartigen Rhythmus verfielen, der uns dem Höhepunkt rasch näher brachte. Es dauerte eine Weile, bis ich tatsächlich soweit war, doch er half mit dem Finger auf meiner Klit nach. Selbstlos hielt er sich solange zurück und führte mich zu meinem ersten Höhepunkt, ehe er selbst seine Lust in mir stillte. Müde, aber glücklich, lagen wir uns hinterher in den Armen und sahen uns eine ganze Weile still in die Augen. Worte waren so kurz nach diesem intensiven Akt nicht notwendig, wir sprachen durch unsere Hände zueinander, die sich streichelnd mit dem Körper des anderen vertraut machten.
„Weißt du eigentlich, wie glücklich du mich gemacht hast?“, fragte ich ihn schließlich.
Er strich mir mit dem Zeigefinger über den Nasenrücken und wirkte unglaublich zufrieden.
„Liebes, das war erst der Anfang. Ich werde den Rest meines Lebens nichts anderes mehr tun, als dich glücklich zu machen.“
- ENDE -