Bellas PoV
„Guten Tag, Isabella Cullen am Apparat“, meldete ich mich unpersönlich. Es klang in meinen Ohren furchtbar einstudiert, aber seit meiner Heirat mit Edward meldete ich mich immer recht förmlich. Woran das lag, wusste ich selbst nicht. Der neue Name ging mir einfach noch nicht so selbstverständlich über die Lippen. Ich vermisste die Zeiten, als es ein simples „Bella Swan“ getan hatte und sich niemand großartig für mich interessierte. Als „Mrs. Cullen“ fühlte ich mich fast schon eingeengt, weil ich jetzt im Licht der Öffentlichkeit stand. Ich fühlte mich unwohl, wie auf dem Präsentierteller, wenn ich fremde Blicke spürte. Es war wie ein Betasten, ohne tatsächlich berührt zu werden. Es lag einfach nicht in meiner Natur, sowas als angenehm zu empfinden. Meine Neigung zur Introvertiertheit bildete sich seit der Hochzeit immer mehr heraus, und ich merkte seit einigen Tagen, dass ich anfing große Menschenmengen zu meiden. Das war vor allem seit meinem unfreiwilligen Zusammentreffen mit Carmen Denali der Fall. Dieser Frau wollte ich nun wirklich kein zweites Mal begegnen. Ich schüttelte diese unangenehme Erinnerung ab und versuchte mich auf das Gespräch zu konzentrieren.
„Mrs. Cullen“, hörte ich eine atemlose, weibliche Stimme seufzen. „Gott sei Dank erreiche ich Sie.“
Sie kam mir bekannt vor, ich konnte sie jedoch auf die Schnelle nicht einordnen, da ich viel zu abgelenkt war von dem Geschehen im Fernseher. Meine Augen starrten weiter wie hypnotisiert auf den Bildschirm, damit ich auch ja nichts versäumte. Ich ärgerte mich darüber, dass ich wegen dem Anruf das Interview mit Tanya verpasste. Meine Neugier war grenzenlos, genauso wie mein Wunsch ihre Stimme zu hören. Was erzählte sie der Presse? Tanya war ja ziemlich fix, was die Bekanntmachung ihrer „Auferstehung“ anging. Doch ich hatte keine Chance es herauszufinden, warum sie so offensiv mit ihrer Rückkehr umging. So war es kaum verwunderlich, dass ich relativ unfreundlich antwortete.
„Mit wem spreche ich überhaupt?“, blaffte ich meine bedauernswerte Gesprächspartnerin an.
„Ich bin es, Mrs. Olson.“
Sie klang wenig eingeschnappt, wohl, weil ich sie nicht sofort erkannt hatte. Mrs. Olson war die Direktorin von Dannys Schule. Ich hatte bislang kaum Kontakt zu ihr gehabt, dennoch tauchte vor meinem inneren Auge, sofort ihre gepflegte, überschlanke Gestalt auf. Sie war seit fast zwanzig Jahren mit dem Posten der Direktion betraut und strahlte grundsätzlich eiserne Ruhe und Contenance aus. So aufgedreht wie jetzt am Telefon, hatte ich sie niemals erlebt, dazu war sie viel zu damenhaft. In der elitären Gesellschaft, in der sie sich sicherlich bewegte, war Selbstbeherrschung ein Muss. Alarmiert krampften sich meine Finger um das Handy. Dannys Direktorin war nicht grundlos so aufgewühlt. Meine Stimme brach fast, als ich mit stetig steigender Panik fragte: „Ist irgendwas mit Danny passiert? Geht es ihm gut?“
Meine Angst um meinen Sohn schien sie ein wenig zu besänftigen, denn ihre Stimme klang gleich eine Nuance milder.
„Regen Sie sich nicht auf, Mrs. Cullen. Danny geht es bestens, das Problem liegt ganz woanders.“
Ich schloss vor lauter Erleichterung die Augen und eine Zentnerlast fiel von mir ab. Für einen kurzen Moment hatten sich in meinem Kopf die fürchterlichsten Horrorszenarien abgespielt. Dinge, die nur einer besorgten Mutter in den Sinn kommen konnten. Ich war so froh darüber, dass es ihm gutging. Jede einzelne meiner grauenerregenden Fantasien wäre unerträglich gewesen, wenn sie sich bewahrheitet hätten. Allein die Möglichkeit ihm könnte weh getan werden, versetzte mich in Angst und Schrecken. Eine der wenigen Dinge die ich mit absoluter Sicherheit wusste, war, dass ich mich ohne Danny selbst verlieren würde. Er war der Dreh-und Angelpunkt meines Daseins, ohne ihn konnte ich nicht leben. Doch glücklicherweise war alles in Ordnung. Nicht mal Mrs. Olsons Aussage „das Problem läge woanders“, konnte mich jetzt noch verunsichern. Zumindest war ich der Meinung, bis sie mit der Sprache rausrückte und mir gleich den nächsten Schock versetzte.
„Mrs. Cullen, vielleicht können Sie mir erklären, was diese Meute von aufdringlichen Reportern vor meiner Schule zu suchen hat?“
Ich hielt den Hörer ein wenig vom Ohr weg, da Mrs. Olsons Stimme dramatische Ähnlichkeit mit einer Kreissäge bekam. Die schrille Tonlage war unangenehm und auch die Lautstärke hatte an Intensität zugenommen. Mrs. Olson verlor ihre so vielgerühmte Beherrschung und war völlig außer sich. Die letzten Silben ihrer herrisch gestellten Frage verhallten und ich suchte den Blickkontakt zu Alice, die wie angewurzelt vor mir stand und keinen Schimmer davon hatte, was hier vor sich ging. Sie formte ein lautloses „Was ist hier los, Bella?“ mit ihren Lippen und unterstützte die tonlose Frage mit entsprechender Gestik. Ich schüttelte den Kopf und flüsterte „Gleich, Alice“.
Sie verzog ein wenig unwillig das Gesicht, machte aber keinen Versuch mehr, mich mit Fragen zu löchern.
„Mrs. Olson, können Sie mir vielleicht sagen, was genau, gerade vor sich geht? Ich habe zwar eine Vermutung, warum die Presse vor Ihrer Schule steht, aber ich muss wissen wie massiv das ist.“
Ich sprach und wirkte nach außen hin viel ruhiger, als ich mich fühlte. In mir drinnen sah es jedoch total anders aus, wenn ich an irgendwelche drittklassigen Möchtegernjournalisten dachte, die nur darauf lauerten mein Kind in die Mangel zu nehmen. Noch nie war ich auch nur im Geringsten mit irgendwelchen Reportern in Berührung gekommen. Edward hatte keinerlei Interviews während unserer kurzen Verlobungszeit geduldet. Wenn auch nur einer von denen meinem Kind zu nahe kommen würde, dann konnten sie sich auf etwas gefasst machen. Ich würde es nicht zulassen, dass sie mein Kind benutzten, weil sich die Regenbogenpresse eine Schlagzeile erhoffte.
„Massiv ist genau das richtige Wort, Mrs. Cullen“, sagte die Direktorin aufgebracht. „Vor dem Eingang stehen mindestens fünfzehn sogenannte Reporter und warten. Einer von ihnen ist sogar ganz dreist in das Schuldgebäude marschiert und wollte wissen in welchem Raum sich Ihr Sohn aufhält. Diese Menschen haben einfach kein Gewissen. Danny ist noch nicht mal sechs Jahre alt. Aber auch die anderen, jüngeren Schüler sind verunsichert und trauen sich nicht mehr raus. Ich werde die Eltern benachrichtigen müssen, damit man sie abholen kommt“, keifte sie, „und das kostet mich eine Unmenge an wertvoller Zeit, die ich eigentlich mit sinnvolleren Beschäftigungen füllen könnte.“
Mir wurde ganz anders. Ich musste sofort dahin fahren und ihn holen, bevor es tatsächlich einem diesem Schmierfinken gelang, bis zu Danny vorzudringen. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass Jasper die Küche betrat. Er steuerte direkt auf die besorgt dreinblickende Alice zu und wollte sie küssen. Als sie jedoch kaum reagierte und er sah, dass sie mich voller Sorge musterte, ließ er von ihr ab und begnügte sich damit, ihr den Arm um die Schulter zu legen. Abwartend starrte er abwechselnd mich und seine Verlobte an. Ein „Sind Sie noch dran, Mrs. Cullen“, drang an mein Ohr und ich sah mich zu einer Antwort genötigt.
„Mrs. Olson ich komme so schnell wie möglich und nehme Danny mit. Sobald er nicht mehr im Schulgebäude ist, werden sie sich an meine Fersen heften und die Kinder können ohne weiteres das Gelände verlassen.“
Ich versuchte souverän zu klingen, doch zu meinem Leidwesen fing meine Stimme an zu zittern. Eigentlich hatte ich keine Ahnung wie ich es anstellen sollte, unerkannt in das Gebäude zu gelangen und Danny da rauszuholen. Diese Pressemenschen waren nicht dumm und hatten ihre Hausaufgaben sicherlich gemacht. Weder Dannys noch mein Aussehen würden ihnen unbekannt sein, was mein Vorhaben natürlich um einiges erschwerte. Ich murmelte noch eine Entschuldigung und drückte das Gespräch dann weg. Ohne Alice oder Jasper anzusehen, ging ich auf die hässlichen Stühle zu und setzte mich. Die Ellenbogen lagen auf meinen Knien auf und ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Ein Alptraum jagte den Nächsten, es schien einfach kein Ende zu nehmen.
„Bella?“, hörte ich Alice leise fragen. Ich hob den Kopf und blinzelte die Tränen weg. Vor einer Stunde war meine Welt noch in Ordnung gewesen. Wie schnell sich sowas ändern konnte.
„Verdammte Tanya!“, rief ich aus und schlug mit der Faust mehrfach auf Alice Küchentisch. Er wackelte bedrohlich unter dem Einfluss meiner Gewaltanwendung und ich spürte Jaspers Hand, die sich um meine Faust schloss.
„Bella, hör auf!“, bat er sanft und ich blickte unwillkürlich auf. Seine blauen Augen strahlten eine solche Ruhe und Gelassenheit aus, dass ich stillhielt. „Was ist los?“
„Tanya lebt, sie ist zurück und hat sich an die Presse gewandt.“ Ich sah zu Alice, die mich fassungslos ansah. „Das war die Frau in dem Fernsehbericht, den ich unbedingt sehen wollte. Jedenfalls stehen jetzt eine Horde Reporter und wahrscheinlich die übelsten Paparazzi der Stadt vor Dannys Schule. Ich schätze, sie spekulieren darauf, dass ich dort auftauche. Es ist schrecklich“, flüsterte ich erstickt, „Wie soll ich ihn denn da unbemerkt rausholen? Hätte diese blöde Kuh nicht warten können, ehe sie ihre „Auferstehung“ bekanntgibt? Wir hätten dann Vorkehrungen treffen können, um genau so eine Situation zu verhindern. Sie ist und bleibt eine Egoistin.“
Ich verbarg mein Gesicht zwischen meinen Händen und atmete tief durch. Es hatte keinen Zweck sich über Tanyas dämliches Verhalten aufzuregen. Diese Frau tat offensichtlich was ihr gerade passte, wie immer ohne Rücksicht auf jemand anderen zu nehmen. Ich musste jetzt nachdenken und einen Weg finden, um Danny unbeschadet aus dieser Lage herauszubringen. Oh, wie ich diese Frau hasste! Sie konnte noch so nett sein, mich würde sie nie auf ihre Seite ziehen können.
Jasper legte mir seine Hand auf die Schulter.
„Alice und ich werden dir helfen“, sagte er seelenruhig. „Ruf die Direktion der Schule nochmals an. Man sollte die anderen Eltern darüber informieren, dass sie ihre Kinder heute persönlich abholen sollten. Wenn sie nach und nach eintrudeln, reihen Alice und ich uns einfach mit ein. Die Presse rechnet mit dir oder Edward, eventuell noch mit seinen Eltern, aber nicht mit uns beiden. Sie werden uns für ein normales Elternpaar halten und Danny nicht weiter beachten, wenn er mit uns hinausgeht. Wir bringen ihn hierher und passen auf ihn auf. Derweil kannst du Edward kontaktieren und ihn informieren. Er wird wissen, was zu tun ist. Schließlich hat er sein halbes Leben damit verbracht, dieser Meute aus dem Weg zu gehen.“
Dankbar und überwältigt sah ich Jasper an. Das war die perfekte Lösung und Danny würde noch nicht mal etwas von dem Zirkus mitbekommen. Er würde sich höchstens darüber wundern, dass er mit Alice und Jazz mitgehen sollte. Doch er kannte sie in der Zwischenzeit beide und würde keine Schwierigkeiten machen.
„Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll“, flüsterte ich bewegt und sah in Alice lächelndes Gesicht. Ich war so dankbar für so großartige Freunde.
„Hey, das ist doch selbstverständlich. Danny und du seid neben Jasper und meiner Familie die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Wir werden alle Hebel in Bewegung setzen, um dir aus der Patsche zu helfen. Diese dummen Reporter hängen wir locker ab.“ Sie klatschte in die Hände. „Oh, ist das aufregend!“
Alice sah dabei so siegessicher und aufgeregt aus, dass ich schon wieder zu einem leichten Lächeln imstande war. Ich stand auf und umarmte sie.
„Ich danke dir, Al“, flüsterte ich in ihr Ohr. Ich streckte die Hand aus und ergriff die von Jasper. „Dir auch.“
Er nickte nur und grinste.
Alice und ich lösten die Umarmung und ich informierte anschließend Mrs. Olson. Die war zwar nicht ganz glücklich über die Lösung, weil es einen Haufen Arbeit bedeutete, aber sie sah die Notwendigkeit durchaus ein. Da würde eine fette Spende fällig sein, wenn das Theater vorbei war. Etwas hilflos blickte ich meine Freunde dann an.
„Entschuldigt meinen Wutausbruch von vorhin“, sagte ich ziemlich zerknirscht und tätschelte auch die Platte von Alice Tisch. „Sorry, Al, ich hatte nicht vor deinen Tisch zu zertrümmern. Es ist einfach mit mir durchgegangen, weil ich so stinksauer war.“
Sie schüttelte nur den Kopf.
„Jetzt lass mal den Tisch, so wichtig ist der auch wieder nicht“, meinte sie generös. Jasper, der sich gerade eben einen Schluck Cola aus der Dose gönnte, verschluckte sich heftig nach dieser Aussage und hustete sich die Lunge aus dem Leib. Alice klopfte ihm gelassen auf die Schulter und fragte unschuldig: „Alles klar bei dir, Schatz?“
Jasper nickte nur mit hochrotem Kopf und tränenden Augen, sodass Alice sich wieder beruhigt an mich wandte.
„Ich vermute, du hast jetzt weder dir Zeit und die Lust mir zu erklären, warum in aller Welt diese Tanya lebt und nicht auf dem Grund des Meeres liegt. Aber sobald du alles geklärt hast, will ich einen genauen Bericht darüber.“
„Du hast recht, es ist gerade ein wenig ungünstig“, gab ich ohne Gewissensbisse zu. Vor allem, da ich ja selbst noch nichts Genaues wusste. „Ich werde dir alles erklären, wenn ich wieder zu Atem gekommen bin. Jetzt muss ich erst Edward anrufen. Der weiß noch gar nichts von der Geschichte.“
Ich sah zum Fernseher. Dort blickte mir immer noch Tanyas schönes Gesicht entgegen, aber ich hatte das Interesse an dem Interview verloren. Je weniger ich von ihr mitbekam, desto besser. Ohne Ton bewegten sich ihre schönen Lippen und sie wirkte wie ein scheues Reh. Sie schien sich nicht wohl zu fühlen, doch das konnte auch nur eine einstudierte Pose sein. Dann fiel mir auf, dass es sich bei dem Interview um eine Aufzeichnung der frühen Morgenstunden handelte. Jetzt wurde ich richtig sauer. Es war momentan kurz vor zwölf. Es wäre also genug Zeit gewesen, mich oder Edward über ihren Gang an die Öffentlichkeit zu informieren. Das wäre einfach nur fair gewesen, schließlich ging es ja nicht nur allein um sie. Dass die Kerle von der Presse sich sogar an die Fersen meines Sohnes hefteten, um über ihn an mich heranzukommen, war zwar selbst für mich schockierend, doch mit so etwas hatte man rechnen müssen. Ich bekam eine leise Ahnung davon, was mich in den nächsten Tagen und Wochen erwarten würde.
„Ruft ihr mich an, wenn ihr hier seid. Ich will sicher sein, dass es Danny gutgeht und er keinen Verdacht geschöpft hat.“
„Aber natürlich, Bella. Mach dir keine Sorgen, Jasper, Danny und ich machen uns einen tollen Nachmittag mit viel Eiscreme und ein paar Spielen. Nicht wahr, Schatz?“
Sie lächelte ihren Verlobten an. Der wackelte nur mit den Augenbrauen und grinste frech. Etwas beruhigter verabschiedete ich mich und verließ das Haus. Ich lief so schnell wie möglich zu meinem Wagen, nicht ohne mich genauestens umzusehen. Hinter jedem Baum und jedem Busch vermutete ich einen Reporter und fühlte mich zunehmend bedrängt, obwohl nichts Auffälliges zu sehen war. Das ist einfach nicht meine Welt, dachte ich verzweifelt und kramte mein Handy aus der Handtasche. Ich hielt es in den Händen, stieg ins Auto und fuhr los. Mit meiner Linken lenkte ich den Wagen und mit der anderen hielt ich das Telefon an mein Ohr. Es klingelte mehrfach, aber Edward ging nicht ran. Ich versuchte es wieder und wieder, doch immer mit dem gleichen Ergebnis. Immer nur diese dämliche Mailbox, die mich aufforderte doch eine Nachricht zu hinterlassen.
Verdammt, warum war nie jemand erreichbar, wenn ich mal Hilfe brauchte? Ich reihte mich in den Verkehr Richtung Innenstadt ein. Wenn er nicht ans Telefon ging, dann würde ich eben in die Firma fahren. Bisher war ich noch nie dort gewesen und hätte mir auch einen anderen Anlass gewünscht, um da das erste Mal aufzulaufen. Doch ich hatte keine andere Wahl. Wenn Edward telefonisch nicht erreichbar war, dann würde ich ihn eben persönlich aufsuchen, selbst wenn er in einer wichtigen Besprechung stecken sollte. Das hier ging eindeutig vor.
Ich war seit einigen Minuten unterwegs und kam auf die Idee sein Sekretariat anzurufen. Vielleicht konnten die mir weiterhelfen. Es klingelte keine zweimal, als sich eine freundliche, weibliche Stimme meldete.
„Cullen Industries, Miss Dawson am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Hier ist Mrs. Cullen“, meldete ich mich so ruhig wie nur irgend möglich. Gleichzeitig hoffte ich, dass sie mir Glauben schenken würde. „Ich versuche vergeblich meinen Mann zu erreichen, aber er geht nicht ans Handy. Können Sie mich mit ihm verbinden? Es ist sehr wichtig.“
Sofort wurde die Stimme am anderen Ende misstrauisch.
„Es tut mir leid, aber Mr. Cullen will auf keinen Fall gestört werden. Kann ich ihm vielleicht etwas ausrichten?“
Beinahe hätte ich genervt aufgestöhnt. Das durfte doch nicht wahr sein! Ich sah kurz in den Spiegel und bemerkte einen Wagen mit dunkel getönten Scheiben, der ziemlich dicht auffuhr. Wenn der nicht acht gab, dann würde er meiner Stoßstange eine nette Beule verpassen. Ich gab ein wenig Gas, um Abstand zwischen uns zu bringen, und beeilte mich, dieser Miss Dawson eine entsprechende Antwort zu geben. Ich versuchte freundlich zu bleiben, da sie ja auch nur ihren Job machte. Mir ahnte bereits, dass sie mir nicht glaubte, dass ich Edwards Frau war und fand es im Grunde genommen gut, dass sie sich seinen Anweisungen nicht widersetzte. Doch in diesem Fall war das einfach nur nervend.
„Hören Sie, ich weiß es ist komisch, dass ich als seine Ehefrau über das Sekretariat mit meinem Mann in Kontakt treten möchte. Aber er geht einfach nicht an sein Handy. Es ist wirklich enorm wichtig, dass ich ihn gleich sprechen muss. Bitte!“
Das letzte Wort war mehr ein verzweifelter Schrei, als eine Bitte. Ich wartete darauf, dass sich Miss Dawson erbarmte und bog in die nächste Straße ab. Der Wagen dahinter folgte mir und setzte sich wieder genauso nah, wie vorhin, an meinen BMW. Langsam wurde ich ärgerlich. Heute schien sich wirklich alles gegen mich verschworen zu haben.
„Es tut mir leid, aber ich kann Mr. Cullen unmöglich stören. Er ist in einer wichtigen Besprechung und hat ausdrücklich darauf bestanden, dass keinerlei Anrufe oder Gäste durchgestellt werden.“
„Ich bin kein Gast!“, schrie ich jetzt außer mir und beschleunigte unbewusst den Wagen. Ich war jetzt wirklich zu schnell unterwegs, doch ich war viel zu aufgewühlt, um jetzt im Schneckentempo durch Seattle zu kriechen. Mein Blick huschte ein weiteres Mal nervös zum Spiegel und was ich da sah, fing an mir Sorgen zu bereiten. Obwohl ich weit über der zulässigen Geschwindigkeit fuhr, wurde das Fahrzeug hinter mir keineswegs langsamer. Es passte sich mir an und blieb mir auf den Fersen. Das war doch kein Zufall. Wer immer sich in dem Auto befand, folgte mir bewusst. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Film und hatte auch keinen Nerv mehr, weiter mit Miss Dawson zu diskutieren. Sie würde mich ohnehin nicht zu Edward durchstellen. „Wissen Sie was, Miss Dawson? Lassen Sie es gut sein. Ich werde schon einen Weg finden, um mit meinem Mann zu sprechen.“
Ich schmiss das Handy auf den Beifahrersitz und drückte das Gaspedal durch. Der BMW machte einen Satz nach vorn und ich wäre um ein Haar meinem Vordermann in die Stoßstande gedonnert. Rechtzeitig riss ich das Steuer herum, den Blick immer auf den Rückspiegel gerichtet. Jetzt hatte ich wirklich Angst. Mein Verfolger überholte auch und holte mich rasch wieder ein. Rücksichtlos drängte er einen Wagen weg, der es gewagt hatte sich vor ihn zu schieben und kam wieder näher. Schon allein die Tatsache, dass man den Fahrer nicht erkennen konnte, war beängstigend. Es hatte etwas Gefährliches und mysteriöses. Immerhin war es möglich, dass es sich nicht um einen Reporter, sondern um einen gewöhnlichen Verbrecher handelte. Eine Entführung wäre ja nicht mal so abwegig, beim Reichtum und Einfluss der Cullens. Die Magensäure kroch mir langsam nach oben, mein Hals brannte und ich fühlte mich elend. Ich kam mir vor wie in einem bösen Traum, ohne die Möglichkeit zu haben, daraus wieder zu erwachen.
Die Ausfahrt, die mich auf die Straße zum Firmengelände von Cullen Industries führen würde, war nicht mehr weit entfernt, und so versuchte ich durch waghalsige Überholmanöver meinen Verfolger abzuschütteln. Vergeblich. Er klebte wie Kaugummi an mir. Die Straße wurde dreispurig und relativ frei. Das nutzte er sofort aus und fuhr direkt neben mich. Ich warf einen Seitenblick auf die dunkle Limousine und sah, dass die Scheibe der Beifahrertür heruntergelassen wurde. Fasziniert und entsetzt zugleich, schaute ich in das grinsende Gesicht eines Mannes in mittleren Jahren. Er hatte eine Halbglatze, und hielt eine Kamera voll auf mein Gesicht. Sie hatten mich also doch gefunden.
Panisch riss ich einen Arm hoch um mein Gesicht zu verdecken und wäre beinahe von der Fahrbahn abgekommen. Geschockt brachte ich das Auto wieder unter Kontrolle und versuchte weiterhin mein Gesicht zu verdecken. Doch es brachte mir nicht viel. Er drückte immer wieder auf den Auslöser und beugte sich sogar aus dem Fenster, um mich besser zu erwischen. Es scherte sie nicht, dass sie mich beinahe rammten. Alles was sie wollten, war eine möglichst gute Sicht auf mich. Panisch holte ich aus dem Auto raus, was an Geschwindigkeit drin war, und betete, dass ich ohne Unfall die Ausfahrt erreichen würde. Sie war schon in Sichtweite. Nur noch wenige Meter…
Der Kerl neben mir knipste was das Zeug hielt und ich versuchte mich so klein wie möglich zu machen. Endlich war die Ausfahrt vor mir, doch ich wartete bis zur letzten Sekunde, ehe ich das Steuer nach rechts riss und die Fahrbahn abrupt wechselte. Damit hatten sie nicht gerechnet und fuhren geradeaus weiter, ohne die Möglichkeit zu haben, umzudrehen. Keuchend drosselte ich die Geschwindigkeit und versuchte meinen rasenden Puls zu ignorieren. Mir war schlecht, ich schwitzte und hätte am liebsten angehalten. Noch nie hatte ich solche Angst gehabt. Oh Gott, wenn ich Danny im Auto gehabt hätte? Das trieb meine Herzfrequenz gleich wieder in die Höhe, ich war kaum noch in der Lage zu fahren. Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen und wusste, ich stand kurz vor einer Panikattacke. Trotzdem fuhr ich weiter, weil die Angst sie könnten es doch irgendwie schaffen mir hinterherzukommen, viel zu groß war.
Es dauerte noch einige Minuten, dann befand ich mich endlich auf dem Firmengelände und suchte die Tiefgarage, die nur für Mitglieder der Geschäftsleitung und hochrangige Mitarbeiter reserviert war. Ich wurde schnell fündig und fuhr vor das geschlossene Tor. Ich hatte von Edward eine Fernbedienung ins Auto gelegt bekommen, die es mir ermöglichte es zu öffnen. Die Chance dort unten auf weitere sogenannte Reporter zu treffen, war mehr als gering, und meine Erleichterung war grenzenlos, als ich die Tiefgarageneinfahrt endlich hinter mir gelassen hatte. Ich stellte den Wagen auf dem nächstbesten Parkplatz ab und stieg aus. Meine Knie zitterten und ich lehnte mich sofort an die Fahrertür, weil ich Angst hatte umzukippen. Mehrfach atmete ich ein und aus, um meine Übelkeit zu bekämpfen und nach einigen Minuten, hatte ich mich wieder so weit im Griff, um einigermaßen einen halbwegs klaren Gedanken zu schaffen. Suchend sah ich mich um und entdeckte den Fahrstuhl, der mich in die oberen Etagen bringen konnte. Zielstrebig lief ich auf ihn zu und stand vor den verschlossenen Aufzugtüren. Heftig schlug ich mit der Faust auf den Knopf, damit er sich endlich öffnete. Ich wollte nicht mehr Zeit als notwendig in dem dunklen Parkhaus verbringen. Meine Panik hatte sich zwar ein wenig gelegt, aber ich war meilenweit davon entfernt ruhig zu sein. Einzig und allein das Bedürfnis mich in Edwards Arme zu werfen, und mich so richtig auszuheulen, hielt mich noch aufrecht.
Endlich konnte ich den Aufzug betreten, der sich mit einem weichen Zischen geöffnet hatte. Ich musterte die vielen, endlosen Knöpfe die in Reih und Glied die Stockwerke anzeigten. Da ich wusste, in welchem sich Edwards Büro befand, fiel die Wahl nicht schwer. Schon schlossen sich die Türen und brachten mich nach oben. Nach schier endlos erscheinenden Sekunden hielt er endlich an seinem Ziel und ich stieg aus. Sofort fühlte ich mich besser, als ich merkte, dass ich mich in einer Art Vorraum befand. Alles war hell. Dicke weiße Teppiche dämpften meine Schritte. Einige Pflanzen standen verteilt in ebenfalls weißen Kübeln. Es waren Palmen, der Name fiel mir gerade nicht ein. Eine Ledersitzgruppe war bei den Fenstern platziert, auf dem gläsernen Tisch der dazugehörte, lagen Wirtschaftsmagazine und die gängigen Zeitungen. Alles wirkte sehr modern und freundlich, so wie es sich für einen Warteraum gehörte. Ein langer Flur führte zu zwei Glastüren, die wohl das Sekretariat vom Vorraum abtrennten.
Ohne zu zögern lief ich den Gang entlang, meine Absätze versanken im weichen Material des Teppichs. Die Türen ließen sich ohne weiteres öffnen und ich sah eine sehr gepflegt wirkende Frau an einem Schreibtisch sitzen. Sie starrte konzentriert auf den Bildschirm ihres Computers und tippte in irrsinniger Geschwindigkeit auf der Tastatur herum. Dabei runzelte sie dir Stirn und kaute auf ihrer Lippe herum. Das war dann wohl Miss Dawson. Ohne mich groß aufzuhalten, lief ich auf den Tisch zu und räusperte mich lautstark. Irritiert blickte sie auf und ihr blieb vor Staunen der Mund offen stehen. Es war offensichtlich, dass sie mich erkannte. Etwas schadenfroh streckte ich die Hand aus.
„Ich bin Mrs. Cullen. Miss Dawson nehme ich an“, sagte ich zu der verblüfft dreinblickenden Frau, „Wir haben vorhin telefoniert“, half ich ihr auf die Sprünge.
Sie schloss den Mund und wurde blass.
„Mrs. Cullen…ich..ich weiß gar nicht, wie ich mich bei Ihnen entschuldigen soll. Ich habe gedacht, Sie wären eine von diesen Pressemenschen, die schon den ganzen Tag hier anrufen. Sie müssen mir….“
„Lassen Sie es gut sein“, unterbrach ich sie. „Es ist nicht weiter schlimm, Sie haben nur Ihren Job gemacht.“
Sie wirkte erleichtert und lächelte. Das änderte sich aber gleich, als ich auf die Tür deutete, hinter der ich Edward vermutete.
„Ist das sein Büro?“, wollte ich wissen und setzte mich schon in Bewegung. Ich wollte nur noch zu ihm.
„Mrs. Cullen!“, rief die Dawson mir schrill hinterher. „Sie sollten da jetzt nicht hineingehen. Warum trinken Sie nicht noch einen Kaffee und ich sage Ihrem Mann Bescheid. Er hat gerade eine äußerst wichtige Unterredung.“
Ich warf nur einen Blick über die Schulter, die Hand schon an der Türklinke. Die Augen der Sekretärin wurden nur noch größer und sie schien fieberhaft nachzudenken.
„Mrs. Cullen, wirklich…..ich muss Sie bitten.“
„Sie müssen gar nichts. Was ich ihm zu sagen habe, duldet keinen Aufschub.“
Ich beachtete sie nicht weiter und drückte die Tür auf. Erwartungsvoll und froh endlich am Ziel zu sein, trat ich ein. Edward war da, doch er war nicht alleine. Er stand am Fenster und hatte eine schluchzende Tanya im Arm. Er war so beschäftigt damit sie zu trösten, dass er mein Kommen gar nicht bemerkte. Für mich brach gerade eine Welt zusammen, als er doch auf sah und mich entdeckte. In seinen Augen las ich Erschrecken, Schuld und ein unendlich schlechtes Gewissen.
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