Schockiert blickte ich auf Edwards gebeugten Kopf hinab und auf das Bild, das er so vorsichtig zwischen seinen Fingerspitzen hielt, als wäre es das Zerbrechlichste und Kostbarste, was er hatte. Er war so vertieft in den Anblick, dass er mein Eintreten in die Bibliothek noch gar nicht bemerkt hatte. Ich gab ein ersticktes Keuchen von mir, bevor ich es zurückhalten konnte, und endlich, registrierte er meine Anwesenheit. Er drehte den Kopf leicht zur Seite und blickte direkt in meine schmerzerfüllten Augen. Hastig stand er auf, das Bild segelte unbeachtet auf den Teppichboden und landete geräuschlos auf der flauschigen Oberfläche.
“Bella......”, fing er an und verstummte augenblicklich, als er den Ausdruck in meinen Augen sah.
Ich bückte mich fast automatisch nach dem Foto, hob es auf und hielt es ihm mit ausgestreckter Hand hin.
“Ich glaube, du hast da was verloren”, war mein einziger Kommentar. Er machte keinerlei Anstalten, das Bild entgegenzunehmen, sondern sah mich nur mit reumütigem Gesichtsausdruck an. Ob aus Scham darüber, dass er sich heimlich ihr Bild ansah, oder weil ich ihn dabei erwischte, konnte ich nicht ausmachen. Es macht so oder so keinen Unterschied.
“Wieso willst du es nicht nehmen?”, fragte ich ihn mit gespielter Verwunderung. Ich riss dabei die Augen weit auf und legte mir in spöttischer Gebärde die Handfläche direkt über mein Herz. “Wo du dir solche Mühe gegeben hast, es zu verheimlichen. Sag mir, Edward! Wie oft, hast du dich nachts raus geschlichen, um in alten Erinnerungen zu schwelgen? Einmal, zweimal? Oder vielleicht noch öfter?” Ich machte eine kurze Pause, weil meine Stimme weg brach, bevor ich von Neuem ansetzte. “Ich will dich wirklich nicht der Qual aussetzen, ihren Anblick noch länger entbehren zu müssen. Also Edward, nur zu, nimm dir das Foto. Du kannst sie dir meinetwegen die ganze Nacht anschauen. Ich werde dich nicht daran hindern.”
Energisch drückte ich ihm die Fotografie in seine Hand. In mir brodelte es gewaltig, und der Kummer, den ich verspürte, wurde abgelöst von kochender Wut. Bitter und unbarmherzig stieg sie in mir hoch, verdrängte fürs Erste meine Verzweiflung darüber, dass ich schon wieder auf die süßen Worte eines Charmeurs hereingefallen war. In meinen Ärger und Zorn mischte sich ein Gefühl der Unzulänglichkeit, weil ich ihm einfach nicht genug war. Carmen Denali hatte recht behalten. Ich war wirklich nicht die Eine für Edward, sondern nur ein Lückenbüßer. Er würde mich nie so lieben, wie sie. Ohne ihm auch nur einen weiteren Blick zu gönnen, drehte ich mich auf dem Absatz um und schickte mich an die Bibliothek zu verlassen.
“Verdammt Bella!”, brüllte er mir hinterher, “Lauf nicht weg, nur weil es schwierig wird.”
Ich hörte nicht auf ihn. Ich wollte nur noch fort von ihm und dem Ort, an dem ich eine weitere Niederlage in meinem Leben einstecken musste. Edward war der erste Mann, dem ich nach dem Fiasko mit Jake und dem Verrat meines Vaters wieder Glauben schenkte. Ich hatte endlich die Hoffnung zugelassen, dass es jemand ehrlich mit mir meinte. Doch es war unvorstellbar grausam, wenn sie wieder von Neuem enttäuscht wurde.
Ausgebootet von einer Toten! Gab es etwas, das noch demütigender war? Ich konnte seinen Anblick im Moment nicht ertragen, wollte seine Lügenmärchen nicht länger hören. Doch so leicht ließ Edward nicht locker. Ich erreichte noch nicht mal die Tür, als ich den festen Griff seiner Hand spürte, die sich energisch und unerbittlich, um meinen Ellenbogen schloss. Durch den Schwung und den abrupten Stopp, wirbelte ich herum und prallte gegen seine Brust. Sekundenlang benebelte mich sein Duft, süchtigmachend und unverwechselbar, drang er an meine Nase.
“Bella, hör mir bitte zu, bevor du wie immer überreagierst!”, bat er mich genervt und kein bisschen schuldbewusst.
Er war so verdammt überzeugt davon, dass er mich wieder einlullen konnte, dass mir ganz schlecht wurde. Auch wenn er es als Bitte äußerte, so klang es eher wie ein Befehl. Sein Mienenspiel zeigte völliges Unverständnis über meine Reaktion und ich fühlte seine Ungeduld. Heftig stieß ich Edward mit beiden Handflächen von mir weg und er taumelte zwei Schritte nach hinten. Beinahe schon fassungslos erwiderte er meinen Blick, doch diese Fassungslosigkeit wurde rasch abgelöst durch Ärger.
Seine Augen und Lippen wurden schmal, er schluckte hart und ballte die Fäuste, bis die Knochen weiß hervortraten. Mein eigener Körper zitterte und bebte jetzt, weil er sich so gar nicht darum scherte, wie es mir in dieser Situation gehen musste. Wie konnte er es wagen, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Ich erwischte ihn mit ihrem Bild in der Hand und er warf mir eine Überreaktion vor. Ich hatte endgültig genug. Von ihm würde ich mich nicht länger an der Nase herumführen lassen, diese Zeiten waren unwiderruflich vorbei. Es wurde endlich Zeit mich zu wehren.
“Wie kannst du es wagen!”, spie ich ihm entgegen, “Wie kannst du es wagen, so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung?” Mein Atem beschleunigte sich um ein Vielfaches, hastig, keuchend verließ sie meine Lungen. Mein Brustkorb hob und senkte sich in immer schnellerem Rhythmus und ich stand unmittelbar davor, zu hyperventilieren, so unglaublich sauer und enttäuscht war ich von ihm.
“Scheiße Bella”, schrie er ungehalten und lief dabei rastlos hin und her, “Was ist schon groß passiert? Ich habe mir ein Bild von ihr angesehen, na und. Tu nicht so, als wäre ich dir fremdgegangen.”
“Nein, fremdgegangen bist du nicht”, schoss ich zurück, “ Was du tust, ist noch tausend Mal schlimmer. Du erzählst mir, dass du mich liebst, dabei schleichst du dich nachts heimlich raus, um in deinen Erinnerungen an sie zu schwelgen. Warum hast du mich überhaupt geheiratet, wenn du noch so sehr an ihr hängst? Mit ihrem Andenken werde ich doch niemals konkurrieren können.”
Seine Augen verdunkelten sich unheilvoll.
“Du hast es immer noch nicht kapiert, Bella. Nicht wahr?”
“Ha! Was soll ich nicht kapiert haben? Dass du zu feige bist, um zuzugeben, dass du noch immer eine andere liebst und ich nur der jämmerliche Ersatz bin, damit du nicht mehr in der Weltgeschichte herumhurst?”
“Nimm das zurück, Bella”, zischte er, “Sonst vergesse ich mich. Ich lasse mich nicht beleidigen, auch von dir nicht, Liebes. Dein größtes Problem ist, dass du in deinem Inneren noch das achtzehnjährige Mädchen bist, das von seinem Dad im Stich gelassen wurde. Was er dir angetan hat war furchtbar, aber ich werde mich nicht länger von dir, für sein Fehlverhalten, bestrafen lassen. Ich bin nicht dein Vater, Bella. Kapier das endlich! Du glaubst niemandem und das wird dir irgendwann zum Verhängnis werden, mein Schatz. Hast du mir nicht selbst erklärt, ohne Vertrauen funktioniert keine Beziehung? Du solltest mal deine eigenen Ratschläge befolgen.”
“Lass meinen Vater da raus, er hat damit überhaupt nichts zu tun!”, antwortete ich tonlos.
“Warum sollte ich?”, höhnte er, “Du bringst Tanya doch auch ständig ins Spiel.”
“Du hast ja auch alles Erdenkliche dafür getan, dass sie wie ein übermächtiger Schatten über allem schwebt”, rechtfertigte ich mich, “ Wenn ich nur an die ganzen Lobeshymnen denke, die du auf sie abgehalten hast und wie du mir ständig erzählt hast, dass du nie wieder eine andere lieben könntest. Sie ist einfach überall, Edward. Sie verfolgt mich Tag und Nacht und raubt mir meinen Frieden.”
“Hör endlich auf, dich ständig ihretwegen fertig zumachen. Verflucht noch mal! Das ist ja nicht mehr auszuhalten. Ja, ich habe sie geliebt”, sagte er voller Nachdruck, “ das habe ich nie bestritten. Tanya war ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und du musst endlich lernen, das zu akzeptieren. Ich lasse mir nicht verbieten, an sie zu denken, denn ich habe jedes gottverdammte Recht dazu. Immerhin wollte ich diese Frau mal heiraten. Deine ewigen Vorhaltungen und Verdächtigungen kotzen mich dermaßen an, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr.”
Er kam ganz nah an mich heran, seine Halsschlagader pochte frenetisch, doch er war längst noch nicht am Ende.
“Weißt du was, Liebes. Geh ins Bett und Kuschel mit deinen verdammten Anschuldigungen. Ich hoffe, dann bist du endlich zufrieden. Ich werde an Tanya zurückdenken, so oft und so lange ich will. Hast du mich verstanden? Denkst du, ich kann sie mir einfach aus dem Gedächtnis brennen? Das funktioniert so nicht, mein Herz.”
Jedes Wort schnitt mir ins Herz, so tief, so schmerzhaft, dass mir fast die Luft wegblieb. In diesem Moment wurde mir klar, dass Hass und Liebe ganz eng beieinander lagen. Aus Edward sprachen seine Wut und sein Stolz. Ich wusste ganz tief in meinem Inneren, dass er mich durchaus liebte. Doch Carmen Denalis Einschätzung seiner Gefühle, schien sich tatsächlich zu bewahrheiten. Er hatte noch lange nicht mit ihr abgeschlossen, auch wenn er das vehement bestritt. Dass er zugab, noch immer an sie zu denken, verletzte mich unendlich und ich wollte nichts anderes mehr, als um mich zu schlagen, auf IHN einzuschlagen, weil es so schrecklich weh tat. Wahrscheinlich war es meine eigene Hilflosigkeit, die mich dazu trieb, die nächsten Worte auszusprechen.
„Wenn du so sehr an ihr hängst, dann miete dir doch einen Platz neben ihrem Grab. Dort kannst du ihrem Gedenkstein erzählen, wie sehr du sie vermisst und liebst. Ich will keine Ehe zu dritt führen, Edward. Wenn du lieber mit deinen Erinnerungen
zusammen sein willst, als mit einer Frau aus Fleisch und Blut, dann tu dir keinen Zwang an. Ich werde dich nicht hindern.“
Seine Augen weiteten sich ungläubig. Ich wusste, ich war gemein, doch ich konnte mich nicht zurückhalten. Ich wollte ihm weh tun, ich wollte, dass er genauso litt wie ich. Diese unüberlegten Worte bereute ich schon in der Sekunde, als sie meinen Mund verließen, doch ich konnte einfach nicht aus meiner Haut. Mein Inneres schäumte förmlich und bei Gott, es tat so unendlich gut, meinen ganzen Frust herauszulassen.
„Hör auf, so einen Blödsinn zu reden, Isabella. Das ist unter deinem Niveau“, sagte er gefährlich leise.
Seine Augen brannten. Die Wut über meine Attacke, flackerte unter der noch beherrscht wirkenden Oberfläche, doch ich wusste, ein weiteres Wort von mir, würde ausreichen, um ihn endgültig ausflippen zu lassen. Ich hatte seine heilige Tanya mit ins Spiel gebracht und in Bezug auf sie, war er noch immer sehr dünnhäutig.
“Unter meinem Niveau?”, rief ich aus. Er mochte recht haben, aber das war mir in diesem Moment sowas von egal. “Warum? Weil ich die Wahrheit sage?”
“Die Wahrheit...”, erwidere er. Edward klang verbittert. “Du würdest die Wahrheit nicht mal erkennen, wenn man dich mit der Nase darauf stößt. Deine fixe Idee, ich würde sie noch immer so lieben, wie damals, macht alles kaputt. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich dich noch von meiner Liebe zu dir überzeugen soll, Bella. Ich bin es so leid.”
“Wie hättest du dich denn gefühlt, wenn es umgekehrt gewesen wäre? Was soll ich denn deiner Meinung nach denken, wenn ich dich hier vorfinde, mit ihrem Bild in den Händen. Mitten in der Nacht. Du warst noch nicht mal in Bett, sondern hast dich gleich hierher verzogen.”
Alle Wut war aus meiner Stimme gewichen, zurück blieb nur Angst, Misstrauen und Sorge.
“Ich hatte heute einen verdammt beschissenen Tag, Bella. Der einzige Grund warum ich hier bin, ist der, dass ich einfach nicht schlafen konnte. Ich wollte etwas lesen und ihr Bild fiel aus dem Buch. Natürlich habe ich es mir dann eine Weile angesehen. Es lag keine Absicht dahinter, aber ich werde nicht anfangen, panisch alles zu verstecken, was an sie erinnert.”
Er seufzte müde.
“Geh in Bett, Bella”, verlangte er ausgelaugt, “Dieses Gespräch führt zu nichts und ich habe keine Lust weiter darauf einzugehen. Du glaubst mir sowieso nicht, egal, was ich sage. Also, warum sich die Mühe machen?”
Er drehte sich von mir weg. Seine Schultern waren angespannt, alles an ihm wirkte abwehrend. Konnte es wirklich sein, dass es so einfach war? Hatte Carmen Denali es tatsächlich geschafft, meine Ängste so sehr zu nähren, dass ich mich dermaßen von ihr manipulieren ließ? Auch wenn ich die eigentlich Schuldige war, weil ich ihr glaubte, so hatte sie doch ganze Arbeit geleistet. Sie war mir fremd und ich ging automatisch davon aus, dass sie die Wahrheit sagte. Hatte Dobson mir heute Mittag nicht glaubhaft versichert, dass Edward mich liebte? Ich war völlig verwirrt, verunsichert und wusste nicht mehr, was ich noch glauben sollte. Er klang so ehrlich und mein Gefühl sagte mir, dass er die Wahrheit sprach. Ich tat ihm Unrecht, weil ich einer eifersüchtigen Mutter mehr glaubte, als meinem eigenen Mann. Alles in mir drängte zu ihm, wollte ihn um Verzeihung bitten, doch ich wusste nicht wie.
Zwischen uns war innerhalb von vierundzwanzig Stunden ein Graben entstanden, der tiefer ging, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Wie wir ihn überwinden konnten, wusste ich nicht. Ich wollte ihm wenigstens jetzt zuzuhören und seine Sicht der Dinge kennenlernen, falls er das noch zuließ. Edward hatte recht. Mit meinen ewigen Vorhaltungen machte ich alles kaputt. Ich versuchte ganz kurz, mich in seine Lage zu versetzen, nachdem ich ihm endlich glaubte und schämte mich dafür, dass ich wie eine Furie auf ihn losgegangen war. Wenn es dieses Gespräch heute Morgen gar nicht stattgefunden hätte, dann wäre es wohl nie soweit gekommen. Sicher wäre ich sauer gewesen, aber ich hätte mich nicht aufgeführt wie eine verrückt gewordene Rachegöttin.
Vorsichtig näherte ich mich seiner hochgewachsenen Gestalt und legte ich meine Hand auf die Schulter. Zart, vorsichtig, da ich Angst vor einer Zurückweisung hatte.
“Edward.....”, wagte ich den Versuch, ein Gespräch zu beginnen. Wir konnten nicht so auseinander gehen. “Edward, bitte dreh dich um!”
Langsam wandte er sich mir zu und starrte frostig auf mich hinab. Ich fühlte mich klitzeklein unter seinem Blick, dennoch wollte ich mich jetzt nicht drücken.
“Es tut mir leid. Ich wollte das vorhin nicht sagen. Es war gemein und ich wollte dich nicht verletzen. Ich bin einfach ausgetickt, als ich dich mit dem Bild gesehen habe.” Ich holte tief Luft. “Es war also nur ein dummer Zufall?”
Edward antwortete nicht, sondern ging mit dem Bild in der Hand auf den Schreibtisch zu. Er legte es vorsichtig darauf ab, machte eine Schublade auf und kramte gereizt darin herum, bis eine Zigarettenschachtel samt Feuerzeug zum Vorschein kam. Ich sah dabei zu, wie er sich eine Kippe zwischen die Lippen steckte und mich aus zusammengekniffenen Augen musterte, während er sie mit der kleinen Flamme entzündete. Er inhalierte tief und genüsslich, bevor er den Rauch langsam wieder ausstieß. Er schwieg.
“Seit wann rauchst du wieder?”
“Seit eben”, äußerte er knapp und nahm einen weiteren Zug. Er lehnte mittlerweile am Schreibtisch, nahm das Bild in die Hand und betrachtete es nachdenklich. Panik machte sich in mir breit, weil er so gar nichts sagte. Würde es jetzt immer so zwischen uns beiden bleiben? Ein Schritt vor, zwei wieder zurück. Das zog sich von Anfang an, wie ein roter Faden, durch unsere Beziehung. Ich wollte doch nur mit ihm glücklich sein.
“Was sollen wir jetzt machen, Edward?”, wollte ich fast schon verzweifelt wissen. Die Situation hatte sich komplett gedreht. Wieder war ich es, die sich rechtfertigen musste, weil ich etwas in den falschen Hals bekommen hatte.
“Keine Ahnung, Liebes. Ehrlich gesagt, sehe ich nicht viel Hoffnung für uns, wenn sich nicht ein paar grundlegende Dinge ändern. Vielleicht habe ich es mit meiner Verehrung für Tanya in den letzten Jahren übertrieben, aber ich habe mich deinetwegen von ihr gelöst. Doch du siehst nur, was du sehen willst, Bella. Das ist schon fast paranoid.”
Kurz dachte ich daran, ihm von dem Gespräch mit Carmen Denali zu erzählen, entschied mich jedoch dagegen. Es würde ihn nur noch in dem Glauben bestärken, dass ich Fremden mehr glaubte, als ihm, und ich mich ständig von Zweifeln verführen ließ. Das würde unsere jetzige Lage, nur noch verschlimmern. Außerdem wollte ich dieser Frau nicht noch mehr Munition in die Hand geben. Es würde ihr nur bestätigen, richtig gehandelt zu haben, wenn Edward wutentbrannt bei ihr aufkreuzte und sie zur Rede stellte.
“Liebst du mich noch?”, wollte ich leise wissen.
Anstatt mir diese Frage zu beantworten, drückte er die Zigarette im gläsernen Aschenbecher aus und erhob sich träge. Fast schon gemächlich kam er auf mich zu und blieb direkt vor mir stehen. Ich senkte unglücklich den Blick, meine Haare fielen wie ein Vorhang vor mein Gesicht und ich spürte gleich darauf seine Fingerspitzen die mein Kinn anhoben. Mit tränenfeuchten Augen starrte ich in die jetzt sanfter wirkenden grünen Augen und spürte, wie er das Bild zwischen meine Finger schob.
“Was soll ich damit?”, fragte ich heiser. Sogar meine Stimme gab jetzt ihren Geist auf.
Er deutete mit dem Kopf, Richtung Kamin.
“Schmeiß es ins Feuer, Bella. Es ist das Letzte, das hier im Haus ist. Alle anderen habe ich vor unserer Hochzeit an Carmen geschickt.”
Jetzt wurde mir einiges klar. Deswegen dieser Überfall im Restaurant. Edward hatte das letzte Band zu ihrer Tochter gekappt und sie wollte es ihm wohl auf diese Weise heimzahlen. Listig fütterte sie mich mit ein paar gezielten Bemerkungen und Vermutungen und ich fiel auch noch darauf rein. Wie blöd konnte ein Mensch eigentlich sein?
Ich hielt das Bild fest wie einen Rettungsanker und lief unentschlossen zum Feuer, bis ich direkt davor stand. Es war so heiß und stechend, dass mir erneut die Tränen in die Augen schossen. Die Hand ausgestreckt, machte ich den Versuch das Foto zu verbrennen, es einfach hineinfallen zu lassen, doch ich schaffte es einfach nicht. Ihr Lächeln schien mich zu verhöhnen und ich zog feige die Hand wieder zurück. Ich schwankte vor Müdigkeit und Anstrengung, als würde ihr Bild Tonnen wiegen.
“Ich...ich...kann das nicht”, flüsterte ich gequält. Beschämt senkte ich wieder den Kopf.
Edward folgte mir, nahm mir einfach das Bild wieder ab und schmiss es ohne Zögern in den Kamin. Gemeinsam sahen wir zu, wie sich die Flammen durch die äußeren Ränder fraßen. Es schmolz in rasender Geschwindigkeit und ihr liebliches Gesicht verwandelte sich in eine hämische Fratze, bevor es endgültig dem Feuer zum Opfer fiel. Was blieb, waren nur ein paar kümmerliche Reste Asche. Ich sah zu Edward und sein Ausdruck war so schmerzerfüllt, als würde er sie ein zweites Mal verlieren.
“Es tut mir leid, Edward. Das muss schrecklich für dich gewesen sein”, versuchte ich ihn zu trösten. Mitfühlend legte ich eine Hand auf seinen Arm, doch er wich von mir ab.
“Nicht jetzt, Bella”, wehrte er ab. Er ging ein paar Schritte in den Raum hinein und deutete dann auf den Kamin. “Das eben, war nicht so schlimm. Es war nur ein Bild. Was mir viel mehr zusetzt, ist dein Verhalten. Ich wusste ja, dass du mir nicht hundertprozentig vertraust, aber dass es so schlimm ist, hätte ich mir niemals träumen lassen.”
“Edward...”
“Nein, lass mich ausreden. Ich liebe dich, Bella. Das tue ich wirklich, aber ich weiß nicht, ob unsere Ehe wirklich eine Chance hat. Wir sollten ein paar Tage darüber nachdenken, was wir machen. Ich werde morgen Vormittag geschäftlich nach Vancouver reisen und mich dort persönlich um ein paar Dinge zu kümmern, die ziemlich aus dem Ruder geraten sind. Wenn ich zurück bin, reden wir endlich Klartext und entscheiden, wie es mit uns beiden weitergeht. So was wie heute, will ich einfach nicht mehr. Ich denke, ich habe mir ein bisschen Vertrauen von deiner Seite durchaus verdient. Wenn du mir das nicht geben kannst, dann.....”
Er beendete den Satz nicht, doch ich wusste auch so, was er mir damit sagen wollte. Mir wurde kalt ums Herz. Ich betete, dass dies alles nur ein böser Traum war und ich gleich schweißgebadet in unserem Bett neben ihm aufwachen würde.
“Aber...aber....”
“Geh jetzt schlafen, Bella”, forderte er mich kalt auf.
Sein Ton ließ keine weiteren Diskussionen zu und ich rannte aufschluchzend aus dem Raum. Ich war nahe daran, Edward für immer durch meine eigene Dummheit zu verlieren und verzweifelte an diesem Wissen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen