Voller Ehrfurcht sahen Danny und ich uns um, als wir mit Edward zusammen in einer großen Eingangshalle standen. Die Mäntel wurden uns abgenommen und ich nutzte die Gelegenheit, um mich möglichst unauffällig umzusehen. Zu meiner Rechten, befanden sich zwei aus dunklem Teakholz gefertigte Türen, die vermutlich in eine Art Salon oder Empfangszimmer führten. Links von mir, bog sich eine elegant anmutende Treppe nach oben in das nächste Stockwerk. Auch sie war aus dem gleichen Holz hergestellt wie die Türen. Überall hingen wertvolle Bilder an den Wänden, allesamt Ölgemälde, die sich vom Stil her sehr ähnelten.
Ich kannte mich mit sowas überhaupt nicht aus und bewunderte nur die exakten Nachbildungen der Personen und Geschehnisse, die auf der Leinwand verewigt wurden. Die dunklen und kräftigen Farben wurden durch die kostbaren goldenen Rahmen nur noch deutlicher hervorgehoben und ließen erahnen, wie wertvoll diese Bilder sein mussten. Mir graute davor, dass Danny irgendwann in seinem kindlichen Eifer einen Ball oder ein anderes Wurfgeschoss dagegen knallte, denn seine Augen scannten jeden Quadratzentimeter dieser Halle und bescheinigten ihr wunderbare Spielplatzqualitäten.
„Mum, das ist ja coooool hier!“, rief er mir leise zu, „Denkst du, Edwards Mum erlaubt mir, hier mit dem Ball zu spielen. Hier ist doch so viel Platz!“, meinte er noch.
„Danny, das hier ist nicht der richtige Ort, um ihn als Spielplatz zu nutzen“, erwiderte ich fest und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie sich Edward mit dem sehr distinguiert wirkenden Butler unterhielt. Er schien förmlich einem englischen Roman entstiegen zu sein. Sehr gepflegtes weißes Haar, das akkurat Strähne für Strähne auf seinem Kopf lag. Das Gesicht von tiefen Falten durchzogen, wirkte blasiert und eingebildet und er trug die Nase entschieden zu hoch.
Seine Brauen hoben sich fast unmerklich als er Danny mit den Augen folgte, der unbekümmert durch die Halle flitzte und mit großem Interesse eine Bodenvase inspizierte. Ich bemerkte gar nicht, dass er mir entwischt war, hatte aber keinerlei Angst, dass etwas zu Bruch gehen konnte. Danny würde bei Fremden ohne Erlaubnis nichts anfassen, er schaute nur. Dieser trat näher an die Vase heran und besah sich die mosaikartige Musterung des Gefäßes.
„Verzeihen Sie Miss! Könnten Sie vielleicht den Jungen zurückrufen?“, näselte der Butler, „Diese Vase ist ein sehr kostbares Stück aus China und Mrs. Cullen hängt sehr an ihr.“
„Ich fasse sie nicht an! Ehrenwort!“, kam die prompte Antwort von Danny, „Ich mag sie mir nur anschauen, sie sieht sehr hübsch aus.“
„Da hören Sie es. Er wird hier nichts anfassen, das verspreche ich Ihnen.“
Ich lächelte und starrte diesem unverschämten Butler in die Augen. Nach einer gefühlten Ewigkeit gewann ich den stummen Kampf und er senkte die Augen. Edward, der diesem kleinen Schlagabtausch bisher wortlos lauschte, meldete sich jetzt doch zu Wort.
„Dobson, machen Sie sich um die Einrichtung keine Sorgen. Daniel ist ein sehr umsichtiges Kind und gut erzogen. Außerdem ist dieser ganze Krempel hier gut versichert. Es wird niemanden umbringen, wenn mal was zu Bruch geht. Denken Sie daran, was ich als Kind alles zertrümmert habe“, äußerte er ziemlich gelassen.
Der Hauch eines Lächelns umspielte den schmallippigen Mund von Dobson und erstaunlicherweise, wirkte er dadurch kein bisschen mehr eingebildet.
„Nun Master Edward“, sprach er etwas beschwingter, „Ihre Treffsicherheit mit dem Ball war fast schon legendär und der Glaser hat allein Ihnen seine Eigentumswohnung zu verdanken. Es gibt wohl kein Fenster im Haus, das Sie nicht zerschlagen haben.“
Edward grinste jungenhaft. Er schien diesen Dobson ehrlich zu mögen und ich beschloss ihm eine Chance zu geben. Vielleicht taute er noch auf?
„Dobson, wo sind meine Eltern?“
„Sie sind im Blauen Salon, Master Edward!“
„Autsch!“, sagte Edward und verzog das Gesicht. Alarmiert sah ich ihn an.
„Was ist denn?“, fragte ich panisch. Blauer Salon klang anscheinend nicht gut in Edwards Ohren.
„Nichts, Sweety!“
Genervt sah ich ihn an. Von allen Namen dieser Welt, musste er mich ausgerechnet mit diesem belegen.
„Könntest du bitte aufhören mich Sweety zu nennen. Ich bin doch kein verdammter Wellensittich“, fauchte ich ihn an. Ich war furchtbar nervös und daher äußerst reizbar, ein Umstand den Edward von mir nicht kannte. Er zog die Augenbraue hob, was ihm einen sehr diabolischen Ausdruck verlieh.
„Warum so reizbar, Sweety!“, ärgerte er mich mit voller Absicht und erwartete erwartungsvoll meine Reaktion. Doch dann wurde mir klar was er vorhatte. Er provozierte mich mit Absicht, um mich von meiner übermäßigen Nervosität abzulenken. Ich hatte schlichtweg Angst vor der Begegnung mit seiner Mutter und stellte mir vor, wie ich unter ihrem verächtlichen Blick immer kleiner und kleiner wurde, bis ich mich schließlich vollends in Luft auflöste. Mein Versuch mich wieder unter Kontrolle zu bringen, dauerte ein wenig, doch schließlich gelang es mir. Ich sagte im Geiste das Alphabet rückwärts auf, was schon immer die wirksamste Methode für mich war runterzukommen und sie verfehlte ihre Wirkung auch heute nicht.
„Edward, ich bin nicht reizbar. Ich möchte dich nur bitten, mich nicht mit diesem furchtbaren Kosenamen zu belegen.“
Er trat näher an mich heran und ich spürte seinen heißen Atem auf meinem Ohr.
„Wie soll ich dich denn dann nennen?“
Schluckend hielt ich seinem Blick stand.
„Also…also weißt du, es…es macht mir nichts aus, wenn….wenn du mich weiterhin Liebes nennst.“
Sein Mund verzog sich zu einem sexy Lächeln.
„Das macht dich heiß, wenn ich dich so nenne. Nicht wahr?“
„Bild dir bloß nichts ein, Cullen“, maulte ich ihn an, weil er im Grunde recht hatte. Irgendwie klang „Liebes“ aus seinem Mund wie die pure Erotik, weil es mich an unsere ersten aufregenden Begegnungen erinnerte. Dieses Wort erzeugte bei mir, ein unglaublich elektrisierendes Prickeln auf der Haut. Sämtliche Nackenhaare stellten sich mir auf, wenn er mich mit seiner Samtstimme so betitelte und es war mir völlig gleichgültig, wie viele andere Frauen er noch so genannt hatte. Dieses Wort gehörte jetzt mir!
„Na gut, Liebes!“, versetzte er prompt, „Tragen wir „Sweety“ zu Grabe und feiern die Auferstehung von „Liebes.“
„Du bist unmöglich!“, lachte ich.
„Eine meiner liebenswertesten Eigenschaften.“
Unser Geplänkel wurde unterbrochen von Dobsons Räuspern.
„Verzeihung, ich würde Sie gerne zum Blauen Salon führen. Mr. und Mrs. Cullen erwarten Sie bereits.“
„Danny, kommst du bitte!“, befahl ich ihn und er gehorchte prompt. Man musste meist nicht lange mit ihm diskutieren, was wirklich in vielen Situationen ein Segen war. Er kam zu mir gerannt und schob seine kleine Hand in meine. Er atmete schwer und fühlte sich sehr warm an. Beruhigend strich ich ihm über die schweißnasse Stirn und hoffte, dass es nur eine Folge der Müdigkeit und Aufregung war.
„Geht es dir gut, Schätzchen?“, wollte ich besorgt wissen. Er nickte eifrig und ich ließ es vorerst dabei bewenden. Ich würde ihn aber im Auge behalten, da es für Danny nicht ungewöhnlich war, bei diesen kalten, winterlichen Temperaturen krank zu werden. Schon als Kleinkind plagten ihn oft heftige Fieberattacken, die zwar meist so schnell verschwanden wie sie kamen, aber mich trotzdem jedes Mal aufs Neue beunruhigten. Welche Mutter ließ es schon kalt, wenn ihr kleiner Liebling mit vierzig Grad Fieber im Bett lag.
Edward sah mich fragend an, doch ich lächelte nur und nahm seine ausgestreckte Hand. Er zog mich an seine Seite und schlang einen Arm um meine Taille. Danny ließ mich los und stellte sich zu Edward. Zögernd schob er seine Hand in Edwards Große, die lose neben seiner Hüfte baumelte und mein zukünftiger Ehemann sah erstaunt auf die ineinander verschlungenen Hände. Mein Sohn sah schüchtern zu Edward auf, als erwartete er jeden Moment ein Donnerwetter oder eine Abfuhr. Davon war Edward jedoch meilenweit entfernt. Er drückte Dannys Hand in stummer Zustimmung und lächelte, was dieser mit leuchtenden Augen zur Kenntnis nahm. So lief er, mit mir an der rechten und Danny an seiner linken Seite auf die erste Tür zu, die uns von Dobson geöffnet wurde.
Jetzt wurde mir klar, warum es der Blaue Salon hieß. Diese Farbe war vorherrschend in diesem Raum. Ob es der edle Teppich war, der flauschig einen Teil des Bodens bedeckte, oder die Vasen, die sich dekorativ im Raum verteilten. Das Beeindruckendste und auch Hässlichste, war jedoch die himmelblaue Stofftapete, die sich Bahn für Bahn von den Rändern der Decke bis zum Fußboden zog.
„Ich weiß, der Salon ist potthässlich, aber meine Großtante Ethel hat ihn eingerichtet, als sie noch als Innenarchitektin tätig war und wir können ihn erst umgestalten, wenn der alte Drachen das Zeitliche gesegnet hat“, murmelte Edward etwas peinlich berührt. Dass ihm dieser Raum peinlich war, konnte ich durchaus verstehen, da sich der Rest des Hauses durch filigrane Eleganz und guten Geschmack auszeichnete. Zumindest glaubte ich das.
Gott, diese blauen Tönungen bissen sich fürchterlich untereinander und es war durch Edwards Reaktion in der Halle offensichtlich geworden, dass es nicht die übliche Umgebung der Cullens war, um Gäste zu empfangen. Warum sie mich und Danny hier hereinführen ließen, machte mich nachdenklich und ängstlich zugleich. Sie hassten mich! Jetzt war es offiziell, dachte ich panisch.
Doch ich konnte jetzt nicht weiter darüber nachdenken, da mein Blick von den zwei Personen gefesselt wurde, die sich bei unserem Eintreten von der ebenfalls blauen Couch erhoben. Wie sie so dastanden, groß, elegant und wunderschön, schüchterten sie mich dermaßen ein, dass ich hilfesuchend nach Edwards Hand griff. Carlisle Cullen wirkte unglaublich attraktiv für sein Alter, mit seinem blonden Haar und den klaren blauen Augen, die mich neugierig musterten.
Den unglaublichen Körperbau hatte Edward eindeutig von ihm, denn auch Carlisle war weit über einen Meter achtzig, mit breiten Schultern ausgestattet und ohne ein Gramm Fett zu viel. Die Gesichtszüge waren jedoch grundverschieden, nur der Mund ähnelte dem seines Vaters. Es waren dieselben weichen Lippen, die untere etwas voller als die obere und das schiefe Lächeln, das sich jetzt auf Carlisles Gesicht ausbreitete, war mit dem Edwards identisch.
Esme Cullen war die perfekte Partnerin für einen so schönen Mann wie Carlisle Cullen. Ihr caramelfarbenes Haar fiel ihr in leichten Wellen auf die schmalen Schultern. Das Gesicht war fast schmerzlich schön und ich konnte Edward in jedem ihrer Züge wiedererkennen. Sie sah aus wie eine Hollywooddiva aus den vierziger Jahren, selbst Rita Hayworth wäre zu ihren besten Zeiten vor Neid erblasst, wenn sie neben Esme hätte bestehen müssen.
Ihre Augen waren genauso tiefgrün, wie die ihres Sohnes und sahen mich jetzt prüfend, wenn auch nicht unfreundlich an. Sie streckte die perfekt manikürte Hand aus und begrüßte mich mit ihrer weichen, beinahe mädchenhaft klingenden Stimme.
„Isabella, nehme ich an. Es freut mich dich kennenzulernen! Leider hat Edward es versäumt, uns rechtzeitig über deine Existenz zu informieren, daher sah ich unsere erste Begegnung wohl in einem falschen Licht. Ich hoffe, wir können dieses Versäumnis jetzt nachholen.“
Mit wenigen Worten war es ihr gelungen die Atmosphäre zu entschärfen und mein rasender Herzschlag verlangsamte sich in dem Maße, wie meine Erleichterung zunahm.
„Bitte nennen Sie mich doch Bella“, sagte ich zaghaft und ergriff ihre ausgestreckte Hand. Sie fühlte sich im Vergleich zu meiner abgearbeiteten, unglaublich weich und zart an. Ich schämte mich fast dafür und fragte mich, wie es sich wohl für Edward anfühlen mochte, wenn ich ihn mit meinen Händen liebkoste. Zweifellos war er nur seidig weiche Haut gewohnt, wie auch seine Mutter sie besaß. Ich entzog meine Hand ihrem Griff, so schnell es die Höflichkeit erlaubte, sah sie kurz an und versteckte sie unauffällig hinter meinem Rücken.
Doch Edward bemerkte meinen inneren Konflikt, zählte zwei und zwei zusammen und griff entschlossen nach meinem Handgelenk. Überrascht verfolgte ich, wie er meine Handfläche nach oben drehte und einen Kuss in die Innenfläche setzte. Er verschränkte die Finger mit meinen und ich liebte ihn in dieser Sekunde so sehr und intensiv, dass es mich fast zerriss. Esme verfolgte diesen Austausch und zog die Mundwinkel nach oben. Dann senkte sich ihr Blick nach unten, zu Danny und das Lächeln vertiefte sich.
„Wer bist du denn?“, wollte sie von ihm wissen.
„Ich gehöre zu ihr!“, erwiderte er frech und zeigte auf mich. Innerlich verdrehte ich die Augen, doch es war schnell klar, dass sie seine Art mehr als liebenswert fand.
„Ich verstehe!“, grinste sie, „Hm, ist sie vielleicht deine große Schwester oder deine Tante?“, riet sie munter darauf los.
Danny kicherte erheitert über dieses Spielchen.
„Quatsch, sie doch meine Mum!“
„Ahhhh, so ist das also. Jetzt brauche ich nur noch deinen Namen erraten. Hm, heißt du vielleicht Andrew?“
Er schüttelte grinsend den lockigen Kopf.
„Dann vielleicht Timmy?“ Wieder ein verneinendes Schütteln.
„Toby? Peter? Constantin? Gizmo?“
Nach jedem Namen verneinte er glucksend und beim letzten musste er so lachen, dass er sich den Bauch hielt.
„Danny!“, schrie er begeistert, „Ich heiße Danny!“
Er lief zu ihr und sah von unten zu ihr auf. Esme ging auf die Knie und sah wie verzaubert in sein pausbäckiges Gesicht.
„Was für ein hübscher Name, ich bin Esme.“
Er legte den Kopf schräg.
„Du bist sehr hübsch!“, stellte er fest und brach damit endlich das Eis. Jetzt trat auch Carlisle zu uns, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte. Sein warmherziges Lächeln räumte die letzten Zweifel und Ängste in mir aus, es war jedoch Edwards Hand um meine, die mir das nötige Selbstbewusstsein verlieh, um vor seinen Eltern zu bestehen. Ich fühlte mich von ihm be- und unterstützt. So ein Gefühl kannte ich nicht, da ich mich bisher immer allein durchschlagen musste. Es tat gut, nicht immer allein dazustehen.
„Du Esme, müssen wir hier drin bleiben? Es ist so furchtbar blau hier.“
Dannys Frage brachte alle zum Lachen und ich nahm mir fest vor, irgendwann herauszufinden, warum in aller Welt sie mich hier empfingen, anstatt in den normalen Wohnräumen.
„Bella“, wurde ich von Esme angesprochen, „ Es tut mir leid, dass wir Sie hier empfangen haben, aber durch die Kälte ist ein Rohr geplatzt und unsere normalen Räumlichkeiten stehen komplett unter Wasser. Wir hätten Sie sonst niemals in diesem grauenhaften Zimmer begrüßt.“
Okaaay, Frage beantwortet. Wie konnten sie nur so ruhig bleiben, wenn das halbe Haus unter Wasser stand?
„Dobson hat gar nicht davon erwähnt!“, wunderte sich Edward.
„Dobson war viel zu nervös, weil er deine zukünftige Frau kennenlernen würde, als dass er sich an solchen Kleinigkeiten aufgehalten hätte“, sagte Esme lakonisch, „Er hat heute Morgen Salz statt Zucker in unseren Kaffee geschüttet. Du weißt doch, wie besorgt er immer um dein Wohl und Glück ist.“
Carlisle grummelte und sagte an mich gewandt.
„Manchmal könnte man meinen, er wäre sein Vater und nicht ich.“
Plötzlich kam ein völlig aufgelöster Dobson herein.
„Es tut mir leid!“, keuchte er wie nach einem Marathon, „Das Wasser hört nicht auf zu fließen, ich weiß gar nicht was ich noch machen soll. Es dauert nicht lange und es dringt bis in diesen Trakt vor. Oh Gott, die schönen Perserteppiche.“
Er weinte fast.
Alle sahen sich an und wirkten ein bisschen ratlos. Selbst der so souveräne Edward mit seiner großen Klappe, war jetzt ziemlich wortkarg. Himmel, es war doch so einfach! Diese Reichen hatten wirklich keinen blassen Schimmer, was sie tun sollten, wenn es um praktische Dinge des Alltags ging. Jemand musste was unternehmen und das schnell. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, welchen Schaden das Wasser anrichten würde, wenn es auf die wertvollen Holzböden und Teppiche floss.
„Habt ihr denn nicht den Haupthahn zugedreht?“, erkundigte ich mich, wohlwissend, dass es nicht so war.
„Haupthahn?“, stammelte Edward.
Danny machte große Augen.
„Mum, die wissen nicht, was ein Haupthahn ist?“, staunte er und ich seufzte. Was machten die, wenn mal der Strom ausfiel? Konnten sie überhaupt eine Kerze anzünden, oder kamen sie gar nicht auf die Idee? Es war natürlich etwas überspitzt ausgedrückt. Sie lebten eben in einer ganz anderen Welt und kamen mit solchen Dingen eigentlich nie in Berührung. Wie oft kam es schon vor, dass so ein Haus von einem Wasserrohrbruch betroffen war.
„Zeigt mir doch, wo die Leitungen und Hähne sind. Dann drehen wir den Haupthahn zu, der die Wasserversorgung hier im Haus steuert und rufen anschließend einen Klempner an. Ohne Wasser auch keine Heizung und bei solchen Temperaturen ist das mehr als unangenehm.“
Gesagt, getan. Nachdem ich den Hahn im Keller zugedreht hatte, war nur noch ein leises puckern und glucksen aus den Rohren zu hören und Dobson sah mich voller Anbetung an. Mit dieser Aktion schien ich sein Herz erobert zu haben.
„Miss Bella, Sie sind ein Genie.“
„Woher weißt du so ein Zeug?“, fragte mich Edward allen Ernstes.
„Ich habe regelmäßig mein Zuhause in Forks geflutet“, scherzte ich, „da lernt man sowas. Nein, jetzt ernsthaft. Keine Ahnung, woher ich das weiß. Ich vermute mein Dad hat es mir mal gezeigt.“
Bei der Erwähnung meines Vaters wurde ich traurig. Obwohl er sich damals so unnachgiebig verhalten hatte, vermisste ich ihn schrecklich. Er war neben Danny, der einzig lebende Verwandte von mir und als Kind hatte ich ihn vergöttert. Ich erinnerte mich daran, wie er mir geduldig das Radfahren beibrachte und meine Tränen trocknete, wenn ich hinfiel. Ich schob diese Erinnerungen beiseite. Sie hatten hier nichts zu suchen und diese Zeiten waren endgültig Geschichte.
„Tja“, vernahm ich Carlilses Stimme, „Was machen wir denn jetzt? In unseren modernen Trakt können wir nicht und der alte Wohntrakt ist völlig ungemütlich. Außerdem wird es jetzt wirklich ein bisschen kühl im Haus.“
„Gehen wir doch zu mir und Mum nach Hause“, schlug Danny hoffnungsvoll vor, „Bitte, bitte, bitte! Ich zeig euch mein Zimmer. Mum und ich haben es zusammen gestrichen und ganz supertoll eingerichtet. Wir könnten Memory spielen.“
Er bettelte förmlich und ich hoffte, dass sie ablehnen würden, doch Edward machte mir einen Strich durch die Rechnung.
„Eine tolle Idee! Bei Bella ist es sowieso gemütlicher!“
„Schleimer! Die Spur reicht bis nach Seattle“, flüsterte ich ihm nur zu, doch er grinste nur teuflisch.
„Pass auf, dass du nicht darauf ausrutscht!“
Heimlich streckte ich ihm die Zunge raus und er rächte sich umgehend. Seine Eltern liefen mit Danny an der Hand voraus. Als ich ihnen umgehend folgen wollte, riss er mich zurück und drückte mich an die Wand. Seine Hand schlüpfte vorwitzig unter den weitschwingenden Rock und legte sich unter meine Kniekehle. Er zog sie nach oben und drängte sich zwischen mich.
„Wenn du mir nochmal die Zunge rausstreckst, Liebes, dann wunder dich nicht über die Konsequenzen“, raunte er mir heiser zu. Er war eindeutig erregt und presste sich leidenschaftlich an mich. „Es könnte sein, dass du mehr bekommst, als du haben willst.“
Machte er Witze? Ich wollte alles von ihm, was ich kriegen konnte.
„Was wirst du dann mit mir machen?“, fragte ich provozierend. Ich liebte es, wenn er „böse“ war. Langsam schob ich die Zunge hervor, leckte mir die Lippen und wartete. Aufstöhnend senkte er den Mund auf meinen, wühlte die Zunge hinein und spielte leidenschaftlich mit meiner. Es war noch gar nicht so lange her, dass wir uns geküsst hatten und doch staute sich ungebremste Leidenschaft in uns. Voller Genuss bewegten sich unsere Lippen aufeinander und wir streichelten unsere Körper durch den lästigen Stoff unserer Kleidung.
„Edward“, unterbrach ich den Kuss, „Bitte, wir müssen aufhören. Was ist, wenn sie zurückkommen und uns suchen? Noch mal von deiner Mutter erwischt zu werden, steh ich nicht durch.“
Widerwillig ließ er von mir ab.
„Wir müssen unbedingt einen Weg finden, wieder für ein paar Stunden ungestört zu sein, Bella. Sonst garantier ich für nichts. Ich werde noch irre, wenn ich dich nicht bald wieder nackt unter mir habe.“
„Hast du nicht mal was von einem Whirlpool erwähnt?“, quälte ich ihn mit voller Absicht.
„Du Biest!“, rief er ungläubig, „Du weißt ganz genau, dass du mich quälst. Oder? Na warte, das werde ich dir doppelt und dreifach heimzahlen, Liebes.“
Ich gluckste und konnte mein Lachen kaum zurückhalten. Es fühlte sich fantastisch an, ihn so in der Hand zu haben.
„Ich freu mich schon!“, versprach ich lasziv und biss mir langsam und provokant in die Unterlippe. Seine Augen wurden beinahe schwarz und die Ausbuchtung vorne an seiner Hose streckte sich mir verheißungsvoll entgegen.
„OH Edward“, hauchte ich verführerisch, „Ich wünschte, wir wären alleine hier. Ich wüsste schon, was ich jetzt gerne tun würde.“
Unmerklich trat ich näher zu ihm. Jetzt ritt mich förmlich der Teufel. Ich legte meine Handfläche auf den weichen Stoff seiner Stoffhose. Diese war dünn genug, damit er die Berührung voll genießen konnte.
„Scheiße!“, stöhnte er und schob das Becken vor. Langsam, fast schon behutsam, fing ich an ihn zu streicheln.
„Aber du hast natürlich Recht“, schlug ich plötzlich einen neutralen Ton an, „Wir sollten warten, bis wir ganz für uns sind.“
Ich ließ ihn los, küsste ihn fast schon schwesterlich auf die Wange und machte mich aus dem Staub, bevor er wieder klar wurde. Sein gottloses Fluchen hörte ich noch durch die geschlossene Tür und ich beschleunigte kichernd meine Schritte. Doch ich unterschätzte Edward. Er war so schnell hinter mir, dass ich gar nicht mehr wusste, wie mir geschah. Er drehte mich um und plünderte meinen Mund, als wäre es das letzte Mal, dass wir uns küssen würden. Als er sich löste war sein Blick beunruhigend. Er keuchte wie eine Dampflok, sein Gesicht war gerötet und ich merkte, dass man mit einem Edward Cullen nicht spielte.
„Mach so was nie wieder! Hörst du!“ Wieder küsste er mich wild und seine Erregung pochte intensiv an meinem Oberschenkel. „Quäl mich nicht mit voller Absicht, das ertrag ich nicht.“
Er wimmerte fast, so scharf war er auf mich. Er versuchte mit einem weiteren drängenden Kuss seiner Erregung Herr zu werden, doch er machte es nur noch schlimmer. Erst das Zufallen einer Türe, ließ uns auseinanderfahren und er strich sich mit zitternden Händen durch sein Haar.
„Es tut mir leid, Edward!“, sagte ich etwas beklommen. Dass es ihm so schwer fiel, sich zurückzuhalten, hätte ich nie vermutet. Er wirkte immer so kontrolliert, doch er war am Ende auch nur ein Mann.
„Ist schon gut! Es ist ja nicht so, als hätte ich dieses Spiel nicht genossen. Aber Scheiße, Bella. Ich will verdammt noch mal Sex mit dir!“
„Ich habe ja nicht nein gesagt. Du bist derjenige, der unbedingt warten will. Wenn es nach mir ginge, wären wir diesen letzten Schritt bereits gegangen.“
„Ich weiß, dass es meine eigene Schuld ist. Und ich schwöre dir Bella, ich werde es auch durchziehen. Es ist nur so schwer“, beschwerte er sich, „Du bist so verdammt schön und begehrenswert und ich kann nur noch daran denken, was ich mit dir anstellen werde. Beim Leben meiner Mutter, ich werde dich eine Woche nicht aus dem Bett lassen, wenn es soweit ist.“
Bei seinem Versprechen wurde mir heiß und kalt zugleich. Unglaubliche Vorfreude erfüllte mich.
„Wie schnell können wir heiraten?“
Er lachte über meine Worte.
„Ich sehe schon, wir sind uns was das betrifft schon einig. Esme kann den Turbo anschmeißen bei der Hochzeitsplanung. Sobald der Prozess vorbei ist, wird geheiratet. Wann ist es soweit?“
„Die nächste Anhörung ist in einer Woche. Dort wird sich entscheiden, ob es tatsächlich zu einer Verhandlung kommt, oder nicht.“
Die Aussicht Jake wiederzusehen, verdarb mir die Laune und das spiegelte sich in meinem Gesicht wieder.
„Bella, mach dir keine Sorgen. Morgen treffen wir uns mit unserem Anwalt. Er ist wirklich gut und war vor Jahren auch im Familienrecht tätig. Er wird das schon hinbiegen.“
Ich nickte kläglich, während er den Arm um meine Schultern legte.
„Komm, wir müssen ja noch zu dir.“
„Allein für diese Aktion, hast du die Quälerei vorhin verdient. Wie stellst du dir das vor? Deine Eltern in meiner kleinen Schuhschachtel.“
„Du denkst zu viel nach. Hat dir das schon mal jemand gesagt?“, neckte er mich.
Eingeschnappt reckte ich das Kinn vor und ging mit energischen Schritten voraus. Immer musste er das letzte Wort haben.
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