Inhalt:

Bella Swan ist alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Mit zwei Stellen hält sie sich grad so über Wasser. Tagsüber arbeitet sie in einem Schnellrestaurant und am Wochenende in einem angesagten Club. Dort lernt sie Edward Cullen kennen. Der ist reich, gelangweilt und eiskalt. Er macht Bella ein unverschämtes Angebot. Gegen Bezahlung soll sie seine Geliebte werden. Empört lehnt sie dies ab........ Pairing Bella/Edward

© by Vivian (Die Charaktere gehören Stephenie Meyer)

Freitag, 26. November 2010

Kapitel 43 - Viele Fragen und doch keine Antwort

Suchend wanderten meine Augen umher und schauten nach meinen Verlobten. Doch Edwards bronzefarbener Haarschopf war nirgends auszumachen. Zu viele Menschentrauben standen in Grüppchen beieinander, hielten die Champagnergläser in den ihren Händen und genehmigten sich hin und wieder ein leckeres Häppchen. Hunderte Kerzen tauchten den Saal in ein weiches, goldenes Licht, alles wirkte unglaublich edel und elegant, während meine Augen über die Menge schweiften.

Seufzend gab ich es auf und lächelte der alten Dame zu, die mir pausenlos von der Undankbarkeit ihrer Familie vorjammerte. Sie befürchtete doch ernsthaft, alle seien nur wegen ihrem Vermögen nett zu ihr. Ich war wirklich kein bösartiger Mensch, aber mit jedem Satz verspritzte sie ihr Gift und ich bekam eine ungefähre Ahnung davon, warum die liebe Verwandtschaft fernblieb.

Fast schon verzweifelt suchte ich nach einem Grund den Fängen dieser alten Gewitterziege zu entkommen und betete, dass wenigstens Esme rettend eingriff. Immerhin war sie dafür verantwortlich, dass meine Verlobungsfeier im „kleinen“ Kreis, zu einem gesellschaftlichen Großereignis ausartete. Nur die engsten und besten Freunde versicherte sie mir und führte mich vor ein paar Stunden in den Saal. Ein Glück stand Edward direkt neben mir und hielt meine Taille umfangen. Ohne seinen festen Griff hätte ich bestimmt auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre geflüchtet. Esme tat so, als könne sie kein Wässerchen trüben und freute sich unbändig über die gelungene Dekoration, die tolle Musik der Liveband und die lieben Freunde, die der Einladung gefolgt waren.

Ich kannte keine Menschenseele außer den Cullens, Bibi, Alice, Jasper und Rose. Eingeschüchtert von diesem Luxus und der stilvollen Umgebung machte ich gute Miene zum bösen Spiel und bemühte mich um ein möglichst selbstbewusstes Auftreten. Bibis Rat, viel zu lächeln und wenig zu sagen, erwies sich als unschätzbar wertvoll. So schlug ich mich also durch das ganze Vorstellungsprozedere und versuchte einen guten Eindruck bei Seattle´s High Society zu hinterlassen. Laut Edward, liebten sie meine Natürlichkeit und mein gewinnendes Lächeln, doch ich vermutete eher, er wollte mich mit diesen Worten dazu motivieren den Abend ohne hysterischen Anfall zu überstehen.

Er bewegte sich in diesen Kreisen mit unglaublicher Eleganz. Edwards charismatisches Lächeln ähnelte einem Raubtier und die brütenden Blicke, die er mir den ganzen Abend schon zuwarf, ließen mich vor Sehnsucht fast zerfließen. Seit unserem Besuch an Tanyas Grab waren einige Tage vergangen. Silvester ging vorüber und der normale Alltag holte uns ein. Mit einem Unterschied. Sein Verhalten war so völlig anders, als bisher. Als wäre ein Knoten in seinem Inneren geplatzt und er wäre erst jetzt in der Lage befreit mit mir umzugehen. Edward hatte mir immer noch nicht gesagt, dass er mich liebte, doch das wurde immer zweitrangiger für mich. Die Worte, nach denen ich mich so sehr sehnte, konnte ich nicht erzwingen und so sehr es mich auch drängte sie zu hören, war ich jetzt bereit, zu warten.

„Und Sie werden es nicht glauben“, drang die kratzige Stimme des alten Drachen an mich heran, „Sie behaupten doch allen Ernstes, dass ein betreutes Wohnheim für mich das Beste wäre.“

Der Nebel in meinem Kopf lichtete sich und ich hörte dieser Mrs. Sowieso gezwungenermaßen zu.

„Das ist ja furchtbar!“, rief ich mitfühlend. Jetzt tat sie mir doch ein bisschen leid. Vielleicht war sie einsam und deswegen so griesgrämig?

Bevor sie einen weiteren Satz von sich geben konnte, trat Esme zu uns und legte eine Hand auf den dürren Arm der alten Lady. Diese schenkte meiner zukünftigen Schwiegermutter ein leichtes Lächeln, übrigens der freundlichste Gesichtsausdruck den man ihr bisher entlocken konnte, und hob fragend die Augenbraue.

„Mrs. Conrad, wie ich sehe, haben Sie schon die Bekanntschaft mit der reizenden Verlobten meines Sohnes Edward gemacht.“

Die schüttelte etwas wirr den Kopf.

„Wie Verlobte? Wer heiratet?“

„Mein Sohn Edward!“, wiederholte Esme geduldig und zwinkerte mir dabei zu.

Ich musste ein belustigtes Kichern unterdrücken. Offensichtlich war die Frau nicht nur spitzzüngig wie eine Viper, sondern auch im höchsten Maße verwirrt. Was für eine Kombination?

„Habe ich da gerade meinen Namen gehört?“

Allein seine Stimme zu hören, war an diesem Abend eine Qual. Edward wirkte schon den ganzen Tag unruhig und fixierte meinen Mund seit Stunden mit gierigen Blicken. Doch die ständige Anwesenheit von Daniel, Bibi oder seinen Eltern verhinderte jegliches, intimes Zusammensein. Kein Kuss, keine zärtliche Berührung gönnten wir uns, weil es sonst kaum zu ertragen gewesen wäre.

Er stand jetzt direkt hinter mir, ich spürte seine Wärme an meinem Rücken, bevor seine Arme mich umschlangen und an seine breite Brust zogen. Der sanfte Kuss auf meine Schläfe bezeugte unsere Verbundenheit und verursachte mir ein himmlisches Glücksgefühl, weil er so offen seine Zuneigung zeigte.

„Edward, das ist Mrs. Conrad von den Conrads in Washington. Du bist mit ihrem Urenkel auf das College gegangen.“

Edward ließ mich kurz los und trat neben mich. Mit einer formvollendeten Verbeugung nahm er die knorrige, alte Hand von Mrs. Conrad in seine und deutete einen Kuss an.

„Mrs. Conrad!“, hauchte er mit charmantem Lächeln, „Welche Freunde Sie hier begrüßen zu dürfen.“

Der alte Besen fing doch tatsächlich an zu kichern!

„Sie sind ein böser Junge, Edward. Viel zu charmant, als es gut für Sie ist. Wenigstens werden Sie jetzt sesshaft und lassen den anderen Männern Ihre Reste übrig.“

Entsetzt sah ich zu ihm hoch, doch er grinste nur. Offensichtlich machte ihm die unverschämte Äußerung nichts aus, im Gegenteil. Gewisser Stolz flackerte in seinen Augen auf. Dieses gefährliche Funkeln setzte sich fort, als er mich von Kopf bis Fuß musterte und Worte flüsterte, die eigentlich für den Drachen bestimmt waren.

„Mrs. Conrad. Es waren alles Übungen um die Fingerfertigkeit und Perfektion zu erreichen, die meine hinreißende Verlobte verdient. Ich habe mich gern geopfert, um mich fleißig den Studien des weiblichen Geschlechts zu widmen. Doch jetzt sind sie beendet und ich habe in Zukunft vor, die Früchte meiner Arbeit ausschließlich meiner baldigen Ehefrau zukommen zu lassen.“

Natürlich war es unmöglich von ihm sowas zu sagen, doch ich konnte mich seiner Anziehungskraft nicht erwehren. Hitze stieg in mir auf. Die Spannung zwischen uns wurde immer heftiger, je näher der Hochzeitstermin rückte. Nur noch einen Monat und wir würden endlich alles ausleben können, was unsere Fantasien versprachen. Eins war sicher, als ich seinen glühenden Blick erwiderte! Heute Abend würde ich noch in den Genuss seiner Küsse kommen, seinen Körper an meinem spüren und mich ganz in ihm verlieren. Auch ohne bis zum Letzten zu gehen, war Edward in der Lage meinen Körper zu beherrschen. Gerade weil wir heute so gar keine Gelegenheit hatten, uns zu berühren, war es jetzt umso aufregender, und das Prickeln und die Anspannung in meinem Schoss, nahm stetig zu.

„Edward!“, schalt Esme ihren Sohn, nachdem sie kopfschüttelnd seine freche Bemerkung vernahm, „Du bringst die arme Bella in Verlegenheit. Warum nimmst du sie nicht mit und stellst sie noch ein paar Freunden von dir vor. Ich habe da hinten Mike und Tracey gesehen. Sie gehören doch zu deinem engeren Freundeskreis? Sie freuen sich bestimmt über Bellas Bekanntschaft. Oder hast du sie schon vorgestellt?“

Fragend hob sie die Augenbraue, doch ich hörte gar nicht mehr zu. War das etwa dieselbe Tracey, die im Club so unverschämt war? Das hieße ja, ich müsste seine Ex-Geliebte freundlichst begrüßen und vergessen, dass diese Frau meinen Edward in gewisser Hinsicht besser kannte, als ich selbst. Übelkeit stieg in mir auf. Edwards Hand an meiner Taille übte etwas stärkeren Druck aus und ich schaute scheu nach oben, direkt in seine entschuldigend blickenden Augen.

„Ich wusste nicht, dass Mum sie eingeladen hat“, beteuerte er leise und schuldbewusst, „Sonst hätte ich sie gebeten nicht zu kommen. Das ist ein bisschen dumm gelaufen.“

„Ist schon gut!“, meinte ich mühsam beherrscht, „Nur weil du mit ihr geschlafen hast, kann ich nicht von dir verlangen, dass du sie komplett ignorierst. Ich komme schon klar damit.“

Ich sprach so leise, dass Esme unserer kleinen Unterhaltung nicht folgen konnte, doch die war sowieso in eine Konversation mit Mrs. Conrad vertieft. Edward führte mich ein Stück abseits.

„Ich bin froh, dass du das so siehst. Bevor sie meine Geliebte wurde, waren wir gut befreundet. Sie ist zwar manchmal etwas zickig, aber im Grunde ganz okay.“

„Wie schön für sie!“, meinte ich etwas schnippisch.

Edward zog mich noch ein wenig mit sich, hinter ein riesengroßes Blumenarrangement, welches uns ein Stück weit vor den Blicken der Gäste schützte.

Er ragte vor mir auf und beugte leicht den schönen Kopf.

„Du weißt nicht, was es in mir anrichtet, wenn du so eifersüchtig und besitzergreifend reagierst!“, flüsterte er mit erregter Stimme.

Seine Lippen waren nur Millimeter von meinen entfernt und ich konnte den warmen Atem spüren, den er mir ins Gesicht blies.

„Was richte ich den bei dir an?“, reizte ich ihn. Tracey war vergessen, denn Edward gehörte jetzt mir!

Er lachte hart und angespannt.

„Das willst du gar nicht wissen, Liebes!“, knurrte er, während er mich verlangend ansah.

„Edward, altes Haus. Willst du mir nicht deine hübsche Verlobte vorstellen?“

Abrupt drehten wir uns um, verärgert und enttäuscht über die erneute Störung. Wenn ich nicht bald seine Lippen spüren durfte, dann würde ich noch explodieren, dachte ich frustriert. Der Störenfried war der blonde Mann, der sich bei unserer ersten Begegnung ebenfalls in Edwards Gesellschaft befand. Das war dann wohl Mike!

„Mike!“, bekam ich meine Vermutung sofort bestätigt, durch Edwards genervt klingende Stimme. „Du kommst immer im falschen Augenblick.“

Der nahm Edwards Beschwerde mit einem breiten Grinsen entgegen und streckte mir die Hand hin.

„Mike Newton!“, stellte er sich selbst vor, „Edward hat mir schon einiges von Ihnen erzählt und ich muss sagen, er hat in keinster Weise übertrieben.“, äußerte er charmant.

Hm, wenn er nicht völlig betrunken durch das Nachtleben torkelt, ist er eigentlich ganz nett, dachte ich amüsiert. Mike Newton hatte ein offen wirkendes Gesicht mit lustig blitzenden blauen Augen. Sein Lächeln ohne Alkoholeinfluss, hatte nichts mehr gemein mit der höhnisch grinsenden Fratze, die er mir bei unserer ersten Begegnung zeigte.

„Freut mich ebenfalls!“, sagte ich freundlich und ergriff die Hand, die er dann mit festem Griff schüttelte. Er ließ gar nicht mehr los, bis Edward entschlossen unsere Hände trennte und ihm einen bösen Blick zuwarf.

„Hände weg, Newton!“, brachte er gereizt heraus, „Du bewegst dich auf sehr dünnem Eis. Bella fasst keiner an, außer mir selbst.“

Seine Aussage ließ mich erschauern. Er war heute so verdammt besitzergreifend und dominant. Ich hasste so ein Verhalten normalerweise und bot ihm immer schön die Stirn, wenn er solche Anwandlungen bekam, doch heute wirkte es auf mich nur sexy.

„Beruhige dich, Cullen. Keiner nimmt sie dir weg! Es war doch nur ein Scherz, glaub mir, ich bin mit Tracey vollauf beschäftigt. Die lässt nicht viel übrig für andere Frauen, aber das weißt du ja aus erster Hand.“

Als er merkte, was er da eigentlich sagte, sah er mich entschuldigend an.

„Oh Gott, Bella. Verzeihen Sie bitte! Ich bin so ein Trottel.“

„Das kannst du laut sagen, Newton!“, knirschte Edward und schüttelte den Kopf.

„Bitte streitet euch nicht!“, sagte ich bittend, „Es ist kein Staatsgeheimnis, dass Edward vor mir andere Frauen hatte. Vergessen wir das doch einfach.“

Mike grinste verschmitzt.

„Du hast wirklich einen guten Geschmack, Edward. Nicht nur schön, sondern auch klug.“

Edward nahm meine Hand in seine und führte sie an die Lippen, während er tief in meinen Augen versank.  Er hauchte einen zärtlichen Kuss auf die Innenfläche und flüsterte.

„Es gibt keine Frau, die ihr auch nur annähernd das Wasser reichen könnte.“

Seit neuestem überschlug er sich mit den wundervollsten Komplimenten. Jedes einzelne trieb mir das Blut in die Wangen und machte mein Glück beinahe perfekt. Edwards Augen verdunkelten sich mit jedem geflüsterten Wort und machten es mir zunehmend schwerer mich auf die Unterhaltung zu konzentrieren.

Newtons Lachen konnte den intensiven Blickkontakt der zwischen uns herrschte nicht abreißen lassen, erst eine heisere, weibliche Stimme beendete ihn abrupt.

„Oha, wenn ihr nicht aufpasst, setzt ihr noch den ganzen Saal in Flammen!“

Es war Tracey.

Sie hängte sich selbstsicher bei Mike ein und betrachtete mit leisem Amüsement die Szene, die sich direkt vor ihren Augen abspielte.

„Tracey!“, meinte Edward gedehnt, „Wie immer kommst du zum Wesentlichen.“

Sie lachte, doch ihre Augen registrierten jede Kleinigkeit genauestens. Meine Hand, die immer noch von meinem Verlobten gefangen gehalten wurde. Sein Arm, der sich besitzergreifend und schützend zugleich um meine Hüften schlang, sowie der warnende Blick Edwards, der ihr stumm bedeutete sich zurückzuhalten.

„Du kennst mich doch, Edward. Ich fackle nicht lange.“

Sie tauschten kurz einen Blick, der mir einen eifersüchtigen Stich versetzte. Laut Esme kannten sie sich alle untereinander schon ewig und ich kam mir vor wie ein Eindringling in einen elitären Kreis. Ich fühlte mich augenblicklich unwohl und brauchte unbedingt eine Verschnaufpause. Mittlerweile fragte ich mich, mit wie vielen der hier anwesenden Damen, Edward näher bekannt war.

„Bella, du kennst Tracey ja bereits aus dem Club!“, stellte Edward unnötigerweise fest, „Lass dich von ihr nicht irritieren. Sie macht gerne zweideutige Bemerkungen. Nicht wahr Tracey?“

Diese grinste nur breit und miaute wie ein Kätzchen.

„Pass auf, dass du meine Krallen nicht zu spüren bekommst, Cullen. Du weißt, was dann passiert.“

Wie zum Beweis hob sie die Hände und präsentierte uns ihre langen, rot lackierten Fingernägel.

Das reichte!

„Tracey, ich denke, die Einzige die hier aufpassen muss sind Sie. Sonst stutze ich Ihnen persönlich Ihre falschen Nägel!“, schnappte ich wütend.

Edwards leises Lachen ließ seinen Brustkorb vibrieren. Es gefiel ihm eindeutig zu gut, wenn ich eifersüchtig wurde. Tracey zischte, doch schien sie vor meinem Mut auch einen gewissen Respekt zu haben.

„Wie schön, dass Sie nicht auf den Mund gefallen sind. Ansonsten würden Sie an Edwards Seite nämlich gnadenlos untergehen. Er braucht eine Frau, die ihm ab und zu die Meinung geigt.“

„Meine liebe Tracey!“, antwortete Edward an meiner Stelle, „Deine schonungslose Offenheit ist einer der Gründe, warum wir noch befreundet sind.“

Er betrachtete sie mit einer gewissen Nachsicht. Er schien diese Frau tatsächlich zu mögen! Doch es war nichts Sexuelles in seinem Blick, sondern eher eine fast schon brüderliche Genervtheit. Was ich mehr als erstaunlich fand! Schließlich war es noch nicht so lange her, dass er sie zur Geliebten hatte. Offenbar konnte Edward mit jemandem schlafen und danach wieder zur Tagesordnung übergehen. Welch grausige Vorstellung!

„Bevor die Diskussion hier ausartet, werde ich mir mal die die Nase pudern gehen. Ihr entschuldigt mich!“, beendete ich diesen kleinen Disput.

Ich machte mich sachte los und nickte Edwards Freunden leicht zu, bevor ich flüchtete. Der Weg zur Toilette war kurz und ich atmete erleichtert auf, als sich endlich deren Tür hinter mir schloss. Rasch trat ich ans Waschbecken, drehte den goldenen Wasserhahn auf und ließ das kalte Wasser über meine Handgelenke laufen. Ich genoss die erfrischende Kühle, die mein erhitztes Gemüt wieder beruhigte. Immerhin schlug ich mich ganz ordentlich in diesem gesellschaftlichen Haifischbecken.

Die Leute waren nicht so furchtbar wie ich es früher immer geglaubt hatte und ich bereute meine voreilige Einschätzung. Reichtum schloss nicht automatisch aus, dass jemand freundlich und nett sein konnte. Auch die ungeplante Begegnung mit Tracey war kein völliges Desaster, auch wenn ich gerne darauf verzichtet hätte. Es passierte einem ja nicht jeden Tag, mit der ehemaligen Geliebten konfrontiert zu werden.

Wenigstens hatte Edward nicht mit ihr geflirtet. Er bemühte sich in dieser Hinsicht wirklich sehr, nachdem mir seine Tändelei mit Lauren so sauer aufgestoßen war. Leider hatte Edward einen angeborenen Charme, der es ihm beinahe unmöglich machte, ohne charmantes Lächeln an einer Frau vorbeizugehen. Doch damit konnte ich leben. Solange es dabei blieb, konnte er wegen mir lächeln so viel er wollte.

Ich zog gerade den Lippenstift nach, als sich die Türe öffnete. Tracey trat ein und unsere Augen trafen sich, nachdem ich mich hastig umdrehte. Es war merkwürdig auf meiner Verlobungsfeier, Edwards Ex-Geliebter zu begegnen, doch Esme konnte ja nicht wissen, mit wem ihr heißgeliebter Sohn alles im Bett war. Auch ich hatte nicht das geringste Bedürfnis es herauszufinden.

Selbstbewusst stellte sie sich neben mich und kramte in ihrer Chaneltasche herum, bis sie einen edel aussehenden Lippenstift hervorholte und das goldene Gehäuse abnahm. Sie lächelte spöttisch, als sie meinen betrachtete, sagte jedoch nichts.
Geschickt schminkte sie den schön geschwungenen Mund und verstaute das edle Teil wieder sorgfältig in der Handtasche. Mit einer energischen Bewegung warf sie ihre brünetten Locken zurück, die blauen Augen funkelnd, weil ihr eigener Anblick im Spiegel ihr so sehr gefiel.

Abwartend beobachtete ich sie, denn ich war mir sicher, dass sie nicht nur hier war, um ihr zugegebenermaßen sensationelles Aussehen zu überprüfen.

„Haben Sie mir vielleicht etwas zu sagen?““, fragte ich schließlich.

Meine Stimme klang nicht unfreundlich. Solange sie nicht unverschämt wurde, würde ich mich um einen respektvollen Umgangston bemühen. Tracey erwiderte meinen Blick und leckte sich ein wenig nervös über die Lippen.

„Ich hoffe, dass Sie nicht allzu aufgebracht sind, über meine Anwesenheit auf Ihrer Verlobungsfeier?“

„Nein!“, erklärte ich ruhig, „Ich gebe zu, ich war zuerst ein wenig schockiert, schließlich waren Sie Edwards Geliebte, aber ich kann nicht jede Frau ausladen, die ihm heiße Blicke zuwirft oder mit der er geschlafen hat. Es wäre wohl eine sehr ruhige Party, vermute ich.“

Sie grinste.

„Da könnten Sie recht haben.“ Nachdenklich sah sie mich an. „Sie sind ganz anders als ich dachte. Es tut mir leid, dass ich damals im Club so gemein war. Wenn ich getrunken habe, neige ich dazu ein wenig ausfallend zu werden.“

Jetzt war es an mir verblüfft zu sein. Mit allem hatte ich gerechnet. Mit Vorwürfen, Gemeinheiten oder hässlichen Bemerkungen, doch nichts von alledem trat ein. Tracey schien nicht halb so dumm zu sein, wie ich anfangs glaubte.

„Ist schon gut!“, meinte ich freundlich.

„Ob Sie es glauben oder nicht, aber ich freue mich für Edward. Nach Tanya hat keiner geglaubt, dass er noch mal eine Frau so nah an sich heranlassen würde.“

Sie schnaubte kurz.

„Als ob sie es verdient hätte, dass man sie so…..“, erschrocken hielt sie inne, die Augen weit aufgerissen, „Vergessen Sie einfach, was ich gesagt habe. Ich muss jetzt wirklich wieder raus. Mike wartet auf mich.“

Eilig wollte sie flüchten, doch ich hielt sie an der Schulter fest.

„Tracey, bitte warten Sie!“, bat ich, „Was wollten Sie sagen? Bitte, ich muss es wissen! Esme hat auch schon so komische Andeutungen gemacht.“

Tracey seufzte tief .

„Bella, bitte fragen Sie mich nicht weiter über Tanya aus. Sie ist tot und über Tote soll man nichts Schlechtes sagen.“

Forschend musterte ich ihr Gesicht. Sie wirkte ertappt, erschrocken und wütend auf sich selbst, weil sie sich verplappert hatte.

„Das heißt doch, es gäbe durchaus was Schlechtes zu erzählen?“, hakte ich nach.

„Vielleicht!“, meinte sie leichthin.

„Sie werden mir nichts erzählen. Habe ich recht?“, wollte ich enttäuscht wissen.

„Genau so ist es!“, lächelte sie, „Hören Sie auf, in der Vergangenheit zu graben. Egal, was Sie herausfinden würden, es wäre belanglos für Sie. Edward wird niemals am Thron der heiligen Tanya rütteln lassen und Ihnen keinen Glauben schenken. Das gibt nur Streit, denn er duldet keinerlei negative Aussagen über sie. Fragen Sie Esme, die kann Ihnen das bestätigen. Tanya ist tot und Edward gehört jetzt ganz Ihnen. Sie werden ihm guttun und ihn glücklicher machen, als Tanya es je gekonnt hätte. Lassen Sie es dabei bewenden.“

Genervt sah ich sie an.

„Sie sprechen in Rätseln, Tracey! Erst werfen Sie mir einen Happen zu und dann verbieten Sie mir, nach ihm zu greifen. Das ist nicht nett von Ihnen.“

Sie lachte schallend.

„Bella, wir werden uns noch öfter begegnen und glauben Sie mir. Sie werden schnell feststellen, dass Nettigkeit keine hervorstechende Eigenschaft meiner Persönlichkeit ist. Sie sollten jetzt zu Ihrem Verlobten gehen, meine Liebe. Ich habe vorher gesehen, wie die Thomson Zwillinge auf ihn zugesteuert sind. Er könnte etwas Verstärkung gebrauchen, um diese zwei Dumpfbacken loszuwerden.“

Mit diesem letzten Satz rauschte sie aus dem Raum und ließ mich nachdenklich zurück. Erst Esme und jetzt Tracey! Beide kannten wohl eine Seite an Tanya, die Edward und ihren anderen männlichen Bewunderern wohl verborgen blieb. Ich sollte den Rat von Tracey beherzigen und die Sache auf sich beruhen lassen. Doch ich kannte mich selbst gut genug, um zu wissen, dass ich keine Ruhe geben würde, bis ich herausfand was es mit Tanyas Geheimnis auf sich hatte. Aber nicht heute Abend!

Ich verließ ebenfalls den Waschraum und suchte ein weiteres Mal nach Edward. Eine leichte Berührung am Rücken brachte mich dazu mich umzudrehen und ich stand dem Objekt meiner Begierde direkt gegenüber.

„Edward!“, hauchte ich verlangend.

„Bella!“, äffte er mich lächelnd nach. Er griff nach meiner Hand.
„Komm mit mir!“, befahl er und zog mich am Handgelenk hinter sich her. Eine Hand raffte den langen Rock meines dunkelroten Abendkleides und so stolperte ich hinter ihm her, während er mit weitausholenden, energischen Schritten vorauseilte.

„Wo willst du denn hin?“, fragte ich atemlos.

Er antwortete nicht, warf mir nur über die Schulter einen Blick zu, der mir durch Mark und Bein ging. Erregt beschleunigte sich meine Herzfrequenz, das Blut rauschte mir in den Ohren. Ich ignorierte die belustigten und empörten Blicke der anwesenden Gäste, welche unsere überstürzte Flucht hinter vorgehaltener Hand kommentierten. Edward zog mich aus dem Saal, lief den langen Flur entlang und ich bemerkte aus den Augenwinkeln, die mit Längsstreifen versehenen Tapetenmuster. Warum mir das ausgerechnet jetzt auffiel konnte ich nicht sagen, dachte ich hysterisch kichernd. Ich wollte mich wohl von der Tatsache ablenken, dass ich zusammen mit Edward von meiner eigenen Verlobungsfeier flüchtete, um …… Ja, um was zu tun?

Edward öffnete eine Seitentüre und zog mich in ein dunkles Treppenhaus. Beinahe brutal drückte er mich dort gegen die Wand und presste mit einem wilden Aufstöhnen den Mund auf meinen. Hilflos öffnete ich seiner drängenden Zunge meinen Mund, die Knie wurden weich und sie knickten vor lauter Wonne weg. Hätte er mich nicht so fest gehalten, wäre ich gestürzt.

Gierig erforschten wir den Mund des anderen und ich wühlte mit einem erleichterten Seufzen meine Finger in seine Haare. Mein ganzer Körper war eine einzige, brennende Fackel und ich konnte nicht genug bekommen von seinen Küssen und seinen Berührungen. Jeder Tag der verging, ohne ihn ganz zu spüren, bedeutete einen verlorenen Tag für mich. Auch wenn es wundervoll war sich nur zu küssen und intim zu berühren, verstand ich bis heute nicht, warum er sich bewusst zurückhielt.

„Bella!“, hauchte er heiser. Sein Mund verließ den meinen und glitt über meine heiße Wange. Er setzte Küsse darauf, wanderte hinab zu meinem Hals, den er mit zärtlichen Bissen traktierte. Mein Kopf ging von allein nach hinten, rollte an der Wand des Treppenhauses hin und her, während er meinem Dekolletée immer näher kam. Die heiße Spur seines Mundes zog sich hinab zu der Spalte meines Busens, die der freizügige Ausschnitt des Kleides preisgab. Seine Zunge drängte sich dazwischen, leckte an der salzigen, warmen Haut. Ich schüttelte mich erschauernd, was ihn zum Lachen brachte.

„Das gefällt dir!“, stellte er fest und verstärkte den Druck seiner Hände um meine Hüften.

Leugnen wäre ohnehin zwecklos und so antwortete ich mit einem hingegebenen Seufzen. Seine Hände verließen meine Hüften und umfingen sachte meine Brüste, drückten sie leicht nach oben. Die Spitzen waren schon keck aufgerichtet und bettelten geradezu um Aufmerksamkeit. Doch der Ort war wirklich nicht geeignet, um mehr als heiße Küssen auszutauschen.

„Edward, ich würde liebend gerne mehr tun, als dich nur zu küssen!“, brachte ich bedauernd hervor. Nur mit Mühe kratze ich die letzten Reste an Vernunft zusammen, um ihn daran zu erinnern, wo wir uns befanden. „ Doch wir sollten wirklich wieder reingehen. Deine Mutter hat sich solche Mühe mit der Party gegeben. Sie wäre enttäuscht, wenn wir den Abend sprengen.“

Er seufzte geschlagen und lehnte schwer atmend die Stirn an meine.

„Dass du immer so vernünftig sein musst!“, meinte er kopfschüttelnd.
In seiner Stimme lag allerdings ein bewundernder und liebevoller Ton. Oh Gott, wenn er anfing mich wie Tanya auf ein Podest zu stellen, konnte er was erleben. Ich war eine Frau aus Fleisch und Blut und keine heilige Erscheinung, wie seine Ex- Verlobte. Ich konnte mir nicht helfen, aber trotz des engelhaften Charakters dieser Frau, hasste ich sie.

Es war eine Wohltat für mich zu hören, dass es offenbar Menschen gab, die sie nicht mochten. Ich schämte mich dessen auch nicht. Es war nur menschlich. Auch wenn es nicht gerade nett war von mir, so brachte es nichts mich selber anzulügen. Ich war eifersüchtig auf eine Tote und würde es wohl auch immer bleiben. Zumindest bis ich sicher war, dass Edward mir ähnlich starke Gefühle entgegenbrachte wie Tanya.

„Ich bin nur so vernünftig, wie du es mir vorlebst, Edward. Du bist der Tugendhafte von uns beiden!“, neckte ich ihn.

Er biss mir ins Ohrläppchen.

„Vorsicht, sonst vergesse ich noch meine Selbstbeherrschung.“

„Versprochen?“, hauchte ich verführerisch und warf ihm unter halb geschlossenen Lidern meinen schönsten Schlafzimmerblick zu.
Edward wurde blass.

„Du machst mich wahnsinnig, Bella Swan. Ist dir das eigentlich klar?“, flüsterte er gepeinigt, „Dieser Blick gehört eindeutig verboten.“

Kichernd neigte ich den Kopf zur Seite.

„Findest du?“

Er biss sich auf die Lippen und verzog sie zu seinem schiefen Lächeln. Wie jedes Mal löste sich mein Verstand in Luft auf und ich blickte ihn schmachtend an.

„Das weißt du ganz genau, du kleines Biest.“, antwortete er auf meine Frage. „Na dann komm schon! Wir werden den Rest des Abends Seattles Vorzeigepaar sein und alle vor Neid erblassen lassen.“

Lachend hakte ich mich bei ihm ein. Im Moment war ich einfach nur glücklich. Tanya und die merkwürdigen Bemerkungen von Esme und Tracey rückten in den Hintergrund, weil ich diesen Abend mit Edward an meiner Seite noch genießen wollte.

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